Borat taugt nichts

Gestern habe ich mir dann endlich Sacha Baron Cohens Borat angesehen. Vielleicht war ich von Woody Allens schönem und sehr lustigen Scoop, den ich am Tag zuvor gesehen hatte, noch zu verwöhnt, um Borats Komik würdigen zu können. Jedenfalls fand ich den Film ausgesprochen platt und derb; er war wesentlich näher an MTV-Jackass denn an intelligenter Polit-Satire. Dass einige Kasachen aufgrund dieses Films etwas angefressen waren, konnte ich nach den Anfangsszenen, die in Borats Heimatdorf spielten, gut nachvollziehen. Ich weiß nicht, was daran komisch sein soll, sich über anderer Leute unverschuldete Armut lustig zu machen. Auch die Szenen, in denen Baron Cohen sicherlich mit guter Absicht den Antisemitismus geißeln möchte, machen sich in ihrer Grellheit mit den Objekten des Spottes, den Antisemiten, eher gemein, als sie zu entlarven. Ich weiß, ich weiß, das ist alles mehrfach ironisch gebrochene Kritik durch Überaffirmation usw. usf. Funktioniert aber trotzdem nicht.

Was will Borat eigentlich? Die einen halten den Film für die gelungene Kritik am amerikanischen Provinzialismus. Die anderen weisen solche Kritik als antiamerikanisch zurück, verteidigen allerdings den Film selbst gegen den Vorwurf des Antiamerikanismus. (more…)

Veröffentlicht in: on November 20, 2006 at 5:37 Kommentare (9)

Das sinkende Schiff

Harald Martenstein im TAGESSPIEGEL von heute über George W. Bush:

… jetzt, wo es mit ihm politisch zu Ende geht, sind ja plötzlich alle gegen ihn, auch Leute, die vor kurzem noch ganz angetan waren. Ich hasse einen Journalismus, der versucht, immer auf der Seite der Sieger zu stehen …

(Der Rest von Martensteins Kolumne ist übrigens auch lesenswert. Es geht um Klimawandel.)

Veröffentlicht in: on November 10, 2006 at 12:35 Kommentare (2)

Gibt es denn niemanden, der Rumsfelds Rücktritt bedauert?

Doch.

Die afghanische Regierung hat Bedauern über den Rücktritt von US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld geäußert. „Wir sind traurig, dass er zurückgetreten ist“, sagte der Stabschef von Präsident Hamid Karsai, Dschawed Ludin. Afghanistan sei zufrieden und dankbar für die Unterstützung, die Rumsfeld dem Land geboten habe.

Welt.de

Veröffentlicht in: on November 9, 2006 at 1:35 Kommentare (2)

Ein bißchen schwanger gibt es doch

“Entweder man ist für oder man ist gegen die Todesstrafe. Ein bisschen schwanger ist nicht”, schreibt Rayson in einem Kommentar auf Antibürokratieteam.de anläßlich des Todesurteils gegen Saddam Hussein. Ich bin da anderer Meinung. Kürzlich habe ich mich an dieser Stelle dezidiert gegen utilitaristische Argumente für die Todesstrafe und gegen die Todesstrafe schlechthin stark gemacht. Ich sehe keinen Grund, ein Wort davon zurückzunehmen. Doch wenn ich die Reaktionen von EU, UN, Amnesty International (die sich eigentlich um die Opfer von Diktatoren kümmern sollten, nicht um diese selbst) e tutti quanti höre, wie inhuman und unzivilisiert die Hinrichtung Saddams sein würde, so daß man doch gefälligst darauf verzichten solle, dann kommt mir das kalte Kotzen. Hier wird Humanität pervers. (Wenn es sich denn überhaupt um Humanität handeln sollte, und nicht um einen Seitenhieb gegen die amerikanischen Besatzer.) Ist es so schwer einzusehen, daß ein moralischer Unterschied besteht, ob ein Staat einen seiner Bürger tötet, oder ob ein Diktator und Völkermörder, Inbegriff totaler Staatsmacht, nach seinem Sturz mit dem Tod bestraft wird, weil dessen Verbrechen ein derart monströses Ausmaß angenommen haben, daß nur durch seinen Tod der Rechtsfrieden halbwegs wiederhergestellt werden kann; daß die Taten eines Adolf Eichmann auf einer ganz anderen Stufe stehen als die noch des schlimmsten serial killers; daß die Todesstrafe im normalen bürgerlichen Strafrecht nichts zu suchen hat, der historische Sonderfall einer gestürzten Diktatur aber etwas anderes ist; daß humane Prinzipien unerläßlich sind, Prinzipienreiterei aber albern? Moralische Prinzipien müssen sich in einer widerspruchsvollen Realität bewähren. Daher ist auch die Forderung nach Widerspruchsfreiheit in der Moral (die in der Logik zu recht erhoben und zu oft mißachtet wird) fehl am Platz. Es gibt nämlich, um im Vergleich zu bleiben, sehr wohl “ein bißchen schwanger”. Eine Schwangerschaft hat eine andere Qualität im Augenblick unmittelbar nach der Empfängnis als im neunten Monat. Deswegen kann man gegen Abtreibung sein, aber für die Pille danach (oder gegen Infantizid, aber für Abtreibung*); gegen die Lüge, aber für die Notlüge; gegen Mord, aber für das Recht auf Notwehr; gegen Diebstahl, aber für Mundraub, wenn einer hungert; gegen Krieg als ein grundsätzliches Übel, aber für Krieg zur Verhinderung noch größerer Übel usw.

Und wenn ich jetzt gezwungen würde, meine Position doch widerspruchsfrei zu formulieren: Ich bin strikt gegen die Todesstrafe - außer in dem einzigen und absoluten Ausnahmefall der Beteiligung an einem Genozid. Schwach argumentiert? Ich weiß. Aber moralische Prinzipien lassen sich oft nicht restlos argumentativ begründen, sondern sind letztlich das Ergebnis von Entscheidungen. (more…)

Veröffentlicht in: on November 6, 2006 at 8:05 Kommentare (11)