“Krieg ohne Fronten. Die USA in Vietnam” heißt die umfangreiche Studie von Bernd Greiner über amerikanische Kriegsverbrechen in Vietnam. Im Tagesspiegel von heute rezensiere ich sie.
Hirnforscherin mit Hirn
Unbedingt lesen! Die Weltwoche hat ein Interview mit der britischen Hirnforscherin Susan Greenfield geführt. Hier einige Auszüge:
Baroness Professor Susan Greenfield … hat die besondere Rolle entdeckt, die das Enzym Acetylcholinesterase (AChE) bei der Zerstörung von Zellen spielt. Dies gilt als wichtiger Ansatz zur Bekämpfung von Hirnkrankheiten wie Alzheimer oder Parkinson. Seit Greenfield 1994 als erste Frau die Weihnachtsvorlesung der Royal Institution hielt, sie präsentierte eine Rundreise durchs menschliche Hirn, die BBC live übertrug, kennt man sie auch auf der Strasse. 1998 übernahm sie die Direktion dieser Wissenschaftsvereinigung. Heute ist die 57-Jährige Professorin für Physiologie in Oxford, wo sie sich mit den Wechselwirkungen zwischen Mensch und Technik und deren Einflüssen aufs Hirn beschäftigt. Ausserdem ist sie Mitglied des House of Lords, hat vier Biotech-Start-ups gegründet und neun populärwissenschaftliche Bestseller geschrieben. Ihr neustes Buch heisst «Tomorrow’s People. How 21st-Century Technology Is Changing the Way We Think and Feel». Sie wird nächsten Montag die Europäische Futuristenkonferenz in Luzern mit einem Vortrag eröffnen.
Sind wir tot, wenn unser Hirn tot ist?
Natürlich. … Unser Hirn, also unser Bewusstsein, und wir sind so eng miteinander verbunden, ich sehe nicht, dass das eine ohne das andere sein könnte.
Sie kommen aus der Arbeiterklasse und sind heute Baroness.
Für mich war das immer alles sehr logisch, sehr folgerichtig. Mich interessieren die Fragen: Was ist ein Individuum, was ist der Verstand, was ist Bewusstsein? Das sind die Fragen der alten Griechen. Und ich gab mich nie mit einem Nein als Antwort zufrieden. In diesem Sinn ist mein Leben in sich schlüssig, für andere mag das nicht so aussehen. Aber was soll’s? Wenn jemand, der ehrlich, offen und neugierig ist, schon als komisch gilt, ist das nicht mein Problem, sondern ein trauriges Zeugnis für unsere Gesellschaft.Gibt es so etwas wie ein weibliches Hirn?
Das ist die strittige Frage. Ja, es gibt Unterschiede, aber die individuellen Unterschiede sind doch grösser. Würde man unsere beiden Hirne jetzt rausnehmen, keiner könnte sagen, welches das weibliche, welches das männliche ist. Hätte man aber hundert weibliche, hundert männliche Hirne, man sähe den Unterschied. Nicht nur die physischen Strukturen, sondern auch die chemische Zusammensetzung ist unterschiedlich, der Testosterongehalt. Männer und Frauen lernen anders.
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Ehrenmordstatistik
In der Türkei sind die meisten Opfer von Ehrenmorden männlich. Zwischen 2001 und 2006 wurden in der Türkei etwa 500 Frauen und 700 Männer aus Gründen der “Ehre” ermordet. In Deutschland sind laut einer Studie des BKA immerhin ein Drittel der Opfer männlich. Zwischen 1996 und 2005 gab es hier 55 Ehrenmorde bzw. -versuche mit insgesamt 70 Opfern. 48 der Opfer waren weiblich, 22 männlich. 36 Frauen und 12 Männer kamen zu Tode.
Sanfte Medizin
Wenn die Befürworter und die offiziösen Vertreter der Homöopathie es nötig haben, mit solchen Mitteln gegen Kritik vorzugehen, dann zeigt das 1.) daß sie wohl nicht allzuviele überzeugende Argumente auf ihrer Seite haben (und dies, wie alle religiös Vernagelten, insgeheim wissen, was bereits ein großes Quantum des aggressiven Überschwangs erklärt) und ist 2.) schon schlimm genug. Noch schlimmer ist es allerdings, daß das ZDF dem Druck des Mobs nachgab und die betreffende Sendung mit Joachim Bublath kurzerhand aus ihrem Online-Angebot strich. (Der Kampf gegen die GEZ, den manche Blogger so leidenschaftlich führen, ist, mangels Relevanz, eigentlich nicht mein Thema. Daß allerdings Rundfunkgebühren auch für internetfähige Rechner erhoben werden, ist angesichts dieses Vorfalls schon eine Dreistigkeit. Gut, daß ich all meine Blogbeiträge im Internetcafé schreibe.) Die Homöopathen jedenfalls haben endlich einen Wirksamkeitsnachweis erbracht - zwar nicht für ihre Hokuspokustherapie, wohl aber für die mafiöse Energie ihrer Verbandsvertreter.
(Wie man mit Irrationalisten am besten diskutiert, hat Bublath exemplarisch an anderer Stelle gezeigt: nämlich gar nicht. Aufstehen, Weggehen, Kreischen lassen.)
Multiple Revolutionen
Leser im Raum Erfurt haben heute abend die Gelegenheit, einem Vortrag beizuwohnen, der interessant werden dürfte. Jörg Baberowski, Professor für Geschichte Osteuropas an der Humboldt-Universität Berlin und Autor des Buches “Der rote Terror. Die Geschichte des Stalinismus” spricht heute abend in derStadtbibliothek Erfurt über die Russische Revolution von 1917 bis 1921.
Eigentlich, so Baberowskis These, müsse von mehrerenRevolutionen zugleich gesprochen werden. So habe es eine Revolte der Gebildeten gegen das zaristische Regime, eine der Bauern und Arbeiter gegen die Eliten und eine der nationalen Bewegungen und Minderheiten gegen das Imperium gegeben.
Der Vortrag ist Teil der “RussischenTage” in Thüringen zum 90. Jahrestag der sogenannten Oktoberrevolution.
Ort und Zeit: 19.30, Stadt- und Regionalbibliothek Erfurt, Domplatz 1.
Zur Kritik der Kritischen Theorie
Im Juli 2006 veranstaltete ich zusammen mit Sylke Tempel und Michael Holmes im Berliner Haus der Demokratie eine Podiumsdiskussion “Zur Kritik der Kritischen Theorie”. Das Vortragsmanuskript von Michael Holmes ist nun im Druck erschienen:
Zur Kritik der Kritischen Theorie
Erschienen in: Aufklärung und Kritik 2/2007
Radikale Linke ärgern sich zu Recht immer wieder darüber, daß im akademischen Betrieb nicht selten über Adorno gesprochen wird, ohne daß auch nur ein Wort zu seiner Kapitalismuskritik fällt. Ich denke, daß es Theoreme in seinem Werk gibt, die sich auch unabhängig von seiner Gesellschaftskritik diskutieren lassen, und dazu gehört auch seine Erkenntnistheorie. Adorno selbst aber sieht das anders. Das Zentrum seiner Philosophie ist ohne Zweifel die Kritik der warenförmigen Gesellschaft. Es ist schwer, auch nur eine Seite in seinem Gesamtwerk zu finden, an der sich das nicht zeigen ließe.
Fast alle seiner Thesen über die kapitalistische Gesellschaft werden von Adorno ungeprüft in den Raum geworfen. Adornos Kritik verharrt im Intuitiven. Wissenschaftliche Fakten zu den postulierten sozialen Zusammenhängen sind in seinen Hauptwerken überhaupt nicht zu finden. Selten ist er um eine Begründung bemüht. Ja, er lehnt Begründungen für seine zentralen Thesen sogar explizit ab. Ihre Wahrheit sei schließlich durch Evidenz verbürgt.
I. Bei den wenigen Begründungen handelt es sich meist um Variationen einer latent antimodernistischen Argumentation: Der Kapitalismus sei ein „automatisches Subjekt“, er abstrahiere von den konkreten Situationen der Menschen und ihren Bedürfnissen, der Tauschwert sei blind und taub gegenüber unseren Wünschen und Leiden. (mehr…)
Lob des Wissenwollens
Die Schoa ist kein Thema von gestern: Saul Friedländers Friedenspreisrede
Der Applaus ist anfangs verhalten. Dann stehen einige Zuhörer aus den ersten Reihen von ihren Plätzen auf, der Rest des Auditoriums folgt nach, um dem israelischen Historiker Saul Friedländer an diesem Sonntag nach seiner Rede zur Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche zu applaudieren. Kein Vergleich zu den geradezu frenetischen Ovationen für Martin Walser 1998, als der Schriftsteller über die „Auschwitzkeule“ geklagt hatte, die von ominösen Kräften dazu benutzt werde, den Deutschen ein „normales“ Leben zu verleiden. Nur Friedrich Schorlemmer, Ignatz und Ida Bubis hatten sich damals nicht von ihren Sitzen erhoben.
Ida Bubis war auch diesmal wieder unter den Anwesenden, nebst zahlreicher Prominenz, vom Bundespräsidenten Horst Köhler bis zur Sexualtherapeutin Ruth Westheimer. Er wolle „keine Polemik“ betreiben, sagte Friedländer, wohl in Anspielung auf die Erwartungen, er werde sich noch einmal mit Walser auseinandersetzen. Das hatte bereits der Germanist Wolfgang Frühwald in seiner Laudatio besorgt, als er sagte: „Wer dies (die Erzählung von der Vernichtung der Juden) – wie die stereotype Formel lautet – nicht mehr hören kann, der hat es noch nie wirklich gehört“. Szenenapplaus. Frühwald fuhr fort: „Wer sich gar wohl fühlt im weltweit wachsenden Lager derer, welche die Tatsächlichkeit dieses Verbrechens gegen Rang und Würde des Menschseins leugnen, stimuliert die Lust auf Wiederholung.“
Gegenspieler Gottes
Wolfgang Wippermann erzählt die Geschichte der Verschwörungstheorien vom christlichen Teufelsglauben bis zu 9/11. Dabei entdeckt er auch “antiislamistische” Verschwörungstheorien - freilich ohne Belege dafür zu finden. Meine Rezension von Agenten des Bösen im heutigen Tagesspiegel.
Wolfgang Wippermann über 2000 Jahre einfache Antworten: Verschwörungstheorien von der christlichen Teufelsmythologie über den Kalten Krieg bis zu den Anschlägen vom 11. September - und immer waren die Juden schuld.
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Mit dem Teufel fing alles an. Die christliche Teufelsmythologie ist die Blaupause sämtlicher Verschwörungstheorien, so die These des Historikers Wolfgang Wippermann von der Freien Universität Berlin. In seinem Großessay “Agenten des Bösen. Verschwörungstheorien von Luther bis heute“ geht er, anders als der Untertitel suggeriert, weit hinter Luther zurück. Christlicher Teufelsglaube und Verschwörungstheorien haben gemeinsam, dass sie alles Böse auf eine eindeutige, identifizierbare Quelle zurückführen – ein dualistisches Weltbild, in dem das Gute und das Böse streng geschieden sind. Dieser Dualismus geriet unter dem Einfluss des persischen Zarathustra-Glaubens mit dem Johannes-Evangelium in das Christentum. Erst dort wird der Teufel zum Gegenspieler Jesu aufgebaut – und mit der Bezeichnung der Juden als “Kinder des Teufels“ bereits der Boden für die antisemitische Struktur aller späteren Verschwörungstheorien bereitet.
Im Alten Testament gab es zwar auch schon Konzepte des Guten und des Bösen; diese waren aber etwas Irdisches, Menschliches. Das Böse sollte bestraft werden, es war nichts Dämonisches im Spiel. Satan ist im Alten Testament keineswegs der Gegenspieler Gottes, im Buch Hiob etwa ist er eher so etwas wie ein Mitglied eines göttlichen Beraterstabs. Das Gute und das Böse sind in dem einen Gott vereint, der noch nicht aufgespalten ist in den lieben Gott und den bösen Teufel. (mehr…)
Was macht eigentlich …
… Camille Paglia, Autorin der kulturhistorischen tour de force Die Masken der Sexualität, deren zweiter Band zwar seit erscheinen des ersten angekündigt wurde, aber nie erschienen ist? Schreibt die überhaupt noch? Oh ja, Kollege Peet G. von Sendungsbewußtsein hat ein Stück von ihr ausgegraben:
Rigid Scholarship on Male Sexuality
“Bürgerliche Hacksrezeption”
Heute (Donnerstag) besteht die letzte Möglichkeit, den ersten Band der Reihe ARGOS. Mitteilungen zu Leben, Werk und Nachwelt des Dichters Peter Hacks zum günstigen Subskriptionspreis von 9 Euro 90 zu bestellen. Und zwar hier.
Warum ich das empfehle? Weil sich darin unter anderem mein bahnbrechender Hacks-Essay “Kapitalistische Manifeste” aus dem MERKUR vom März 2005 befindet - von ARGOS-Herausgeber André Thiele als Musterbeispiel “bürgerlicher Hacksrezeption” gelobt.
Den Herrn Thiele vermag ich zwar politisch nicht so recht einzuordnen, pflege aber seit einiger Zeit eine recht ersprießliche E-Mail-Korrespondenz mit ihm.
Und mit den ebenfalls in ARGOS vertretenen Autoren Martin Mosebach und F.W. Bernstein befinde ich mich allemal in guter Gesellschaft.