Hat nicht Hatun Sürücü durch ihr aufreizendes Verhalten gegenüber ihrer Familie ihre Ermordung ein kleines bißchen mitprovoziert? Wer diese ungeheuerliche Unterstellung zu Recht zurückweist, sollte sich eigentlich auch in anderen Fällen darüber empören, wenn dem Opfer eines Gewaltverbrechens eine Mitschuld zugeschrieben wird, zudem wenn dies dem eindeutigen Zweck dient, die Täter zu entlasten. Und dies nicht etwa noch selbst betreiben, wie es heute leider auch die WELT tut, und das gleich in drei Beiträgen. Der Aufmacher auf Seite 1 wartet mit Informationen aus Ermittlerkreisen auf:
Nach Informationen der WELT aus Ermittlerkreisen könnte das Opfer, der 37jährige Ermyas M., den Streit mit den beiden Beschuldigten provoziert haben. Dokumentiert sind Kraftausdrücke und Fußtritte des Mannes, die dem Angriff vorausgegangen sein sollen. Darüber hinaus soll die lebensgefährliche Kopfverletzung, die der Wasserbauingenieur und zweifache Familienvater von dem Vorfall am Ostersonntag davongetragen hatte, von seinem Aufprall auf den Bordstein herrühren. Bisher war man davon ausgegangen, daß ein Fausthieb eines der beiden Inhaftierten dafür verantwortlich war. (Hervorhebungen von mir; I.W.)
Warum sind die Kraftausdrücke des Mißhandelten so wichtig, daß dieser Umstand an prominentester Stelle berichtet werden muß? Nun gut, vielleicht ist heute nichts anderes passiert. Doch der Kommentar von Andrea Seibel, ebenfalls auf der ersten Seite, fragt bedächtig:
Erst vom Ende her wird man sehen, ob es ein geplanter Mord war, eine niederträchtige Tat, ein unglücklicher Unfall unter gewaltbereiten Betrunkenen, das Opfer eingeschlossen, das auch schwer alkoholisiert war.(Hervorhebungen von mir; I.W.)
Das mit dem unglücklichen Unfall hat mir am besten gefallen, aber die gewaltbereiten Betrunkenen sind auch nicht schlecht. Merke: Wenn ein Opfer schwer alkoholisiert ist, ist es irgendwie nicht mehr so ein ganz vollwertiges Opfer, irgendwie fast schon Täter. Doch nicht genug, Thorsten Thissen weiß auf Seite 3 ganz genau, wie die Tat abgelaufen ist, so als wäre er dabei gewesen:
Es ist früher Morgen des Ostersonntags, als ein 37 Jahre alter Wasserbauingenieur an der Haltestelle “Charlottenhof” in Potsdam steht. Der Ingenieur hatte sich im Laufe der Nacht in einer Disco gestritten, es war zu einer Rauferei gekommen, dann wollte er mit dem Bus nach Hause fahren. Doch der Busfahrer hatte ihn rausgeschmissen. Auch hier hatte der Ingenieur gepöbelt, weil der Fahrer ihm auf einen 20-Euro-Schein nur Münzen herausgeben konnte.
Nun ruft er seine Frau an, die aber nicht abnimmt. Er spricht unverständlich und lallend (2,08 Promille), auf die Mailbox. Von hinten kommen zwei Männer. Nach allem, was man weiß, handelt es sich um den 29 Jahre alten Björn L. und den 30jährigen Thomas M. aus der Potsdamer Türsteherszene, bullig, groß, kräftig. Doch auch der Ingenieur ist kräftig, 1,97 Meter groß. Er ruft den beiden “ihr Schweine” hinterher, als sie ihn links und rechts überholen. Die Männer drehen sich um und beschimpfen ihn. Er fängt an, sie zu treten. Da schlägt einer von ihnen - nach Informationen der WELT Thomas M. - dem Mann mit aller Kraft ins Gesicht. Der Ingenieur fällt zu Boden und schlägt so hart und so unglücklich mit dem Kopf auf dem Bordstein auf, daß er das Bewußtsein verliert. Später stellen die Ärzte fest, daß die Verletzung, die der Ingenieur durch den Sturz auf den Bordstein erlitten hat, lebensbedrohlich ist. Eine zwölfköpfige Sonderkommission bei der Potsdamer Polizei nimmt ihre Arbeit auf. Sie ermittelt wegen versuchten Mordes und schweren Raubes. Es ist ein Streit zwischen drei Betrunkenen mit unglücklichem Ausgang an diesem Ostersonntag in Potsdam, ein Streit, wie er tagtäglich in Deutschland passiert. Was ihn von den Tausenden anderen Fällen, wenn aggressive Betrunkene übereinander herfallen unterscheidet, ist die Hautfarbe des Opfers Ermyas M. (Hervorhebungen von mir; I.W.)
Was muß der “Scheiß-Nigger” auch durch seine Hautfarbe provozieren - erst die beiden Jungs aus der Türsteherszene, dann den Torsten Thissen, nicht zu vergessen die vielen blonden blauäugigen Opfer, denen wegen der falschen Hautfarbe nicht die angemessene Medienaufmerksamkeit zukommt.
Laut des Mitschnitts des Streits auf der Handymailbox der Frau des Opfers, der zustandekam, weil Ermyas M. sein Handy eingeschaltet ließ (nachzuhören hier), lief der Wortwechsel allerdings so ab:
Täter1: „So, Nigger…“
Täter2: „Wie heißt deine Mutter, Mann?“
Täter1: „Was soll ’n passieren, sag’?“
Täter2: „Was meinst du, Schwein?“
Opfer: „Warum sagst du Schwein? Was denn? Geht doch mal bitte, ja?“
Täter2: „Scheiß Nigger!“
Täter1: „Was soll uns passieren? Wir machen dich platt, du Nigger! Was soll passieren?“(via Sendungsbewußtsein)
“Scheiß Nigger” - ich meine, was muß man denn noch sagen, damit es für einen “fremdenfeindlichen Hintergrund” reicht? Und wer angefangen hat, ist ebenfalls zu hören und zu lesen: nicht nannte der eine Betrunkene, der rein zufällig schwarz war, die beiden anderen Betrunkenen, die nicht rechtsradikal sondern bloß Türsteher sind, Schweine, sondern jene diesen Schwein. Ermyas M. sagt zwar tatsächlich “Schwein”, das ist der einzige Punkt, an dem der WELT-Autor die Wahrheit sagt, doch benutzt er das Wort in einem metasprachlichen Sinne, den zu verkennen der Auffassung gleichkäme, jemand, der etwas für so sicher wie das Amen in der Kirche hält, müsse zwangsläufig ein gläubiger Christ sein, da er ja “amen” gesagt hat. Aber ein Neger, der sich schon vorher gestritten hat, ist von vornherein schuldig, auch wenn offenbar der vorangegangene Streit in der Disco ebenfalls mit den beiden rassistischen Türstehern stattfand, die er später an der Haltestelle wiedertraf und es daher nicht unbedingt ausgemacht ist, daß der kräftige Ingenieur an diesem Streit die Schuld trug und sich damit als aggressiver Betrunkener ausgewiesen hat, der ausgewiesen gehört. (Ab 2,08 Promille Entzug der deutschen Staatsbürgerschaft.) Warum eine Zeitung, die sonst zu Recht darauf pocht, Gewalttaten moslemischer Migranten nicht zu verharmlosen, im Falle dieses von durch ihre “Scheiß Nigger”-Rufe ausreichend als Rassisten qualifizierten Deutschen verübten Halbtotschlags an einem Schwarzen dagegen in gleich drei Beiträgen auf der Lebensweisheit denkfauler Kindergärtnerinnen beharrt, daß zu einem Streit immer zwei gehören, weiß ich nicht und will es lieber gar nicht wissen.