Tomologie

Auch Hannes Stein hat Wirners und meinen Artikel über die Antideutschen gelesen, ist davon angetan und schreibt auf der Achse des Guten dazu:

Dieser Witz—ich gebe es zu—stammt nicht von mir, sondern von Manès Sperber: Tomologie, schrieb er, sei die Sektenkunde, da es sich bei “Entomologie” ja um die Insektenkunde handelt.
Hier ein weiterer Beitrag zu diesem Fach. Ich wusste ja, dass evangelikale Christen in den USA zwar sehr proisraelisch sind, sich andererseits aber nicht wirklich für Juden interessieren, jedenfalls nicht für real existierende Juden, sondern nur für jenes Israel, das im kommenden apokalyptischen Endkampf seine Rolle zu spielen hat, bevor esus vom Himmel schwebt und alle erlöst. Nun lerne ich, dass es im Grunde dieselbe Theologie auch in einer rotlackierten Version gibt. Manès Sperber hätte nicht schlecht gestaunt! Aber vielleicht hätte er es auch ganz natürlich gefunden.

Parteilinien

Eine sehr lesenswerte Auseinandersetzung mit der linksradikalen Sekte der Antideutschen und dem Text „Mit Wimpel und Mützchen“ von Stefan Grigat, den auch Stefan Wirner und ich uns kürzlich vorgenommen haben, gibt es auf dem Blog minimeta material:

Die Antideutschen sind die Wiedergänger in der deutschen Linken. Die Auflösung der autonomen Szene und den Niedergang der von Bürgersöhnen und -töchtern dominierten BRD-Linken der 80′ger und 90′ger haben sie durch einen wohl-erprobten Trick überlebt: Bildung einer (oder zählt man die Verwurflinien innerhalb der Anti-Deutschen mit, dann sogar mehrere) K-Gruppen.

Eine K-Gruppe, das bedeutet Leninismus. Die Gemeinsamkeiten der Antideutschen mit dem Leninismus sind sowohl taktischer als auch inhaltlicher Natur. Folgende drei Stichpunkte sollen erstmal als Charakterisierung reichen:

1. Autoritätsgläubigkeit
2. Festhalten an der Avantgarde-Theorie
3. Parteibildung (mehr…)

Trottel und Künstler

In der FAZ vom Samstag hat André Thiele einen schönen Beitrag über das Verhältnis von Peter Hacks und Thomas Mann geschrieben. Seine These: Hacks ist gar nicht so sehr marxistisch geprägt, wie man annehmen könnte, der Einfluß Brechts auf sein Werk war nur marginal, viel mehr lernte Hacks von „bürgerlichen“ Schriftstellern wie Thomas Mann oder Arno Schmidt. Hacks’ politische und ästhetische Weltsicht war weit entfernt von systematischer Geschlossenheit.

Thiele weist in seinem Beitrag – wenn auch nur en passant – auf meinen bahnbrechenden Hacks-Essay aus dem Jahr 2005 hin (erschienen im MERKUR Nr. 671, März 2005), in dem ich ähnliche Thesen vertrat. Thiele:

Es gibt Kuriositäten wie die, dass beide [Mann wie Hacks] ihr schriftstellerisches Dasein mit einem anderen Ironiker antraten: Thomas Mann debütierte 1893 in der von ihm selbst herausgegebenen Schülerzeitung „Der Frühlingssturm“ mit dem Aufsatz „Heinrich Heine, der Gute“, Peter Hacks’ erster gedruckter Text trug den Titel „Heinrich Heine“ und stand 1948 im „Obersdorfer Jugendecho“. Die Wohlinformierten wissen zu ergänzen, dass bei beiden die betonte Eindeutigkeit der weltanschaulichen Zuordnung nicht recht zuverlässig ist: dass es bei Mann, vor allem nach 1933, eine stete Inaugenscheinnahme der Möglichkeit Kommunismus gab, und bei Hacks inmitten des DDR-Sozialismus eine sehr deutliche „Ambivalenz des Bürgerlichen“ (Ingo Way).

Doch bei aller Ambivalenz und aller Unsystematik seines Denkens, eine Auffassung, für die ich immer noch eintrete – Hacks’ nicht sehr sublime Zufriedenheit, sein tiefes Einverstandensein mit dem Kommunismus, der Sowjetunion, der DDR und, wie sich später (und nachweislich bereits vor dem Mauerfall) herausstellen sollte, auch Stalin, läßt sich beim besten Willen nicht von der Hand weisen. So daß für Hacks gilt, was dieser laut Thiele über Thomas Mann dachte, nämlich daß

man ein großer Künstler und gleichzeitig in politicis ein Trottel sein könne.

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Ergänzung: Zettel schreibt in seinem kleinen Zimmer – ein lustiger Zufall, der gerade paßt, Hacks würde sagen, eine List des Weltgeistes -:

Oder vielleicht sollte man es sich einfacher machen und sagen: Hacks und Harich, das waren Ultrakonservative. Leute wie der Naphta im „Zauberberg“ (er soll ja dem Kommunisten Georg Lukács nachgebildet sein) oder der Großinquisitor Dostojewskis. Sie trauen dem Individuum nichts zu, sie verachten die Menschen und sind deshalb für autoritäre oder totalitäre Systeme, Religionen, Ideologien.

Aber dann gibt es eben doch diesen stark individualistischen Zug bei Hacks. Vermutlich ist es so wie bei vielen Kommunisten: Man selbst ist ja bereits ein Individuum, dem Freiheit durchaus zusteht. Die anderen müssen freilich erst noch erzogen werden.

Neue Frauen braucht das Land

Robin Alexander widmet sich in der heutigen Wams der Frage, an wem es liegt, daß die Utopie vollendeter Geschlechtergerechtigkeit im Privatleben noch immer nicht verwirklicht ist:

Das Versprechen der Vätermonate, nach einer kurzen Babypause langfristig Aufgaben zu Hause und im Büro zu übernehmen, ist also Utopie.  Zu diesem Befund kommt auch Robert Habeck in seinem gerade erschienenen Buch „Verwirrte Väter“ (Gütersloher Verlagshaus). Habeck, 38 Jahre, vier Söhne, Teilzeit arbeitender Schriftsteller, nebenberuflich Vorsitzender der Grünen in Schleswig-Holstein, könnte selbst als Rollenmodell der viel bejubelten neuen Väter durchgehen. Will er aber nicht: „Die Vätermonate sind doch nichts als ein längerer Jahresurlaub“, meint er. Danach übernähmen die neuen Väter mitnichten mehr Anteile an der Familienarbeit, „im Gegenteil, junge Väter räumen der Karriere einen höheren Stellenwert in ihrem Leben ein, als sie es vor der Geburt ihres Kindes taten“. Dies tun die Männer nicht aus Egoismus. Im Gegenteil: Hinter der Arbeitswut der neuen Väter steht Verantwortungsgefühl – und oft eine Frau. „Plötzlich und irgendwie überraschend ist es da, das große Gefühl, nicht nur sich selbst verpflichtet zu sein. Und es ist ein Gefühl, das vor allen Dingen Männer haben. Frauen weichen diesem Druck offensichtlich und statistisch nachweisbar aus, indem sie ihn ebenfalls auf den Mann übertragen.Gerade im hedonistischen Großstadtmilieu, in dem der Emanzipationsgedanke theoretisch unumstritten ist, greife dieser Mechanismus: „Ich jedenfalls kenne eine Reihe von Paaren, von denen die Frau ihrem Partner nach der Geburt gesagt hat, dass jetzt die Zeit des Lotterlebens, der Minijobs und des Prekariats vorbei zu sein habe und die erste Vaterpflicht sei, Kohle ranzuschaffen.“ Auch berufstätige Frauen, die vorher sogar mehr als ihre Männer verdienten, verlangten als Mütter plötzlich nach einem Versorger. Habeck konstatiert kühl: „Moderne Väter erfordern offensichtlich auch moderne Frauen.“ Da die Frauen nicht so modern seien, wie sie vorgeben, haben die Väter zwar das Baby auf dem Arm, aber den Kopf schon wieder im Büro. „Männer tun, was sie tun, ab dem Moment der Vaterschaft auch unter dem Aspekt des Geldverdienens“, schreibt er. Sein Fazit: „Karriere machen und den Abwasch – das ist ziemlich viel verlangt.“

Zitat des Tages

Die kostbarsten Ideen humanitärer Denker wurden oft von ihren Todfeinden laut gepriesen, die auf diese Weise, als Bundesgenossen verkleidet, ins humanitäre Lager eindrangen und dort Entzweiung und äußerste Verwirrung verursachten.

(Karl Popper)

Veröffentlicht in:  on 23. August 2008 at 14:04 Kommentare (1)
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„Für immer verändert“

30 Jahre lang hat er in seinem Heimatort Oxford Post ausgetragen – einem 700-Seelen-Dorf im US-Bundesstaat Iowa. Doch sogar vor engen Freunden gab James Hoyt ein Geheimnis selten preis: Er war einer der vier amerikanischen Soldaten, die im Jahr 1945 das nationalsozialistische Konzentrationslager Buchenwald befreiten. In der vergangenen Woche ist Hoyt im Alter von 83 Jahren gestorben.

Am 11. April 1945 entdeckte die US-Army das KZ Buchenwald bei Weimar und befreite 21.000 Gefangene, die noch am Leben waren. Die vier Soldaten, die das Lager als erste betraten, waren Frederic Keffer, Herbert Gottschalk, Harry Ward – und der damals 19jährige James Hoyt. Erst 2005 erzählte Hoyt dem Journalisten Stephen Bloom von den Greueln, über die er jahrzehntelang geschwiegen hatte: „Tausende von Leichen lagen aufgestapelt herum. Ich sah menschliche Herzen, die für medizinische Experimente herausgerissen worden waren. Lampenschirme, die aus tätowierter Haut gemacht worden waren.“

Diese Grausamkeiten, sowie die schiere Größe des Lagers, waren für den jungen GI völlig überraschend. Noch bis zu seinem Tod litt Hoyt deswegen an posttraumatischem Streß und besuchte eine wöchentliche Therapiegruppe. „So etwas zu sehen, verändert einen für immer. Ich habe immer noch Albträume.“ Zum 50. Jahrestag der Befreiung Buchenwalds war Hoyt eingeladen, blieb aber zu Hause, weil er die Erinnerungen nicht wieder auffrischen wollte.

Hoyt war der letzte Überlebende aus der Gruppe der vier Soldaten, die Buchenwald befreit hatten. In der katholischen Kirche von Oxford wurde er beigesetzt, Kriegsveteranen salutierten an seinem Grab.

Veröffentlicht in:  on 19. August 2008 at 17:23 Kommentare (2)
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Freiheit für manche

Christian Rickens, Redakteur des manager magazins, wünscht sich ein „neues linkes Lebensgefühl“. Und zwar eines, das soziale Gerechtigkeit mit Liberalismus verbindet. „Linke sollten es einmal mit der Freiheit probieren“, wünscht er sich.

Sicher wäre es schön, wenn Linke es einmal mit der Freiheit probieren würden. Es wäre auch schön, wenn es in Deutschland nicht so oft regnen würde oder man nach einem Flug in die USA keinen Jetlag bekäme. Wie man im Ruhrgebiet sagt: Wat nich is, is nich.

Aber welche Freiheit meint Rickens überhaupt? Nostalgisch knüpft er an seine westdeutsche Schulzeit an:

Noch in den späten 80ern bedeutete links zu sein für uns Oberschüler vor allem ein Freiheitsversprechen. Wir waren gegen Pieter Botha in Südafrika und General Pinochet in Chile

Und wogegen noch?

und wollten unsere Schülerzeitung nicht mehr vom Direktor zensieren lassen.

Man war eben nicht gleichermaßen gegen Ceausescu in Rumänien und Jaruzelski in Polen. Das läßt dieses linke Freiheitsversprechen dann doch ein wenig schal wirken.

Dialektischer Antizionismus oder: Juden als nützliche Idioten

In der aktuellen Ausgabe der Jungle World steht ein Text von Stefan Wirner und mir über die Ideologie der antideutschen Linken:

Juden als nützliche Idioten
Sie behaupten, proisraelisch zu sein, und geben vor, mehr vom Antisemitismus zu verstehen als die restliche Linke. Mit dem Judentum aber wollen die Antideutschen gar nichts zu tun haben. Eine Antwort auf das Dossier von Stephan Grigat.
Von Ingo Way und Stefan Wirner

Was sind das nur für Leute? Bei Veranstaltungen der Jüdischen Gemeinde verteilen sie Broschüren, in denen zur Solidarität mit Israel und zu einem harten Vorgehen gegen den Iran aufgerufen wird. Sie halten Demonstrationen ab und veranstalten Konferenzen, ganz den klassischen Politikformen der Linken verhaftet. Nur daß sie sich zuweilen der Sympathie jüdischer Organisationen und manch eines „bürgerlichen“ Publizisten gewiß sein dürfen. Denn Demokraten packen sie bei ihrem schlechten Gewissen und treiben sie – nach der Devise: „Wir tun wenigstens was“ – vor sich her.

Wer wissen will, was diese vorgeblichen Freunde Israels denken, etwa über Juden, muß nur das jüngste Dossier von Stephan Grigat in der Jungle World (32/08 ) lesen. Grigat ist Mitglied der Gruppe Café Critique aus Wien und der Initiative „Stop the Bomb“, die sich gegen das iranische Atomprogramm richtet.
Sein Pamphlet belegt eindrucksvoll, daß es den Antideutschen beim Thema Israel um pure Ideologie geht, um das, was Grigat „antideutsche Textproduktion“ nennt. Real existierende Juden sind für sie nichts anderes als ein Mittel zum Zweck, die kruden Ideen dieser linken deutschen Strömung zu untermauern, die nur auf die Abschaffung von Marktwirtschaft und Demokratie hinaus will und Versöhnung und Religiösität zutiefst verabscheut. (mehr…)

Al Dschasira entschuldigt sich bei Israel

Nachdem der Mörder Samir Kuntar von Israel im Austausch gegen die Leichen der von der Hisbollah entführten Soldaten Eldad Regev und Ehud Goldwasser freigelassen worden war, hatte der Beirut-Korrespondent des arabischen Fernsehsenders Al-Dschasira, Ghassan bin Jiddo, Kuntar als „panarabischen Helden“ bezeichnet, schreibt die Haaretz. Bin Jiddo, der als Hisbollah-Sympathisant berüchtigt ist, hatte Kuntar in einer Live-Sendung auf Al-Dschasira persönlich begrüßt und ihm eigens eine Torte überreicht.

Zu der Entschuldigung kam es, nachdem das israelische Presseamt angekündigt hatte, fortan nicht mehr mit Al-Dschasira zu kooperieren. Daraufhin rang sich der Al-Dschasira-Direktor Khanfar Wadahes zu einer lauwarmen Distanzierung durch: Die Sendung widerspeche dem sendereigenen Ethikkodex, und dergleichen werde sich nicht wiederholen.

Fragt sich nur, was solche Worte bedeuten, solange jemand wie Ghassan bin Jiddo seinen Job behält.

Zitat des Tages

„Es ist nicht mehr sexy, gegen Linksextremismus zu sein. Das ist der Zeitgeist. Die Kraft, dagegenzuhalten, ist vielfach nicht mehr da.“

Der Politologe Eckhard Jesse zum Thema Linkspartei.