Rainer Hank: Der Wohlfahrtsstaat untergräbt die Freiheit

Rainer Hank schreibt in der Märzausgabe des MERKUR in seinem brillanten Essay „Die Entmündigung. Wie der Staat seine Bürger korrumpiert“ über Krippenbetreuung und mangelnde Zahlungsbereitschaft von Eltern, Daseinsvorsorge als moderne Form der Planwirtschaft, intransparente Steuerpolitik, das Anachronistische des Wohlfahrtsstaates, totalitäre Zwangsbeglückung und den Frühlibertären Wilhelm von Humboldt. Einige Auszüge:

Die Beantwortung der Frage, wie viel Wurst, Käse und Windeln eine Kleinfamilie wöchentlich braucht, würden die Bürger nur ungern Ursula von der Leyen überlassen. Bei den einfachen Gütern des täglichen Bedarfs verlassen sie sich lieber auf den Markt. Bei der Nachfrage nach der Dienstleistung Kinderbetreuung indessen begeben sie sich ohne Murren in die Hände staatlicher Krippenplaner. …

Daseinsvorsorge ist ein anderes Wort für staatliche Planwirtschaft, es klingt nur besser. Tatsächlich wird bei den Krippen der Marktmechanismus suspendiert. … Handelt es sich wirklich um ein Marktversagen, welches den Staat dazu nötigt, in die Bresche zu springen? (mehr…)

Adam oder Odo

Als ich heute Mittag in der Friedrichstraße meinen Verdauungsspaziergang machte, sah ich den Schriftsteller Maxim Biller aus der H&M-Filiale herauskommen, eine H&M-Einkaufstüte in der Hand. Kann er sich keine besseren Klamotten leisten?, fragte ich mich. Zumal im Schaufenster auch noch ein Plakat hing „Heute 20% Rabatt auf gekennzeichnete Artikel“. Doch dann fiel mir ein, daß Biller wegen des literaturfeindlichen Schandurteils des Landgerichts München 50.000 Euro Schmerzensgeld an seine Exfreundin zahlen muß, weil die sich in Billers Roman Esra wiedererkannt hat. Die Ehre, in einem Roman verewigt zu sein, läßt sie sich also auch noch vergolden. Und so ist Biller womöglich derzeit auf Sonderangebote angewiesen.

Hoffentlich läßt er sich von diesem Rückschlag dennoch nicht vom Schreiben abhalten. Seine Esra habe ich seinerzeit gemeinsam mit meiner damaligen Freundin K. gelesen. In der Amerika-Gedenkbibliothek konnte man es nach dem Verbot noch eine Zeitlang ausleihen. Wir lasen das Buch überhaupt nicht als Abrechung oder als öffentliche Schmutzwäsche, sondern als ebenso anrührende wie wahrhaftige Liebesgeschichte, in der der Autor/Erzähler – im Buch heißt er Adam – sich selbst ebensowenig schont wie seine Freundin. Und von einer vergangenen Liebe läßt sich nicht ohne Wut und Zorn erzählen, ohne zu lügen. Unsere eigene Beziehung wurde durch die Lektüre zwar nicht gerettet, aber immerhin bescherte sie uns eine weitere gemeinsame Erinnerung.

Der Zufall wollte es, daß mich mein Weg in die gleiche Richtung führte wie Biller, etwa zweihundert Meter weiter ins Kulturkaufhaus Dussmann. Dort allerdings trennten sich unsere Wege, Biller zog es in die CD-Abteilung, mein Ziel war das Philosophieregal, wo ich zwei Reclam-Bändchen des Philosophen Odo Marquardt erstand, der heute seinen achtzigsten Geburtstag feiert. Dies hat nun wieder seine Stimmigkeit, denn ist nicht neben der Philosophie auch das Schreiben über die Liebe eine Form der Inkompetenzkompensationskompetenz? Ich glaube schon. Und deswegen werde ich als nächstes Billers Kurzgeschichtensammlung Liebe heute lesen.

Götz Aly: „Unser Kampf“. Eine Rezension

Will da etwa einer den Nationalsozialismus relativieren? Der Buchtitel Unser Kampf, bezogen auf die Studentenbewegung um das Jahr 1968, läßt darauf schließen. Denn immerhin waren es doch die 68er, die mit der bundesdeutschen Verdrängung der NS-Zeit Schluß gemacht und sich die Aufarbeitung der deutschen Verbrechen auf ihre Fahnen geschrieben haben – und nebenbei der Bundesrepublik zur längst fälligen Liberalisierung und Demokratisierung verhalfen. So jedenfalls die gängige Meinung, die durch die in den vergangenen Jahren verschiedentlich geäußerte Kritik an Auswüchsen der 68er-Bewegung kaum ins Wanken gebracht worden ist.

Götz Aly, Historiker und ausgewiesener NS-Experte – 1968 selbst ein radikaler Linker –, bestreitet diese Deutung vehement. Seine These: Die Studentenbewegung war ein „Spätausläufer des Totalitarismus“, die linken Studenten verachteten Pluralismus und Demokratie und waren darin ihren Nazi-Eltern ähnlicher, als es ihnen lieb war; sie waren der Gewalt zugetan, fröhnten einer deutsch-romantischen Gemeinschaftsideologie und interessierten sich kein bißchen für die Aufarbeitung der NS-Zeit. „Faschismus“ war ihnen eine bloße Chiffre für gegenwärtige Zustände, die ihnen nicht behagten, und hatte nichts mit dem spezifisch deutschen Menschheitsverbrechen der Schoa zu tun. Folgerichtig glitten die Protagonisten in Antiamerikanismus und Antizionismus ab. Die Abwendung von Israel und den Juden war laut Aly Ausdruck der Schuldabwehr – der bundesdeutsche Staat hatte nämlich mit den Auschwitz- und weiteren NS-Prozessen seit Anfang der 60er-Jahre der deutschen Gesellschaft ihre Verbrechen vor Augen geführt. Die Scham über das Verhalten ihrer Eltern hätten die linken Studenten nicht ertragen und die deutsche Schuld in abstrakten marxistischen Kategorien aufgelöst und nebenbei – im Falle Israels – die Opfer zu Tätern umgedeutet.
Einige der bisher erschienenen Rezensionen zeigen in ihrer Aufgeregtheit, daß Aly zumindest einen Nerv getroffen hat. Auffällig sind die vielen Ad-hominem-Argumente: Aly sei ein „Renegat“, dessen „Furor“ auch nicht besser sei als das, was er kritisiere; er müsse sich zwanghaft an seiner eigenen Geschichte abarbeiten und sei außerdem bloß neidisch, daß er es nicht zur C4-Professur gebracht habe. Diese für eine sachliche Debatte, gelinde gesagt, irrelevanten Einwürfe sind symptomatisch für ein Debattenklima, in dem in Bezug auf 68 augenscheinlich der Grundsatz gilt, daß die Gesamtbilanz unterm Strich gefälligst positiv zu sein habe.

Selbstverständlich hat Alys Buch Schwächen. Sein problematischster Punkt – der es seinen Kritikern besonders leicht macht – ist die Parallelisierung der 68er-Studentenrevolte mit der NS-Studentenschaft von 1933. Zwar findet Aly hier in der Tat beängstigende Parallelen. In Gestus und Wortwahl lesen sich manche NS-Flugschriften wie linke Flugblätter der 70er-, 80er- und der 90er-Jahre. Beide Bewegungen richteten sich gegen die „Spießer“ (Baldur von Schirach) und das „kapitalistische Bildungsmonopol“ (Fritz Hippler), beide beklagten sich über angebliche Polizeischikanen und richteten eine Rote Hilfe (68 ) beziehungsweise eine Vaterländische Gefangenenhilfe (33) ein. Auch Wohngemeinschaften gab es 1933 schon, und sie wurden auch genau mit diesem Wort bezeichnet. Ob diese unbestreitbaren Ähnlichkeiten jedoch bloß zufällige Oberflächenphänomene sind oder eine strukturelle Verwandtschaft beweisen, dies zu klären, bleibt weiterhin Aufgabe der Zeitgeschichtsforschung. Alys zweifellos unterhaltsamer polemischer Essay kann allenfalls eine, zunächst steil klingende, These aufstellen.
Und doch hat Aly sich diese Parallele nicht ausgedacht. Es waren jüdische Remigranten, Verfolgte des NS-Regimes, die den totalitären Charakter der Studentenbewegung erkannten und auf die Nähe zu den Nazis explizit hingewiesen haben. Zu diesen gehörten Max Horkheimer und Theodor W. Adorno – ironischerweise Ikonen der Linken. Es sind aber vor allem die Politologen Richard Löwenthal und Ernst Fraenkel, auf die Aly sich bezieht. Sein Buch ist streckenweise beinahe eine Huldigung an diese beiden jüdischen Sozialdemokraten und Wissenschaftler, die an der Freien Universität Berlin lehrten. Statt sich an diesen zu orientieren – beide hatten bereits in der Emigration Forschungen zum Nationalsozialismus angestellt, die sie in der Bundesrepublik fortführten –, liefen die radikalen FU-Studenten dem linksgewendeten Altfaschisten Johannes Agnoli hinterher, den Fraenkel als „demagogischen Clown“ bezeichnete. Fraenkel bot sich auch an, den Faschismusvorwurf gegen linke Studenten in einem Gerichtsprozeß als Gutachter zu bestätigen. Löwenthal warnte unterdessen in Diskussionen mit Dutschke davor, daß der Versuch, die perfekte utopische Gesellschaft zu schaffen, zwangsläufig in einer Diktatur enden muß. Auch auf die Mao-Begeisterung der Studenten reagierten Fraenkel und Löwenthal mit Fassungslosigkeit, und nicht nur sie. Beiden wäre es nicht in den Sinn gekommen, in solchen Warnungen eine Verharmlosung des Holocaust zu sehen, dem sie knapp entgangen waren. Wieso sollte das der Fall sein, wenn man die 68er-Bewegung rückblickend ähnlich beurteilt? Dieser Vorwurf scheint eher der Ehrenrettung derjenigen zu dienen, die dabei waren und ihren Spaß hatten.

Im Streit um die von den Grünen in Berlin-Kreuzberg gewünschte Umbenennung eines Teils der Axel-Springer-Straße in Rudi-Dutschke-Straße macht Götz Aly am Ende des Buches dann einen wahrhaft salomonischen Vorschlag: Man solle sie doch am besten in Richard-Löwenthal-Promenade umtaufen.

Götz Aly: Unser Kampf. 1968 – ein irritierter Blick zurück

Fischer, Frankfurt/M. 2008, 256 S., 19,90 €

(erschienen in der Jüdischen Allgemeinen vom 21. Februar)

Dafür studiert einer Philosophie?

Der italienische Philosoph Gianni Vattimo, der neben Tariq Ramadan und der Kommunistischen Partei Italiens zu denen gehört, die zum Boykott der Buchmesse in Turin aufrufen, weil Israel das diesjährige Gastland ist, antwortet seinen Kritikern:

„Wenn jeder, der sich gegen Israel wendet, als Antisemit gilt, dann gehöre ich auch dazu.“

Wenn er meint.

Veröffentlicht in:  on 18. Februar 2008 at 16:19 Kommentare (1)

Lulli-bulli

Die fand ich als VIVA-Moderatorin schon gut:

Fernsehmoderatorin Charlotte Roche verteidigt Pornofilme und Prostitution und distanziert sich von der Feministin Alice Schwarzer. Die Behauptung, in Pornofilmen würden Frauen erniedrigt, könne sie nicht nachvollziehen, sagte die 29-Jährige in einem Interview des Magazins „Playboy“. Ich glaube nicht, dass Männer süchtig nach Pornos sind, weil diese Industrie das anbietet. Diese Riesenindustrie ist da, weil es einen unglaublichen Bedarf an Pornografie gibt“, sagte Roche, deren erster Roman „Feuchtgebiete“ am 25. Februar erscheint.

Pornografie abstellen zu wollen, finde sie „totalen Schwachsinn“. Auch sie selbst schaue gelegentlich Pornos: „Aus Neugier. Zur Entspannung, Aufgeilung, Inspiration.“ Allerdings sehe sie keine Filme des Typs „Frauen machen Pornofilme für Frauen“. Die seien zu seicht und „vollkommen lulli-bulli. Da geht’s nur darum, dass eine Frau in Eselsmilch badet und aussieht wie Kleopatra“, meinte Roche.

Veröffentlicht in:  on 15. Februar 2008 at 14:04 Kommentare (2)
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Geschichtsrevisionismus von links

Stalinismus und Faschismus waren politische Bundesgenossen und hatten gleiche oder zumindest vergleich­bare ideologische Ziele.

Das schreibt ein Berliner Historiker in der linken Wochenzeitung Jungle World vom 14. Februar 2008. Was für eine unerträgliche Gleichsetzung zweier grundverschiedener politischer Systeme im Ungeiste der rechtskonservativen und antisemitischen Totalitarismustheorie, einer Ideologie, die nur erfunden wurde, um die Deutschen von ihrer NS-Vergangenheit zu entlasten! Die Opfer der Schoa werden mit diesem Satz aufs Unerträglichste verhöhnt! Zudem soll damit jede sozialistische Utopie ein für allemal diskreditiert werden! So etwas ist unerträglich, antisemitisch und typisch deutsch! Clemens Heni, übernehmen Sie!

Moment, ich habe mich verlesen, das steht da gar nicht, da steht vielmehr:

Konservativismus und Faschismus waren politische Bundesgenossen und hatten gleiche oder zumindest vergleich­bare ideologische Ziele.

Autor: Wolfgang Wippermann, Privatdozent an der Freien Universität Berlin. Dann ist ja alles wieder gut, so stimmt es natürlich, Konservativismus und Faschismus darf man, ja muß man gleichsetzen. Das nicht zu tun, wäre wiederum antisemitisch und geschichtsrevisionistisch. Gut, daß das Weltbild wieder stimmt.

Richard Herzinger über das Rauchverbot

Das Rauchverbot ist ein Baustein in einer großen kulturellen Umkodierung, die in der gesamten westlichen Welt im Gange ist, und gegen die Widerstand auf Dauer so zwecklos ist wie einst gegen die Christianisierung Europas. … (mehr…)

Endlich: Götz Aly als Antisemit entlarvt!

Ein weiteres trauriges Beispiel linksradikalen Wahns von Clemens „Dr. phil.“ Heni.

Pfui, diese Jungmachos!

Mariam Lau macht in der heutigen WELT auf einen Umstand aufmerksam, an dem die deutsche Integrationspolitik bisher eben auch scheiterte – an ihrer Jungen- und Männerfeindlichkeit:

Sie (die Integrationspolitik) war und ist nämlich zu stark auf die Frauenbefreiung ausgerichtet – ein Kollateralschaden des deutschen Feminismus. Frauen sollen vor Ehrenmorden geschützt, zu Sprachkursen angehalten und aus den 30 Quadratmetern Deutschland gerettet werden, während einem zum Pater Familias eigentlich gar nichts mehr einfällt. Die Väter sind oft einfache, vielleicht zu Ohrfeigen neigende Männer vom Land, die keinen Schimmer davon haben, was von ihren Kindern in der Schule erwartet wird. Für ihre Söhne kann man sich vielleicht noch erwärmen, wenn sie Kindergartenkinder sind, aber danach wird es schwierig mit den Sympathien. Niemand braucht die lauten, nervigen jungen Machos.Aber ähnlich wie Erdogan für Vernunft und Verantwortlichkeit zu gewinnen war, als man dazu an ihn appellierte, wird es der türkische Familienvater auch sein. Ohne oder gar gegen ihn geht es jedenfalls nicht.

Stützen der Wirtschaft

Jeder Berliner kennt die Schuhhandelskette Leiser. Kaum einer weiß jedoch, daß das „Schuhhaus Leiser“, Deutschlands erstes großes Schuhkaufhaus in der Tauentzienstraße gegenüber dem KaDeWe, bis Mitte der 30er-Jahre einen jüdischen Besitzer hatte: Julius Klausner, der gezwungen war, auf Druck der Nazis sein Geschäft weit unter Wert zu verkaufen. Das alte Leiser-Logo ist bis heute unverändert geblieben – an Julius Klausner, der nach dem Krieg nur die Hälfte seines Eigentums restituiert bekam, erinnert nichts mehr. (Weiter auf J-Comm.)

Veröffentlicht in:  on 7. Februar 2008 at 12:57 Kommentar schreiben