Militanz essen Liberalismus auf

Tagesspiegel-Schöngeist Gregor Dotzauer schreibt über unsere uneuropäischen Aktivitäten:

Die Blogger von den „Freunden der offenen Gesellschaft“ (www.fdog-berlin.de) hängen einem Liberalismus an, dessen Militanz ihn gegenüber allem, was innenpolitisch nach Globalisierungskritik und außenpolitisch nach Dschihad riecht, sofort zerfrisst und seinen Stichwortgeber Sir Karl Popper im Grab rotieren lassen müsste.

Vom Satzbau einmal abgesehen (darf ein Personalpronomen Platz nehmen, wo ihm immer es paßt und es nicht zerfressen wird?): Das hat Popper wirklich nicht verdient, ihn posthum zum gütigen Opi zu verklären, dessen Liberalismus sich in Erich Fromm’scher Besinnlichkeit erschöpft hätte, auch wenn der durchaus aggressive Streiter für die offene Gesellschaft, der er war, und der gegen eine gewisse Militanz gegenüber deren Feinden überhaupt nichts einzuwenden hatte (genausowenig wie Arthur Koestler, dessen 100. Geburtstag wir neulich verschlafen haben), einem heutigen Konsens-Linksliberalen degoutant erscheint. Eigentlich geht es Dotzauer ja darum, den MERKUR abzubashen, dessen Ausscheren aus der publizistischen Pace-Gemeinde ihm schon seit geraumer Zeit so was von gegen den Strich geht, daß er immer wieder einmal darauf zurückkommt. Da nimmt er halt mit, was er am Wegesrand noch so findet. Und daß wir dem MERKUR und einigen seiner Autoren so fern nicht stehen, hat er schon ganz richtig erkannt. Dotzauer scheint ein Komplott am Werk zu sehen, denn

[d]as größte Problem für den „Merkur“ dürfte darin liegen, dass Anti-Antiamerikanismus und Anti-Antikapitalismus medial epidemisch geworden sind.

Ein paar mehr Beispiele für diese Epidemie hätten uns schon interessiert, doch es werden nur die üblichen Verdächtigen vorgeführt: außer dem MERKUR, den Freunden der offenen Gesellschaft und B-52-Joffe sind es vor allem zwei Leute, die Dotzauer auf dem Kieker hat:

Und Henryk M. Broder oder Hannes Stein propagieren einen besinnungslos proamerikanischen Anti-Antisemitismus, der das, was er bekämpft, erst züchtet.

Nun, wir gehen davon aus, daß jemand, der schreiben kann und fürs Schreiben bezahlt wird, auch meint, was er schreibt, und daß Dotzauer folglich der Meinung ist, ein Schreibverbot für Broder und Stein beende das Problem des Antisemitismus, den diese ja erst züchten, und Israel lebte fortan in Sicherheit und nimmermehr brennte irgendwo eine Synagoge, heut und immerdar. Über Dotzauers Formulierung könnten wir uns noch weitere unfreundliche Gedanken machen, doch da wir heute unseren militanzfreien Tag haben, brechen wir an dieser Stelle ab.

Veröffentlicht in: on September 19, 2005 at 2:09 Uhr nachmittags Kommentare (4)