Der Kotzbrocken

Unbeliebt gemacht hat Budd Schulberg sich oft. Zunächst in den 30er-Jahren bei Hollywoods Studiobossen, als er die erste Gewerkschaft der Drehbuchautoren mitbegründete. Dann in den 50er-Jahren bei der Linken, als der Ex-Kommunist vor dem Ausschuss für unamerikanische Aktivitäten auspackte. Zahlreiche seiner früheren Genossen landeten daraufhin auf der Schwarzen Liste und verloren ihre Jobs.

Die meisten Feinde aber machte sich der 1914 in New York geborene Schulberg mit einem Roman. What makes Sammy run?, 1941 erschienen, sorgte für einen wahren Sturm der Empörung im Establishment von Hollywood. John Wayne wollte Schulberg noch 20 Jahre später deshalb verprügeln. Produzentenlegende Samuel Goldwyn brüllte ihn an: „Du bist ein Verräter!“ und forderte, Schulberg aus Hollywood „abzuschieben“.

Schulbergs Verbrechen: Er hatte in seinem ersten Roman die korrupten Mechanismen der Filmindustrie beschrieben. Als Drehbuchautor - er arbeitete gemeinsam mit Dorothy Parker am Skript zu A Star is born (1937) mit - und Sohn eines Hollywoodproduzenten kannte er sich da aus. Sein Antiheld, der Redaktionsbote Sammy Glick, der seine mangelnde Bildung durch Impertinenz wettmacht, steigt ohne eigenes Können, allein durch Dreistigkeit, zu einem der bestbezahlten Drehbuchschreiber Hollywoods auf. Er gibt ein Manuskript eines Kollegen als sein eigenes aus, verkauft es an den Produzenten Myron Selznick (im wirklichen Leben der Bruder des ungleich berühmteren David O. Selznick) und landet einen Riesenerfolg an der Kinokasse. Mit geklauten Ideen und ohne jeden Anflug von Skrupel („Mit einem Gewissen leben ist wie mit angezogener Handbremse Auto fahren.“) bestreitet er seinen unaufhaltsamen Aufstieg. Auf der Strecke bleiben alle, die er dabei benutzt – Geliebte, Kollegen, Zuarbeiter. Freunde hat er keine.

Prompt sah sich Schulberg mit Antisemitismusvorwürfen konfrontiert. Mancher wollte in Sammy Glick das Klischeebild des hinterhältigen Juden erblicken. Mehrfach wird Sammys „frettchenhafte“ Art betont, jeder in seiner Umgebung muß sich vorsehen, nicht Opfer seiner nächsten Intrige zu werden. In einem Nachwort zur Neuausgabe von 1990 schreibt der Autor: „Natürlich ist Sammy jüdisch, aber alle seine Opfer sind es auch. Ich bilde das gesamte Spektrum von Charaktereigenschaften ab, nur zufällig innerhalb einer bestimmten ethnischen Gemeinschaft.“

Sammy Glick wurde in der amerikanischen Alltagskultur zum Prototyp des aalglatten Aufsteigers und Charakterschweins. Doch in den 80er- und 90er-Jahren änderte sich das. Mit einem gewissen Entsetzen stellte Schulberg fest, daß sein Sammy, den er eigentlich als abschreckendes Zerrbild konzipiert hatte, von jungen Yuppies als Vorbild betrachtet wurde, dem es nachzueifern galt.

Mehr als 60 Jahre hat es gedauert, eine deutsche Übersetzung dieses amerikanisch-jüdischen Klassikers herauszubringen. Die ist jetzt erschienen, heißt Was treibt Sammy an? und stammt von Harry Rowohlt. Bewährter Übersetzer angelsächsischer Hochkomik, der er ist, hat Rowohlt auch hier eine stilistisch ansprechende und genußvoll zu lesende Arbeit abgeliefert. Doch an manchen Stellen holpert die Übersetzung. Das fängt beim Titel an, der zwar im selben Rhythmus schwingt wie das Original, das Leitmotiv des Rennens – Sammy ist immer in Bewegung, sowohl in übertragener als auch in wörtlicher Hinsicht – aber unterschlägt. Wenn der Hays Code, das Hollywood-Richtlinienwerk für (oder besser gegen) die Darstellung sexueller oder gewalttätiger Inhalte, als „Freiwillige Selbstkontrolle“ wiedergegeben wird, klingt das doch arg bundesrepublikanisch. Schwächen hat auch die Übertragung amerikanischer Slangausdrücke. Wenn Sammy, ganz Kind der Gosse, „I’m gonna“ sagt, statt „I’m going to“, ist das deutlich und markant. Wie blaß ist dagegen Rowohlts „Ich wer“, statt „Ich werde“. Auch die doppelte Verneinung erleidet auf ihrem Weg ins Deutsche Schaden. „I don’t owe you nothing“ klingt authentisch. Aber wer, bitte, sagt „Ich schulde Ihnen nicht nichts“?

Von solchen Schönheitsfehlern abgesehen ist es natürlich erfreulich, daß Sammy Glick jetzt auch einem deutschen Publikum bekannt wird. Zum Erscheinen der deutschen Fassung seines Buchs kam Budd Schulberg nach Deutschland, um aus seinem Roman zu lesen. Auf der Berlinale sah er sich den Dokumentarfilm über sein Leben an, den sein Sohn produziert hatte. Vor mehr als 60 Jahren war er schon einmal hier gewesen, um nach dem Zweiten Weltkrieg Filmmaterial über die Naziverbrechen zu sammeln, das in den Nürnberger Prozessen verwendet wurde, über die Schulberg wiederum einen Film drehte. In seiner Funktion als Marineoffizier verhaftete Schulberg damals sogar Leni Riefenstahl, mußte das „Nazi-Pin-up-Girl“, wie er sie nannte, freilich bald wieder laufen lassen.

What makes Sammy run? war Schulbergs größter Bucherfolg, an den er als Romanautor nie wieder anknüpfen konnte. Dafür hatte er als Drehbuchautor noch eine ansehnliche Karriere vor sich. The Harder They Fall (Schmutziger Lorbeer) wurde mit Humphrey Bogart in der Hauptrolle verfilmt. Legendär ist Schulbergs Zusammenarbeit mit dem Regisseur Elia Kazan bei den Filmen On the Waterfront (Die Faust im Nacken) mit Marlon Brando, für den er einen Oscar erhielt, und The Face in the Crowd (Ein Gesicht in der Menge). Heute lebt der 94jährige mit seiner Frau Betsy auf Long Island. Einmal noch kehrte er zu seinen Wurzeln zurück: Beim Streik der Drehbuchautoren im vergangenen Jahr stellte Schulberg sich als Streikposten zur Verfügung. Tradition verpflichtet.

Lulli-bulli

Die fand ich als VIVA-Moderatorin schon gut:

Fernsehmoderatorin Charlotte Roche verteidigt Pornofilme und Prostitution und distanziert sich von der Feministin Alice Schwarzer. Die Behauptung, in Pornofilmen würden Frauen erniedrigt, könne sie nicht nachvollziehen, sagte die 29-Jährige in einem Interview des Magazins “Playboy”. Ich glaube nicht, dass Männer süchtig nach Pornos sind, weil diese Industrie das anbietet. Diese Riesenindustrie ist da, weil es einen unglaublichen Bedarf an Pornografie gibt“, sagte Roche, deren erster Roman „Feuchtgebiete“ am 25. Februar erscheint.

Pornografie abstellen zu wollen, finde sie „totalen Schwachsinn“. Auch sie selbst schaue gelegentlich Pornos: „Aus Neugier. Zur Entspannung, Aufgeilung, Inspiration.“ Allerdings sehe sie keine Filme des Typs „Frauen machen Pornofilme für Frauen“. Die seien zu seicht und „vollkommen lulli-bulli. Da geht’s nur darum, dass eine Frau in Eselsmilch badet und aussieht wie Kleopatra“, meinte Roche.

Veröffentlicht in: on Februar 15, 2008 at 2:04 Kommentare (2)
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Spiel mir das Lied vom Tod

Gesittete Mysterienspiele

Vor einiger Zeit habe ich an dieser Stelle über das Berliner Pornfilmfestival geschrieben. Der Schriftsteller Hans Christoph Buch war auch da. Aber er hat andere Filme gesehen als ich.

Adam und Eva tun’s mit Kondom

Uniformen, Orthodoxe und lüsterne Palästinenser: Israelische Pornos setzen landeseigene Akzente

Der Altersdurchschnitt liegt unter 30, und etwa zwei Drittel der Besucher sind weiblich. Beim 2. internationalen Pornfilmfestival Ende Oktober in Berlin bestätigt die Zusammensetzung des Publikums so gar nicht das Klischee vom typischen Pornokonsumenten, der sich fett, verschwitzt und männlich durch die Schmuddelabteilungen der Videotheken drückt. Studentisch geprägte Großstadtboheme findet sich zu den zahlreichen Filmen und Vorträgen auf dem von dem Filmemacher Jürgen Brüning initiierten Festival ein. Brüning gründete in den frühen neunziger Jahren bereits das Schwul-lesbische Filmfestival. Mit dem Pornfilmfestival will der 49-Jährige Kunst, Independent und Avantgarde zeigen – ohne den expliziten Charakter der Filme zu leugnen. Nur Durchschnittsware dürfe es eben nicht sein. Laut Brüning stammen 30 Prozent der gezeigten Filme von weiblichen Regisseuren.

Porno gibt es auch in Israel. Im Kreuzberger Eiszeit-Kino, 1980 von Brüning gegründet, beschäftigen sich gleich zwei Vorträge mit dem Sexfilm in Israel und seinen gesellschaftspolitischen Implikationen. Liad Kantorowicz spricht über „Soziale und politische Tabus in israelischer Pornografie“. Die kleine Frau in Hippiekleidung stellt sich als „Pro-Sex-Aktivistin“ vor; ihr Thema ist – wie bei vielen linken Israelis – die „Gewalttätigkeit“ der israelischen Gesellschaft. („Natürlich ist die palästinensische Gesellschaft ebenso gewalttätig, nicht daß Sie denken, ich sei voreingenommen gegen Juden.“) Vier gesellschaftliche Spannungsfelder behandelt Kantorowicz anhand von Filmbeispielen: das Militär; das Verhältnis zwischen Israelis und Palästinensern; jüdische Minderheiten, etwa Falaschas; und schließlich das Verhältnis zwischen Religiösen und Säkularen. (more…)

Borat taugt nichts

Gestern habe ich mir dann endlich Sacha Baron Cohens Borat angesehen. Vielleicht war ich von Woody Allens schönem und sehr lustigen Scoop, den ich am Tag zuvor gesehen hatte, noch zu verwöhnt, um Borats Komik würdigen zu können. Jedenfalls fand ich den Film ausgesprochen platt und derb; er war wesentlich näher an MTV-Jackass denn an intelligenter Polit-Satire. Dass einige Kasachen aufgrund dieses Films etwas angefressen waren, konnte ich nach den Anfangsszenen, die in Borats Heimatdorf spielten, gut nachvollziehen. Ich weiß nicht, was daran komisch sein soll, sich über anderer Leute unverschuldete Armut lustig zu machen. Auch die Szenen, in denen Baron Cohen sicherlich mit guter Absicht den Antisemitismus geißeln möchte, machen sich in ihrer Grellheit mit den Objekten des Spottes, den Antisemiten, eher gemein, als sie zu entlarven. Ich weiß, ich weiß, das ist alles mehrfach ironisch gebrochene Kritik durch Überaffirmation usw. usf. Funktioniert aber trotzdem nicht.

Was will Borat eigentlich? Die einen halten den Film für die gelungene Kritik am amerikanischen Provinzialismus. Die anderen weisen solche Kritik als antiamerikanisch zurück, verteidigen allerdings den Film selbst gegen den Vorwurf des Antiamerikanismus. (more…)

Veröffentlicht in: on November 20, 2006 at 5:37 Kommentare (9)