Weltersatzreligion

Noch immer wird er irreführend als Revolution bezeichnet: der blutige Putsch, mit dem eine kleine Gruppe machtgeiler Bolschewiki ein dreiviertel Jahr nach dem Sturz des Zaren die aufkeimende Demokratie in Rußland beseitigte, unsägliches Leid über die halbe Menschheit brachte und dafür sorgte, daß sich bis heute in Rußland niemals ein bürgerlich-demokratisches Bewußtsein herausbilden konnte. Diese menschheitsgeschichtliche Katastrophe ist bis heute nur ungenügend aufgearbeitet. Michael Holmes warnt auf WELT-Debatte vor der perennierenden Verführungskraft kommunistischer Utopien.

Spion wider Willen

Wie Viktor Grajewski die „Geheimrede“ Chruschtschows nach Israel schmuggelte

Der Mann, der Chruschtschows Geheimrede über die Verbrechen Stalins im Westen bekannt machte, ist tot. Viktor Grajewski, Israeli polnischer Abstammung, starb im Alter von 82 Jahren in Jerusalem, wie die israelische Tageszeitung Haaretz berichtet.

Auf dem 20. Parteitag der KPdSU im Februar 1956 hielt der Nachfolger Stalins, Nikita Chruschtschow, seine berühmte „Geheimrede“, in der er einige der Verbrechen aus der Stalinzeit zugab, seine eigene Rolle dabei aber verschwieg. Zu der Rede waren nur loyale Parteimitglieder zugelassen, Journalisten waren verboten. Von der Rede sollte außer zuverlässigen Parteikadern niemand erfahren. Kopien der Rede gingen an die Staatschefs der übrigen sozialistischen Länder.
Viktor Grajewski, polnischer Kommunist und Redakteur einer regierungsnahen Zeitschrift, war zufällig mit der Sekretärin des Vorsitzenden der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei befreundet. Auf deren Schreibtisch entdeckte er eine Mappe mit der Aufschrift „Streng geheim“. (more…)

Veröffentlicht in: on Oktober 22, 2007 at 12:08 Kommentare (1)

Zur Kritik der Kritischen Theorie

Im Juli 2006 veranstaltete ich zusammen mit Sylke Tempel und Michael Holmes im Berliner Haus der Demokratie eine Podiumsdiskussion “Zur Kritik der Kritischen Theorie”. Das Vortragsmanuskript von Michael Holmes ist nun im Druck erschienen:

Zur Kritik der Kritischen Theorie

Erschienen in: Aufklärung und Kritik 2/2007

Radikale Linke ärgern sich zu Recht immer wieder darüber, daß im akademischen Betrieb nicht selten über Adorno gesprochen wird, ohne daß auch nur ein Wort zu seiner Kapitalismuskritik fällt. Ich denke, daß es Theoreme in seinem Werk gibt, die sich auch unabhängig von seiner Gesellschaftskritik diskutieren lassen, und dazu gehört auch seine Erkenntnistheorie. Adorno selbst aber sieht das anders. Das Zentrum seiner Philosophie ist ohne Zweifel die Kritik der warenförmigen Gesellschaft. Es ist schwer, auch nur eine Seite in seinem Gesamtwerk zu finden, an der sich das nicht zeigen ließe.

Fast alle seiner Thesen über die kapitalistische Gesellschaft werden von Adorno ungeprüft in den Raum geworfen. Adornos Kritik verharrt im Intuitiven. Wissenschaftliche Fakten zu den postulierten sozialen Zusammenhängen sind in seinen Hauptwerken überhaupt nicht zu finden. Selten ist er um eine Begründung bemüht. Ja, er lehnt Begründungen für seine zentralen Thesen sogar explizit ab. Ihre Wahrheit sei schließlich durch Evidenz verbürgt.

I. Bei den wenigen Begründungen handelt es sich meist um Variationen einer latent antimodernistischen Argumentation: Der Kapitalismus sei ein „automatisches Subjekt“, er abstrahiere von den konkreten Situationen der Menschen und ihren Bedürfnissen, der Tauschwert sei blind und taub gegenüber unseren Wünschen und Leiden. (more…)

“Sie würden uns in unseren Betten ermorden”

“Im Grunde habe ich gar nichts gegen Menschen. Einige meiner besten Freunde sind welche”, sagte ich neulich zu meinem Freund Mitch Cohen, als wir beim Bier die Eitelkeit und Niedertracht unserer Gattungsgenossen beklagten. “Da fällt mir ein Gedicht von Kenneth Rexroth ein, das ich vor ein paar Jahren ins Deutsche übersetzt habe”, sagte Mitch. “Morgen schicke ich es dir.”

Discrimination

I don’t mind the human race.
I’ve got pretty used to them
In these past twenty-five years.
I don’t mind if they sit next
To me on streetcars, or eat
In the same restaurants, if
It’s not at the same table.
However, I don’t approve
Of a woman I respect
Dancing with one of them. I’ve
tried asking them to my home
Without success. I shouldn’t
Care to see my own sister
Marry one. Even if she
Loved him, think of the children.
Their art is interesting,
But certainly barbarous.
I’m sure, if given the chance,
They’d kill us all in our beds.
And you must admit, they smell.

Und hier Mitchs Übersetzung: (more…)

Veröffentlicht in: on Oktober 18, 2007 at 11:07 Kommentare (0)

Lob des Wissenwollens

Die Schoa ist kein Thema von gestern: Saul Friedländers Friedenspreisrede

Der Applaus ist anfangs verhalten. Dann stehen einige Zuhörer aus den ersten Reihen von ihren Plätzen auf, der Rest des Auditoriums folgt nach, um dem israelischen Historiker Saul Friedländer an diesem Sonntag nach seiner Rede zur Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche zu applaudieren. Kein Vergleich zu den geradezu frenetischen Ovationen für Martin Walser 1998, als der Schriftsteller über die „Auschwitzkeule“ geklagt hatte, die von ominösen Kräften dazu benutzt werde, den Deutschen ein „normales“ Leben zu verleiden. Nur Friedrich Schorlemmer, Ignatz und Ida Bubis hatten sich damals nicht von ihren Sitzen erhoben.

 

Ida Bubis war auch diesmal wieder unter den Anwesenden, nebst zahlreicher Prominenz, vom Bundespräsidenten Horst Köhler bis zur Sexualtherapeutin Ruth Westheimer. Er wolle „keine Polemik“ betreiben, sagte Friedländer, wohl in Anspielung auf die Erwartungen, er werde sich noch einmal mit Walser auseinandersetzen. Das hatte bereits der Germanist Wolfgang Frühwald in seiner Laudatio besorgt, als er sagte: „Wer dies (die Erzählung von der Vernichtung der Juden) – wie die stereotype Formel lautet – nicht mehr hören kann, der hat es noch nie wirklich gehört“. Szenenapplaus. Frühwald fuhr fort: „Wer sich gar wohl fühlt im weltweit wachsenden Lager derer, welche die Tatsächlichkeit dieses Verbrechens gegen Rang und Würde des Menschseins leugnen, stimuliert die Lust auf Wiederholung.“

(Weiterlesen)

Veröffentlicht in: on Oktober 17, 2007 at 2:03 Kommentare (0)

“Die Islamkonferenz ist überflüssig wie ein Kropf!”

Aus einem Interview, das ich mit Lale Akgün, der Islambeauftragten der SPD-Bundestagsfraktion, geführt habe:

Frau Akgün, der stellvertretende Vorsitzende des Islamrats, Abu Bakr Rieger, ist zurückgetreten, weil bekannt wurde, daß er sich in den neunziger Jahren antisemitisch geäußert hat. Ist das eine glaubwürdige Distanzierung vom Antisemitismus?
Akgün: Nein, das reicht nicht. Der Islamrat äußert sich immer wieder antisemitisch. Diese Leute reden mit doppelter Zunge. Der Vorsitzende des Islamrats sagte, er habe erst kürzlich von Riegers Äußerungen erfahren. Dabei ist die Sache schon lange bekannt. Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble sollte sich noch einmal gründlich überlegen, ob er sich mit diesen Leuten an einen Tisch setzt.

Ist die Islamkonferenz, auf die Sie anspielen, zum Scheitern verurteilt?
Akgün: Die Islamkonferenz ist überflüssig wie ein Kropf und völlig kontraproduktiv. Da werden Islamisten aufgewertet, die mit den normalen Muslimen in Deutschland gar nichts zu tun haben. Es dürfen Leute für den Islam sprechen, die vom Verfassungsschutz beobachtet werden, aber die Durchschnittsmuslime schaffen es natürlich nicht an den Tisch des Ministers. Dadurch gerät der Islam in Deutschland noch mehr in Verruf.

(Vollständiges Interview in der Jüdischen Allgemeinen Nr. 42, 18. Oktober 2007)

Veröffentlicht in: on at 12:51 Kommentare (0)

“Freiheit aushalten”

Es gibt noch Kabarettisten - oder wie man heute sagt: Comedians -, die weder dem linksliberalen Weltekel verfallen, um sich ihrem Studienratspublikum anzudienen, noch die neospießige Wende zu “Werten” und Religion mitvollziehen. Zu ihnen gehört Dieter Nuhr. Dem Kölner Stadtanzeiger hat er ein Interview gegeben. Auszüge daraus:

Es gibt immer mehr Menschen, die mir vorschreiben möchten, wie ich zu leben habe. Früher haben sich Kabarettisten darum bemüht, anzuecken. Inzwischen hat man Angst, dass die Menschen in Islamabad auf die Straße gehen, wenn man etwas Falsches sagt. …

Wir glauben an wilde Verschwörungstheorien, weil wir uns die Welt nicht erklären können. Da fängt der Glauben an. …

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Veröffentlicht in: on at 10:09 Kommentare (0)

Scary!

Britney Spears von hinten!

Veröffentlicht in: Allgemeines on Oktober 15, 2007 at 1:45 Kommentare (0)

Gegenspieler Gottes

Wolfgang Wippermann erzählt die Geschichte der Verschwörungstheorien vom christlichen Teufelsglauben bis zu 9/11. Dabei entdeckt er auch “antiislamistische” Verschwörungstheorien - freilich ohne Belege dafür zu finden. Meine Rezension von Agenten des Bösen im heutigen Tagesspiegel.

Wolfgang Wippermann über 2000 Jahre einfache Antworten: Verschwörungstheorien von der christlichen Teufelsmythologie über den Kalten Krieg bis zu den Anschlägen vom 11. September - und immer waren die Juden schuld.



Mit dem Teufel fing alles an. Die christliche Teufelsmythologie ist die Blaupause sämtlicher Verschwörungstheorien, so die These des Historikers Wolfgang Wippermann von der Freien Universität Berlin. In seinem Großessay “Agenten des Bösen. Verschwörungstheorien von Luther bis heute“ geht er, anders als der Untertitel suggeriert, weit hinter Luther zurück. Christlicher Teufelsglaube und Verschwörungstheorien haben gemeinsam, dass sie alles Böse auf eine eindeutige, identifizierbare Quelle zurückführen – ein dualistisches Weltbild, in dem das Gute und das Böse streng geschieden sind. Dieser Dualismus geriet unter dem Einfluss des persischen Zarathustra-Glaubens mit dem Johannes-Evangelium in das Christentum. Erst dort wird der Teufel zum Gegenspieler Jesu aufgebaut – und mit der Bezeichnung der Juden als “Kinder des Teufels“ bereits der Boden für die antisemitische Struktur aller späteren Verschwörungstheorien bereitet.

Im Alten Testament gab es zwar auch schon Konzepte des Guten und des Bösen; diese waren aber etwas Irdisches, Menschliches. Das Böse sollte bestraft werden, es war nichts Dämonisches im Spiel. Satan ist im Alten Testament keineswegs der Gegenspieler Gottes, im Buch Hiob etwa ist er eher so etwas wie ein Mitglied eines göttlichen Beraterstabs. Das Gute und das Böse sind in dem einen Gott vereint, der noch nicht aufgespalten ist in den lieben Gott und den bösen Teufel. (more…)

Veröffentlicht in: on at 8:35 Kommentare (3)

Schack erzählt: Eva Herman

Machen wir uns nichts vor - wir alle lieben Klatsch und Tratsch. Und was Ramon Schack, der als Praktikant beim NDR mit Eva Herman zusammengearbeitet hat, über diese Zeit zu erzählen weiß, ist von hohem Unterhaltungswert. Offenbar war Herman eine ziemlich coole Sau, ihre Kolleginnen neidzerfressene Alt-68erinnen und ihr Verhältnis zur Talkshow-Konkurrentin Lea Rosh eher angespannt:

Mein Jahr mit Eva Herman.

Veröffentlicht in: on Oktober 12, 2007 at 9:43 Kommentare (0)