Trottel und Künstler

In der FAZ vom Samstag hat André Thiele einen schönen Beitrag über das Verhältnis von Peter Hacks und Thomas Mann geschrieben. Seine These: Hacks ist gar nicht so sehr marxistisch geprägt, wie man annehmen könnte, der Einfluß Brechts auf sein Werk war nur marginal, viel mehr lernte Hacks von „bürgerlichen“ Schriftstellern wie Thomas Mann oder Arno Schmidt. Hacks’ politische und ästhetische Weltsicht war weit entfernt von systematischer Geschlossenheit.

Thiele weist in seinem Beitrag – wenn auch nur en passant – auf meinen bahnbrechenden Hacks-Essay aus dem Jahr 2005 hin (erschienen im MERKUR Nr. 671, März 2005), in dem ich ähnliche Thesen vertrat. Thiele:

Es gibt Kuriositäten wie die, dass beide [Mann wie Hacks] ihr schriftstellerisches Dasein mit einem anderen Ironiker antraten: Thomas Mann debütierte 1893 in der von ihm selbst herausgegebenen Schülerzeitung „Der Frühlingssturm“ mit dem Aufsatz „Heinrich Heine, der Gute“, Peter Hacks’ erster gedruckter Text trug den Titel „Heinrich Heine“ und stand 1948 im „Obersdorfer Jugendecho“. Die Wohlinformierten wissen zu ergänzen, dass bei beiden die betonte Eindeutigkeit der weltanschaulichen Zuordnung nicht recht zuverlässig ist: dass es bei Mann, vor allem nach 1933, eine stete Inaugenscheinnahme der Möglichkeit Kommunismus gab, und bei Hacks inmitten des DDR-Sozialismus eine sehr deutliche „Ambivalenz des Bürgerlichen“ (Ingo Way).

Doch bei aller Ambivalenz und aller Unsystematik seines Denkens, eine Auffassung, für die ich immer noch eintrete – Hacks’ nicht sehr sublime Zufriedenheit, sein tiefes Einverstandensein mit dem Kommunismus, der Sowjetunion, der DDR und, wie sich später (und nachweislich bereits vor dem Mauerfall) herausstellen sollte, auch Stalin, läßt sich beim besten Willen nicht von der Hand weisen. So daß für Hacks gilt, was dieser laut Thiele über Thomas Mann dachte, nämlich daß

man ein großer Künstler und gleichzeitig in politicis ein Trottel sein könne.

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Ergänzung: Zettel schreibt in seinem kleinen Zimmer – ein lustiger Zufall, der gerade paßt, Hacks würde sagen, eine List des Weltgeistes -:

Oder vielleicht sollte man es sich einfacher machen und sagen: Hacks und Harich, das waren Ultrakonservative. Leute wie der Naphta im „Zauberberg“ (er soll ja dem Kommunisten Georg Lukács nachgebildet sein) oder der Großinquisitor Dostojewskis. Sie trauen dem Individuum nichts zu, sie verachten die Menschen und sind deshalb für autoritäre oder totalitäre Systeme, Religionen, Ideologien.

Aber dann gibt es eben doch diesen stark individualistischen Zug bei Hacks. Vermutlich ist es so wie bei vielen Kommunisten: Man selbst ist ja bereits ein Individuum, dem Freiheit durchaus zusteht. Die anderen müssen freilich erst noch erzogen werden.

Neue Frauen braucht das Land

Robin Alexander widmet sich in der heutigen Wams der Frage, an wem es liegt, daß die Utopie vollendeter Geschlechtergerechtigkeit im Privatleben noch immer nicht verwirklicht ist:

Das Versprechen der Vätermonate, nach einer kurzen Babypause langfristig Aufgaben zu Hause und im Büro zu übernehmen, ist also Utopie.  Zu diesem Befund kommt auch Robert Habeck in seinem gerade erschienenen Buch „Verwirrte Väter“ (Gütersloher Verlagshaus). Habeck, 38 Jahre, vier Söhne, Teilzeit arbeitender Schriftsteller, nebenberuflich Vorsitzender der Grünen in Schleswig-Holstein, könnte selbst als Rollenmodell der viel bejubelten neuen Väter durchgehen. Will er aber nicht: „Die Vätermonate sind doch nichts als ein längerer Jahresurlaub“, meint er. Danach übernähmen die neuen Väter mitnichten mehr Anteile an der Familienarbeit, „im Gegenteil, junge Väter räumen der Karriere einen höheren Stellenwert in ihrem Leben ein, als sie es vor der Geburt ihres Kindes taten“. Dies tun die Männer nicht aus Egoismus. Im Gegenteil: Hinter der Arbeitswut der neuen Väter steht Verantwortungsgefühl – und oft eine Frau. „Plötzlich und irgendwie überraschend ist es da, das große Gefühl, nicht nur sich selbst verpflichtet zu sein. Und es ist ein Gefühl, das vor allen Dingen Männer haben. Frauen weichen diesem Druck offensichtlich und statistisch nachweisbar aus, indem sie ihn ebenfalls auf den Mann übertragen.Gerade im hedonistischen Großstadtmilieu, in dem der Emanzipationsgedanke theoretisch unumstritten ist, greife dieser Mechanismus: „Ich jedenfalls kenne eine Reihe von Paaren, von denen die Frau ihrem Partner nach der Geburt gesagt hat, dass jetzt die Zeit des Lotterlebens, der Minijobs und des Prekariats vorbei zu sein habe und die erste Vaterpflicht sei, Kohle ranzuschaffen.“ Auch berufstätige Frauen, die vorher sogar mehr als ihre Männer verdienten, verlangten als Mütter plötzlich nach einem Versorger. Habeck konstatiert kühl: „Moderne Väter erfordern offensichtlich auch moderne Frauen.“ Da die Frauen nicht so modern seien, wie sie vorgeben, haben die Väter zwar das Baby auf dem Arm, aber den Kopf schon wieder im Büro. „Männer tun, was sie tun, ab dem Moment der Vaterschaft auch unter dem Aspekt des Geldverdienens“, schreibt er. Sein Fazit: „Karriere machen und den Abwasch – das ist ziemlich viel verlangt.“

Wie Harry Rowohlt einmal doch ein wenig Kritik vertrug

Rowohlt brojges

Zu den sympathisch kauzigen Zügen des aus kauzigen Zügen sich konstituierenden Harry Rowohlt gehört auch, daß er das Internet verschmäht. Schreibt dort jemand etwas über ihn, so läßt er sich’s von Getreuen abkalligraphieren und per Postkutsche zustellen. So daß seine Antwort auf meinen Blogeintrag über seine Reaktion auf meine Rezension seiner Budd-Schulberg-Übersetzung (ach, lesen Sie’s doch selber nach …) mich nicht per Blogkommentar, sondern aber immerhin schon per Fax erreichte.

Und siehe da, so unzugänglich ist er gar nicht.

Rowohlt Fax

Bleibe ich in der Hays-Code-Kontroverse auch beharrlich, so gestehe ich gerne zu, daß der genialische Bamberger Großschriftsteller auch so manche übersetzerische Schote sich leistete. (Kostet mich ja nichts, sind ja nicht meine Schoten.) In den zahllosen Neuauflagen, die dem Sammy Glick zu wünschen sind, wäre Rowohlt allerdings zu gönnen, daß er das Buch diesmal aus dem Englischen übersetzen darf, der Sprache, in der es geschrieben wurde, und nicht „aus dem Amerikanischen“ (so der Verlag auf seiner Website), einer Sprache, die es gar nicht gibt.

P.S.: Übrigens frage ich mich, lieber Harry Rowohlt, ob Wollschläger sich zu seiner Flasche Popcorn nicht womöglich von Didi Hallervordens Flasche Pommes Frites hat inspirieren lassen. Bekloppt bliebe es trotzdem.

Wie Harry Rowohlt einmal keine Kritik vertrug

Vor kurzem schrieb ich eine Rezension zu Budd Schulbergs sehr lustigem Hollywoodroman What makes Sammy run? von 1941, die auch in der Jüdischen Allgemeinen erschien. Anlaß war der Umstand, daß dieser amerikanische Klassiker nach beinahe 70 Jahren erstmals auf deutsch erschienen ist. Die Übersetzung stammt von Harry Rowohlt. Während ich die Übersetzung im großen und ganzen lobte:

Bewährter Übersetzer angelsächsischer Hochkomik, der er ist, hat Rowohlt auch hier eine stilistisch ansprechende und genußvoll zu lesende Arbeit abgeliefert.

merkte ich allerdings auch an:

Doch an manchen Stellen holpert die Übersetzung. … Wenn der Hays Code, das Hollywood-Richtlinienwerk für (oder besser gegen) die Darstellung sexueller oder gewalttätiger Inhalte, als „Freiwillige Selbstkontrolle“ wiedergegeben wird, klingt das doch arg bundesrepublikanisch. Schwächen hat auch die Übertragung amerikanischer Slangausdrücke. Wenn Sammy, ganz Kind der Gosse, „I’m gonna“ sagt, statt „I’m going to“, ist das deutlich und markant. Wie blaß ist dagegen Rowohlts „Ich wer“, statt „Ich werde“. Auch die doppelte Verneinung erleidet auf ihrem Weg ins Deutsche Schaden. „I don’t owe you nothing“ klingt authentisch. Aber wer, bitte, sagt „Ich schulde Ihnen nichts nicht“?

Doch die Herausstellung dieser – von mir explizit so bezeichneten – Schönheitsfehler konnte nun wiederum Harry Rowohlt nicht auf sich sitzen lassen. Und so schrieb er mir:

Zählt man die Retourkutsche einmal als Punkt für Rowohlt – bei mit schrillen die Anglizismusglocken eher im umgekehrten Falle, wenn etwa die Formulierung he’s a catholic mit „Er ist ein Katholik“ wiedergegeben wird, statt, wie es im Deutschen üblich ist, „Er ist katholisch“, weshalb ich es eher für Geschmacksache halte, ob es sich bei der genannten Textstelle (die tatsächlich nicht von Rowohlt übersetzt wurde, was ich aber auch nicht behauptet habe, sondern von mir, der ich aber immer noch glaube, daß in einer literarischen Übersetzung höhrere Sorgfalt walten sollte als in einer schnöden Rezension) um einen abscheulichen Anglizismus handelt oder nicht –, zählt man sie aber als Punkt, so bleibt doch meine Detailkritik davon unberührt. „Freiwillige Selbstkontrolle“ für den Hays Code, ich bitte Sie! Der Übersetzer und Übersetzungstheoretiker Dieter E. Zimmer traf einmal die Unterscheidung zwischen Sprachtatsachen und Kulturtatsachen:

Sprachtatsachen werden übersetzt, Kulturtatsachen nicht. (So) daß ein guter Übersetzer einerseits lucky dog (eine Sprachtatsache) nicht mit glücklicher Hund übersetzen wird, sondern mit Glückspilz; daß er andererseits den Tee, den man in England zum Frühstück trinkt (eine Kulturtatsache), nicht in Kaffee verwandeln wird, sein deutsches Pendant.

Diese Unterscheidung wendet Rowohlt etwa in seiner Kritik an der Ulysses-Übersetzung von Hans Wollschläger an, deren Mißratenheit er unter anderem daran festmacht, daß Wollschläger a pint of stout mit „eine Pinte Bier“ wiedergibt. Weiß doch jeder regelmäßige Trinker und Irlandreisende, daß ein pint ein pint ist und keine „Pinte“, denn diese ist eine Kneipe.

Dennoch hatte Wollschläger völlig recht damit, pint als Pinte zu übersetzen. Denn das deutsche Wort für die Maßeinheit pint ist – Pinte. Diese alte Maßeinheit – eine Pinte sind zwei Schoppen – war in Deutschland während des 19. Jahrhunderts noch gebräuchlich und im Jahr 1904, in dem der Ulysses spielt, noch wohlbekannt. Wenn Wollschläger die Dialoge der Figuren im Sprachhorizont eines deutschen Sprechers derselben Zeit wiedergibt, ist es durchaus folgerichtig, sie von einer „Pinte Bier“ sprechen zu lassen. Das pint ist hier eine Sprachtatsache, die zu übersetzen ist. (Kulturtatsachen verletzt zum Beispiel Erich Fried in seiner Dylan-Thomas-Übertragung, wo das pint zum „Seidel“ wird.)

Für Rowohlt gehört auch das pint zu den Kulturtatsachen. Das kann man so sehen. Dann aber ist der Hays Code erst recht eine. Denn der bezeichnet ein ganz konkretes Richtlinienwerk für die amerikanische Filmwirtschaft, dessen Einhaltung im übrigen so freiwillig nicht war, während die Freiwillige Selbstkontrolle (FSK) ein wiederum ganz konkretes Gremium in der Bundesrepublik Deutschland ist. Zwei völlig unterschiedliche Kulturtatsachen. Jenen Ausdruck mit diesem wiederzugeben ist auch keine, womöglich verzeihliche, Schluderei, sondern eine ganz bewußte Entscheidung, die der Rezensent getrost kritisieren mag, denn das ist ja schließlich seine Aufgabe.

Da sind wir bei Rowohlts leicht verschnupfter Frage angelangt „Was hätten Sie denn geschrieben?“ Der Witz ist, daß ich gar nichts hätte schreiben müssen. Das Übersetzen ist Rowohlts Job, meiner das Rezensieren. Der Kritiker muß es nicht besser können, und auch der Musikkritiker, der seiner Enttäuschung darüber Ausdruck verleiht, daß der gefeierte Tenor manchen Ton nicht trifft, muß anschließend nicht zum Vorsingen. Ich könnte auf die Frage somit gelassen antworten: „Auf jeden Fall nicht ,Ich schulde Ihnen gar nichts nicht.’“ Denn I don’t owe you nothing ist ein authentischer Ausdruck der Umgangssprache, wie er in bestimmtem Milieus tatsächlich benutzt wurde oder noch wird, während die Rowohlt’sche Variante ein Produkt des Schreibtischs ist, das diesen nie verlassen wird. Das stört beim Lesen, und wenn es einem derart gefeierten Star-, ja geradezu Kultübersetzer, der weit und breit nur Fans zu haben scheint, unterläuft, stört es noch einmal besonders.

Aber wenn ich schon gefragt werde, will ich auch nicht so tun, als sei die Aufgabe unlösbar. Der in Frage stehende Ausdruck dient dazu, Sammys Herkunft aus einem wenig bildungsbürgerlichen Umfeld kenntlich zu machen, und da ist die doppelte Verneinung nicht unbedingt zwingend. So könnte er etwa auch sagen: „Ich tu Ihnen gar nichts schulden.“ Sein leicht genervter väterlicher Freund Al Manheim könnte ihn dann ermahnen: „Sag nicht immer ,ich tu’“. Will man die doppelte Verneinung aber erhalten, so böte sich zum Beispiel an: „Niemandem schulde ich gar nichts – schon gar nicht Ihnen“, so daß die beiden Verneinungspartikeln wenigstens nicht unmittelbar aneinanderstoßen. Das sind nur unbehauene Vorschläge, keine Lösungen, mit denen ich völlig glücklich wäre, aber immer noch besser als die von Rowohlt gewählte Variante.

Wenn dieser sich allerdings fortan als Ingo-Way-Schüler bezeichnen möchte, so hätte ich natürlich nichts dagegen.

Der Kotzbrocken

Unbeliebt gemacht hat Budd Schulberg sich oft. Zunächst in den 30er-Jahren bei Hollywoods Studiobossen, als er die erste Gewerkschaft der Drehbuchautoren mitbegründete. Dann in den 50er-Jahren bei der Linken, als der Ex-Kommunist vor dem Ausschuss für unamerikanische Aktivitäten auspackte. Zahlreiche seiner früheren Genossen landeten daraufhin auf der Schwarzen Liste und verloren ihre Jobs.

Die meisten Feinde aber machte sich der 1914 in New York geborene Schulberg mit einem Roman. What makes Sammy run?, 1941 erschienen, sorgte für einen wahren Sturm der Empörung im Establishment von Hollywood. John Wayne wollte Schulberg noch 20 Jahre später deshalb verprügeln. Produzentenlegende Samuel Goldwyn brüllte ihn an: „Du bist ein Verräter!“ und forderte, Schulberg aus Hollywood „abzuschieben“.

Schulbergs Verbrechen: Er hatte in seinem ersten Roman die korrupten Mechanismen der Filmindustrie beschrieben. Als Drehbuchautor – er arbeitete gemeinsam mit Dorothy Parker am Skript zu A Star is born (1937) mit – und Sohn eines Hollywoodproduzenten kannte er sich da aus. Sein Antiheld, der Redaktionsbote Sammy Glick, der seine mangelnde Bildung durch Impertinenz wettmacht, steigt ohne eigenes Können, allein durch Dreistigkeit, zu einem der bestbezahlten Drehbuchschreiber Hollywoods auf. Er gibt ein Manuskript eines Kollegen als sein eigenes aus, verkauft es an den Produzenten Myron Selznick (im wirklichen Leben der Bruder des ungleich berühmteren David O. Selznick) und landet einen Riesenerfolg an der Kinokasse. Mit geklauten Ideen und ohne jeden Anflug von Skrupel („Mit einem Gewissen leben ist wie mit angezogener Handbremse Auto fahren.“) bestreitet er seinen unaufhaltsamen Aufstieg. Auf der Strecke bleiben alle, die er dabei benutzt – Geliebte, Kollegen, Zuarbeiter. Freunde hat er keine.

Prompt sah sich Schulberg mit Antisemitismusvorwürfen konfrontiert. Mancher wollte in Sammy Glick das Klischeebild des hinterhältigen Juden erblicken. Mehrfach wird Sammys „frettchenhafte“ Art betont, jeder in seiner Umgebung muß sich vorsehen, nicht Opfer seiner nächsten Intrige zu werden. In einem Nachwort zur Neuausgabe von 1990 schreibt der Autor: „Natürlich ist Sammy jüdisch, aber alle seine Opfer sind es auch. Ich bilde das gesamte Spektrum von Charaktereigenschaften ab, nur zufällig innerhalb einer bestimmten ethnischen Gemeinschaft.“

Sammy Glick wurde in der amerikanischen Alltagskultur zum Prototyp des aalglatten Aufsteigers und Charakterschweins. Doch in den 80er- und 90er-Jahren änderte sich das. Mit einem gewissen Entsetzen stellte Schulberg fest, daß sein Sammy, den er eigentlich als abschreckendes Zerrbild konzipiert hatte, von jungen Yuppies als Vorbild betrachtet wurde, dem es nachzueifern galt.

Mehr als 60 Jahre hat es gedauert, eine deutsche Übersetzung dieses amerikanisch-jüdischen Klassikers herauszubringen. Die ist jetzt erschienen, heißt Was treibt Sammy an? und stammt von Harry Rowohlt. Bewährter Übersetzer angelsächsischer Hochkomik, der er ist, hat Rowohlt auch hier eine stilistisch ansprechende und genußvoll zu lesende Arbeit abgeliefert. Doch an manchen Stellen holpert die Übersetzung. Das fängt beim Titel an, der zwar im selben Rhythmus schwingt wie das Original, das Leitmotiv des Rennens – Sammy ist immer in Bewegung, sowohl in übertragener als auch in wörtlicher Hinsicht – aber unterschlägt. Wenn der Hays Code, das Hollywood-Richtlinienwerk für (oder besser gegen) die Darstellung sexueller oder gewalttätiger Inhalte, als „Freiwillige Selbstkontrolle“ wiedergegeben wird, klingt das doch arg bundesrepublikanisch. Schwächen hat auch die Übertragung amerikanischer Slangausdrücke. Wenn Sammy, ganz Kind der Gosse, „I’m gonna“ sagt, statt „I’m going to“, ist das deutlich und markant. Wie blaß ist dagegen Rowohlts „Ich wer“, statt „Ich werde“. Auch die doppelte Verneinung erleidet auf ihrem Weg ins Deutsche Schaden. „I don’t owe you nothing“ klingt authentisch. Aber wer, bitte, sagt „Ich schulde Ihnen nichts nicht“?

Von solchen Schönheitsfehlern abgesehen ist es natürlich erfreulich, daß Sammy Glick jetzt auch einem deutschen Publikum bekannt wird. Zum Erscheinen der deutschen Fassung seines Buchs kam Budd Schulberg nach Deutschland, um aus seinem Roman zu lesen. Auf der Berlinale sah er sich den Dokumentarfilm über sein Leben an, den sein Sohn produziert hatte. Vor mehr als 60 Jahren war er schon einmal hier gewesen, um nach dem Zweiten Weltkrieg Filmmaterial über die Naziverbrechen zu sammeln, das in den Nürnberger Prozessen verwendet wurde, über die Schulberg wiederum einen Film drehte. In seiner Funktion als Marineoffizier verhaftete Schulberg damals sogar Leni Riefenstahl, mußte das „Nazi-Pin-up-Girl“, wie er sie nannte, freilich bald wieder laufen lassen.

What makes Sammy run? war Schulbergs größter Bucherfolg, an den er als Romanautor nie wieder anknüpfen konnte. Dafür hatte er als Drehbuchautor noch eine ansehnliche Karriere vor sich. The Harder They Fall (Schmutziger Lorbeer) wurde mit Humphrey Bogart in der Hauptrolle verfilmt. Legendär ist Schulbergs Zusammenarbeit mit dem Regisseur Elia Kazan bei den Filmen On the Waterfront (Die Faust im Nacken) mit Marlon Brando, für den er einen Oscar erhielt, und The Face in the Crowd (Ein Gesicht in der Menge). Heute lebt der 94jährige mit seiner Frau Betsy auf Long Island. Einmal noch kehrte er zu seinen Wurzeln zurück: Beim Streik der Drehbuchautoren im vergangenen Jahr stellte Schulberg sich als Streikposten zur Verfügung. Tradition verpflichtet.

Auch Furor kann witzig sein

Auch Hannes Stein findet Götz Alys 68er-Buch gut. Und interessant: Gerade den Vorwurf vieler Rezensenten, Alys „Furor“ kranke an Humorlosigkeit, teilt Hannes Stein nicht: „Das Buch ist streckenweise sehr witzig.“ Was wiederum meinem Leseeindruck entspricht.

Veröffentlicht in:  on 19. März 2008 at 12:15 Kommentar schreiben
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Rainer Hank: Der Wohlfahrtsstaat untergräbt die Freiheit

Rainer Hank schreibt in der Märzausgabe des MERKUR in seinem brillanten Essay „Die Entmündigung. Wie der Staat seine Bürger korrumpiert“ über Krippenbetreuung und mangelnde Zahlungsbereitschaft von Eltern, Daseinsvorsorge als moderne Form der Planwirtschaft, intransparente Steuerpolitik, das Anachronistische des Wohlfahrtsstaates, totalitäre Zwangsbeglückung und den Frühlibertären Wilhelm von Humboldt. Einige Auszüge:

Die Beantwortung der Frage, wie viel Wurst, Käse und Windeln eine Kleinfamilie wöchentlich braucht, würden die Bürger nur ungern Ursula von der Leyen überlassen. Bei den einfachen Gütern des täglichen Bedarfs verlassen sie sich lieber auf den Markt. Bei der Nachfrage nach der Dienstleistung Kinderbetreuung indessen begeben sie sich ohne Murren in die Hände staatlicher Krippenplaner. …

Daseinsvorsorge ist ein anderes Wort für staatliche Planwirtschaft, es klingt nur besser. Tatsächlich wird bei den Krippen der Marktmechanismus suspendiert. … Handelt es sich wirklich um ein Marktversagen, welches den Staat dazu nötigt, in die Bresche zu springen? (mehr…)

Adam oder Odo

Als ich heute Mittag in der Friedrichstraße meinen Verdauungsspaziergang machte, sah ich den Schriftsteller Maxim Biller aus der H&M-Filiale herauskommen, eine H&M-Einkaufstüte in der Hand. Kann er sich keine besseren Klamotten leisten?, fragte ich mich. Zumal im Schaufenster auch noch ein Plakat hing „Heute 20% Rabatt auf gekennzeichnete Artikel“. Doch dann fiel mir ein, daß Biller wegen des literaturfeindlichen Schandurteils des Landgerichts München 50.000 Euro Schmerzensgeld an seine Exfreundin zahlen muß, weil die sich in Billers Roman Esra wiedererkannt hat. Die Ehre, in einem Roman verewigt zu sein, läßt sie sich also auch noch vergolden. Und so ist Biller womöglich derzeit auf Sonderangebote angewiesen.

Hoffentlich läßt er sich von diesem Rückschlag dennoch nicht vom Schreiben abhalten. Seine Esra habe ich seinerzeit gemeinsam mit meiner damaligen Freundin K. gelesen. In der Amerika-Gedenkbibliothek konnte man es nach dem Verbot noch eine Zeitlang ausleihen. Wir lasen das Buch überhaupt nicht als Abrechung oder als öffentliche Schmutzwäsche, sondern als ebenso anrührende wie wahrhaftige Liebesgeschichte, in der der Autor/Erzähler – im Buch heißt er Adam – sich selbst ebensowenig schont wie seine Freundin. Und von einer vergangenen Liebe läßt sich nicht ohne Wut und Zorn erzählen, ohne zu lügen. Unsere eigene Beziehung wurde durch die Lektüre zwar nicht gerettet, aber immerhin bescherte sie uns eine weitere gemeinsame Erinnerung.

Der Zufall wollte es, daß mich mein Weg in die gleiche Richtung führte wie Biller, etwa zweihundert Meter weiter ins Kulturkaufhaus Dussmann. Dort allerdings trennten sich unsere Wege, Biller zog es in die CD-Abteilung, mein Ziel war das Philosophieregal, wo ich zwei Reclam-Bändchen des Philosophen Odo Marquardt erstand, der heute seinen achtzigsten Geburtstag feiert. Dies hat nun wieder seine Stimmigkeit, denn ist nicht neben der Philosophie auch das Schreiben über die Liebe eine Form der Inkompetenzkompensationskompetenz? Ich glaube schon. Und deswegen werde ich als nächstes Billers Kurzgeschichtensammlung Liebe heute lesen.

Götz Aly: „Unser Kampf“. Eine Rezension

Will da etwa einer den Nationalsozialismus relativieren? Der Buchtitel Unser Kampf, bezogen auf die Studentenbewegung um das Jahr 1968, läßt darauf schließen. Denn immerhin waren es doch die 68er, die mit der bundesdeutschen Verdrängung der NS-Zeit Schluß gemacht und sich die Aufarbeitung der deutschen Verbrechen auf ihre Fahnen geschrieben haben – und nebenbei der Bundesrepublik zur längst fälligen Liberalisierung und Demokratisierung verhalfen. So jedenfalls die gängige Meinung, die durch die in den vergangenen Jahren verschiedentlich geäußerte Kritik an Auswüchsen der 68er-Bewegung kaum ins Wanken gebracht worden ist.

Götz Aly, Historiker und ausgewiesener NS-Experte – 1968 selbst ein radikaler Linker –, bestreitet diese Deutung vehement. Seine These: Die Studentenbewegung war ein „Spätausläufer des Totalitarismus“, die linken Studenten verachteten Pluralismus und Demokratie und waren darin ihren Nazi-Eltern ähnlicher, als es ihnen lieb war; sie waren der Gewalt zugetan, fröhnten einer deutsch-romantischen Gemeinschaftsideologie und interessierten sich kein bißchen für die Aufarbeitung der NS-Zeit. „Faschismus“ war ihnen eine bloße Chiffre für gegenwärtige Zustände, die ihnen nicht behagten, und hatte nichts mit dem spezifisch deutschen Menschheitsverbrechen der Schoa zu tun. Folgerichtig glitten die Protagonisten in Antiamerikanismus und Antizionismus ab. Die Abwendung von Israel und den Juden war laut Aly Ausdruck der Schuldabwehr – der bundesdeutsche Staat hatte nämlich mit den Auschwitz- und weiteren NS-Prozessen seit Anfang der 60er-Jahre der deutschen Gesellschaft ihre Verbrechen vor Augen geführt. Die Scham über das Verhalten ihrer Eltern hätten die linken Studenten nicht ertragen und die deutsche Schuld in abstrakten marxistischen Kategorien aufgelöst und nebenbei – im Falle Israels – die Opfer zu Tätern umgedeutet.
Einige der bisher erschienenen Rezensionen zeigen in ihrer Aufgeregtheit, daß Aly zumindest einen Nerv getroffen hat. Auffällig sind die vielen Ad-hominem-Argumente: Aly sei ein „Renegat“, dessen „Furor“ auch nicht besser sei als das, was er kritisiere; er müsse sich zwanghaft an seiner eigenen Geschichte abarbeiten und sei außerdem bloß neidisch, daß er es nicht zur C4-Professur gebracht habe. Diese für eine sachliche Debatte, gelinde gesagt, irrelevanten Einwürfe sind symptomatisch für ein Debattenklima, in dem in Bezug auf 68 augenscheinlich der Grundsatz gilt, daß die Gesamtbilanz unterm Strich gefälligst positiv zu sein habe.

Selbstverständlich hat Alys Buch Schwächen. Sein problematischster Punkt – der es seinen Kritikern besonders leicht macht – ist die Parallelisierung der 68er-Studentenrevolte mit der NS-Studentenschaft von 1933. Zwar findet Aly hier in der Tat beängstigende Parallelen. In Gestus und Wortwahl lesen sich manche NS-Flugschriften wie linke Flugblätter der 70er-, 80er- und der 90er-Jahre. Beide Bewegungen richteten sich gegen die „Spießer“ (Baldur von Schirach) und das „kapitalistische Bildungsmonopol“ (Fritz Hippler), beide beklagten sich über angebliche Polizeischikanen und richteten eine Rote Hilfe (68 ) beziehungsweise eine Vaterländische Gefangenenhilfe (33) ein. Auch Wohngemeinschaften gab es 1933 schon, und sie wurden auch genau mit diesem Wort bezeichnet. Ob diese unbestreitbaren Ähnlichkeiten jedoch bloß zufällige Oberflächenphänomene sind oder eine strukturelle Verwandtschaft beweisen, dies zu klären, bleibt weiterhin Aufgabe der Zeitgeschichtsforschung. Alys zweifellos unterhaltsamer polemischer Essay kann allenfalls eine, zunächst steil klingende, These aufstellen.
Und doch hat Aly sich diese Parallele nicht ausgedacht. Es waren jüdische Remigranten, Verfolgte des NS-Regimes, die den totalitären Charakter der Studentenbewegung erkannten und auf die Nähe zu den Nazis explizit hingewiesen haben. Zu diesen gehörten Max Horkheimer und Theodor W. Adorno – ironischerweise Ikonen der Linken. Es sind aber vor allem die Politologen Richard Löwenthal und Ernst Fraenkel, auf die Aly sich bezieht. Sein Buch ist streckenweise beinahe eine Huldigung an diese beiden jüdischen Sozialdemokraten und Wissenschaftler, die an der Freien Universität Berlin lehrten. Statt sich an diesen zu orientieren – beide hatten bereits in der Emigration Forschungen zum Nationalsozialismus angestellt, die sie in der Bundesrepublik fortführten –, liefen die radikalen FU-Studenten dem linksgewendeten Altfaschisten Johannes Agnoli hinterher, den Fraenkel als „demagogischen Clown“ bezeichnete. Fraenkel bot sich auch an, den Faschismusvorwurf gegen linke Studenten in einem Gerichtsprozeß als Gutachter zu bestätigen. Löwenthal warnte unterdessen in Diskussionen mit Dutschke davor, daß der Versuch, die perfekte utopische Gesellschaft zu schaffen, zwangsläufig in einer Diktatur enden muß. Auch auf die Mao-Begeisterung der Studenten reagierten Fraenkel und Löwenthal mit Fassungslosigkeit, und nicht nur sie. Beiden wäre es nicht in den Sinn gekommen, in solchen Warnungen eine Verharmlosung des Holocaust zu sehen, dem sie knapp entgangen waren. Wieso sollte das der Fall sein, wenn man die 68er-Bewegung rückblickend ähnlich beurteilt? Dieser Vorwurf scheint eher der Ehrenrettung derjenigen zu dienen, die dabei waren und ihren Spaß hatten.

Im Streit um die von den Grünen in Berlin-Kreuzberg gewünschte Umbenennung eines Teils der Axel-Springer-Straße in Rudi-Dutschke-Straße macht Götz Aly am Ende des Buches dann einen wahrhaft salomonischen Vorschlag: Man solle sie doch am besten in Richard-Löwenthal-Promenade umtaufen.

Götz Aly: Unser Kampf. 1968 – ein irritierter Blick zurück

Fischer, Frankfurt/M. 2008, 256 S., 19,90 €

(erschienen in der Jüdischen Allgemeinen vom 21. Februar)

Tet-Offensive

Vor vierzig Jahren starteten das kommunistische Nordvietnam und der Vietcong pünktlich zum buddhistischen Neujahrsfest die Tet-Offensive. Neulich habe ich ein Buch über amerikanische Kriegsverbrechen in Vietnam rezensiert. Doch wer davon redet, sollte hiervon nicht schweigen: „Der Vietcong und seine Verbündeten gingen mit äußerster Brutalität gegen vermeintliche Unterstützer der südvietnamesischen Regierung vor. Allein in der Stadt Huế wurden in den 3 Wochen Vietcong-Herrschaft mehr als 5.000 Menschen gefoltert und exekutiert, darunter auch ausländische Ärzte und Priester und auch Kinder. Die später aufgefundenen Toten waren teilweise verstümmelt, einige wurden offenbar lebendig begraben.“ (Quelle: Wikipedia)