Voilà un homme

Salzburger Nachrichten vom 29. September:

Salzburg ist bei der Umsetzung der Antidiskriminierungsrichtlinien säumig. Die Europäische Kommission hat bereits Klage beim Europäischen Gerichtshof eingebracht. Das einzige Bundesland in Österreich, das dafür sein Gleichbehandlungsgesetz noch nicht geändert hat, ist Salzburg. Und obwohl Landeslegist Ferdinand Faber dringend das neue Gesetz einfordert, weil bereits Geldbußen drohten, spießt es sich.

Der Grund: Landeshauptmann-Stellvertreter Wilfried Haslauer (ÖVP) will das neue Gleichbehandlungsgesetz aus dem Ressort von Landeshauptfrau Gabi Burgstaller (SPÖ) in der jetzigen Form nicht unterzeichnen. Gleichzeitig hat er den Landesamtsdirektor damit beauftragt, die Kosten für Gleichbehandlungsbüros in anderen Bundesländern zu erheben.

Prinzipiell sehe er die Antidiskriminierung positiv, sagt Haslauer. Aber es könne nicht sein, dass „sich bessere Männer hinten anstellen müssen“. Kein Geschlecht dürfe bevorzugt werden. Man könne nicht eine Generation von Männern für die Vergangenheit bestrafen. Zum Einwurf, dass es wohl ja die Frauen waren und sind, die beruflich benachteiligt werden, hat Haslauer eine Erklärung. Vor 20 bis 25 Jahren habe es weniger Akademikerinnen gegeben, deshalb seien heute die Spitzenjobs noch immer überwiegend von Männern besetzt. „Frauen sollen gleiche Rechte haben“, sagt Haslauer. Aber dass Frauen bei der Weiterbildung bevorzugt werden, die zur Übernahme höherwertiger Verwendungen qualifiziert, stimme er nicht zu. Genau das ist ein Punkt im neuen Gesetz. Laut EU ist dies ausdrücklich vorgesehen, um die volle Gleichstellung von Männern und Frauen zu gewährleisten.

Haslauer hat aber auch Probleme mit der positiven Diskriminierung (bei gleicher Qualifikation wird die Frau bevorzugt). „Für Betroffene ist das ungerecht.“ Er meint, man solle lieber mehr tun, damit Frauen mit Kindern nicht benachteiligt würden.

„Ich fasse es nicht“, kontert die Gleichbehandlungsbeauftragte des Landes, Romana Rotschopf. Haslauer stelle Dinge in Frage, die seit Jahren Gesetz seien und stelle Behauptungen auf, die nicht haltbar seien.

Fragen an Romana Rotschopf (aus Entenhausen?): Welche nicht haltbaren Behauptungen hat Haslauer aufgestellt, und warum sind sie nicht haltbar? Ist „Ich fasse es nicht“ ein Argument? Oder ist es mittlerweile so, daß antiliberale Gleichstellungspolitik von vornherein über jeder Kritik steht und ihre VertreterInnen der Begründungspflicht enthoben sind?

Veröffentlicht in:  on 30. September 2005 at 15:04 Kommentare (4)

Judenmord diskutieren

Ralf Schroeder von Typoskript schreibt uns folgende Mail:

Liebe Freunde, zum Filmstart von PARADISE NOW gibt es in Berlin eine Podiumsdiskussion:
Donnerstag, den 29.09. um 18.00 Uhr im CinemaxX Potsdamer Platz, Filmvorführung, 20.00 Uhr Podiumsdiskussion. Das ganze wird organisiert von „Entertainment Kombinat GmbH“ in Kooperation mit bpb und Constantin. Julia Hoffmeister vom „Entertainment Kombinat“ ist hier zu erreichen:

Boxhagener Strasse 106

10245 Berlin

Tel.: 030-29 77 29-35

Fax: 030-29 77 29-77

j.hoffmeister@entertainmentkombinat.de

Der Zentralrat der Muslime nimmt auf alle Fälle teil und läßt schon einmal auf www.islam.de über den Film nachdenken. Dort heißt es:

„Bei allem Elend in den besetzten Gebieten, bei der Höhe und Länge der neuen Mauer, bei den Generationen von Palästinensern, die unwürdig in Lager eingepfercht leben, bei den fast täglichen Bombardierung einer ungleich stärkeren und bis auf die Zähne bewaffneten Militärmacht… ist dadurch das „In-die-Luft-sprengen“ in einem von Wohnbevölkerung durchmischten Gebiet in Tel Aviv und anderswo, gerechtfertigt?“

Die Frage wird absichtsvoll unbeantwortet gelassen:

„Wie verworren ist zudem die Tatsache, dass von nahezu allen islamischen Theologen die Tat der Selbstmordattentäter von New York z.B. als haram (d.h. verboten) und mörderisch erklärt wird, diejenige in Palästina aber von nicht wenigen, als Widerstandskampf? Das sind keine leichten Fragen in keiner leichten Zeit. Aber können wir uns vor diesen Fragen verschließen?“

Es gibt Fragen, die man nicht mehr beantworten muß, und die schon in der Fragestellung auf das gemeinsame Ansinnen abzielen. „Darf man Israel nicht kritisieren?“ gehört auch in diese Kategorie.

Als ich den Film auf der Berlinale sah, die Publikumsreaktion erfuhr und nun weiß, daß der Film an deutsche Schulen geht (http://images.bpb.de/files/FMO78Q.pdf), glaube ich wirklich: Die Diskussion über etwas Indiskutables, nämlich die Legitimität des antisemitischen Selbstmordattentates, ist eröffnet, und wir haben ganz schlechte Karten.

Mit besten Grüßen,

Ralf Schroeder, Berlin.

Veröffentlicht in:  on 29. September 2005 at 09:38 Kommentare (4)

Differenzierter Judenmord

Alan Posener verreißt den Judenmörderfilm „Paradise Now“:

[...] der Plot der deutsch-holländisch-französischen Ko-Produktion „Paradise Now“ [...] klingt nach einem Film, der in Puncto Langeweile auf der nach oben offenen Wenders-Skala ziemlich viele Punkte einheimsen könnte. [...] irgendwie ist einem klar, daß diesem Sympathieträger mit dem Hundeblick (Kais Nashef) der Märtyrertod vergönnt sein wird. Schließlich wurde sein Vater als „Kollaborateur“ liquidiert, und da gibt es einen Fleck an der Familienehre wegzuwischen.

Gegenargumente haben keine Chance. Sie werden einzig Suha (gespielt von der schönen Lubna Azabal) in den Mund gelegt, die als Tochter eines Märtyrers gut versorgt im Ausland gelebt hat und, so sagt es Said und so suggeriert es der Film, von den wirklichen Verhältnissen in den besetzten Gebieten keine Ahnung hat.

Die Evangelische Filmjury, kürte „Paradise Now“ zum Film des Monats, weil er dazu einlädt, „über die Motive der Attentäter nachzudenken“. Amnesty International zeichnete ihn mit ihrem Friedenspreis aus, weil er weder „belehrend noch moralisierend“ sei. Das stimmt: Niemand im Film sagt, daß es moralisch falsch sein könnte (und nicht nur politisch kontraproduktiv, wie Suha meint), massenhaft Unschuldige zu töten.

Die meisten deutschen Kritiker lobten die „differenzierte“ Darstellung. Nun ist „Paradise Now“ gewiß „differenziert“ im Vergleich zu den haßtriefenden antisemitischen Propagandafilmen, die in allen arabischen Ländern allabendlich im Fernsehen laufen. Gewiß ist er „differenziert“ im Vergleich zu den Videos, die Hamas, Hisbollah und Co. herstellen: Snuff Movies, in denen Kollaborateure ihre Untaten gestehen, bevor sie hingerichtet werden, und aufbauende Abschiedsreden von Märtyrern für die Sache Allahs und der Ölscheichs.

[...] Bei den 55. Internationalen Filmfestspielen in Berlin 2005 gewann „Paradise Now“ den Publikumspreis und den Blauen Engel für den besten europäischen Film. Man könnte heulen.

Veröffentlicht in:  on 28. September 2005 at 12:43 Kommentare (3)

Das Selbstopfer als Erlösung III

Aus gegebenem Anlaß machen wir darauf aufmerksam, daß am Donnerstag, den 29. September um 19:30 Uhr vor dem Cinemaxx am Potsdamer Platz in der Voxstrasse, Berlin-Mitte, eine Kundgebung gegen das SelbstmordattentäterverherrlichungsdramaParadise Now“ stattfindet. Termine in anderen Städten finden sich hier. Weitere Kritiken und Analysen zu „Paradise Now“ gibt es bei www.jüdische.at und bei www.typoskript.net.

Veröffentlicht in:  on 27. September 2005 at 23:27 Kommentare (2)

Ab-, An- und Zusagen

Zwei Nachrichten in eigener Sache, eine gute und eine schlechte.

Zuerst die schlechte: Die für morgen Abend in Hamburg geplante Veranstaltung mit Michael Miersch, Christoph Sprich, Michael Holmes und Ingo Way muß aus Gründen, für die wir nichts können, leider ausfallen.

Veröffentlicht in:  on 26. September 2005 at 23:59 Kommentar schreiben

“Ich habe euch nicht vergessen”: Simon Wiesenthal

Simon Wiesenthal starb vergangene Nacht 96jährig in Wien. Ein Nachruf von Samuel Laster.

Es war diese Einfachheit, die einem sofort auffiel. Simon Wiesenthal hatte ein kleines Büro in Wien, seine seit fast 30 Jahren ihm treu ergebene Sekretärin. Das wars.

Das Wiesenthal Center in Los Angeles mit seinen Zweigstellen wirkte dagegen wie ein riesiger Franchisebetrieb der Erinnerung. Einzig Efraim Zuroff im Jerusalem beschäftigt sich mit dem eigentlichen Ziel Wiesenthals- der Suche nach Nazikriegsvebrechern. Es waren die vielen Bücher und Papiere
und die neugierigen Augen Wiesenthals, die einem sofort auffielen.

Simon Wiesenthal, der Architekt war und es eigentlich nie ausübte, stammte wie mein G`ttseliger Vater aus Galizien.
Dies und mein Interesse für sein Werk liessen eine ganz besondere Verbindung entstehen.

In der letzten Nacht starb Simon Wiesenthal. Er wird am Mittwoch um 15 Uhr in Wien seine letzte Ruhe finden. Wiesenthal, der überhaupt nicht religiös war traf dereinst den Rabbi von Gur.

„Ich habe ja keine Kippa am Kopf“ entschuldigte sich Wiesenthal beim Rabbi. „Deine Taten bedecken deinen Kopf“ sprach der Rabbi zu Wiesenthal. Yehi zikhro baruch

Veröffentlicht in:  on 20. September 2005 at 12:54 Kommentar schreiben

Militanz essen Liberalismus auf

Tagesspiegel-Schöngeist Gregor Dotzauer schreibt über unsere uneuropäischen Aktivitäten:

Die Blogger von den „Freunden der offenen Gesellschaft“ (www.fdog-berlin.de) hängen einem Liberalismus an, dessen Militanz ihn gegenüber allem, was innenpolitisch nach Globalisierungskritik und außenpolitisch nach Dschihad riecht, sofort zerfrisst und seinen Stichwortgeber Sir Karl Popper im Grab rotieren lassen müsste.

Vom Satzbau einmal abgesehen (darf ein Personalpronomen Platz nehmen, wo ihm immer es paßt und es nicht zerfressen wird?): Das hat Popper wirklich nicht verdient, ihn posthum zum gütigen Opi zu verklären, dessen Liberalismus sich in Erich Fromm’scher Besinnlichkeit erschöpft hätte, auch wenn der durchaus aggressive Streiter für die offene Gesellschaft, der er war, und der gegen eine gewisse Militanz gegenüber deren Feinden überhaupt nichts einzuwenden hatte (genausowenig wie Arthur Koestler, dessen 100. Geburtstag wir neulich verschlafen haben), einem heutigen Konsens-Linksliberalen degoutant erscheint. Eigentlich geht es Dotzauer ja darum, den MERKUR abzubashen, dessen Ausscheren aus der publizistischen Pace-Gemeinde ihm schon seit geraumer Zeit so was von gegen den Strich geht, daß er immer wieder einmal darauf zurückkommt. Da nimmt er halt mit, was er am Wegesrand noch so findet. Und daß wir dem MERKUR und einigen seiner Autoren so fern nicht stehen, hat er schon ganz richtig erkannt. Dotzauer scheint ein Komplott am Werk zu sehen, denn

[d]as größte Problem für den „Merkur“ dürfte darin liegen, dass Anti-Antiamerikanismus und Anti-Antikapitalismus medial epidemisch geworden sind.

Ein paar mehr Beispiele für diese Epidemie hätten uns schon interessiert, doch es werden nur die üblichen Verdächtigen vorgeführt: außer dem MERKUR, den Freunden der offenen Gesellschaft und B-52-Joffe sind es vor allem zwei Leute, die Dotzauer auf dem Kieker hat:

Und Henryk M. Broder oder Hannes Stein propagieren einen besinnungslos proamerikanischen Anti-Antisemitismus, der das, was er bekämpft, erst züchtet.

Nun, wir gehen davon aus, daß jemand, der schreiben kann und fürs Schreiben bezahlt wird, auch meint, was er schreibt, und daß Dotzauer folglich der Meinung ist, ein Schreibverbot für Broder und Stein beende das Problem des Antisemitismus, den diese ja erst züchten, und Israel lebte fortan in Sicherheit und nimmermehr brennte irgendwo eine Synagoge, heut und immerdar. Über Dotzauers Formulierung könnten wir uns noch weitere unfreundliche Gedanken machen, doch da wir heute unseren militanzfreien Tag haben, brechen wir an dieser Stelle ab.

Veröffentlicht in:  on 19. September 2005 at 14:09 Kommentare (4)

Blindekuh II

Sie haben recht, Herr Herzinger, Sie haben es schon am 11. 9. geschrieben. Von nun an lese ich die WAMS gründlicher. :-)

Und der war sogar noch besser.

Veröffentlicht in:  on 18. September 2005 at 03:07 Kommentar schreiben

Blindekuh

Daß wir uns mit unserer Wahlentscheidung so schwer tun und uns hüten, eine Wahlempfehlung abzugeben, hat vor allem damit zu tun, daß dieser sogenannte Wahlkampf den Eindruck einer einzigen Übersprungshandlung erweckt hat. Wochenlang stritt man sich um Kinkerlitzchen wie Kirchhofs flat tax, als hinge davon die Zukunft der freien Welt ab. Die Realität der Gegenwart, in der wir leben, kam so gut wie gar nicht vor, und wenn, dann in demagogischer Form. Clemens Wergin macht sich Gedanken über die Außenpolitik im Wahlkampf.

Veröffentlicht in:  on 17. September 2005 at 16:21 Kommentar schreiben

F.K. Waechter gestorben

So viele Vollidioten laufen herum und machen einem das Leben schwer, doch es gibt manche, die machen es einem wieder leicht und zeigen, daß es sich doch lohnen könnte: das Leben, die Kunst, der ganze Rest. Jetzt ist es wieder einer weniger: F.K. Waechter starb gestern an Krebs. Scheiße!!!!

Veröffentlicht in:  on at 03:04 Kommentare (2)