Wieder ein “Übersetzungsfehler” (Walt/Mearsheimer)?

Böll-Stiftung: Warum Tony Judt a priori kein Feind Israels sein kann

Das Enervierende an Diskussionen über Antisemitismus ist meist die Bauernschläue des Gegenübers, mit der in den immergleichen drei Schritten erklärt wird, daß etwas nicht antisemitisch sein könne, weil 1.) der Urheber des in Frage stehenden selber jüdisch oder aber ein großer Freund der Juden und des israelischen Staates sei, 2.) Kritik an XY ja nicht Anti-XY sei und 3.) niemand behauptet habe, er wolle sofort alle Juden aus rassischen Gründen vernichten, was allein ja die Bezeichnung Antisemitismus verdienen würde.

Wie berichtet, hat die Jüdische Gemeinde Bremen gegen die Verleihung des Hannah-Arendt-Preises an den antizionistischen Historiker Tony Judt protestiert. Das Preisgeld stiftet die Heinrich-Böll-Stifung. Nun ist zu lesen:

Peter Rüdel von der Bremer Heinrich-Böllstiftung kann die Kritik nicht nachvollziehen. Judt sei kein Israelkritiker sondern ein Kritiker der aktuellen Politik Israels. Ein Mann, der freiwillig in der israelischen Armee gedient habe, stelle gewiss nicht Staat Israel in Frage.

Wieso folgt das aus dem? Er kann doch früher in der israelischen Armee gedient haben und heute Israel in Frage stellen. Daß er das tut, kann man nachlesen, denn er hat es selbst aufgeschrieben. 2003 in seinem Essay “Israel: The Alternative” in der New York Review of Books. Entweder stellt Rüdel sich dumm, oder er kann nicht lesen, oder er hat schlicht Desinteresse am Preisträger. Dann könnte er sich allerdings von Kundigen über dessen antizionistische Positionen aufklären lassen. Oder dient bei der grünen Heinrich-Böll-Stiftung neuerdings militärische Fronterfahrung als Wahrheitsbeweis?

Notwendige Nestbeschmutzung

Die Achse des Guten gehört zu den größten und bekanntesten Politblogs in Deutschland. Die Autoren wollen dem linksliberalen, ökologistischen, israelfeindlichen, islamismusverharmlosenden Zeitgeist etwas entgegensetzen, was meine volle Sympathie hat. Man kennt sich persönlich, den meisten Autoren fühle ich mich in mehr oder weniger intensiver Weise freundschaftlich verbunden. Gelegentlich habe ich Gastbeiträge beigesteuert. Mir ist klar, daß einige von ihnen über diesen Beitrag not amused sein werden. Aber Feigheit vor dem Freund möchte ich mir nicht vorhalten lassen. Doch sei vorausgeschickt, daß das Folgende nicht als Kampfansage an die Achse zu verstehen ist, die ich nach wie vor sehr schätze und deren Autoren ich (größtenteils) mag, sondern als Beitrag zu einer wichtigen Diskussion.

Vor einigen Tagen erschien ein Text von Michael Holmes auf der Achse, in dem er - klassisch antitotalitär - davor warnt, daß Demokraten im Kampf gegen Rechtsradikalismus mit linksradikalen Antifas zusammenarbeiten, da diese letztlich autoritäre und antidemokratische Ziele verfolgten. Er illustriert das mit Erinnerungen an seine eigene Antifa-Zeit. Gewaltbereiten Rechts- wie Linksradikalismus verurteilt er gleichermaßen, ohne zu behaupten, beide seien gleich gefährlich.

Nun hätte man über diesen Text kontrovers diskutieren oder - bei Desinteresse - ihn einfach ignorieren können. Ich selbst halte ihn für nicht ganz geglückt, aber das spielt an dieser Stelle keine Rolle. Tatsächlich wurde in diversen Blogs heftig über ihn debattiert; ferner bekam Holmes nach eigener Aussage etliche zustimmende und ablehnende Zuschriften.

Doch dann geschah etwas seltsames. Der Text war plötzlich von der Seite verschwunden. (more…)

Gesittete Mysterienspiele

Vor einiger Zeit habe ich an dieser Stelle über das Berliner Pornfilmfestival geschrieben. Der Schriftsteller Hans Christoph Buch war auch da. Aber er hat andere Filme gesehen als ich.

Hannah-Arendt-Preis für Antizionismus

Morgen wird dem britisch-amerikanischen Historiker Tony Judt der Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken der Stadt Bremen verliehen. Dagegen protestieren Elvira Noa und Grigori Pantijelew vom Präsidium der Jüdischen Gemeinde Bremen in einem offenen Brief an die Jury des Hannah-Arendt-Preises, die Heinrich-Böll-Stiftung und den Bremer Senat. Die Autoren zitieren anti-israelische Äußerungen Judts – wie die, Israel sei „ein Besatzer und Kolonialist“ und „ein politischer Anachronismus“ – und schreiben: „In der Jurybegründung wird peinlichst genau vermieden, nur ein einziges Wort über Judts Verdienste auf dem Gebiet des palästinensischen ideologischen Kampfes zu verlieren.“ Judt hatte in der Vergangenheit mehrfach die Auflösung Israels als jüdischer Staat gefordert. „Sein Programm des binationalen Staates ist, nach treffenden Worten Leon Wieseltiers, ,keine Alternative für Israel‘, sondern ,die Alternative zu Israel‘“, heißt es in dem offenen Brief. Desweiteren zeigen sich Noa und Pantijelew „irritiert“ darüber, „dass die Preisverleihung an einem Freitagabend und die Diskussionsveranstaltung an einem Samstagmorgen stattfindet. Jüdinnen und Juden, die traditionell den Schabbat begehen, sind also von der Teilnahme ausgeschlossen“.

(Der vollständige Offene Brief findet sich hier.)

Auch in Berlin wird jetzt gegen die “Israel-Lobby” gekämpft

Die amerikanische Nahostpolitik wird – und dies zu ihrem Schaden – von einer „Israel-Lobby“ bestimmt. Das meinen die US-Politologen John J. Mearsheimer und Stephen Walt. In ihrem gleichnamigen Zeitschriftenaufsatz in der London Review of Books, wenig später zu einem Buch ausgewalzt, liefern sie die passende Immunisierungsstrategie gegen Kritik gleich mit: Wer die Israel-Lobby kritisiere, würde mit dem ungerechtfertigten Vorwurf des Antisemitismus bedacht.

Derzeit touren die beiden mit ihrem Buch durch deutsche Städte. Auch in Berlin wurde Station gemacht, Gastgeberin war die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP). Dort wiederholen Walt und Mearsheimer ihre Kernthesen: Die Israel-Lobby, bestehend aus Aipac (American Israel Public Affairs Committee) und anderen jüdischen Organisationen, den Zeitschriften Weekly Standard und New Republic sowie den Neokonservativen, habe die öffentliche Meinung in den USA fest im Griff, so daß sich kein Politiker traue, Israel zu kritisieren; ausschließlich Israel und die Israel-Lobby, inclusive der Neocons, seien die treibenden Kräfte hinter dem Irakkrieg gewesen; heute dringe die Lobby auf einen Krieg gegen den Iran; dieses nähre den Terrorismus und schade den amerikanischen Interessen, ebenso – wie die Autoren immer wieder betonen – denen Israels. Bei soviel freundlicher Fürsorge fragt man sich aber doch, warum sie es nicht Sorge der Israelis sein lassen, was ihren Interessen am besten dient. Ihre Forderung: Amerika solle seine „special relationship“ mit Israel aufgeben, sich von der Politik des Landes „distanzieren“ und Israel als ein „normales Land“ behandeln.

Das Wort „normal“ fällt im Laufe des Abends sicher zwanzigmal. (more…)

Reading Addicts Anonymous

Heute muß ich ein Geständnis machen: Ich bin lektüresüchtig. Ganz ähnlich wie Alkohol oder Kokain können Bücher und Zeitungen zur gefährlichen Sucht werden. Eine allgemein gültige Grenze gibt es zwar nicht, ab der man als lektüresüchtig gilt. Doch typische Anzeichen weisen darauf hin, ob man sich professionelle Hilfe gegen ein Abdriften in die Selbstzerstörung suchen sollte. So habe ich bereits wichtige Termine versäumt, weil ich mit Lesen beschäftigt war. Ich lese zwanghaft oft, sogar mehrmals am Tag. Ich habe viele Bücher. Oft lenkt mich ein interessanter Aufsatz von der Arbeit ab. Ich nutze regelmäßig Blogs und die Online-Angebote der Tageszeitungen. Ich werde nervös und schlecht gelaunt, wenn ich für längere Zeit vom Lesen abgehalten werde. Ganz klar, ich bin lektüresüchtig. Und Sie sind es auch. Wetten? Wenn Sie es nicht glauben, machen Sie den Test.

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Adam und Eva tun’s mit Kondom

Uniformen, Orthodoxe und lüsterne Palästinenser: Israelische Pornos setzen landeseigene Akzente

Der Altersdurchschnitt liegt unter 30, und etwa zwei Drittel der Besucher sind weiblich. Beim 2. internationalen Pornfilmfestival Ende Oktober in Berlin bestätigt die Zusammensetzung des Publikums so gar nicht das Klischee vom typischen Pornokonsumenten, der sich fett, verschwitzt und männlich durch die Schmuddelabteilungen der Videotheken drückt. Studentisch geprägte Großstadtboheme findet sich zu den zahlreichen Filmen und Vorträgen auf dem von dem Filmemacher Jürgen Brüning initiierten Festival ein. Brüning gründete in den frühen neunziger Jahren bereits das Schwul-lesbische Filmfestival. Mit dem Pornfilmfestival will der 49-Jährige Kunst, Independent und Avantgarde zeigen – ohne den expliziten Charakter der Filme zu leugnen. Nur Durchschnittsware dürfe es eben nicht sein. Laut Brüning stammen 30 Prozent der gezeigten Filme von weiblichen Regisseuren.

Porno gibt es auch in Israel. Im Kreuzberger Eiszeit-Kino, 1980 von Brüning gegründet, beschäftigen sich gleich zwei Vorträge mit dem Sexfilm in Israel und seinen gesellschaftspolitischen Implikationen. Liad Kantorowicz spricht über „Soziale und politische Tabus in israelischer Pornografie“. Die kleine Frau in Hippiekleidung stellt sich als „Pro-Sex-Aktivistin“ vor; ihr Thema ist – wie bei vielen linken Israelis – die „Gewalttätigkeit“ der israelischen Gesellschaft. („Natürlich ist die palästinensische Gesellschaft ebenso gewalttätig, nicht daß Sie denken, ich sei voreingenommen gegen Juden.“) Vier gesellschaftliche Spannungsfelder behandelt Kantorowicz anhand von Filmbeispielen: das Militär; das Verhältnis zwischen Israelis und Palästinensern; jüdische Minderheiten, etwa Falaschas; und schließlich das Verhältnis zwischen Religiösen und Säkularen. (more…)

Negatives Poesiealbum

Auch manche Libertäre sind anfällig für Adornokitsch.

(Der Kommentar von M. Kastner trifft den Nagel auf den Kopf: “Ich weiß nicht, ob das jetzt Dialektik ist, was der Herr Adorno da gesagt hat, aber es ist monokausal und simplizistisch.”)

Veröffentlicht in: on November 16, 2007 at 3:33 Kommentare (0)
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Hirnforscherin mit Hirn

Unbedingt lesen! Die Weltwoche hat ein Interview mit der britischen Hirnforscherin Susan Greenfield geführt. Hier einige Auszüge:

Baroness Professor Susan Greenfield … hat die besondere Rolle entdeckt, die das Enzym Acetylcholinesterase (AChE) bei der Zerstörung von Zellen spielt. Dies gilt als wichtiger Ansatz zur Bekämpfung von Hirnkrankheiten wie Alzheimer oder Parkinson. Seit Greenfield 1994 als erste Frau die Weihnachtsvorlesung der Royal Institution hielt, sie präsentierte eine Rundreise durchs menschliche Hirn, die BBC live übertrug, kennt man sie auch auf der Strasse. 1998 übernahm sie die Direktion dieser Wissenschaftsvereinigung. Heute ist die 57-Jährige Professorin für Physiologie in Oxford, wo sie sich mit den Wechselwirkungen zwischen Mensch und Technik und deren Einflüssen aufs Hirn beschäftigt. Ausserdem ist sie Mitglied des House of Lords, hat vier Biotech-Start-ups gegründet und neun populärwissenschaftliche Bestseller geschrieben. Ihr neustes Buch heisst «Tomorrow’s People. How 21st-Century Technology Is Changing the Way We Think and Feel». Sie wird nächsten Montag die Europäische Futuristenkonferenz in Luzern mit einem Vortrag eröffnen.

Sind wir tot, wenn unser Hirn tot ist?
Natürlich. … Unser Hirn, also unser Bewusstsein, und wir sind so eng miteinander verbunden, ich sehe nicht, dass das eine ohne das andere sein könnte.

Sie kommen aus der Arbeiterklasse und sind heute Baroness.

Für mich war das immer alles sehr logisch, sehr folgerichtig. Mich interessieren die Fragen: Was ist ein Individuum, was ist der Verstand, was ist Bewusstsein? Das sind die Fragen der alten Griechen. Und ich gab mich nie mit einem Nein als Antwort zufrieden. In diesem Sinn ist mein Leben in sich schlüssig, für andere mag das nicht so aussehen. Aber was soll’s? Wenn jemand, der ehrlich, offen und neugierig ist, schon als komisch gilt, ist das nicht mein Problem, sondern ein trauriges Zeugnis für unsere Gesellschaft.

Gibt es so etwas wie ein weibliches Hirn?
Das ist die strittige Frage. Ja, es gibt Unterschiede, aber die individuellen Unterschiede sind doch grösser. Würde man unsere beiden Hirne jetzt rausnehmen, keiner könnte sagen, welches das weibliche, welches das männliche ist. Hätte man aber hundert weibliche, hundert männliche Hirne, man sähe den Unterschied. Nicht nur die physischen Strukturen, sondern auch die chemische Zusammensetzung ist unterschiedlich, der Testosterongehalt. Männer und Frauen lernen anders.
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