Srebrenica

Wenn es die Täter schon selber auf Video aufgenommen haben und diese Aufnahmen derzeit im serbischen Fernsehen zu begutachten sind - dann kann doch eigentlich kein vernünftiger Zweifel mehr bestehen, daß in Srebrenica tatsächlich ein Massaker stattgefunden hat - mögen die Jürgen Elsässers dieser Welt auch mit dem Fuß aufstampfen (und diejenigen mit den Achseln zucken, die sich über ein Massaker nicht empören können, bei dem keine Frauen und kleinen Kinder unter den Opfern sind). Caroline Fetscher im Tagesspiegel vom Sonntag:

Massaker vor laufender Kamera

Zehn Jahre danach zeigt Belgrads Fernsehen Bilder aus Srebrenica – Überlebende und Täter sind erschüttert

Von Caroline Fetscher, Novi Sad

[...]Auf dem Video, das die Exekution männlicher Zivilisten aus Srebrenica im Sommer 1995 dokumentiert, haben inzwischen mehrere Verwandte die Opfer erkannt – etwa die Verwandten des 17-jährigen Safet Fejzic. Azmir war damals gerade 16 Jahre alt, er hatte versucht, sich im Juli 1995 aus dem eingekesselten Srebrenica in die Wälder zu flüchten. Den Leichnam von Azmir hatten Forensiker schon vor Jahren in einem Massengrab identifiziert. [...] Munira Subasic, Sprecherin der Gruppe „Mütter von Srebrenica“, fordert, dass der vollständige Film auf der ganzen Welt im Fernsehen gezeigt wird: „Alle sollen wissen, welche Verbrechen hier geschahen.“

Anders als westliche Medien strahlte das serbische Fernsehen die Bilder der Exekution vollständig aus und ließ auch die Gesichter klar erkennbar. Verzichtet haben aber auch serbische Medien darauf, die Folterszenen zu zeigen, die den Exekutionen vorausgegangen waren, und die von den Tätern ebenfalls gefilmt wurden. Entsetzt verfolgten die Zuschauer in Serbien-Montenegro die Aufzeichnung der zehn Jahre zurückliegenden Exekutionen. Nach Meinungsumfragen hält bis heute mehr als die Hälfte der Bevölkerung Serbien-Montenegros den Fall Srebrenica für eine Lüge. Das könne sich jetzt ändern, vermuten Menschenrechtler wie Borka Pavicevic vom Belgrader Zentrum für kulturelle Dekontamination. Unlängst veranstaltete das Zentrum zum Thema Srebrenica eine Podiumsdiskussion, die nur unter schwerem Polizeischutz stattfinden konnte. Abgeordnete des Parlaments und Menschenrechtsgruppen unter Leitung des ehemaligen stellvertretenden Premierministers Zarko Korac fordern von der Regierung noch vor dem 10. Jahrestag des Massakers von Srebrenica, bei dem 8000 Jungen und Männer binnen einer Woche ermordet wurden, Belgrad müsse das Kriegsverbrechen anerkennen. [...]

„Geht hin und kehrt zurück mit Gottes Segen“, hatte der orthodoxe Priester Jeromonah Gavrilo Maric im Kloster der Stadt Sid den „Skorpionen“ mit auf den Weg gegeben, als die Militäreinheit nach Srebrenica zog. Dass Gravrilo die Täter gesegnet hat, löst in Serbien Empörung aus. Die Belgrader Zeitung „Danas“ zitiert den Publizisten Mirko Djordjevic mit dem Vorwurf, die Serbisch-Orthodoxe Kirche sei „nicht nur Zeuge, sondern Mittäter im vergangenen Krieg gewesen“. [...]

Veröffentlicht in: on Juni 6, 2005 at 1:25 Uhr vormittags Kommentare (5)