Warum und zu welchem Ende usw.

1. Juli 2005 § Ein Kommentar

Am 23. Juni fand an der Berliner Humboldt-Universität der „2. Tag der Germanistik“ statt. Ich ließ es mir nicht nehmen, an einem Essaywettbewerb teilzunehmen, den das Kolloquium „ästhetik macht wirklichkeit“ (doch, doch, so kalauern Germanisten) zu diesem Anlaß ausgeschrieben hatte. Die Preisfrage lautete: „Was deutet uns die Literaturwissenschaft eigentlich?“ Bei der Kür des besten Beitrages im Theaterhaus Mitte wurde gleich klar, daß mein kleiner Essay keine Chance hatte, denn, so die Jury: „Die Frage lautete nicht: Wie verkommen ist eigentlich die Literaturwissenschaft?“

Von Ingo Way

Was das eigentlich sei, literaturwissenschaftliches Wissen, lautet die Frage – ob sie, die Literaturwissenschaft, die Mittlerin zwischen Literatur und Welt oder nicht vielmehr Selbstzweck sei. Folgt man dem Großmeister Peter Hacks, dann befaßt sich die Literaturwissenschaft

mit künstlerischen Fragen, indem sie sich nicht mit ihnen befaßt. Sie erforscht die Lebensläufe der Autoren, ihrer Eltern und Voreltern, nicht minder auch die gut und schlechten Eigenschaften ihrer Freunde und Frauen. Sie berichtigt verdruckte Wortlaute, bringt sie in Übereinstimmung mit den Handschriften und sondert sie ab von den Entwürfen. Sie legt Verzeichnisse der von einem Schriftsteller benutzten Wendungen an oder führt Listen darüber, wer vor oder wer nach wem über was gedichtet habe. Sie unternimmt Beschreibungen von Inhalten und setzt dieselben in Verhältnis zu einer Vielzahl politischer und philosophischer Meinungen. Sie stellt, und mit unabweisbarer Richtigkeit, eine Unmenge Dinge fest, die das als Gemeinsames an sich zeigen, daß sie das Kunstwerk selbst nicht betreffen. Das Aufwerfen künstlerischer Fragen ist in ihren Zunftgesetzen ausdrücklich verboten.

Ein solides Handwerk mit goldenem Boden könnte die Literaturwissenschaft mithin im besten Falle sein, das sich der gebührenden Achtung der Mitwelt in dem Grade erfreuen könnte, in welchem sie es an der gebührenden Handwerkerehre nicht mangeln ließe. Was könnte sie leisten? Ein gut recherchiertes Werk zu einem Aspekt der Literaturgeschichte hier, ein möglichst vollständiges Autorenlexikon dort, gelegentlich eine in akribischer Kärrnerarbeit besorgte Werkausgabe, ob historisch-kritisch oder nicht; wenn der Horizont des jeweiligen Rezensenten weit genug reicht, ist auch eine philosophische oder ideologiekritische Abhandlung oder Monographie über diesen oder jenen Autor durchaus noch im Rahmen des Seriösen.

Was aber, wenn die Literaturwissenschaft sich ans Interpretieren begibt? Die Deutung literarischer Werke entstand in Analogie zur Exegese heiliger Texte. Es geht darum, dem Text seinen „eigentlichen“ Inhalt zu entlocken, das Wesen hinter der Erscheinung zu entlarven (dies die Zutat des deutschen Idealismus) – und ist er, der Text, nicht willig, so braucht man Gewalt. Was genau bedeutet dieses vom Autor scheinbar zufällig dahingeschriebene Wort? Enthält jener Satz nicht noch eine bisher in der Sekundärliteratur nicht ausreichend gewürdigte Nuance? Bisweilen ähneln solche interpretatorischen Feinanalysen dem Beziehungswahn des Psychotikers.

Zudem leiden die Germanisten heute unter der narzißtischen Kränkung aller Geisteswissenschaftler: Sie wären gerne die Priesterkaste mit Deutungshoheit und nehmen der Gesellschaft übel, daß sie auf ihre Urteile keinen Pfifferling gibt. Dafür halten sie sich schadlos, indem die Vertreter der diversen Schulen sich in endlosen Grabenkämpfen gegenseitig das Leben schwer machen. Wenn es denn um etwas ginge, wäre ein mit Heftigkeit ausgetragener wissenschaftlicher Streit ja eine höchst wünschenswerte Sache. Aber der Zwist zwischen systemtheoretischen, hermeneutischen, (de)konstruktivistischen usw. Ansätzen erscheint dann doch eher wie der scholastische Disput um die Vorhaut Christi. Dem Ressentiment der übrigen Fakultäten sowie der außerakademischen Öffentlichkeit, in den Geisteswissenschaften werde ohnehin nur Allotria getrieben, wird auf diese Weise nicht gerade das empirische Fundament entzogen.

So sind die Literaturwissenschaftler eifrig darum bemüht, sich von Paradigmenwechsel zu Paradigmenwechsel zu hangeln, um nur ja den Anschluß an die neuesten Diskurse nicht zu verpassen. Dankbar ließ man sich daher seinerzeit eine Frischzellenkur in Gestalt des französischen Poststrukturalismus verschreiben. Plötzlich war alles Text, die ganze Welt fiel also gleichsam in den Zuständigkeitsbereich der Literaturwissenschaft. Was für eine Aufwertung der eigenen Profession! Nur daß außerhalb der Institute wieder einmal niemand etwas davon mitbekam. Das ganze Unternehmen beruhte auf der schlechten idealistischen Philosophie des radikalen Konstruktivismus sowie auf einer grotesken Sprachüberschätzung (die sich freilich auch in der – angelsächsischen – analytischen Philosophie findet). Der hegelianisch-marxistische wurde durch den diskurstheoretischen Entlarvungsgestus ersetzt: Den Texten dieses oder jenes Autors (der ja ohnehin überschätzt werde) seien allerlei repressive (bürgerliche, sexistische, ethno-, phallo-, logozentristische) Diskurse eingeschrieben. (Oder umgekehrt kann mit dem Hinweis auf die Literarizität eines Textes eine sachlich begründete Kritik an den schriftlich artikulierten Positionen eines Autors als unstatthaft, gleichsam als kunstfremd, abgetan werden.)

So entstand allmählich das paradoxe Schwanken zwischen einer, aufgrund der genannten Sprachüberschätzung, frappierenden Ignoranz der Bedeutung von Bildlichkeit in unserer Kultur – die nicht erst mit dem bösen Fernsehen aufkam, sondern, wie Camille Paglia nachgewiesen hat, bereits im alten Ägypten gesellschaftsprägend war – auf der einen und einem beflissenen Hinterherrennen hinter den neuesten Medientheorien, um nur ja nicht etwa altfränkisch zu wirken, auf der anderen Seite. Was den Studenten vermittelt wurde, war oft nicht mehr als der Stoff für gediegene Partykonversation.

Und wird die Literaturwissenschaft denn wirklich als Mittlerin zwischen Literatur und Welt benötigt, werden ihre diesbezüglichen Dienste überhaupt nachgefragt? Die Leute lesen ja, und zwar mehr als jemals zuvor in der Geschichte, und auch keineswegs nur Schrott, sondern, wie ein Blick in die aktuellen Bestsellerlisten verrät, unter anderem Nick Hornby, T.C. Boyle, Wilhelm Genazino, John Updike, Philip Roth, Pascal Mercier (1) etc. etc. Und sie tun das nicht etwa aufgrund der Existenz jener Disziplin namens Literaturwissenschaft. Allerdings auch nicht ihr zum Trotz. Sondern ganz einfach unabhängig von dieser.

Würde der Autor heute noch einmal ein Studium beginnen, entschiede er sich wohl für eine solide Wissenschaft mit ausgearbeiteter Methodik, oder aber gleich für einen anständigen Beruf, wie Makler, Steuerberater oder Losbudenbesitzer, nicht aber für so eine halbseidene Veranstaltung wie die Literaturwissenschaft. Da er nun aber zu faul ist, noch etwas ganz neues von vorne anzufangen, versucht er wenigstens eine heilsame Distanz zum Treiben seiner eigenen Firma zu bewahren – und kann nur allen Kollegen das gleiche ans Herz legen.

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(1) Interessant, daß es, um nur von Berlin zu reden, unter den akademisch Bestallten Philosophen oder Juristen sind, die Romane schreiben, und nicht Literaturwissenschaftler. In Großbritannien und den USA sieht das bekanntlich ganz anders aus.

§ Eine Antwort auf Warum und zu welchem Ende usw.

  • Wieder ein Text zum Nachdenken. Germanistik die davon ausgeht dass der literarische Autor durch die Gesellschaft, durch das Weltganze, oder gar durch Gott inspiriert ist, Literaturwissenschaft als Fischen nach Offenbarung statt als Teilbereich des Katalogwesens … das kann man sicherlich für ein unsolides Gewerbe halten, obwohl es mehr als genügend Literatur gibt die so langatmig ist dass sie keiner liest und die hohe Kunst der verkürzenden Interpretation durchaus gefragt ist. Man nehme nur den europäischen Verfassungsentwurf! Wer könnte diese Textmenge auf das wesentliche komprimieren?

    Andererseits fragt sich aber auch der eine oder andere Kunde im Buchhandel was ist schon solide, wenn sich sobald es an die Grundlagen von Materie und Energie geht noch nichtmal die Physiker darüber einigen können ob Gott würfelt oder nicht? Information entsteht immer erst durch eine Vereinbarung zwischen einem Sender und einem Empfänger über eine Menge von Symbolen, aus der in einem Kommunikationskanal eine Auswahl getroffen wird. Existiert eine solche Vereinbarung, dann ist ein Phänomen Träger einer Information, existiert sie nicht ist dasselbe Phänomen einfach nur irgendeine weitere leere Erscheinung. Ob beispielsweise die Farbe des Rauches, der aus einem bestimmten Kamin aufsteigt, etwas bedeutet oder nicht hängt einzig und allein davon ab ob ein Alphabet für diesen Kommunikationskanal vereinbart wurde. Ob schwarz oder weiß für den Lauf der Weltgeschichte eine Rolle spielen ist dem Rauch selber nicht zu entnehmen.

    Auf der Suche nach einer Synthese der großen Erzählungen interessiert sich der sprachphilosophische Ansatz natürlich nicht für solche feinen Unterscheidungen, sonst würde er ja nicht suchen, sondern setzt axiomatisch einen Sender voraus der eine Blankovereinbarung ausgestellt hat – die unerschöpfliche Quelle der Eingebungen des Autors. Man kann natürlich auch an der Sixtinischen Kapelle derlei Meta-Literaturwissenschaft betreiben und sich fragen, was hat die Tatsache zu bedeuten, dass ausgerechnet der Kamin als Kommunikationskanal gewählt wurde? Antwort, wenn man noch sehen kann wo der Rauch rauskommt ist es nicht der Turm zu Babel, das Gleichnis der Diskurshohheit.

    Das erstaunliche an der postmodernen Sprachphilosophie ist dass sie die ganze Welt für konstruiert hält bis auf sich selbst. Wenn alle Kreter lügen, und Epimenides ist ein Kreter… dann beißt sich die Katze in den Schwanz und auch die vielbeschworene Diskurshohheit ist nichts weiter als irgendein weiteres Konstrukt. Für niemanden wirklich überraschend haben die Postmodernen sich selbst dekonstruiert, weil sie vor lauter Sprachessentialismus ganz übersehen haben dass es eine Information an sich ebensowenig gibt wie ein Ding an sich. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann suchen die heldenhaften Jedi-Ritter noch heute nach der heiligen Diskurshohheit…

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