Antizionistische Üblichkeiten

Die Website “Qantara.de – Dialog mit der islamischen Welt” ist ein gemeinsames Internetportal der Bundeszentrale für politische Bildung, der Deutschen Welle, des Goethe-Instituts und des Instituts für Auslandsbeziehungen. Das Projekt wird vom Auswärtigen Amt der Bundesrepublik Deutschland gefördert.

Der in Berlin lebende israelische Journalist Igal Avidan schrieb für Qantara.de einen Text über den Milliardär Stef Wertheimer, der sein Geld in zahlreiche israelisch-palästinensische Projekte steckt und kürzlich mit der Buber-Rosenzweig-Medaille ausgezeichnet wurde. Der Beitrag wurde abgelehnt, was der Redakteur folgendermaßen begründete:

Lieber Igal Avidan,

ich hatte mich schon Anfang der Woche melden wollen; Zeit is immer so knapp, kennen Sie ja auch. Ganz kurz also zur Info: Wir haben uns entschlossen, den Wertheimer-Text nicht zu publizieren, aus dem einfachen Grund, weil es ein jüdischer Preis ist, der an einen jüdischen Israeli vergeben wurde, der sich offen zum Zionismus bekennt, aber für sein Engagement für israelische Palistinenser ausgezeichnet wurde. Die Botschaft, die man bei so einer Story herausdistellieren kann, ist: Zionismus und das Engagement für die Palestinenser lassen sich wunderbar miteinander vereinbaren! - Nun, es gibt Leute, die in dieser Aussage einen Widerspruch entdecken würden. Ich will jetzt aber gar nicht polemisieren, und es geht auch nicht darum, die Leistungen von Stef Wertheimer zu unterschlagen. Nur müssen wir und wollen wir als Dialogportal ein besonderes Gewicht auf die Ausgewogenheit unserer Berichterstattung legen.

Man hätte das Thema schon auch noch umsetzen können, nur hätte man einen aus unserer Sicht anderen Ansatz wählen müssen, aber in dieser Woche fehlte leider die Zeit dafür. Wegen der Handhabung bez. Honorar setzen wir uns mit ihnen nächste Woche in Verbindung.

Mit freundlichen Grüßen,

Lewis Gropp
Redaktion / Editorial staff Qantara.de
c/o Deutsche Welle
Lewis.Gropp@dw-world.de

Igal Avidan antwortete darauf:

Lieber Herr Gropp,

Ihre Antwort erstaunt mich.

Zum einen ist die Buber-Rosenzweig-Medaille, anders als Sie annehmen, kein “jüdischer Preis”, sondern sie wird vom Koordinierungsrat der Christlich-Jüdischen Gesellschaften verliehen, die (aus bekannten historischen Gründen) mehrheitlich aus Nichtjuden bestehen.

Stef Wertheimer setzt sich nicht besonders für Palästinenser (und nicht Palestinenser) ein, sondern für alle Menschen im Nahen Osten, die arbeiten wollen und die Gewalt und Fanatismus ablehnen.

Zum anderen ist der Zionismus die Antwort auf die Judenverfolgung in Europa und bildete die Grundlage für die Errichtung des Staates Israel. Wäre der Zionismus erfolgreicher gewesen, so wären möglicherweise nicht sechsMillionen Juden ermordet worden.

Ich sehe keinen Widerspruch zwischen Zionismus und dem Einsatz für eine friedliche Lösung des Konfliktes. Jossi Beilin und die Genfer Initiative sind ein ausgezeichnetes Beispiel dafür.

Wenn Sie als Internetportal der Deutschen Welle einen Dialog wirklich wollen, dann eben auch mit Zionisten, die immerhin die Mehrheit der Israelis darstellen. Wenn Sie aber über einen Menschen wie Steff Wertheimer nicht berichten wollen, weil er ein Zionist ist, dann wollen Sie wohl keinen Dialog mit Israelis.

Ich werde Ihr Schreiben öffentlich machen und bin gespannt auf die Reaktionen.

Mit zionistischem Gruss,

Igal Avidan

Ich fragte den Qantara-Redakteur Gropp per E-Mail:

Ich muß gestehen, daß sich mir die Logik Ihrer Begründung nicht völlig erschließt. Können Sie mir darüber Auskunft geben, was damit gemeint sein soll?

Gropp schrieb mir daraufhin:

Sehr geehrter Ingo Way,

danke für Ihre Mail. Erlauben Sie mir, Ihnen die Antwort zukommen zu lassen, mit der wir auf die verschiedenen Anfragen in dieser Sache reagiert haben. Melden Sie sich gerne, wenn Sie weitere Rückfragen haben. Ich bin indessen ab morgen bis zum 12. April verreist; wenden Sie sich dann bitte an unseren Redaktionsleiter, Loay Mudhoon, (loay.mudhoon@dw-world.de; 0228-429-2596).

Mit freundlichen Grüßen,

Lewis Gropp

***

Sehr geehrte Damen und Herren,

der Anlass ist zwar ein Unerfreulicher, aber Sie waren rücksichtsvoll genug, die Mail auch an uns zu versanden, was uns die Gelegenheit gibt, dazu Stellung zu beziehen - was wir hiermit gerne tun möchten.

Aufgrund von Abstimmungsschwierigkeiten kam es in diesem Fall zu beträchtlichen Missverständnissen, die wir allerdings mit unserem langjährigen Autor Igal Avidan bereits am vergangenen Sonntag ausräumen konnten. Der Artikel ist inzwischen wie mit ihm abgesprochen auf unserer Seite publiziert.

In der Sache sind unsere Positionen nicht korrekt wiedergegeben worden; unser Dialog-Magazin steht für eine fundierte und ausgewogene Berichterstattung, eine Verantwortung, die wir gerade in Bezug auf Israel sehr ernst nehmen. So finden sich auf unseren Seiten mehrere Beiträge, die sich mit dem Problem der pauschal anti-israelischen Positionen in der arabischen Welt, auch über das Problem der Holocaust-Leugnung haben wir immer wieder aus gegebenem Anlass berichtet. Regelmäßig publizieren renommierte israelische Autoren und Journalisten auf Qantara.de. Die geäußerten Vorwürfe und Mutmaßungen möchten wir daher entschieden zurückweisen.

Bei weiteren Fragen stehen wir Ihnen gerne zur Auskunft zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen,

Loay Mudhoon, Redaktionsleiter

Lewis Gropp, Redakteur

***
Redaktion Qantara.de
c/o Deutsche Welle
Kurt-Schumacher-Str. 3
53113 Bonn
Germany
Loay.Mudhoon@dw-world.de
Lewis.Gropp@dw-world.de
www.qantara.de

In der Tat ist der Text von Avidan inzwischen auf der Seite zu finden. Worin allerdings die beträchtlichen Mißverständnisse bestanden haben, erschließt sich mir nach wie vor nicht. Gropp hatte sich m.E. recht unmißverständlich ausgedrückt. Wenn es heißt In der Sache sind unsere Positionen nicht korrekt wiedergegeben worden, steht das jedenfalls im deutlichen Widerspruch zu den wörtlichen Zitaten aus Gropps Mail an Avidan.

Eine andere Frage wiederum ist, warum letzterer überhaupt Wert darauf legt, bei Qantara zu publizieren. Sieht man sich das Umfeld dieser Seite nämlich einmal an, zeigt sich, daß dort der Dialog mit der islamischen Welt überwiegend so verstanden wird, das man alles abnickt, was die “islamische Welt” so fordert. Es finden sich zahlreiche Artikel über die schlimmen Folgen von Schutzzaun und Grenzkontrollen, zur Diskrimierung der arabischen Israelis und zur sogenannten Nakba, aber nichts über den andauernden Raketenbeschuß aus dem Gazastreifen – auf einer Seite, die nach Auskunft eines ihrer Redakteure auf ausgewogene Berichterstattung so großen Wert legt. Der frühere libanesische Finanzminister George Corm übt die übliche Schelte am Westen (”ihr seid selber nicht perfekt, ätschbätsch”), Jürgen Todenhöfer fordert den üblichen Respekt für die islamische Welt und die üblichen Genderforscherinnen verneigen sich vor dem islamischen Feminismus. Alles im Rahmen des Üblichen eben. Wie sonst käme man in den Genuß von Förderung durch die Bundeszentrale für politische Bildung, die Deutsche Welle, das Goethe-Institut, das Institut für Auslandsbeziehungen und das Auswärtige Amt?

Muffensausen

Der dänische Karikaturist Kurt Westergaard gehtgerichtlich gegen den Anti-Islam-Film des niederländischen Politikers Geert Wilders vor. Das kündigte Dänemarks Journalistenverband amFreitag in Kopenhagen an. Wilders habe die international bekannteMohammed-Karikatur Westergaards ohne Genehmigung verwendet. Mandistanziere sich in aller Form davon, dass die Zeichnung mit demPropheten Mohammed als Terrorist mit einer Bombe im Turban «fürpolitische Propaganda missbraucht wird», sagte Verbandschef Mogens Bjerregård.Westergaard sagte im Rundfunk, Wilders habe die Karikatur «ineinem völlig falschen Zusammenhang für eigene Zwecke benutzt und deshalb missbraucht». Der Niederländer setzt in seinem 15-minütigen, am Donnerstag im Internet veröffentlichten Film den Islam mit dem Faschismus gleich und verlangt ein Verbot des Korans. Am Anfang und am Ende des Streifens ist die dänische Karikatur zu sehen.

Westergaard lebt auf Anraten des dänischen Geheimdienstes PET wegen Morddrohungen an wechselnden Adressen. Seine Zeichnung war 2005 mit elf weiteren Mohammed-Karikaturen in der größten dänischen Zeitung «Jyllands-Posten» erschienen. Auch der Kulturchef des Blattes, Flemming Rose, distanzierte sich von dem Wilders-Film. Mehrere Monate nach dem Erscheinen der Zeichnung in der betont islam-kritischen Zeitung waren bei massiven Protesten in islamischen Ländern mehr als 150 Menschen ums Leben gekommen. (dpa)

Hausordnung

Gastbeitrag von Ella Greifer (Tel Aviv)

Der dänische Karikaturist Kurt Westergaard, der zur Zeit wegen seiner Mohammed-Karikatur bedroht wird, erinnert sich nostalgisch an bessere Tage:

He recalled a cartoon he did years ago to complement an article defending Palestinians against Israelis, “not because this was my belief but because my job was to illustrate the views in this article, and I showed a Palestinian wearing a yellow star with ‘Arab’ on it.” He continued: “Many people called to protest. One man said I had abused a Jewish symbol. We talked for a long time and finally accepted each other’ s viewpoint.” It was the talking, he said, that mattered.

Selbstverständlich ließ Westergaards jüdischer Kritiker sich letztlich zum Verständnis breitschlagen. Er wußte schließlich, daß er im christlichen Europa nie ganz zu Hause wäre und er also die Hausordnung seines „Gastgebervolkes“ zu akzeptieren hat, wolle er dieses nicht reizen. Der zur freiheitsbegeisterten 68er-Generation gehörende Cartoonist war sicher gekränkt, als ihm Antisemitismus vorgeworfen wurde. Es war für ihn lediglich eine Selbstverständlichkeit, daß der Jude kein „Zuhause“ haben darf, wo’s nach seinem Geschmack zugeht. Seine Zeichnung thematisierte zwar keine der bekannten Mythen über Brunnenvergiftungen oder Weltherrschaftsambitionen, es brachte lediglich die Empörung darüber zum Ausdruck, daß der Jude sein eigenes Zuhause haben will und, wird es überfallen, es sogar zu verteidigen wagt, als ob er ein Mensch wie jeder andere wäre.

Diese Haltung gilt der 68er-Generation nicht als rassistisch – im Unterschied etwa zu den Kreuzzügen, die als Europas Ursünde gelten, obwohl das „Heilige Land“ bis heute mindestens zehnmal den Besitzer gewechselt hat. Noch schlimmer als die Kreuzzüge war freilich die Anerkennung Israels durch die Weltgemeinschaft. Die 68er-Helden warfen salbungsvoll die Frage auf: „Wie konnte man einem Volk das Land eines anderen Volkes zusprechen?“ – und liefen schnell davon, um die zahlreichen plausiblen Antworten nicht hören zu müssen. Denn sie hatten Israel längst zum Sühne- und Versöhnungsopfer auserkoren, zur feierlichen Schlachtung auf dem Altar der Dritte-Welt-Anbetung.

Selbstverständlich fiel ihnen nicht auf, daß ihre „fortschrittliche“ Haltung auf eine zweitausendjährige Tradition zurückblicken konnte. Das Judenschlachten galt seit jeher als Allheilmittel gegen Pestseuche, Wirtschaftskrise, Kriegsniederlage, … Es war halt so selbstverständlich wie das Prosareden von Molières Monsieur Jourdain.

Und nun muß unser armer Cartoonist in den Untergrund gehen und um sein Leben bangen, weil er bei sich zu Hause, in seinem eigenen Lande, so leben will, wie es ihm gefällt, wie es seiner postchristlichen Kultur entspricht – und es stellt sich heraus, daß er es nicht mehr darf. Er hat nämlich die Ordnung zu akzeptieren, die von denen mitgebracht worden ist, die sich als die neuen Herren aufspielen. Wenn es nach diesen geht, ist sein Zuhause nicht mehr seines, bestenfalls könne er eine Mietwohnung beanspruchen, wenn er sich benimmt.

Und siehe da … er findet es gar nicht so selbstverständlich. Er ist bereit zu kämpfen, er verteidigt sein Land, er läßt sich nicht so ohne weiteres sein Zuhause nehmen … Nein, er, der doch kein Jude ist, darf doch nicht wie einer behandelt werden!

Auch Furor kann witzig sein

Auch Hannes Stein findet Götz Alys 68er-Buch gut. Und interessant: Gerade den Vorwurf vieler Rezensenten, Alys “Furor” kranke an Humorlosigkeit, teilt Hannes Stein nicht: “Das Buch ist streckenweise sehr witzig.” Was wiederum meinem Leseeindruck entspricht.

Veröffentlicht in: on März 19, 2008 at 12:15 Kommentare (0)
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Zeev Sternhell: „Ich bin nicht nach Israel gekommen, um in einem binationalen Staat zu leben.”

Der israelische Ideenhistoriker Zeev Sternhell erhält dieses Jahr als weltweit renommierter Faschismusforscher und einer der führenden Intellektuellen seines Landes den Israel-Preis für politische Wissenschaften. In einem Interview mit Ari Shavit hat er sich nun ausführlich zu seinem Verhältnis zu Israel und dem Zionismus geäußert.

Für Sternhell, der 1935 in Galizien geboren wurde, den Holocaust im besetzten Polen überlebte und 1951 von Frankreich aus nach Israel einwanderte, stellt Israel vor dem Hintergrund der Erfahrungen seiner Jugend nicht primär eine politische Angelegenheit, sondern eine „Rückkehr zur Menschlichkeit“ dar: „Eine Rückkehr zum Leben als Menschen. Denn dort, im Ghetto, hat man die menschliche Grundlage in sich verloren. Die menschliche Identität. Man hörte überhaupt auf, menschlich zu sein. Man war kein Mensch.“

„Als Jugendlicher in Avignon habe ich drei Zeitungen am Tag gelesen und durch die die Entwicklungen in Palästina verfolgt. Dann kam die Erklärung zur Gründung des Staates, im Mai 1948. Ihre Generation kann nicht die Aufregung verstehen, die uns erfasste. Es war nur vier Jahre, nachdem die Rote Armee uns befreit hatte, sechs Jahre, nachdem die Nazis das Ghetto ausgelöscht hatten. Und der Übergang von diesem Schrecken, dieser Hilflosigkeit, zu einem jüdischen Staat, der einen Krieg gewinnt.

Als 13jähriger Junge fürchtete ich sehr, dass die Araber die Juden abschlachten würden. Es sah aus, als gäbe es nur 60.000 Juden und um sie herum Millionen von Arabern. Und dann die Tatsache, dass die Armee der Juden kämpfte und siegte und der Staat entstand – das war für mich etwas jenseits aller Vorstellungen. Die reine Tatsache, dass diese Juden, die in die Ghettos gingen, die man durch die Straßen jagte, die man tötete und schlachtete, nun aufstehen und sich einen Staat errichten. Ich betrachtete dies wirklich als ein Wunder. Dies war ein historisches Ereignis von beinahe metaphysischer Dimension. Und plötzlich gibt es Juden, die Minister sind, Juden, die Offiziere sind, und einen Pass, Uniformen, eine Flagge. Und jetzt haben die Juden, was die Goyim haben. Sie sind nicht mehr von den Goyim abhängig. Sie können auf sich selbst aufpassen. Die Gründung des Staates war für mich wie die Schöpfung der Welt. In meinem ganzen Leben gab es keinen aufregenderen Moment. Er versetzte mich in eine Art Rauschzustand.“

„Ich bin nicht nur Zionist, ich bin Super-Zionist. Für mich war und bleibt der Zionismus  das Recht der Juden, selbst über ihr Schicksal und ihre Zukunft zu bestimmen. Das Recht von Menschen, Herren ihrer selbst zu sein, ist in meinen Augen ein Naturrecht. Ein Recht, das die Geschichte den Juden verweigert hatte und vom Zionismus zurückgeholt wurde. Das ist seine tiefere Bedeutung. Damit stellt er eine mächtige Revolution dar, die das Leben von jedem einzelnen von uns berührt. Ich habe diese Revolution gefühlt, als ich im Gymnasiastenalter allein nach Israel einwanderte. Erst da, als ich im Hafen von Haifa das Schiff „Artza“ verließ, hörte ich auf, das Objekt des Handelns anderer zu sein und wurde zu einem Subjekt. Erst dann wurde ich zu einem Menschen, der über sich selbst bestimmt und nicht von anderen abhängig ist.

„Ich bin ein alter zionistischer Linker, sowohl im nationalen als auch im sozialen Sinne. Wenn man so will, bin ich ein National-Israeli. Es wird zweifellos Freunde von mir auf der Welt geben, die dies nicht positiv betrachten, aber ich habe noch nie darum gebeten, positiv betrachtet zu werden. Wer den Zweiten Weltkrieg überstanden und die Gründung des Staates erlebt hat und allein mit noch nicht einmal 16 Jahren eingewandert ist, ist allein daher hierher gekommen, um in einem jüdischen Nationalstaat zu leben.

Es liegen hier zwei Dimensionen vor. In der einen Dimension glaube ich nicht, dass man hier die Existenz sichern kann ohne Nationalstaat. Ich mache mir nichts vor. Ich glaube, wenn die Araber uns vernichten könnten, würden sie dies mit Freude tun. Wenn die Palästinenser und die Ägypter, und all jene, die mit uns Abkommen unterzeichnet haben, etwas tun könnten, damit wir nicht hier wären, wären sie glücklich. Daher droht uns noch immer eine existentielle Gefahr. Und Stärke ist noch immer die Versicherungspolice für unsere Fortexistenz. Und obwohl ich gegen die Besatzung bin, und obwohl ich will, dass die Palästinenser die gleichen Rechte haben wie ich, glaube ich, dass ich den nationalstaatlichen Rahmen brauche, um mich selbst zu verteidigen.

Aber es gibt auch die andere Dimension. Ich habe keine Religion. Ich habe nicht die Sicherheit und nicht die Stütze der Religion. Daher bin ich ohne den nationalstaatlichen Rahmen ein entwurzelter Mensch. Ein unvollständiger Mensch.  Es ist ein Paradox. Heute sprechen die Religiösen im Namen des Nationalismus, den ich nicht akzeptiere, da er den anderen, den palästinensischen Nationalismus nicht achtet. Aber die Wahrheit ist, dass wir, die Säkularen, des nationalstaatlichen Rahmens sehr viel mehr bedürfen als die Religiösen. Wenn man mir Israel nimmt, bleibe ich mit nichts, gar nichts zurück. Ich bin nackt und bloß. Daher ist Israel so wichtig für mich. Und ich kann es nicht wie eine vollendete, gewöhnliche und normale Tatsache behandeln. Ich behandle es wie etwas, das man die ganze Zeit schützen muss. Etwas, bei dem man darauf achten muss, dass es einem nicht zwischen den Fingern zerrinnt. Denn Dinge zerrinnen leicht, das haben wir schon gelernt. Und manchmal schnell, von einem Tag auf den anderen.“

Ich bin nicht nach Israel gekommen, um in einem binationalen Staat zu leben. Hätte ich als Minderheit leben wollen, hätte ich andere Orte wählen können, an denen das Leben als Minderheit sowohl angenehmer als auch sicherer ist. Aber ich bin auch nicht nach Israel gekommen, um ein Kolonialherr zu sein. In meinen Augen ist ein Nationalismus, der nicht universal ist, der nicht die nationalen Rechte anderer achtet, ein gefährlicher Nationalismus. Daher glaube ich, dass die Zeit drängt. Wir haben keine Zeit. Und was mich besorgt macht, ist, dass das gute Leben hier, das Geld und die Börse und die Wohnungen in der Preislage Manhattans die Leute in einer schrecklichen Illusion leben lassen. Aber es kann nicht noch hundert Jahre so weiter gehen. Ich bin nicht sicher, dass es noch zehn Jahre so weiter gehen kann.

Meine Generation, die erste Generation der Staatsgründung, für die die Existenz des Staates ein Wunder ist, verlässt nach und nach die Bühne. Und für uns ist es eine Tragödie, dies zu sehen. Für mich ist das wirklich das Ende der Welt. Denn  der Mensch will die Zukunft seiner Kinder und seiner Enkel gesichert wissen. Als Bürger will ich die Zukunft der Gesellschaft gesichert wissen, in der ich lebe. Und als Mensch strebe ich danach, etwas zu hinterlassen, Fingerabdrücke. Und ich will wissen, dass, wenn ich den Löffel abgebe, meine Töchter und Enkelinnen hier weiter ein normales Leben führen werden. Ein normales Leben, das ist, was wir wollten. Aber heute erscheint dieses normale Leben nicht gesichert. Die Zukunft meiner Töchter und Enkelinnen erscheint mir nicht gesichert. Und das verfolgt mich wirklich. Es verfolgt mich, dass das, was heute ist, morgen auseinander fallen kann.“

(via Newsletter der israelischen Botschaft, Hervorhebungen von mir)

Veröffentlicht in: on März 12, 2008 at 4:17 Kommentare (2)
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Nachklapp zum Frauentag

Heute beim späten Frühstück erst gelesen: Die FAZ interviewt den einzigen weiblichen Redakteur der TITANIC, Martina Werner, über die Unterschiede zwischen weiblichem und männlichem Humor. Ihr Fazit: Ersterer ist nicht so dolle.

Was macht diesen weiblichen Humor aus?
Er ist vor allem harmlos. Lesen Sie mal in Frauenzeitungen die „witzigen“ Essays. Da wird dann von Männern erzählt, die ihre schmutzigen Socken nicht in den Wäschekorb werfen. … Viele Frauen sind leider durch Bücher von Hera Lind oder Amelie Fried oder durch Fernsehauftritte von Anke Engelke oder Barbara Schöneberger humorsozialisiert. Sie fürchten sich davor, ein Attribut der Weiblichkeit zu verlieren, wenn ihr Witz nicht niedlich und freundlich ist. … Ich denke, vielen Frauen reicht dieser kultivierte Humor.

Stehen Sie denn auf Zoten?
Durchaus. Eines meiner Lieblingstitelbilder hier war etwa das mit der nackten Frau, die sich lasziv Wasser über ihren Körper kippt. Darunter stand: „Frauen zu doof zum Trinken“.

Wie wirkt dieser Humor denn in Ihrem privaten Umfeld?
Auch da merke ich einen geschlechtsspezifischen Unterschied, wenn Freundinnen etwa von meinen pornografischen Witzen in der „Titanic“ geschockt sind oder Männer mir diese Art Humor nicht zutrauen. Ein anderes Beispiel sind die alten „Titanic“-Titel, die in meiner Wohnung hängen. Wenn wir Besuch bekommen, lachen immer nur die Männer über die Bilder.

Weil Frauen sie nicht witzig finden?
Weil sie sie nicht verstehen. Vielen Frauen fehlt das politische Grundwissen für das Lesen eines Satiremagazins. Deshalb hat die „Titanic“ auch überwiegend männliche Leser. Am humorlosesten sind übrigens Mütter. Ich habe selbst ein Kind und verbringe daher zwangsläufig viel Zeit mit anderen Müttern. Wenn es um ihre eigenen Kinder geht, hört der Spaß bei denen auf.


Veröffentlicht in: on März 10, 2008 at 12:10 Kommentare (1)
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Der Vatermord, der die Falschen traf

Marko Martin erinnert an eine freiheitliche Tradition, die mit der Reeducation, verkörpert nicht zuletzt durch jüdische Remigranten, die keine Nachhilfe in Sachen Antifaschismus brauchten, nach Deutschland kam und durch die Arroganz und Aggressivität der Neuen Linken um 68 in Vergessenheit geraten ist: den liberalen Antitotalitarismus.

Wer sich in Archive begibt, um langjährige Interpretationen - sprich: Lebenslügen - mit historischen Quellen und Primärtexten abzugleichen, gerät leicht in den Ruch des Besserwissers, Nachtreters, ja des Denunzianten. Zuletzt hatte der Historiker Götz Aly diese Erfahrung machen müssen, als er für sein Buch “Unser Kampf 1968 - ein irritierter Blick zurück” recherchierte und zum argen Verdruss seiner ehemaligen Genossen so manch teutonisch unappetitliches Schriftstück zutage förderte, welches das bis heute wirkungsmächtige Selbstbild der 68er als liberal-libertäre Modernisierungs-Avantgarde gründlich konterkarierte.
(In Antiquariaten lassen sich) Exemplare der liberalen Kulturzeitschrift “Der Monat” finden, die 1948 auf Initiative der Amerikaner gegründet worden war, um den desorientierten Nachkriegsdeutschen angelsächsische Demokratietradition näher zu bringen, aber auch jene urbane Moderne-Neugier und den Antitotalitarismus, den die einst von Hitler vertriebenen Intellektuellen im Gepäck hatten: Hannah Arendt, Franz Borkenau, Arthur Koestler, Manés Sperber, Hans Sahl, Walter Mehring oder Hilde Spiel. …
Im damals noch viel gelesenen “Monat” jener Jahre zu schmökern, bedeutet nichts Geringeres, als sich von einer Legende zu verabschieden: Denn ja - es passte sehr wohl ein gewichtiges Blatt zwischen “Bild”-Schlagzeilen einerseits und SDS-Verlautbarungen andererseits. Und nein - es waren weder allein knarzige Altreaktionäre, welche die Studentenbewegung damals kritisierten, noch windelweiche Fellow-Traveller, die gleichzeitig so manchen Aspekt des Protestes für legitim und zukunftsweisend hielten. … Was, fragt man sich im Rückblick, hätte daraus für ein spannendes Generationsgespräch werden können!

Bereits zwei Jahre zuvor, im November 1966, hatte Hellmut Jaesrich an gleicher Stelle warnend zu bedenken gegeben: “Die blinden Eiferer der 50er-Jahre sind durch genauso blinde Eiferer mit umgekehrter Front abgelöst worden. Damals glaubten alle naiven Gemüter, wenn etwas schiefgegangen war, könne es nur an den bösen Kommunisten liegen. Heute glaubt dieselbe Art von Menschen, alles wäre leichter, wenn nicht überall die bösen Antikommunisten steckten und die braven Geister in ihrer Arbeit behinderten.”
Freilich hatte der “Monat” - selbst zu ideologischen Hochzeiten - nie einen derlei kollektiv brabbelnden Sonntagsreden-Antikommunismus gepflegt, sondern stets die Fahne individueller Selbstreflexion hochgehalten. Es zählt zu seinen tragischen, letztlich aber auch sympathischen Irrtümern, dass man glaubte, ein solch kohärenter und dazu biografisch beglaubigter Antitotalitarismus müsse als Grundkonsens doch weiterhin unbestritten bleiben.

… Einer, der dies mit Sorge sah, war überraschenderweise - Günter Grass …: “Zwar müssen Mao, Marx und Marcuse die Zitate hergeben, doch mir will es vorkommen, als versuche sich wieder einmal der deutsche Idealismus mithilfe des Studentenprotestes zu regenerieren. Denn woher kommt diese Sucht, Bilder als Vorbilder und die rote Fahne als Wert an sich durch die Straßen zu führen? Der tote Revolutionär Che Guevara als Pin-up … Woher kommen diese Alles-oder-nichts-Forderungen, wenn nicht aus der gutgedüngten Kleingartenerde des deutschen Idealismus?” Und beinahe prophetisch den kommenden Weg Horst Mahlers von SDS zu RAF zu NPD antizipierend: “Wer gestern noch seine schönpolierte Musiktruhe mit der Internationalen bediente, wird morgen Götterdämmerung auflegen und dem Urraunen lauschen wollen.”
… Politischer Liberalismus in den Jahren um 1968 reimte sich keineswegs nur auf den Namen FDP und verstand es, auf hohem intellektuellem Niveau Debatten zu führen. … Genutzt hat es freilich nicht viel. All die ideologische Wirrnis, die man mitsamt ihrem machttechnischen Mörder-Hintergrund jahrzehntelang von allen Seiten beleuchtet hatte, begann nun als “frenetischer Meinungssuff” (Manés Sperber) erneut in beträchtlichem Maße junge Köpfe zu vernebeln. Vielleicht aber hätte “Der Monat” ohnehin keine Chance mehr gehabt. Vermutlich hatte die gängige Rede vom “unausweichlichen Generationenkonflikt” ja vor allem diesen deprimierend darwinistischen Kern: Die Alten mussten weggebissen werden.

Veröffentlicht in: on März 3, 2008 at 5:20 Kommentare (0)
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