Ein Drink unter Freunden in Zeiten des Krieges

10. Juli 2005 § 2 Kommentare

Von Paul Berman

Mein Bekannter lehnte sich über den Kneipentisch und sagte: „Du bezeichnest den Irakkrieg also als antifaschistischen Krieg. Sogar als linken Krieg, als Befreiungskrieg. Schon deine Wortwahl! Allerdings sind nicht allzu viele Linke deiner Meinung.“

„Stimmt nicht!“, sagte ich. „Abgesehen von den Linken X, Y und Z, deren Namen du sehr wohl kennst – was ist zum Beispiel mit Adam Michnik in Polen? Und zählt Vaclav Havel in deinen Augen nicht auch ein wenig? Diese Leute gehören zu den Helden unserer Zeit. Überhaupt, wer kämpft denn gerade im Irak? Die Koalition wird von einem rechtskonservativen Texaner angeführt, was zwar traurig ist; aber an zweiter Stelle vom britischen Premierminister, und der ist Sozialist, irgendwie jedenfalls; und an dritter Stelle vom polnischen Präsidenten, und der ist Kommunist! Okay, Ex-Kommunist. Ein rechtskonservativer Texaner und zwei Europäer, die mehr oder weniger zur Linken gehören. Außerdem verschwimmen diese Kategorien, links und rechts, zur Zeit doch völlig. Wen hältst du denn für das Oberhaupt der weltweiten Linken? Jacques Chirac? Ein Konservativer, leider muß ich dir das sagen.“

Mein Bekannter blieb stur: „Trotzdem, die meisten Menschen sind offenbar nicht deiner Meinung. Das mußt du einsehen. Und warum glaubst du wohl, daß das so ist?“

Die Frage war als Angriff gemeint. Ich antwortete dennoch freundlich: „Tja, warum sehen es die Linken nicht so wie ich? Ich nenne dir sechs Gründe. Die Linken sind unfähig, den antifaschistischen Charakter dieses Krieges zu erkennen, weil …“ – mein ausgestreckter Zeigefinger schwebte über dem Kneipentisch, um sechsmal niederzufahren und damit die Durchschlagskraft meiner Argumente zu unterstreichen – „Die Linken sehen es nicht, weil …“ Zack! „… George W. Bush ein außergewöhnlich unangenehmer Politiker ist, außer für seine Anhänger, und die Leute können vor lauter Ekel nicht mehr klar sehen. In ihrer Blindheit erkennen sie die Konturen der Wirklichkeit nicht mehr. Sie schielen auf den Irak und sehen die grinsende Fratze von George W. Bush. Sie empfinden sogar eine gewisse Schadenfreude oder Genugtuung über seine Fehler und Versäumnisse. Das ist eine Form dessen, was man einmal als „falsches Bewußtsein“ zu bezeichnen pflegte, unter den Bedingungen des modernen Fernsehzeitalters.“

Zack! „Die Linken sehen es nicht, weil ein Haufen ansonsten intelligenter Leute a priori entschieden hat, daß alle Probleme auf der ganzen Welt von Amerika verursacht werden. Sogar die, bei denen das nicht der Fall ist. Diese Haltung hätte vor sechzig Jahren dieselben Leute daran gehindert, den europäischen Faschismus richtig einzuschätzen.“

Zack! „Der nächste Grund: Viele Leute denken, daß jedwede antikoloniale Bewegung Bewunderung oder zumindest Respekt verdient. Oder sie glauben, daß wir jenen gegenüber allerhöchstens einmal „Du, du, du!“ sagen dürfen, auch wenn es sich um eine Bewegung wie die Baath-Partei handelt, die unter dem Einfluß der Nazis gegründet wurde. Und zwar 1943!“

Zack! „Die Linken sehen es nicht, weil viele von ihnen in ihrem gutmenschlichen Respekt vor anderen Kulturen entschieden haben, daß Araber es aus irgendwelchen Gründen, die uns nichts angehen, vorziehen, in finsteren Diktaturen zu leben, daß sie überhaupt zu nichts anderem fähig sind und es in den nächsten fünfhundert Jahren auch nicht sein werden, und daß arabische Liberale infolgedessen irgendwie unauthentisch sind. Eine solch großzügige kulturelle Toleranz bedeutet heute, man kann es nicht anders ausdrücken, nichts anderes als antiarabischen Rassismus.

Die gute alte Linke war einmal universalistisch – sie dachte daß jedermann, überall auf der Welt, den Wunsch verspürt, den selben fundamentalen Werten gemäß zu leben, und daß man ihm helfen sollte, dieses Ziel zu erreichen. Diese Linke dachte, daß dies besonders für Menschen in Gesellschaften gilt, die man mit Gründen als modern bezeichnen kann: solche mit Universitäten, Industrie und bürokratischer Infrastruktur – Gesellschaften wie die irakische. Aber heute nicht mehr! Heute wird im Geiste egalitärer Toleranz gesagt: Sozialdemokratie für die Schweden! Tyrannei für die Araber! Bitte, das soll eine linke Haltung sein? Nebenbei, man hört von der Linken wenig über die nicht-arabischen Minderheiten in Ländern wie dem Irak. Die Linke, die wirkliche Linke, war einmal die Anwältin der Minderheiten – wie etwa der Kurden. Heute nicht mehr! Die Linke, mein Lieber, hat die Werte der Linken über Bord geworfen – abgesehen natürlich von uns wenigen.“

Zack! „Ein weiterer Grund: Sehr viele Leute sind ernsthaft der Meinung, Israels Probleme mit den Palästinensern seien mehr als bloß ein unglücklicher Streit über Grenzen und diplomatische Anerkennung, sondern sie stünden für etwas weit größeres, nämlich den unvergleichlichen und diabolischen Zionismus, welcher die Wut und die Minderwertigkeitsgefühle aller Muslime von Marokko bis Indonesien erklärt. Man muß es so sagen, viele Menschen geben sich antisemitischen Vorstellungen vom kosmischen Ausmaß jüdischer Verbrechen hin und können an gar nichts anderes mehr denken.

Schau dir doch nur einmal die Diskussionen an, die zwischen Leuten geführt werden, die sich der demokratischen Linken zurechen, der guten Linken – dieses gnadenlose Aufspießen israelischer Sünden, in geradezu obsessiver Weise, ohne viele Worte über die vom Faschismus beeinflußten Bewegungen zu verlieren, die hunderttausende, ja Millionen Todesopfer in den übrigen Teilen der islamischen Welt gefordert haben. Dieses Mißverhältnis ist geradezu grotesk. Schau dir doch nur einmal einige unserer großen und einflußreichen liberalen Zeitschriften an: ein Artikel über israelische Verbrechen und Dummheiten nach dem anderen, sogar gelegentlich welche, in denen die Abschaffung Israels erwogen wird, und kaum etwas über die Leiden von Arabern im Rest der Welt. Und noch viel weniger wird über arabische Liberale berichtet, unsere Bundesgenossen, die einfach sich selbst überlassen werden. Wie gehst du damit um, mein Lieber? Es gibt einen Begriff für eine derartige Entstellung der Wirklichkeit: wir Marxisten, wenn wir wirklich welche waren, nannten so etwas Ideologie.“

Zack! „Die Linke sieht es nicht, weil viele Leute ganz einfach blind gegenüber dem Antisemitismus in anderen Kulturen sind. Sie können sich einfach nicht überwinden, endlich einzusehen, in welchem Grade die nationalsozialistische Idee von der jüdischen Weltverschwörung politische Massenbewegungen in weiten Teilen der Welt beeinflußt hat. In großen Teilen der Welt schreiben wir heute das Jahr 1943 – und niemand nimmt es zur Kenntnis. Daher wird der faschistische Charakter dieser politischen Massenbewegungen und der entsprechenden Parteien einfach nicht erkannt. Besonders in der islamischen Welt.“

Sechsmal hätte mein Zeigefinger beinahe die Tischplatte durchbohrt. Ich war fertig. Mein Bekannter schaute ungläubig drein. Das spornte mich an, fortzufahren.

„Wenn nämlich“, beharrte ich, „ehrenwerte Menschen wie du endlich ihre linken Augen aufmachen würden, dann würdet ihr ganz deutlich erkennen, daß die Baath-Partei eine ziemlich klassische faschistische Bewegung ist, genauso wie der radikale Islamismus, in einer etwas anderen Erscheinungsform. Zwei Ausformungen derselben Idee, Europas faschistisches und totalitäres Vermächtnis an die moderne muslimische Welt. Wenn du und deinesgleichen nur endlich aufwachen würden, dann würdet ihr einsehen, daß der Krieg gegen den radikalen Islamismus und den Baathismus, in Afghanistan genauso wie im Irak, ein Krieg gegen den Faschismus ist.“

Langsam lief ich heiß.

„Es ist eine Tragödie, daß ihr das nicht einseht! Eine Tragödie für die Afghanen und Iraker, die mehr Unterstützung benötigen, als sie bekommen. Eine Tragödie für die authentischen Liberalen überall in der islamischen Welt! Eine Tragödie für die amerikanische Soldaten, und die britischen und polnischen, und alle anderen, die derzeit im Irak sind, die freiwilligen Helfer der NGOs, die ausländischen Besatzungstruppen, die immer noch gegen die furchtbarsten Nihilisten zu kämpfen haben und verdammt wenig Unterstützung, geschweige denn moralische Solidarität von Leuten bekommen haben, die sich selbst als Antifaschisten bezeichnen – im reichsten und wohlgenährtesten Teil der Welt.

Was für eine Tragödie für die Linke – die weltweite Linke, unsere Linke, begeht, indem sie sich weigert, im Antifaschismus unserer Zeit eine Rolle zu spielen, einen gigantischen historischen Fehler. Nicht zum ersten Mal, mein Lieber! Wenn die Linke in der ganzen Welt sich diesen Kampf endlich zu eigen machte, hätte das einen sehr positiven Einfluß auf die Ereignisse im Irak und der übrigen Region. Dann könnten Bushs zahlreiche Torheiten wettgemacht werden, und der Kampf würde weitergehen.“

Die Augen meines Bekannten wurden immer größer. Vielleicht vor Erstaunen, vielleicht aus Mitleid.

Er sagte: „Aha, die Vereinten Nationen und das Völkerrecht bedeuten dir also gar nichts? Du glaubst, es ist in Ordnung, wenn die USA machen was sie wollen und den Rest der Welt ignorieren?“

Ich antwortete: „Ich finde die Vereinten Nationen und das Völkerrecht gut, mehr als gut. Ich bin ein Anhänger davon. Besser gesagt, ich wäre es gerne. Es wäre besser, einen antifaschistischen Krieg mit Billigung der UN zu führen, und nicht nur mit halbherziger Duldung. Es wäre besser, in diesem antifaschistischen Krieg das Völkerrecht auf seiner Seite zu haben – eine Million mal besser. Besser in politischer Hinsicht, auch in militärischer. Es wäre ein besseres Beispiel für die Welt. Ein besserer Ausdruck der liberalen Prinzipien, die auf dem Spiel stehen. Wenn es nach mir ginge, hätten wir den Krieg auf diese Weise führen müssen. Aber es geht ja nicht nach mir. Wir hatten bei diesem Krieg nur die Wahl zwischen Zustimmung und Ablehnung – Zustimmung im Namen des Antifaschismus oder Ablehnung im Namen irgendeiner Vorstellung vom Völkerrecht. Antifaschismus ohne Völkerrecht oder Völkerrecht ohne Antifaschismus. Eine beschissene Alternative – aber entscheiden muß man sich schließlich.“

Mein Bekannter sagte: „Ich bin für die UN und das Völkerrecht, und ich fürchte, du bist zu einem Verräter an der Linken geworden. Ein Neokonservativer!“

Ich sagte: „Ich bin dafür, Tyrannen zu stürzen, und seit wann ist der Sturz eines faschistischen Regimes Verrat an der Linken?“

„Aber ist George Bush nicht selber ein Faschist, mehr oder weniger? Gib’s zu. Gib’s zu!“

Jetzt waren es meine Augen, die größer wurden. „Du hast nicht den blassesten Schimmer, was Faschismus bedeutet“, sagte ich. „Ich habe immer gedacht, daß ein scharfer Blick für extreme Unterdrückung ein Hauptcharakterzug eines echten Linken sei. Massengräber, dreihunderttausend verschwundene Iraker, eine Bevölkerung, die 35 Jahre lang von baathistischen Stiefeltritten zermalmt wurde: das ist Faschismus! Und du glaubst, ein paar korrupte Mauscheleien mit Bushs Kollegen von Halliburton, das bißchen archaische Bibelgeschwenke und Bushs bescheuerte Steuersenkungen für Superreiche seien davon ununterscheidbar? Ununterscheidbar? Davon? Von einer Politik des Massenmords? Eine linke Haltung sollte sich eigentlich am Realitätsprinzip ausrichten. Linke Politik sollte das Große Ganze im Blick behalten. Der Verräter an der Linken bist du, mein Lieber …“

Doch er verstand überhaupt nicht, was ich sagen wollte, und es blieb uns also nicht anderes übrig, als uns gegenseitig unsere Drinks über die Köpfe zu gießen.

„A Friendly Drink in a Time of War“ erschien im Original in Dissent, Winter 2004, S. 56-58 und in: Thomas Cushman (ed.): A Matter of Principle. Humanitarian Arguments for War in Iraq, Berkeley and Los Angeles 2005, S. 147-151. Autorisierte Übersetzung von Ingo Way. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Paul Berman.

§ 2 Antworten auf Ein Drink unter Freunden in Zeiten des Krieges

  • ulrich speck sagt:

    Danke, eine sehr gute Tat. Hab’s gleich verlinkt.

  • hizbollah sagt:

    seltsam ich dachte immer der Batthismus sei selbst immer eine Art von Kommunismus
    gewesen.Man sagte ja sogar Saddam Hussain habe die Baath Partei Stalinistisch
    ausgerichtet.Und jetzt plötzlich war er ein faschist mit Faschistischer Partei??
    Passt irgendetwas nicht in ihrer Ausführung!!!

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