“Darauf bin ich gar nicht scharf”

Der Soziologe Gerhard Amendt begrüßt es, daß sich in der Erörterung der Frage, warum sich auf den obersten Sprossen der Karriereleiter immer noch weniger Frauen als Männer tummeln, der Akzent allmählich von der Diskriminierungsthese wegbewegt:

Frauen beginnen sich zu fragen, warum ihre Erfolge begrenzt scheinen, und nicht mehr, welcher Mann sie am Erfolg gehindert und welche Institution ihnen ein Bein gestellt oder warum der Sozialstaat ihnen das Problem nicht schon längst aus dem Wege geräumt hat. … Trotzdem wird die Frage nach der eigenen Verantwortung nur schrittweise der Suche nach Sündenböcken weichen. Je näher Frauen der feministischen Ideologie stehen, umso zäher suchen sie nach Sündenböcken. … (more…)

Richtige und falsche Vergleiche

Jonathan Tobin, Chefredakteur des Philadelphia Jewish Exponent, plädiert wegen Chinas Tibetpolitik für einen Boykott der Olympischen Spiele. Denn die Tibeter verdienten die Solidarität des Westens:


As for Tibet, it may be difficult, if not impossible right now, to imagine that county ever regaining its freedom, but the same could have been said of the Soviet’s hold on the enslaved nations of the Baltic 25 years ago. The Tibetans and the Dalai Llama have a right to expect free people to hold faith with them the same as we once did with those in Eastern Europe a generation ago.


The fact that China is actively engaged in religious persecution in Tibet, as well as within its own borders (of nonstate authorized churches and mosques) also makes this an issue that Jews cannot ignore. Though the odds of success here seem long, a Jewish community that claims to care about human rights in other situations cannot remain silent about China.


Some fear that protests over Tibet will legitimize the effort to delegitimize Israel because of its conflict with the Palestinians. Still, there is no comparison between a tiny country defending its borders against a portion of the vastly more numerous Arab people that wishes to destroy the Jewish state and the spectacle of a vast power eradicating the ancient nation of Tibet. Nor is there any comparison between this and America’s overthrow of the Saddam Hussein regime in Iraq.

Myths about 1936 aside, the Berlin Olympics was a major victory for Hitler, not his opponents. The Chinese are hoping to match that success. This year, as in Munich in 1972, when the games were considered more important than the slaughter of Israelis, the athletes will still be the pawns of tyrants more than anything else.

Dialektik der Aufklärung

Der Blogger Chodo, der sich den “Brights” zurechnet - sich also als kämpferischer Atheist und Aufklärer versteht - und für den Dalai Lama nichts übrig hat, fühlt sich gleichwohl von den Hetzschriften eines Colin Goldner und seinesgleichen abgestoßen und bezeichnet sie als das, was sie sind, als

Schmutzige “Aufklärung”:

Ein gewisser Colin Goldner hat bei der Zeitung “Junge Welt” (einer marxistischen Zeitung) ein wirklich abstoßendes und offen suggestives Pamphlet gegen den Dalai Lama (und für die chinesische Regierung) veröffentlicht. Der Inhalt ist dermaßen lächerlich, dass es jedem gesunden Menschen sofort auffallen muss.

Bei dem Rest des Artikels frage ich mich, woher die “Fakten” eigentlich stammen? Ich mutmaße mal direkt aus China.

Im Zusammenhang mit China dem Dalai Lama mangelndes Demokratieverständnis vorzuwerfen ist auch harter Tobak.

Es heißt der Dalai Lama “behauptete er wahrheitswidrig” Menschenrechtsverbrechen. Where’s the beef? Kein Beleg, keine weitere Untermauerung, stattdessen der Verweis auf die Unruhen “am selben Tag”.

“Die Polizei ging konsequent gegen den Rotkuttenmob vor und nahm zahlreiche Verhaftungen vor.” Das ist so ziemlich der einzige Satz, der sich mit den Handlungen der Chinesen befasst. Etwas mehr werden sie schon gemacht haben.

Selbst wenn die Vorwürfe in dem Artikel von Goldner die ausgemachte Richtigkeit hätten, bliebe die Art und Weise ihrer Äußerung gleich empörend und verabscheuenswürdig.

Fortschrittsfreunde

Jungle-World-Dissident Stefan Wirner schreibt in der heutigen WELT über linke China-Apologeten, die den Tibetern in den Rücken fallen, weil der Dalai Lama ein “schmieriger Kostgänger des Westens (ist), der die Vergangenheit einer parasitären Mönchsdiktatur verkörpert.”

Norman Paech, der außenpolitische Experte (der Linksfraktion) … sagte dem Berliner “Tagesspiegel”, “bei aller Farbigkeit und allem schönen Traditionalismus” trage das System des tibetischen Buddhismus auch “sehr starke feudale Elemente, die hinter dem freundlichen Lächeln des Dalai Lama verschwinden”. In der Frage der Menschenrechte zeigte Paech sich überzeugt, dass die Chinesen “da einen großen Schritt weitergekommen sind”.

… Die Linke hat kein grundsätzliches Problem mit der Religion - es kommt ihr schlicht darauf an, in welchen Diensten diese steht. Wenden sich religiöse Führer gegen den Westen und die Demokratie, so sind sie durchaus ein möglicher Bündnispartner. Die Tageszeitung “Junge Welt”, die dem radikalen Spektrum der Linkspartei nahesteht, brachte es in einem Kommentar auf den Punkt: “Khomeini war der Inspirator einer antiimperialistischen Volkserhebung, die das Antlitz der Region entscheidend verändert hat. Der Dalai Lama ist ein schmieriger Kostgänger des Westens, der die Vergangenheit einer parasitären Mönchsdiktatur verkörpert.” (more…)

Bilderloses Grauen

Hannes Stein macht auf einen gefährlichen blinden Fleck im Bewußtsein der westlichen Öffentlichkeit aufmerksam:

Was entgeht uns, während die ganze Welt … mit dem Krieg gegen den radikalen Islam beschäftigt ist …: Welchen Fehler sind wir gerade jetzt im Begriff zu begehen, der uns im Rückblick geradezu lachhaft offenkundig vorkommen wird, für die Zeitgenossen aber auf seltsame Weise unsichtbar bleibt? …

Wenn ich meinen letzten Silberdollar wetten sollte, was der Menschheit in 50 Jahren … erhebliches Kopfzerbrechen bereiten wird, dann würde ich sagen: der Wiederaufstieg des Sozialismus. …

Dafür gibt es – mindestens – drei Gründe. Erstens hört das Versprechen des Sozialismus nicht auf, verführerisch zu sein. Es ist ja einfach wahr, dass der Kapitalismus außer enormem Reichtum auch soziale Gegensätze produziert; … dass die auf Eigentum basierende Marktwirtschaft sich ideologisch nicht rechtfertigen kann. Sie funktioniert halt, das ist alles. …

Zweitens ermöglichen die sozialistischen Theorien (allen voran der Marxismus) denen, die an sie glauben, ungeheuer viel zu verstehen, ohne dass sie ungeheuer viel studieren müssten. An allem Elend sind im Zweifel die sozialen Verhältnisse schuld. …  Das lästige Herumrecherchieren, das Stochern in banalen Fakten entfällt. (Man darf es als „Positivismus” sogar von Herzen verachten.) …

Drittens gilt der Sozialismus – im Gegensatz zum Faschismus – als rein und unschuldig. Ich bin nicht sicher, ob in 50 Jahren noch irgendjemand (außer den Juden und den Deutschen) wissen wird, was Auschwitz war. Ich bin aber ziemlich zuversichtlich, dass sich bis dahin kein Mensch mehr an den Archipel Gulag erinnert. Schon heute befindet der Stalinismus sich kaum mehr im öffentlichen Bewusstsein. Der Grund ist simpel: Es gibt kein verbreitetes, kein jederzeit aus dem Gedächtnis abrufbares Bild vom Gulag. Anders als die Bahngeleise, die zur Rampe von Auschwitz führen, ist die Landschaft von Workuta nicht Teil der populären Mythologie. Es gibt nicht einen Hollywoodfilm über den Archipel Gulag …
Es gibt übrigens auch keinen Film über jenen namenlosen Horror, der so nett als „chinesische Kulturrevolution” bezeichnet wird. Mit anderen Worten: Wer den Nazis sein „Nie wieder!” entgegenschmettert, kann auf einen reichen Fundus von historischen Reminiszenzen zurückgreifen. Wer den sozialistischen Nostalgikern mit einem „Nie wieder” begegnen will, hat lediglich das dünne Bewusstsein von irgendetwas Ungutem auf seiner Seite. Auf wie vielen Bücherregalen dieses Planeten stehen denn die Bücher von Alexander Solschenizyn und Robert Conquest?

Bloß kein Durchschnitt

Bas Kast räumt im Tagesspiegel mit dem Mythos auf, der geringe Anteil von Frauen in Führungspositionen beruhe auf Diskriminierung:

Männer sind sowohl dümmer als auch schlauer als Frauen. Frauen dagegen „bewegen sich eher um den Durchschnitt“, wie es die britische Psychologin Helena Cronin von der London School of Economics formuliert – und das, meint die Expertin, könnte auch Licht auf die Frage werfen, weshalb Frauen bis heute so selten in den Spitzenpositionen der Gesellschaft anzutreffen sind. Denn natürlich sind auch Spitzenpositionen Extreme.

Lange Zeit hat man diesen Erklärungsansatz totgeschwiegen, nicht zuletzt aus politischer Korrektheit. Doch gibt es inzwischen so viele Hinweise, die für die „Extremhypothese“ sprechen, dass mehr und mehr Psychologen – oft Psychologinnen – sich hervorwagen. (more…)

Was zusammengehört

Es ist kein Land in Europa, das nicht in irgendeinem Winkel eine oder mehrere Völkerruinen besitzt, Überbleibsel einer früheren Bewohnerschaft, zurückgedrängt und unterjocht von der Nation, welche später Trägerin der geschichtlichen Entwicklung wurde. Diese Reste einer von dem Gang der Geschichte, wie Hegel sagt, unbarmherzig zertretenen Nation, diese Völkerabfälle werden jedesmal und bleiben bis zu ihrer gänzlichen Vertilgung oder Entnationalisierung die fanatischen Träger der Konterrevolution. Friedrich Engels, 1849 (MEW Band 6, S. 172)

Die linke Flanke unserer gemütlichen kleinen “prowestlichen” Blogokugelzone - namentlich das Bad Blog - findet es gar nicht gut, daß die reaktionären Tibeter sich gegen das fortschrittliche China erheben. Denn der Einmarsch der Chinesen 1950 und das Massaker an zehntausenden Tibetern unter dem Großen Vorsitzenden Mao Zedong neun Jahre später gilt in diesen Kreisen bis heute als zivilisatorische Mission gegen den buddhistischen Klerikalfaschismus, der unweigerlich wiederauferstehen würde, sollte der finstere Dalai Lama wieder ans Ruder kommen. Das Bad Blog flüchtet sich - durch kenntnisreichere Kommentatoren, die sich sowohl mit chinesischer Geschichte als auch mit der Geschichte des Kommunismus beschäftigt haben, in die Enge getrieben - sogar in linken Geschichtsrevisionismus, indem es die größte Hungerkatastrophe der Menschheitsgeschichte, die durch Maos “Großen Sprung” ausgelöst wurde, dem schlechten Wetter und der mangelnden Hilfsbereitschaft des Westens anlastet:

Und erkläre mir mal, wie eine Hungerkatastrophe, die vom schlechten Wetter verursacht wurde, den Maoisten in die Schuhe zu schieben sei? Wo doch der tolle Westen seine Hungerhilfe verweigert hat, oder dafür soviel Geld verlangt hat, dass es für die Chinesen zu teuer war.

Gewährsmann für diese Geschichtsauffassung ist für Bad Blog - wie auch für Lizas Welt - der Journalist Colin Goldner, Psychologe, Kulturanthropologe und Autor für Jungle World und Junge Welt - außerdem Mitglied im Internationalen Bund der Konfessionslosen und Atheisten und der Giordano Bruno Stiftung.

In der rotbraunen und antizionistischen Jungen Welt hetzt Goldner offen gegen den tibetischen “Rotkuttenmob”, der vom Dalai Lama angeblich zum Terror gegen friedliche Chinesen aufgehetzt worden sei.

Im Internet kursierten wenig später erste Gerüchte über geplante Sabotageakte, Terroranschläge und Attentate.

Wird schon stimmen, wenn es im Internet kursiert. Wozu sollte ein kritischer Journalist das dann noch nachprüfen?

Und noch ein weiteres Verbrechen des Dalai Lama hat Colin Goldner aufgedeckt: Auf der Website der von Goldner mitbegründeten Tierrechtsorganisation 4pawsnet wird gnadenlos enthüllt, daß der Dalai Lama sich perfiderweise als Tierschützer und Vegetarier ausgibt, obwohl er beides nicht ist. Pfui!

Wenn es um China und Tibet* geht, paßt zwischen die Steinzeitkommunisten von Junger Welt und der Partei DIE LINKE und die “prowestliche” Linke, die von den Feindbildern USA und Israel glücklicherweise Abschied genommen hat, kein Blatt Papier. Die schlichte humane Erkenntnis, daß man Menschengruppen, die nicht Trägerin der geschichtlichen Entwicklung sind, nicht einfach wie Völkerruinen oder Völkerabfälle behandeln darf, die man getrost vertilgen kann, ist in diese aufgeklärten Kreise noch nicht vorgedrungen.

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*Oder die Sowjetunion und Afghanistan, Rußland und Tschetschenien, Serbien und Bosnien bzw. Kosovo etc.

Antizionistische Üblichkeiten

Die Website “Qantara.de – Dialog mit der islamischen Welt” ist ein gemeinsames Internetportal der Bundeszentrale für politische Bildung, der Deutschen Welle, des Goethe-Instituts und des Instituts für Auslandsbeziehungen. Das Projekt wird vom Auswärtigen Amt der Bundesrepublik Deutschland gefördert.

Der in Berlin lebende israelische Journalist Igal Avidan schrieb für Qantara.de einen Text über den Milliardär Stef Wertheimer, der sein Geld in zahlreiche israelisch-palästinensische Projekte steckt und kürzlich mit der Buber-Rosenzweig-Medaille ausgezeichnet wurde. Der Beitrag wurde abgelehnt, was der Redakteur folgendermaßen begründete:

Lieber Igal Avidan,

ich hatte mich schon Anfang der Woche melden wollen; Zeit is immer so knapp, kennen Sie ja auch. Ganz kurz also zur Info: Wir haben uns entschlossen, den Wertheimer-Text nicht zu publizieren, aus dem einfachen Grund, weil es ein jüdischer Preis ist, der an einen jüdischen Israeli vergeben wurde, der sich offen zum Zionismus bekennt, aber für sein Engagement für israelische Palistinenser ausgezeichnet wurde. Die Botschaft, die man bei so einer Story herausdistellieren kann, ist: Zionismus und das Engagement für die Palestinenser lassen sich wunderbar miteinander vereinbaren! - Nun, es gibt Leute, die in dieser Aussage einen Widerspruch entdecken würden. Ich will jetzt aber gar nicht polemisieren, und es geht auch nicht darum, die Leistungen von Stef Wertheimer zu unterschlagen. Nur müssen wir und wollen wir als Dialogportal ein besonderes Gewicht auf die Ausgewogenheit unserer Berichterstattung legen.

Man hätte das Thema schon auch noch umsetzen können, nur hätte man einen aus unserer Sicht anderen Ansatz wählen müssen, aber in dieser Woche fehlte leider die Zeit dafür. Wegen der Handhabung bez. Honorar setzen wir uns mit ihnen nächste Woche in Verbindung.

Mit freundlichen Grüßen,

Lewis Gropp
Redaktion / Editorial staff Qantara.de
c/o Deutsche Welle
Lewis.Gropp@dw-world.de

Igal Avidan antwortete darauf:

Lieber Herr Gropp,

Ihre Antwort erstaunt mich.

Zum einen ist die Buber-Rosenzweig-Medaille, anders als Sie annehmen, kein “jüdischer Preis”, sondern sie wird vom Koordinierungsrat der Christlich-Jüdischen Gesellschaften verliehen, die (aus bekannten historischen Gründen) mehrheitlich aus Nichtjuden bestehen.

Stef Wertheimer setzt sich nicht besonders für Palästinenser (und nicht Palestinenser) ein, sondern für alle Menschen im Nahen Osten, die arbeiten wollen und die Gewalt und Fanatismus ablehnen.

Zum anderen ist der Zionismus die Antwort auf die Judenverfolgung in Europa und bildete die Grundlage für die Errichtung des Staates Israel. Wäre der Zionismus erfolgreicher gewesen, so wären möglicherweise nicht sechsMillionen Juden ermordet worden.

Ich sehe keinen Widerspruch zwischen Zionismus und dem Einsatz für eine friedliche Lösung des Konfliktes. Jossi Beilin und die Genfer Initiative sind ein ausgezeichnetes Beispiel dafür.

Wenn Sie als Internetportal der Deutschen Welle einen Dialog wirklich wollen, dann eben auch mit Zionisten, die immerhin die Mehrheit der Israelis darstellen. Wenn Sie aber über einen Menschen wie Steff Wertheimer nicht berichten wollen, weil er ein Zionist ist, dann wollen Sie wohl keinen Dialog mit Israelis.

Ich werde Ihr Schreiben öffentlich machen und bin gespannt auf die Reaktionen.

Mit zionistischem Gruss,

Igal Avidan

Ich fragte den Qantara-Redakteur Gropp per E-Mail:

Ich muß gestehen, daß sich mir die Logik Ihrer Begründung nicht völlig erschließt. Können Sie mir darüber Auskunft geben, was damit gemeint sein soll?

Gropp schrieb mir daraufhin:

Sehr geehrter Ingo Way,

danke für Ihre Mail. Erlauben Sie mir, Ihnen die Antwort zukommen zu lassen, mit der wir auf die verschiedenen Anfragen in dieser Sache reagiert haben. Melden Sie sich gerne, wenn Sie weitere Rückfragen haben. Ich bin indessen ab morgen bis zum 12. April verreist; wenden Sie sich dann bitte an unseren Redaktionsleiter, Loay Mudhoon, (loay.mudhoon@dw-world.de; 0228-429-2596).

Mit freundlichen Grüßen,

Lewis Gropp

***

Sehr geehrte Damen und Herren,

der Anlass ist zwar ein Unerfreulicher, aber Sie waren rücksichtsvoll genug, die Mail auch an uns zu versanden, was uns die Gelegenheit gibt, dazu Stellung zu beziehen - was wir hiermit gerne tun möchten.

Aufgrund von Abstimmungsschwierigkeiten kam es in diesem Fall zu beträchtlichen Missverständnissen, die wir allerdings mit unserem langjährigen Autor Igal Avidan bereits am vergangenen Sonntag ausräumen konnten. Der Artikel ist inzwischen wie mit ihm abgesprochen auf unserer Seite publiziert.

In der Sache sind unsere Positionen nicht korrekt wiedergegeben worden; unser Dialog-Magazin steht für eine fundierte und ausgewogene Berichterstattung, eine Verantwortung, die wir gerade in Bezug auf Israel sehr ernst nehmen. So finden sich auf unseren Seiten mehrere Beiträge, die sich mit dem Problem der pauschal anti-israelischen Positionen in der arabischen Welt, auch über das Problem der Holocaust-Leugnung haben wir immer wieder aus gegebenem Anlass berichtet. Regelmäßig publizieren renommierte israelische Autoren und Journalisten auf Qantara.de. Die geäußerten Vorwürfe und Mutmaßungen möchten wir daher entschieden zurückweisen.

Bei weiteren Fragen stehen wir Ihnen gerne zur Auskunft zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen,

Loay Mudhoon, Redaktionsleiter

Lewis Gropp, Redakteur

***
Redaktion Qantara.de
c/o Deutsche Welle
Kurt-Schumacher-Str. 3
53113 Bonn
Germany
Loay.Mudhoon@dw-world.de
Lewis.Gropp@dw-world.de
www.qantara.de

In der Tat ist der Text von Avidan inzwischen auf der Seite zu finden. Worin allerdings die beträchtlichen Mißverständnisse bestanden haben, erschließt sich mir nach wie vor nicht. Gropp hatte sich m.E. recht unmißverständlich ausgedrückt. Wenn es heißt In der Sache sind unsere Positionen nicht korrekt wiedergegeben worden, steht das jedenfalls im deutlichen Widerspruch zu den wörtlichen Zitaten aus Gropps Mail an Avidan.

Eine andere Frage wiederum ist, warum letzterer überhaupt Wert darauf legt, bei Qantara zu publizieren. Sieht man sich das Umfeld dieser Seite nämlich einmal an, zeigt sich, daß dort der Dialog mit der islamischen Welt überwiegend so verstanden wird, das man alles abnickt, was die “islamische Welt” so fordert. Es finden sich zahlreiche Artikel über die schlimmen Folgen von Schutzzaun und Grenzkontrollen, zur Diskrimierung der arabischen Israelis und zur sogenannten Nakba, aber nichts über den andauernden Raketenbeschuß aus dem Gazastreifen – auf einer Seite, die nach Auskunft eines ihrer Redakteure auf ausgewogene Berichterstattung so großen Wert legt. Der frühere libanesische Finanzminister George Corm übt die übliche Schelte am Westen (”ihr seid selber nicht perfekt, ätschbätsch”), Jürgen Todenhöfer fordert den üblichen Respekt für die islamische Welt und die üblichen Genderforscherinnen verneigen sich vor dem islamischen Feminismus. Alles im Rahmen des Üblichen eben. Wie sonst käme man in den Genuß von Förderung durch die Bundeszentrale für politische Bildung, die Deutsche Welle, das Goethe-Institut, das Institut für Auslandsbeziehungen und das Auswärtige Amt?

Auch Furor kann witzig sein

Auch Hannes Stein findet Götz Alys 68er-Buch gut. Und interessant: Gerade den Vorwurf vieler Rezensenten, Alys “Furor” kranke an Humorlosigkeit, teilt Hannes Stein nicht: “Das Buch ist streckenweise sehr witzig.” Was wiederum meinem Leseeindruck entspricht.

Veröffentlicht in: on März 19, 2008 at 12:15 Kommentare (0)
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Der Vatermord, der die Falschen traf

Marko Martin erinnert an eine freiheitliche Tradition, die mit der Reeducation, verkörpert nicht zuletzt durch jüdische Remigranten, die keine Nachhilfe in Sachen Antifaschismus brauchten, nach Deutschland kam und durch die Arroganz und Aggressivität der Neuen Linken um 68 in Vergessenheit geraten ist: den liberalen Antitotalitarismus.

Wer sich in Archive begibt, um langjährige Interpretationen - sprich: Lebenslügen - mit historischen Quellen und Primärtexten abzugleichen, gerät leicht in den Ruch des Besserwissers, Nachtreters, ja des Denunzianten. Zuletzt hatte der Historiker Götz Aly diese Erfahrung machen müssen, als er für sein Buch “Unser Kampf 1968 - ein irritierter Blick zurück” recherchierte und zum argen Verdruss seiner ehemaligen Genossen so manch teutonisch unappetitliches Schriftstück zutage förderte, welches das bis heute wirkungsmächtige Selbstbild der 68er als liberal-libertäre Modernisierungs-Avantgarde gründlich konterkarierte.
(In Antiquariaten lassen sich) Exemplare der liberalen Kulturzeitschrift “Der Monat” finden, die 1948 auf Initiative der Amerikaner gegründet worden war, um den desorientierten Nachkriegsdeutschen angelsächsische Demokratietradition näher zu bringen, aber auch jene urbane Moderne-Neugier und den Antitotalitarismus, den die einst von Hitler vertriebenen Intellektuellen im Gepäck hatten: Hannah Arendt, Franz Borkenau, Arthur Koestler, Manés Sperber, Hans Sahl, Walter Mehring oder Hilde Spiel. …
Im damals noch viel gelesenen “Monat” jener Jahre zu schmökern, bedeutet nichts Geringeres, als sich von einer Legende zu verabschieden: Denn ja - es passte sehr wohl ein gewichtiges Blatt zwischen “Bild”-Schlagzeilen einerseits und SDS-Verlautbarungen andererseits. Und nein - es waren weder allein knarzige Altreaktionäre, welche die Studentenbewegung damals kritisierten, noch windelweiche Fellow-Traveller, die gleichzeitig so manchen Aspekt des Protestes für legitim und zukunftsweisend hielten. … Was, fragt man sich im Rückblick, hätte daraus für ein spannendes Generationsgespräch werden können!

Bereits zwei Jahre zuvor, im November 1966, hatte Hellmut Jaesrich an gleicher Stelle warnend zu bedenken gegeben: “Die blinden Eiferer der 50er-Jahre sind durch genauso blinde Eiferer mit umgekehrter Front abgelöst worden. Damals glaubten alle naiven Gemüter, wenn etwas schiefgegangen war, könne es nur an den bösen Kommunisten liegen. Heute glaubt dieselbe Art von Menschen, alles wäre leichter, wenn nicht überall die bösen Antikommunisten steckten und die braven Geister in ihrer Arbeit behinderten.”
Freilich hatte der “Monat” - selbst zu ideologischen Hochzeiten - nie einen derlei kollektiv brabbelnden Sonntagsreden-Antikommunismus gepflegt, sondern stets die Fahne individueller Selbstreflexion hochgehalten. Es zählt zu seinen tragischen, letztlich aber auch sympathischen Irrtümern, dass man glaubte, ein solch kohärenter und dazu biografisch beglaubigter Antitotalitarismus müsse als Grundkonsens doch weiterhin unbestritten bleiben.

… Einer, der dies mit Sorge sah, war überraschenderweise - Günter Grass …: “Zwar müssen Mao, Marx und Marcuse die Zitate hergeben, doch mir will es vorkommen, als versuche sich wieder einmal der deutsche Idealismus mithilfe des Studentenprotestes zu regenerieren. Denn woher kommt diese Sucht, Bilder als Vorbilder und die rote Fahne als Wert an sich durch die Straßen zu führen? Der tote Revolutionär Che Guevara als Pin-up … Woher kommen diese Alles-oder-nichts-Forderungen, wenn nicht aus der gutgedüngten Kleingartenerde des deutschen Idealismus?” Und beinahe prophetisch den kommenden Weg Horst Mahlers von SDS zu RAF zu NPD antizipierend: “Wer gestern noch seine schönpolierte Musiktruhe mit der Internationalen bediente, wird morgen Götterdämmerung auflegen und dem Urraunen lauschen wollen.”
… Politischer Liberalismus in den Jahren um 1968 reimte sich keineswegs nur auf den Namen FDP und verstand es, auf hohem intellektuellem Niveau Debatten zu führen. … Genutzt hat es freilich nicht viel. All die ideologische Wirrnis, die man mitsamt ihrem machttechnischen Mörder-Hintergrund jahrzehntelang von allen Seiten beleuchtet hatte, begann nun als “frenetischer Meinungssuff” (Manés Sperber) erneut in beträchtlichem Maße junge Köpfe zu vernebeln. Vielleicht aber hätte “Der Monat” ohnehin keine Chance mehr gehabt. Vermutlich hatte die gängige Rede vom “unausweichlichen Generationenkonflikt” ja vor allem diesen deprimierend darwinistischen Kern: Die Alten mussten weggebissen werden.