Vom Nutzen der Folter

Die WELT berichtet:

Der Oberste Gerichtshof in Libyen hat die Todesurteile gegen fünf Krankenschwestern aus Bulgarien und einen palästinensischen Arzt aufgehoben und einen neuen Prozeß angeordnet. …
Der Arzt und die fünf Krankenschwestern arbeiteten an einer Klinik in der Stadt Bengasi, wo sie im Mai 2004 zum Tode durch Erschießen verurteilt wurden. Ihnen wurde vorgeworfen, in den neunziger Jahren 426 Kinder vorsätzlich mit dem Aids-Erreger HIV infiziert zu haben. (more…)

Veröffentlicht in: on Dezember 28, 2005 at 4:02 Kommentare (2)

Die Grundtorheit des 20. Jahrhunderts: die Utopie

Die Grundtorheit des Jahrhunderts hat Thomas Mann den Antikommunismus genannt. Das, so läßt sich nach den einschlägigen Erfahrungen jenes 20. Jahrhunderts mit dem Kommunismus sagen, war wohl doch eher die Grundtorheit Thomas Manns. … Hatten wir kritischen Antiantikommunisten nicht in den Behauptungen jener antikommunistischen Propaganda eine Beleidigung unserer Intelligenz gesehen? Und dann stellte sich spätestens in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts heraus, daß es die Realität des Kommunismus war, die unsere Intelligenz beleidigte.

So beginnt der Artikel “Eine Grundtorheit des Jahrhunderts existiert weiter. Über Mao und den chinesischen Kommunismus” von Siegfried Kohlhammer in der soeben erschienenen Januar-Ausgabe des MERKUR, dem Fachblatt für Utopiekritik, die ich Ihnen, liebe Leserin, eigentlich deswegen ans Herz legen wollte, weil sich darin mein Artikel “Respekt!” über antiliberales neoreligiöses Eiferertum am Beispiel des katholischen Philosophen R. Spaemann abgedruckt findet, das nun allerdings zuförderst wegen des glänzenden Essays von Kohlhammer zu empfehlen ich nicht umhin komme. (more…)

Der Prominente im Sack

Heute stelle zur Abwechslung einmal ich eine kleine totalitarismustheoretische Rätselfrage. Welcher berühmte und geachtete elder statesman sagte heute in einer großen deutschen Tageszeitung das Folgende über eine kürzlich erschienene Hitler-Biographie?

Dieses Buch ist ein Jammer. Natürlich kann eine überwältigende Anklage formuliert werden gegen Hitler. Er war unzweifelhaft verantwortlich für das Leiden und den Tod von Millionen. Aber dieses Buch ist grotesk, weil es einen Hitler ohne jegliche Qualitäten darstellt. Hitler war, wenn man seine Persönlichkeit betrachtet, ein Mann mit herausragenden intellektuellen Fähigkeiten. Wir haben einmal zusammen die Weltlage diskutiert während mehrerer Stunden. Hitler hatte keine Notizen, er formulierte keine Behauptungen, er stellte nur Fragen und machte auf Aspekte aufmerksam, die seiner Ansicht nach nicht ausreichend zur Sprache kamen.

Veröffentlicht in: on Dezember 27, 2005 at 2:25 Kommentare (10)

Wir sind anders: Für den Mut, als Weichei zu gelten

Jan Philipp Reemtsma rät im taz-Interview mit Jan Feddersen dazu, in der Folterdebatte einmal tief durchzuatmen:

Ein Vater, der das Versteck seines entführten Sohnes herausfinden will, darf den Entführer quälen. Aber ein Hoheitsträger, ein Polizist, ein Soldat, darf dieses nicht tun. Und diese Unterscheidung wird in der öffentlichen Diskussion nicht zureichend gemacht.

Wenn wir eine Kasuistik des im Zweifelsfall Erlaubten entwerfen, führen wir über den Ausnahmefall die neue Regel ein. Winfried Brugger, Alan Dershowitz, Jeffrey Gedmin in der Welt - sie alle argumentieren ähnlich und bedenken nicht konsequent, was solche Vorschläge bedeuten würden. Wenn es solche Gesetze gibt, dann müssten sie besagen, welche Methoden man anwendet. Wie weit geht man denn eigentlich? Alle, die das befürworten, sagen ja nicht: Alles muss erlaubt sein. Sondern dass es da selbstverständlich Grenzen geben muss. Also müssen diese Grenzen definiert werden.

Und schließlich bekämen wir eine öffentliche Diskussion über Foltermethoden. Darf man Schlafentzug machen? Darf man Leuten Knochen brechen? Darf man sie unter Strom setzen? Darf man Zigaretten auf ihnen ausdrücken? Was darf man eigentlich? Überlegen Sie, was das bedeuten würde. Es würde eine Barbarisierung der Öffentlichkeit bedeuten.

(…) alle, die für eine Lockerung des Folterverbots sprechen (…) glauben, es gelte immer nur in Fällen, wo keine Zweifel sind, dass derjenige wirklich jener ist, der verantwortlich ist dafür, dass irgendwo “die Bombe tickt”. Aber bei allem, was nicht grundsätzlich verboten ist, kann man sich auch irren. Die Legalisierung der Folter würde bedeuten, dass irgendwann irgendein Unschuldiger gefoltert wird. Das würde bedeuten, dass jeder damit rechnen muss, dass es wieder möglich ist, der Folter unterworfen zu werden. Das ist in Europa seit dem 18. Jahrhundert nicht mehr der Fall - außer in Diktaturen.

Aber es geht nicht nur darum, am Leben zu bleiben, sondern die zivilisatorischen Werte zu erhalten, die die anderen angreifen. John McCain, republikanischer Senator in den USA und jüngst erfolgreich gegen die Bush-Administration mit seinem Gesetz gegen die Folter, sagte: We are different. Darum geht es. Wir sind anders. Darum wollen wir uns nicht so verhalten wie die anderen.

Nehmen wir mal an, man hat einen vor sich, der selber so schmerzresistent ist, dass man mit ihm anstellen kann, was man will. Soll man dann sein Kind nehmen und foltern? Das ist ja vielleicht auch nur ein Leben - ein weiteres gegenüber tausenden? Keiner von denen, die diese Szenarien entwerfen, würde sagen: Ja, das würde ich befürworten. Das nicht - aber warum eigentlich nicht? Wenn es nur um die Rechnung Leben gegen Leben geht: Warum denn nicht? Ein bisschen scheinen jene, die dies so meinen, die Nerven zu verlieren. Diejenigen, die sagen, wir müssen jetzt über irgendwelche Extremfälle reden, die so übrigens ja noch nie eingetreten sind, die machen sich nicht klar, was sie eigentlich damit anrichten. Sie wollen nicht als sentimentale Weichlinge, als bleeding hearts, gelten.

Zu den Fragen, die auch Reemtsma offen läßt, vgl. Ulrich Specks Kosmoblog.

Veröffentlicht in: on Dezember 23, 2005 at 1:30 Kommentare (0)

Völkermord in Planung

Micha Brumlik fordert in der taz ein konsequentes Vorgehen gegen Ahmadinedschads Iran:

Nachdem Ahmadinedschad seine Vernichtungswünsche gegenüber dem Staat Israel und seine Holocaustleugnung in den letzten Tagen deutlich wiederholt hat und ihm weitere Teile der iranischen Staatsspitze Unterstützung gewähren, kann vom Ausrutscher eines Wirrkopfes keine Rede mehr sein. Die internationale Gemeinschaft hat zur Kenntnis zu nehmen, dass der mit erheblicher demokratischer Legitimität ausgestattete, gewählte Präsident des Iran einen Angriffskrieg und einen Völkermord plant. (more…)

Manès Sperber

Heute vor 100 Jahren wurde in Zablotów (Ostgalizien) als Sohn eines Rabbiners der Schriftsteller Manès Sperber geboren. In Wien studierte er Psychologie und wurde Mitarbeiter von Alfred Adler. Später überwarf er sich mit Adler und trat in die Kommunistische Partei ein, der er 1937 den Rücken kehrte. Vor allem in Deutschland galt der engagierte Antitotalitarist als Kalter Krieger und Kommunistenfresser. Ehrenbezeichnungen, wie wir finden. Sperber starb am 5. Februar 1984 in Paris.

Zu seinem hundertsten - und auch sonst - lohnt es sich, zwei seiner Essays aus den dreißiger Jahren zu lesen, Der totalitäre Staat (1939) und Zur Analyse der Tyrannis (1937).

Veröffentlicht in: on Dezember 12, 2005 at 1:16 Kommentare (1)

André Glucksmann: Hass

In der heutigen Ausgabe des Tagesspiegel erscheint meine Rezension des letzten Buches von André Glucksmann “Hass. Die Rückkehr einer elementaren Gewalt”:

Wer hasst, ist selbst dran schuld
André Glucksmann findet die Ursache des Hasses in jenen, die sich diesem elementaren Gefühl hingeben

Von Ingo Way

Für den französischen Philosophen André Glucksmann ist das Phänomen des Hasses, wie er sich im islamischen Terrorismus, aber auch in den Krawallen in Frankreich zeigte, keine bloße Metapher für sozial unerwünschtes Verhalten. Er lässt sich auch nicht mit soziologischen oder kulturellen Erklärungen bannen, sondern ist eine psychologische und anthropologische Tatsache, eine Grundeigenschaft der menschlichen Spezies, die im Prinzip jederzeit mobilisiert werden kann. In seinem jüngsten Buch „Hass. Die Rückkehr einer elementaren Gewalt“ führt er aus, dass der Grund für den Hass nicht beim Objekt des Hasses zu suchen ist, sondern im Hassenden selbst liegt. (more…)

Veröffentlicht in: on at 12:01 Kommentare (6)

FdoG on stage

Am Montag, den 12. Dezember veranstalten der Arbeitskreis Demokratie in Partnerschaft, die Friedrich-Naumann-Stiftung und das Junge Forum des Clubs von Berlin eine Diskussion mit dem Titel

Liberalismus 2015 - Szenarien und Strategien des blau-gelben Projektes

Mit dabei sind u.a. Richard Herzinger, Dirk Niebel (Generalsekretär der FDP) und Michael Holmes von den Freunden der offenen Gesellschaft.

Das ganze findet zwischen 16.00 und 18.45 im Thomas-Dehler-Haus (Raum M4), Reinhardtstr. 14, Berlin-Mitte statt.

Die Teilnehmerzahl ist begrenzt. Wer kommen möchte, melde sich bitte bis morgen (Samstag) per E-Mail bei Christopher Gohl an: christopher.gohl@gmx.net

Veröffentlicht in: on Dezember 9, 2005 at 3:34 Kommentare (0)

Feministische Planwirtschaft. Neue Folge

Warum führt, wie berichtet, Norwegen eine Frauenquote von 40 Prozent für Aufsichtsratsposten in der Privatwirtschaft ein - weil Frauen so unterdrückt sind? Aber wo! Die Antwort gibt die Zeitung Salzburger Nachrichten:

89 Prozent der Kaufentscheidungen, vom Auto bis hin zum Urlaub, werden Studien zufolge von Frauen getroffen. Firmen können diese Macht nicht ignorieren.

Da wird es höchste Zeit für eine EU-weite Quote, die bei Androhung empfindlicher Strafen vorschreibt, daß mindestens 40 Prozent aller Kaufentscheidungen von Männern getroffen werden müssen.

Feministische Planwirtschaft. Neue Folge

Die norwegische Regierung hat in Oslo endgültig die zwangsweise Einführung einer Quote von mindestens 40 Prozent Frauen in Aufsichtsräten von Aktiengesellschaften beschlossen.Das Gesetz, lässt den betroffenen Unternehmen ab dem 1. Januar 2006 zwei Jahre Zeit bis zur Erfüllung der Quote. Liegt der Frauenanteil danach immer noch unter 40 Prozent, können die jeweiligen Aufsichtsräte von den Behörden aufgelöst werden. Die zum Jahreswechsel in Kraft tretende Regelung galt bereits seit längerem als beschlossene Sache.

Quelle: n-tv