Norman Cohn gestorben

Der Historiker, Linguist und Religionswissenschaftler Norman Cohn ist am 31. Juli im Alter von 92 Jahren gestorben. Cohn trat mit Studien über endzeitliche Glaubensvorstellungen in der jüdischen und vor allem der christlichen Tradition hervor. Sein bekanntestes Werk ist Das neue irdische Paradies. Revolutionärer Millenarismus und mystischer Anarchismus im mittelalterlichen Europa von 1957. Norman Rufus Colin Cohn wurde 1915 als Sohn eines jüdischen Vaters und einer katholischen Mutter in London geboren. Im Zweiten Weltkrieg arbeitete er für das britische Militär. Nach Kriegsende verhörte er in Wien ehemalige Angehörige der SS. Zahlreiche seiner eigenen Verwandten waren im Holocaust umgebracht worden. Infolgedessen, sowie durch seinen Kontakt mit Flüchtlingen aus der Sowjetunion, begann er sich mit den geistesgeschichtlichen Grundlagen totalitärer Systeme zu beschäftigen. Die Parallele zwischen Nationalsozialismus und Kommunismus sah Cohn darin, dass beide von einem apokalyptischen Endkampf fantasierten, nach dem das irdische Paradies anbrechen würde, in welchem die Guten überleben und die Bösen ausgelöscht wären. Beide speisten laut Cohn ihre Energie aus der Dämonisierung des Gegners. Diese Dämonisierung entdeckte Cohn bei seinen Studien auch im millenaristischen (endzeitlichen) Denken des Mittelalters, das sich durch die Verachtung des Diesseits auszeichnete. Opfer der Verteufelung waren Hexen, Ketzer – und immer wieder Juden. Eines der Bücher Cohns beschäftigt sich ausführlich mit der antisemitischen Hetzschrift Protokolle der Weisen von Zion. Cohn war bis zu seiner Emeritierung 1980 Professor an der University of Sussex.

(Nachruf im Telegraph.)

Veröffentlicht in: on August 14, 2007 at 2:23 Uhr nachmittags

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