Antizionistische Üblichkeiten

Die Website “Qantara.de – Dialog mit der islamischen Welt” ist ein gemeinsames Internetportal der Bundeszentrale für politische Bildung, der Deutschen Welle, des Goethe-Instituts und des Instituts für Auslandsbeziehungen. Das Projekt wird vom Auswärtigen Amt der Bundesrepublik Deutschland gefördert.

Der in Berlin lebende israelische Journalist Igal Avidan schrieb für Qantara.de einen Text über den Milliardär Stef Wertheimer, der sein Geld in zahlreiche israelisch-palästinensische Projekte steckt und kürzlich mit der Buber-Rosenzweig-Medaille ausgezeichnet wurde. Der Beitrag wurde abgelehnt, was der Redakteur folgendermaßen begründete:

Lieber Igal Avidan,

ich hatte mich schon Anfang der Woche melden wollen; Zeit is immer so knapp, kennen Sie ja auch. Ganz kurz also zur Info: Wir haben uns entschlossen, den Wertheimer-Text nicht zu publizieren, aus dem einfachen Grund, weil es ein jüdischer Preis ist, der an einen jüdischen Israeli vergeben wurde, der sich offen zum Zionismus bekennt, aber für sein Engagement für israelische Palistinenser ausgezeichnet wurde. Die Botschaft, die man bei so einer Story herausdistellieren kann, ist: Zionismus und das Engagement für die Palestinenser lassen sich wunderbar miteinander vereinbaren! - Nun, es gibt Leute, die in dieser Aussage einen Widerspruch entdecken würden. Ich will jetzt aber gar nicht polemisieren, und es geht auch nicht darum, die Leistungen von Stef Wertheimer zu unterschlagen. Nur müssen wir und wollen wir als Dialogportal ein besonderes Gewicht auf die Ausgewogenheit unserer Berichterstattung legen.

Man hätte das Thema schon auch noch umsetzen können, nur hätte man einen aus unserer Sicht anderen Ansatz wählen müssen, aber in dieser Woche fehlte leider die Zeit dafür. Wegen der Handhabung bez. Honorar setzen wir uns mit ihnen nächste Woche in Verbindung.

Mit freundlichen Grüßen,

Lewis Gropp
Redaktion / Editorial staff Qantara.de
c/o Deutsche Welle
Lewis.Gropp@dw-world.de

Igal Avidan antwortete darauf:

Lieber Herr Gropp,

Ihre Antwort erstaunt mich.

Zum einen ist die Buber-Rosenzweig-Medaille, anders als Sie annehmen, kein “jüdischer Preis”, sondern sie wird vom Koordinierungsrat der Christlich-Jüdischen Gesellschaften verliehen, die (aus bekannten historischen Gründen) mehrheitlich aus Nichtjuden bestehen.

Stef Wertheimer setzt sich nicht besonders für Palästinenser (und nicht Palestinenser) ein, sondern für alle Menschen im Nahen Osten, die arbeiten wollen und die Gewalt und Fanatismus ablehnen.

Zum anderen ist der Zionismus die Antwort auf die Judenverfolgung in Europa und bildete die Grundlage für die Errichtung des Staates Israel. Wäre der Zionismus erfolgreicher gewesen, so wären möglicherweise nicht sechsMillionen Juden ermordet worden.

Ich sehe keinen Widerspruch zwischen Zionismus und dem Einsatz für eine friedliche Lösung des Konfliktes. Jossi Beilin und die Genfer Initiative sind ein ausgezeichnetes Beispiel dafür.

Wenn Sie als Internetportal der Deutschen Welle einen Dialog wirklich wollen, dann eben auch mit Zionisten, die immerhin die Mehrheit der Israelis darstellen. Wenn Sie aber über einen Menschen wie Steff Wertheimer nicht berichten wollen, weil er ein Zionist ist, dann wollen Sie wohl keinen Dialog mit Israelis.

Ich werde Ihr Schreiben öffentlich machen und bin gespannt auf die Reaktionen.

Mit zionistischem Gruss,

Igal Avidan

Ich fragte den Qantara-Redakteur Gropp per E-Mail:

Ich muß gestehen, daß sich mir die Logik Ihrer Begründung nicht völlig erschließt. Können Sie mir darüber Auskunft geben, was damit gemeint sein soll?

Gropp schrieb mir daraufhin:

Sehr geehrter Ingo Way,

danke für Ihre Mail. Erlauben Sie mir, Ihnen die Antwort zukommen zu lassen, mit der wir auf die verschiedenen Anfragen in dieser Sache reagiert haben. Melden Sie sich gerne, wenn Sie weitere Rückfragen haben. Ich bin indessen ab morgen bis zum 12. April verreist; wenden Sie sich dann bitte an unseren Redaktionsleiter, Loay Mudhoon, (loay.mudhoon@dw-world.de; 0228-429-2596).

Mit freundlichen Grüßen,

Lewis Gropp

***

Sehr geehrte Damen und Herren,

der Anlass ist zwar ein Unerfreulicher, aber Sie waren rücksichtsvoll genug, die Mail auch an uns zu versanden, was uns die Gelegenheit gibt, dazu Stellung zu beziehen - was wir hiermit gerne tun möchten.

Aufgrund von Abstimmungsschwierigkeiten kam es in diesem Fall zu beträchtlichen Missverständnissen, die wir allerdings mit unserem langjährigen Autor Igal Avidan bereits am vergangenen Sonntag ausräumen konnten. Der Artikel ist inzwischen wie mit ihm abgesprochen auf unserer Seite publiziert.

In der Sache sind unsere Positionen nicht korrekt wiedergegeben worden; unser Dialog-Magazin steht für eine fundierte und ausgewogene Berichterstattung, eine Verantwortung, die wir gerade in Bezug auf Israel sehr ernst nehmen. So finden sich auf unseren Seiten mehrere Beiträge, die sich mit dem Problem der pauschal anti-israelischen Positionen in der arabischen Welt, auch über das Problem der Holocaust-Leugnung haben wir immer wieder aus gegebenem Anlass berichtet. Regelmäßig publizieren renommierte israelische Autoren und Journalisten auf Qantara.de. Die geäußerten Vorwürfe und Mutmaßungen möchten wir daher entschieden zurückweisen.

Bei weiteren Fragen stehen wir Ihnen gerne zur Auskunft zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen,

Loay Mudhoon, Redaktionsleiter

Lewis Gropp, Redakteur

***
Redaktion Qantara.de
c/o Deutsche Welle
Kurt-Schumacher-Str. 3
53113 Bonn
Germany
Loay.Mudhoon@dw-world.de
Lewis.Gropp@dw-world.de
www.qantara.de

In der Tat ist der Text von Avidan inzwischen auf der Seite zu finden. Worin allerdings die beträchtlichen Mißverständnisse bestanden haben, erschließt sich mir nach wie vor nicht. Gropp hatte sich m.E. recht unmißverständlich ausgedrückt. Wenn es heißt In der Sache sind unsere Positionen nicht korrekt wiedergegeben worden, steht das jedenfalls im deutlichen Widerspruch zu den wörtlichen Zitaten aus Gropps Mail an Avidan.

Eine andere Frage wiederum ist, warum letzterer überhaupt Wert darauf legt, bei Qantara zu publizieren. Sieht man sich das Umfeld dieser Seite nämlich einmal an, zeigt sich, daß dort der Dialog mit der islamischen Welt überwiegend so verstanden wird, das man alles abnickt, was die “islamische Welt” so fordert. Es finden sich zahlreiche Artikel über die schlimmen Folgen von Schutzzaun und Grenzkontrollen, zur Diskrimierung der arabischen Israelis und zur sogenannten Nakba, aber nichts über den andauernden Raketenbeschuß aus dem Gazastreifen – auf einer Seite, die nach Auskunft eines ihrer Redakteure auf ausgewogene Berichterstattung so großen Wert legt. Der frühere libanesische Finanzminister George Corm übt die übliche Schelte am Westen (”ihr seid selber nicht perfekt, ätschbätsch”), Jürgen Todenhöfer fordert den üblichen Respekt für die islamische Welt und die üblichen Genderforscherinnen verneigen sich vor dem islamischen Feminismus. Alles im Rahmen des Üblichen eben. Wie sonst käme man in den Genuß von Förderung durch die Bundeszentrale für politische Bildung, die Deutsche Welle, das Goethe-Institut, das Institut für Auslandsbeziehungen und das Auswärtige Amt?