Antipostfaschistischer Sex
Erschienen im Tagesspiegel vom 23.01.2006:
Die sexuelle Revolution der 68er knüpft lustpolitisch ans Dritte Reich an, schreibt Dagmar Herzog
Von Ingo Way
Seit Klaus Theweleits „Männerphantasien“ glaubt das intellektuelle juste milieu der Bundesrepublik, das Dritte Reich habe sich vor allem durch seinen sexualrepressiven Charakter ausgezeichnet, mit der Freizügigkeit der Weimarer Republik aufgeräumt und den Deutschen jenen „Körperpanzer“ (Wilhelm Reich) und „soldatischen Körper“ aufgezwungen, der – unfähig zu Lust und Hingabe – seine Frustration schließlich im Massenmord entladen habe. Diese deutsche Verklemmtheit sei noch in den späten 60er Jahren spürbar gewesen, bis die Studentenrevolte endlich gegen die alten Tabus aufbegehrte und dem Hedonismus wieder zu seinem Recht verhalf.
Die Historikerin Dagmar Herzog, die am Graduate Center der City University of New York lehrt, zeichnet in ihrer jüngst auf Deutsch erschienenen Studie „Die Politisierung der Lust. Sexualität in der deutschen Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts“ ein anderes Bild: Ihre These lautet, dass der Sexualkonservatismus der 50er Jahre keine Fortführung, sondern eine Gegenreaktion auf die sexuelle Libertinage des Dritten Reiches gewesen ist. Der Nationalsozialismus habe die (heterosexuellen, nichtjüdischen) Deutschen geradezu zu sexuellem Vergnügen angespornt – und dieses habe keineswegs allein bevölkerungspolitischen Zwecken gedient, sondern sei durchaus Selbstzweck gewesen. In der NS-Propaganda wimmelte es von polemischen Darstellungen bürgerlicher, spießiger Enge und Prüderie. Dem wurde die arisch-germanische „Natürlichkeit“ entgegengestellt, die Elemente aus der Lebensreform- und FKK-Bewegung in sich aufnahm. Dies sei, so Herzog, keineswegs ein Bruch mit der sexuellen Liberalisierung gewesen, die bereits mit dem Ende des Ersten Weltkrieges eingesetzt hatte, sondern deren konsequente Fortführung. Die Nationalsozialisten bemühten sich sogar, diese zu radikalisieren. (more…)