Beim antizionistischen Selbstgespräch in Leipzig

12. Juli 2005 § 3 Kommentare

Die Vorgeschichte:

Henryk Broder über Hajo G. Meyer und dessen Verleger Abraham Melzer.

Die Achse des Guten über die antizionistische Ringvorlesung „Deutschland – Israel – Palästina“, des Leipziger Philosophen Georg Meggle, der, ganz professioneller Tabubrecher, zuvor schon Peter Singer und Ted Honderich promotet hat.

Als unsere Berliner Delegation um 18 Uhr in Leipzig eintrifft, wird sie eines Häufchens unermüdlicher Montagsdemonstranten ansichtig, die per Megaphon ihrer Genugtuung darüber Ausdruck verleihen, daß ein Erzkapitalist namens Pedorr Hotz über eine Bordellaffaire gestolpert sei. Über dem Haupteingang der Universität prangt ein gußeisernes Lenin-Relief. Schon aus ästhetischen Gründen suchen wir alsbald Zuflucht im Hörsaalgebäude, wo der Vortrag „Das Ende des Judentums“ von Hajo G. Meyer stattfinden soll, im Rahmen der antizionistischen Ringvorlesung „Deutschland – Israel – Palästina“, organisiert von dem professionellen Tabubrecher Georg Meggle. Zu Beginn der Vorlesung erfreut Meyers Verleger Abraham Melzer, der sich große Verdienste als Herausgeber der einzigen werkgetreuen deutschsprachigen Prinz-Eisenherz-Gesamtausgabe erworben hat, die Zuhörerschaft mit dem Bekenntnis: „Ich bin Jude“. Dennoch befinde er sich derzeit im Clinch mit der israelischen Botschaft, da er auf seine israelische Staatsangehörigkeit verzichten wolle, man ihn aber nicht ließe. (Die israelische Botschaft braucht sicher keine Ratschläge, dennoch finde ich, sie könnte ihn getrost ziehen lassen.) Melzer vergleicht die Situation im heutigen Israel mit der in Deutschland kurz nach der „Machtergreifung“ 1933. Unter jungen Israelis sei es angeblich schick, sich KZ-Nummern auf den Unterarm tätowieren zu lassen, um gegen den (natürlich nur halluzinierten) weltweiten Antisemitismus zu protestieren. Das habe er in Ha’aretz gelesen. Endlich kündigt er Hajo Meyer an, nicht ohne ungefähr fünfmal dessen Status als Auschwitzüberlebender zu betonen.

Nun tritt der achtzigjährige Meyer auf, stellt sich noch einmal selbst als Auschwitzüberlebender vor und bedient sich für seinen Vortrag des guten alten Overheadprojektors, in Leipzig als Polylux bekannt. Seine Assistentin, eine ältere Dame mit Dutt, hat die Aufgabe, alle paar Minuten die Folien zu wechseln, auf denen in haarsträubender Orthographie und in wirren Satzkonstruktionen die, nun ja, Kernthesen des Vortrags nachzulesen sind. Die gehen so: Es gebe zwei Varianten des Judentums, eine gute und eine böse. Die böse gehe auf den Propheten Josua zurück und sei gekennzeichnet durch ethnische Absonderung; deren Merkmale seien die Speisegesetze, das Bilderverbot, das Bewußtsein der Auserwähltheit und ähnlicher „Scheißdreck“ (Meyer). Diese jüdischen Spleens hätten schon in der Antike zu antijüdischen Pogromen geführt. (Auch damals waren die Juden also schon selber schuld am Antisemitismus.) Die jüdische „Blut-und-Boden-Ideologie“ habe 2003 zu einem Statement irgendwelcher „Scheiß-Rabbiner“ (Meyer) geführt, auf keinen Quadratzentimeter heiligen Landes verzichten zu wollen. Meyer hat das in Ha’aretz gelesen.

Nun gebe es ja aber auch ein gutes Judentum. Dieses zeichne sich nicht durch „Auge um Auge“-Denken, sondern durch eine „positive Sinngebung ertragenen Leidens“ aus und sei, na wo?, in Deutschland entstanden und hatte dort seine Blütezeit zwischen 1815 und 1933. Dieses gute Judentum habe nichts zu tun mit dem ganzen „Stuß mit koscher Essen“, „Filzhüten“ und „jüdischen SSos an den Checkpoints“ (alles Originalzitate von Meyern). Daß der Holocaust nun ausgerechnet in Deutschland stattgefunden hat, sei nichts als ein Zufall der Geschichte. Die Nazis seien wegen Versailles an die Macht gekommen. „Hitler hat den beschämten Deutschen ihren Stolz zurückgegeben. Was ist falsch daran? Er hat Arbeit geschaffen und die Armut abgeschafft.“ Trotz dieser guten Gründe für Hitler sei die Mehrheit der Deutschen aber gegen ihn gewesen.

Hitler war ein bloßer Zufall, die Gründung Israels aber von Anfang an ein Verbrechen. Der Holocaust sei von Anfang an zu Propagandazwecken ausgeschlachtet worden. Meyern ereifert sich über Elie Wiesel, den „Hohepriester der Holocaustreligion“, und ähnlichen „Scheißdreck“ (Meyer). „Die vergasten Juden waren gar keine Zionisten, das waren gute Deutsche. Wenn man deren Leid jetzt für den Zionismus ausschlachtet, schändet man deren Andenken.“ Vielmehr hätten die Juden aus Auschwitz lernen sollen, besser und moralischer zu sein als alle anderen. Stattdessen benähmen sich die Juden heute wie die Deutschen von 1942. (Daß es in Israel keine Gaskammern zur Vernichtung der Palästinenser gibt, räumt Meyern immerhin ein. Es könne jedoch sein, sinniert er, daß es sich da nur noch um eine Frage der Zeit handle.) Die „israelische Wehrmacht“ (Meyer) habe vor der „Einnahme“ Jenins die Taktik des SS-Generals Stroop zur Stürmung des Warschauer Ghettos studiert. Das hat Meyer nämlich in Ha’aretz gelesen.

Israel sei heute sowieso ganz und gar überflüssig, da heute keine Gefahr mehr für Juden bestehe, sondern im Gegenteil Israel selber der größte „Gefahrenherd“ für den „Weltfrieden“ sei. Die Zunahme des Antisemitismus (die Meyer zwei Minuten zuvor noch bestritten hatte) habe Israel durch seine Politik daher selbst verschuldet. Mehr noch: Israel schüre den weltweiten Antisemitismus absichtlich, aus Staatsraison.

Das Publikum applaudiert begeistert. Wären da nicht das Leipziger Bündnis gegen Antisemitismus sowie unsere kleine Berliner Delegation, wäre die Harmonie zwischen Podium und Publikum ungebrochen. Veranstalter Georg Meggle bittet zwar um „Gegenrede“ – „denn ohne Gegenrede keine Diskussion“ –, als die dann aber von Seiten des wackeren Ralf Schroeder tatsächlich kommt, unterbrechen Meggle und Melzer schon nach einer Minute. Die Feindseligkeit im Saal ist deutlich spürbar. Schroeder läßt sich aber nicht so leicht beirren. Was denn nach Meinung des Vortragenden in Jenin nun wirklich passiert sei, will er wissen. Meyer gibt vor, die Frage nicht verstanden zu haben. Melzer will in Ha’aretz gelesen haben, die Innenstadt Jenins sei einem Fußballfeld gleichgemacht worden. Schroeder fragt, wer in Israel denn militärische Drohungen gegenüber dem Iran ausgesprochen hätte? (Das hatte Meyer nämlich behauptet.) „Scharon“, lautet die Antwort. Schroeder bestreitet das. Meyer: „Dann war’s eben irgendein anderer Minister.“ (Das sorgte nun doch für Gelächter.) Und in dem Stil geht’s weiter. Stimmen werden laut: „Halt die Klappe, sonst passiert was!“ – „Wer bezahlt dich eigentlich?“ Meyer erzählt etwas von Mossad-Agenten, die bei ähnlichen Podiumsdiskussionen in Holland „nachweislich“ die Diskussion monopolisierten. So absurd sei die Frage also nicht. Es folgen dann noch die üblichen Thesen zum Terrorismus – „Wer definiert denn eigentlich, was Terrorismus ist?“ (Melzer) – und ein paar Haßtiraden gegen Henryk M. Broder. Entnervt gibt man auf. Die Leipziger und Berliner Dissidenten ziehen sich in eine Kneipe zurück, um ihre Gehirne durchzulüften. Der Rest des Abends wurde daher dann doch noch ganz angenehm.

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