Wie mißt man eigentlich literarische Bedeutung? Es ist mir während meines langen Germanistikstudiums nicht gelungen, diese Frage befriedigend zu klären, so daß ich mich irgendwann auf die Position zurückgezogen habe I can tell it when I see it. Ein Leser des Statler & Waldorf-Blogs hat jetzt allerdings eine recht überzeugende ökonomische Definition literarischer Bedeutung vorgelegt:
Literarische Bedeutung ist das Produkt aus der Anzahl der erreichten Leser und dem (emotionalen) Eindruck, den das Gelesene auf den einzelnen Leser macht.
Also:
Ein Autor wie Konsalik, der millionenfach gelesen wurde aber bei kaum einem Leser einen bleibenden Eindruck hinterlässt hat eine eher geringe Bedeutung.
Ein praktisch unbekannter Dichter, dessen Gedichte in Mini-Auflage erscheinen, dessen kleine Fangemeinde von den Gedichten tief bewegt wird, hat ebenfalls eine geringe Bedeutung.
Die Bibel, die einerseits milliardenfach gelesen wurde und andererseits bei vielen Lesern einen tiefen Eindruck hinterlassen hat, hat eine hohe literarische Bedeutung.
Der Wermutstropfen: Mit eben dieser Definition spricht er Harry Potter literarische Bedeutung zu:
Potter würde ich so einordnen, dass die Wirkung auf seine Leser zumindest nicht ganz gering ist (wenn man einmal gesehen hat, mit welcher Inbrunst manche jungen Leser dem erscheinen des neuen Bandes entgegenfiebern, der kann kaum bezweifeln, dass da ein Eindruck erzielt wurde). Außerdem wurde hier etwas literarisch neues geschaffen - ein Genremix aus klassischem Internatsroman, Bildungsroman (die klassischen Jugendbuchhelden wie Hanni und Nanni haben - anders als Potter - keine Entwicklung), Fantasy und Kriminalroman.
Multipliziert man diese nicht ganz geringe Wirkung auf den einzelnen Leser mit der irrsinnigen Auflage, dann kommt man (nach meiner obigen Formel) auf eine sehr beachtliche literarische Bedeutung.
Sei’s drum, ich bleibe dabei, Harry Potter nicht zu lesen, aus dem gleichen Grund, aus dem ich auch “Per Anhalter durch die Galaxis” und “Herr der Ringe” nie gelesen, “Star Wars” und “Rocky Horror Picture Show” nie gesehen habe: Diese ganzen Kult-Maschen kommen mir einfach zu käsefüßig rüber.