Jean Améry (*31.10.1912 - †17.10.1978)

Heute vor 93 Jahren wurde in Wien der Schriftsteller und Philosoph Jean Améry geboren. 1938 emigierte er nach Belgien. Wegen seiner Beteiligung am Widerstand gegen die deutschen Besatzer wurde er 1943 verhaftet und nach Auschwitz deportiert. Nach 1945 lebte er in Brüssel als freier Schriftsteller und Rundfunk-Mitarbeiter. Jean Améry nahm sich 1978 in Salzburg das Leben.

Aus leider immer noch gegebenem Anlaß erinnern wir an seinen 1969 erschienenen Aufsatz “Der ehrbare Antisemitismus“:

Das klassische Phänomen des Antisemitismus nimmt aktuelle Gestalt an. Der alte besteht weiter, das nenn ich mir Koexistenz. Was war, das blieb und wird bleiben: der krummnasige, krummbeinige Jude, der vor irgendwas - was sag ich? - der vor allem davonläuft. So ist er auch zu sehen auf den Affichen und in den Pamphleten der arabischen Propaganda, an der angeblich braune Herren deutscher Muttersprache von einst, wohlkaschiert hinter arabischen Namen, mitkassieren sollen. [...]

Es ist von der Linken die Rede und keineswegs nur von den noch mehr oder minder orthodoxen kommunistischen Parteien im Westen oder gar von der Politik der Staaten des Sozialistischen Lagers. Für diese gehört der Anti-Israelismus, aufgepfropft auf den traditionellen Antisemitismus der slawischen Völker, ganz einfach zur Strategie und Taktik einer so und so gegebenen politischen Konstellation. Die Sterne lügen nicht, die Gomulkas wissen, worauf sie rechnen dürfen. C’est de bonne guerre! Darüber ist kein Wort zu verlieren.

Schlimmer ist, daß die intellektuelle Linke, die sich frei weiß von Parteibindungen, das Bild übernimmt. [...]

Fest steht: Der Antisemitismus, enthalten im Anti-Israelismus oder Anti-Zionismus wie das Gewitter in der Wolke, ist wiederum ehrbar. Er kann ordinär reden, dann heißt das “Verbrecherstaat Israel”. Er kann es auf manierliche Art machen und vom “Brückenkopf des Imperialismus” sprechen, dabei so nebstbei allenfalls in bedauerndem Tonfall hinweisen auf die mißverstandene Solidarität, die so ziemlich alle Juden, von einigen löblichen Ausnahmen abgesehen, an den Zwergstaat bindet [...]

Der Antisemitismus hat es leicht allerwegen. Die emotionelle Infrastruktur ist da [...]. Der Antisemit “demystifiziert” den Pionierstaat mit Wohlbehagen. Es fällt ihm ein, daß hinter dieser staatlichen Schöpfung immer schon der Kapitalismus stand in Form der jüdischen Plutokratie: Auf diese letztgenannte geht er nicht ausdrücklich ein, das wäre ein ideologischer lapsus linguae, jedoch - c’est l’or juif! - niemand wird sich täuschen über die tatsächliche Bestelltheit eines Landes, das aus einer schlechten Idee geboren, am schlechten Orte errichtet, einen oder mehrere schlechte Kriege geführt und Siege erfochten hat. [...]

Denn schließlich mündet noch die geistesschlichteste - genauso wie die gründlichste und gescheiteste - Überlegung in die Erkenntnis, daß dieses Pionierland, und mag es hundertmal nach einer sich pervertierenden pseudomarxistischen Theologie im Sündenstande technischer Hochentwicklung sich befinden, unter allen Staaten dieses geopolitischen Raumes das gefährdetste ist. Sieg, Sieg und nochmals Sieg: Es droht die Katastrophe, und ihr weicht man auch nicht aus, indem man direkt in sie hineinrennt und Israel zum Teilgebiet einer palästinensischen Föderation macht.

Die arabischen Staaten, denen ich Glück und Frieden wünsche, werden den israelischen Entwicklungsvorsprung einholen, irgendeinmal. Ihr demographischer Überdruck wird das übrige tun. Es geht unter allen Umständen darum, den Staat Israel zu erhalten, so lange, bis Frieden, wirtschaftlicher und technischer Vorausgang der Araber in einen allgemeinen Gemutszustand versetzen, der ihnen die Anerkennung Israels innerhalb gesicherter Grenzen gestattet. [...]

“Wo es Stärkere gibt, immer auf der Seite des Schwächeren”, welch unüberschreitbar wahre Trivialität! Und stärker - wer wagte Widerrede? - das sind die Araber; stärker an Zahl, stärker an Öl, stärker an Dollars, man frage doch bei der Aramco und in Kuwait nach, stärker, ganz gewiß, an Zukunftspotential. [...]

Es gibt keinen ehrbaren Antisemitismus. Wie sagte Sartre vor Jahr und Tag in seinen “Überlegungen zur Judenfrage”: “Was der Antisemit wünscht und vorbereitet, ist der Tod des Juden.”

Veröffentlicht in: on Oktober 31, 2005 at 8:26 Kommentare (0)

Nobelpreis und Zeitumstellung

Heute im Raben-Kalender von Haffmans:

Verzeihlich

“Zuerst kommt Sommer,
Herbst, dann Winter”,
schrieb der noch junge
Harold Pinter.

Thomas Gsella

Veröffentlicht in: on Oktober 30, 2005 at 8:02 Kommentare (0)

Prophetie

Matthias Küntzels Bericht “‘Die Protokolle der Weisen von Zion’ auf der Frankfurter Buchmesse” erschien jetzt in englischer Übersetzung auch im Wall Street Journal. Onkel Gremliza hat’s ja schon immer gewußt.

Via Achse des Guten / Henryk M. Broder

Veröffentlicht in: on Oktober 29, 2005 at 12:33 Kommentare (0)

Prioritäten

DIE ZEIT über Achmadinedschads Hetzrede:

Achmadinedschad erklärt die Ausrottung Israels zu einem Ziel seiner Politik. Das ist verrückt und brandgefährlich.

Warum ist das verrückt und brandgefährlich?

Denn Achmadinedschad verstärkt die Isolation des Irans und er gibt den Falken in den USA und in Israel Nahrung.

Das ist natürlich das Schlimmste an der Sache. Oh Mann!

Veröffentlicht in: on Oktober 27, 2005 at 6:50 Kommentare (17)

Gegen eine Welt ohne Zionismus!

Das Institut für neue Impulse ruft auf zur Demonstration vor der Botschaft des Iran. Der Aufruf richtet sich an alle, die in einer Welt nicht leben wollen, in der Juden nicht leben dürfen.

Demonstrationsaufruf (im Anschluss an die Gegenkundgebung zum Al-Quds-Tag)
29.10. 2005 um 14.oo Uhr
Botschaft des Iran
Podbielskiallee 65-67
14195 Berlin-Dahlem

Liebe Freundinnen und Freunde -
wir schweigen nicht und nehmen die Ankündigung der Vernichtung Israels durch den Präsidenten des Iran nicht hin.
Wir stellen uns eindeutig an die Seite Israels !
Wir protestieren gegen diesen unbeschreiblichen Hassausbruch und diese offene Zerstörungsabsicht - wie sie auch immer gedacht oder beabsichtigt sein mag.
Die Aufforderung zu Hass, Vernichtung, Zerstörung und Tötung ist unerträglich.
Sie verstößt gegen alle Grundsätze der zivilen Welt.
Sie vernichtet alle Bemühungen um friedliche Konfliktlösungen und beendet damit die mühsamen und hoffnungsvollen Wege des Friedens.
Der Iran wird sich so in aller Welt isolieren und ein Beispiel der Verirrung und Verwirrung werden - von dem man sich zutiefst distanzieren wird und muss.
Wir fordern Euch auf, kommt am Samstag, 29.10. 2005 um 14.oo Uhr zur Botschaft des Iran Podbielskiallee 65-67, 14195 Berlin-Dahlem
Zeigt Euch, zeigt Euer Gesicht, bringt Plakate und Transparente mit und gebt zu erkennen, dass Ihr die Botschaft des iranischen Präsidenten eindeutig zurückweist und dass Ihr für das Lebensrecht des jüdischen Volkes und des israelischen Staates einsteht.

Bitte sendet diesen Aufruf weiter - wir sollten sehr viele sein!

Betreff: Iranische Konferenz “Eine Welt ohne Zionismus”, 26.10.2005

Die Konferenz in Iran mit dem Titel “Eine Welt ohne Zionismus” ist anlässlich des kommenden Jerusalemtages, dem letzten Freitag des Ramadan-Monats, abgehalten worden. (more…)

Wieder mal nur spielen

Das meinen die Mullahs also mit “friedlicher Nutzung der Kernenergie”:

Der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad hat öffentlich gefordert, Israel von der Landkarte zu löschen. In einer Rede auf einer Konferenz mit dem Titel „Die Welt ohne Zionismus“ sagte Ahmadinedschad am Mittwoch in Teheran: „Wie es der Imam (Ayatollah Khomeini) gesagt hat, Israel muss von der Landkarte radiert werden“. Die Schaffung des „zionistischen Regimes“ sei eine gegen die islamische Welt gerichtete Tat des „Unterdrückers der Welt“ gewesen. Die „Gefechte im besetzten Land“ seien Teil eines „Schicksalskrieges“. Der Ausgang von hunderten Jahren Krieg werde auf palästinensischem Land entschieden. Es ist das erste Mal seit Jahren, dass ein so ranghoher iranischer Politiker wie der Präsident öffentlich die Auslöschung Israels fordert, obwohl diese Forderung zur Propaganda der iranischen Führung gehört.

Aber kein Wunder, Islam heißt ja auch schon Frieden.

Gefunden bei Clemens Wergin.

Veröffentlicht in: on Oktober 26, 2005 at 2:13 Kommentare (2)

Richard Herzinger ist wieder da.

Das heißt, er war natürlich nie weg. Wohl aber sein Blog “Ideen und Irrtümer”. Und das ist wieder da. Wie dem auch sei, das ist jedenfalls einmal eine wirklich erfreuliche Nachricht.

Was Herzinger zu den Kriterien schreibt, nach denen er Leserkommentare löscht oder freigibt, ist übrigens so gut, daß ich mich ärgere, es nicht selbst geschrieben zu haben. Tja, Pech, hab ich aber nicht. Da es immer wieder Leutchen gibt, die sich nach der Löschung eines ihrer Kommentare aufgrund von Schwachsinn, Unfug oder Allotria dergestalt mokieren: “Haha, Ihr seid doch, hihi, die Freunde der offenen Gesellschaft, höhö, da dürft Ihr doch keine Zensur ausüben, hehe”, kann ich die folgende Lex Herzinger ruhigen Blutes unterschreiben:

Jetzt werden Sie fragen, wer wohl diese ganzen Regeln eigentlich auslegt und darüber entscheidet, wo im Einzelnen die Grenze verläuft, jenseits derer gegen sie verstoßen wurde. Nun, die Antwort lautet in strengster basisdemokratischer Bescheidenheit: Ich. Ich ganz allein, mit allem Mut zur Ungerechtigkeit. Es hat also gar keinen Sinn, “Zensur” zu schreien, wenn ein Kommentar hier nicht veröffentlicht werden sollte. Denn ein Blog ist das ganz persönliche Reich seines Autors, und ein Recht der Öffentlichkeit, sich darin breit zu machen, existiert nicht. Sie können ja auch nicht in meinen Vorgarten spazieren (sofern ich einen hätte, was ich Ihnen natürlich auch nicht verrate) und dort zelten, wenn mir das nicht paßt. Sie können aber sicher sein, daß ich selbst sehr daran interessiert bin, möglichst viele, auch und gerade meinen eigenen Ansichten widersprechende, Leserbeiträge in meinem Blog zu haben, und daß ich von der Löschtaste deshalb nur in seltenen Fällen Gebrauch machen werde.

Veröffentlicht in: on Oktober 25, 2005 at 11:21 Kommentare (3)

Gleichbehandlung

Hamburger Abendblatt, 22. Oktober 2005:

Frauengefängnis ohne Mauern und Gitter

Keine Mauern, keine Gitter, kein Stacheldraht. Von außen sieht das einstöckige Gebäude aus wie ein ganz normaler Klinkerbau in Glasmoor (Norderstedt). Und doch ziehen am Montag elf Frauen nicht ganz freiwillig ein. Das Haus ist Hamburgs erstes Frauengefängnis nur für den offenen Vollzug. 46 Einzelhaftplätze bietet die neue Einrichtung, davon 27 in der offenen Abteilung. Für die anderen 19 Plätze gibt es eine intensive sozialtherapeutische Betreuung.

Zwei Hafträume sind als sogenannte Mutter-Kind-Zellen hergerichtet. Sie sind mit Kinderbettchen, Spielzeug und Kuscheltieren ausgestattet, die Wände in hellem gelb gestrichen. Inhaftierte Mütter müssen daher nicht von ihren Kindern getrennt werden. (more…)

Veröffentlicht in: on at 12:54 Kommentare (2)

Flaschenpost returned to sender

Bekanntlich waren einige von uns eine ganze Zeit lang der linken Zeitschrift Bahamas eng verbunden. Die Redakteure und Autoren der Bahamas waren diejenigen, die, aus der Linken selbst heraus, den linken Antisemitismus und Antizionismus, den Haß auf Amerika und den Liberalismus, die Islamismusapologie, den westlichen Selbsthaß und die ganzen anderen Scheußlichkeiten angegriffen haben und sich dafür von ebendieser Linken allen nur erdenklichen Schmähungen ausgesetzt sahen. Genau dafür haben wir die Bahamas geliebt, doch irgendwann kam der Punkt, da wir die ganze mitgeschleppte Kapitalismus- und Entfremdungskritik, gelinde gesagt, nicht mehr recht überzeugend fanden. Da mußte man sich dann eben trennen. So weit, so gut, nicht weiter dramatisch.

In einem kürzlich veröffentlichten Aufruf zu einer „antideutschen Konferenz“ überraschte uns die Bahamas indes mit erstaunlicher Anhänglichkeit. Über mehrere Seiten arbeiten die Autoren sich an der liberalen Wende ihrer ehemaligen Mitstreiter ab, unterziehen deren proisraelische Haltung einer kritischen Würdigung, warnen aber dennoch vor den notwendigen unangenehmen Implikationen, die der Liberalismus mit sich bringe, und bekräftigen die Notwendigkeit kommunistischer Kritik. Inhaltlich liegen wir mit diesem Text natürlich völlig über Kreuz.[1] Uns hat dennoch der relativ moderate Ton und sachliche Stil angenehm überrascht. Wer die Bahamas kennt, weiß nämlich, in welchem Ton sie ehemaligen Weggefährten oft hinterherschreibt. Das war hier nicht der Fall, das wußten wir zu schätzen, und so haben wir uns auf eine faire Auseinandersetzung zwischen erzogenen Menschen eingerichtet.

Kurz darauf mußten wir allerdings erfahren, was ein einzelner (ehemaliger?) Bahamas-Redakteur von sich gibt, wenn er in einer semi-öffentlichen Mailingliste Klartext redet.[2] Das klingt dann so:

[...] Den neuen Liberalen sind “Israel” wie “Antisemitismus” nur Vorzeichen der gesellschaftlichen Einrichtung im Unwahren. Ich finde dies die unheimlichste und befremdlichste Form von Auseinandersetzung mit dem Vernichtungsinteresse, weil es zugleich seine Existenz aufrechterhält, ohne seine Konsequenz denken zu wollen. Aber das gehört zum liberalen Gestus dazu, daß man die kritische Erkenntnis scheut, wo sie der Ideologie widersprechen könnte. (more…)

Veröffentlicht in: on Oktober 23, 2005 at 2:37 Kommentare (6)

Das Ratespiel zum Wochenende

Was ist an der folgenden Aussage faul?

“Women have always been the primary victims of war. Women lose their husbands, their fathers, their sons in combat.” (Hillary Clinton)

Veröffentlicht in: on Oktober 21, 2005 at 8:52 Kommentare (6)