“Respekt erhält man für Respekt.”

22. August 2005 § 10 Kommentare

Nach der Welle neokatholischer Frömmelei im Gefolge des Papstwechsels und des Weltjugendtages in Köln tut es gut, mal wieder eine Stimme säkularer Vernunft zu vernehmen. Und wie so oft ist es die von Jan Philipp Reemtsma. Er macht sich Gedanken über die Frage: Muss man Religiosität respektieren?

Religiosität bedeutet die Überzeugung, über einen privilegierten Zugang zu einer nur in diesem Zugang als einheitlich zu verstehenden Welt – sagen wir: zur Wahrheit – zu verfügen.
Die Öffentlichkeit einer säkularen Gesellschaft kennt die Vorstellung eines solchen privilegierten Zugangs zur Wahrheit nicht. Die säkulare Gesellschaft ist keine profane Theokratie: Die „wissenschaftliche Weltanschauung“ tritt in ihr nicht an die Stelle einer Religion, auch wird der Religiöse aufgrund seiner Ansichten von sich selbst, seiner Idee, einen privilegierten Zugang zur Wahrheit zu haben, nicht für wahnsinnig gehalten oder sonst wie diskriminiert. Aber das erfolgt nicht deshalb, weil Religiosität es sozusagen verdiene, dass man so mit ihr umgeht. Es erfolgt deshalb, weil eine säkulare Gesellschaft eine säkulare Gesellschaft ist. Sie gäbe sich selbst auf, wenn sie eine besondere nichtreligiöse Weltanschauung auszeichnete und ihr das Deutungsmonopol übertrüge, denn dieses bekäme durch eine solche Rolle selber religiöse Züge. […]

Das Problem des Respekts liegt in dem Umstand begründet, dass viele – vor allem Religiöse – der Ansicht sind, die säkulare Gesellschaft brauche das religiöse Element, weil nur darin etwas zu finden sei, was jede Gesellschaft dringend nötig habe, die säkulare Gesellschaft aber aus sich heraus nicht produzieren könne. Auf Nachfrage, was das sei, bekommt man zu hören: „Sinn“ oder „verbindliche Werte“ oder „Orientierung“. [Die Religiösen behaupten,] dass in einer säkularen Gesellschaft eben keine verbindlichen Sinnangebote gemacht werden, Menschen aber solche brauchten. Nun ist der erste Teil dieser Interpretation die Definition von „säkularer Gesellschaft“ und heißt, kombiniert mit dem zweiten, nichts weiter als: Menschen sind für säkulare Gesellschaften nicht geschaffen. Das ist, wie der historische Erfolg des Modells der säkularen Gesellschaft zeigt, falsch. […] Es stimmt, dass es viele Menschen gibt, die sich von der Moderne überfordert fühlen, die eine Gesellschaft funktionaler Differenzierung mit Rollenpluralismus, unklarer Wertehierarchie, rollenabhängigen Inklusionsmodi etc. zu sehr anstrengt und die deshalb danach streben, ihre Weltsicht drastisch zu vereinfachen. Im Extremfall werden sie Mitglied einer Bande, die klar zwischen Gut und Böse unterscheidet, sich zum Guten in der Welt erklärt und dem Rest der Welt den Krieg erklärt – die Banden heißen dann al-Qaida, Rote Armee Fraktion, Manson Family oder Aum. Es geht auch weniger militant bis hinunter zu milderen Formen weltanschaulicher Paranoia à la Michael Moore. […]

Die Vorstellung, die säkulare Gesellschaft bedürfe der Kompensation ihrer Sinndefizite durch Religiosität, ist einfach eine falsche Beschreibung der Sachlage. Nur in der theokratisch verfassten Gesellschaft wird Sinn verordnet – und nur dieser Verordnung mangelt es der säkularen Gesellschaft. Aber dieser Mangel ist ihre Würde. […] Der Respekt, den die säkulare Gesellschaft dem Religiösen entgegenbringt, ist derselbe, den sie dem Nichtreligiösen entgegenbringt. Es ist der Respekt vor seinem Privatleben. […] „Du kannst glauben, was du willst“ – dieser liberale Grundsatz erscheint ihm [dem Religiösen] als bloße Gleichgültigkeit – und: eine Verkennung. Wer glaubt, glaubt nicht, dass er glaubt, weil er es sich ausgesucht hat, dies und nicht das zu glauben. […]

Nicht jeder Unfug, nur weil einer ihn für wichtig hält, kann Achtung verlangen, wenn man unter Achtung mehr versteht, als ihn einfach machen zu lassen, sofern er keinen Schaden damit anrichtet.
Reden wir über Respekt. […] Ich respektiere keine geistigen Gehalte, die für mich bedeutungslos sind oder die ich für Unfug halte – interessanten Unfug vielleicht, aber eben Unfug. Ich respektiere auch nicht, wenn sich jemand ohne Not das Leben schwer macht. […] Tatsächlich kann ich vor Fanatikern keinen Respekt haben. Ich kann sie nicht achten wie eine Art ritterlichen Feind – man schlägt einander vielleicht tot, respektiert sich aber. Das mag in den Haushalt kriegerischer Tugenden gehören, in den ziviler gehört es nicht. Respekt erhält man für Respekt. Und damit wird klar, dass ich den Religiösen nicht für das respektiere, worauf es ihm ankommt. Ich empfinde keine Achtung vor dem, was ihm im höheren Sinne heilig ist, sondern vor ihm, zu dessen Lebensentwurf gehört, Empfindungen des Heiligen zu forcieren. Wenn er das im Rahmen bürgerlicher Dezenz tut. […]

Wenn ich die Religionsfreiheit nicht abschaffen will, muss ich hinnehmen, dass es solche Ansichten [Abtreibung sei mit dem Holocaust gleichzusetzen; wir lebten in einer „Kultur des Todes“ usw.] gibt. Daraus lässt sich aber schwerlich herleiten, dass ich sie auch zu respektieren habe. Ich respektiere die Freiheit meines Mitmenschen, religiöse Überzeugungen zu haben, die ich zutiefst missbillige. Dass diese Freiheit das Potenzial birgt, Mitbürger zu kränken, muss – bis zu einem gewissen Grade – hingenommen werden. […] Man muss sich aber klar machen, was für ein Urteil die zitierte Auffassung über unser Gemeinwesen fällt. […] Der Jargon, in dem der verstorbene Papst sein Urteil über die säkulare Gesellschaft abgab, unterscheidet sich in keiner Weise von fundamentalistischem Jargon anderswo, wo von den USA als dem „großen Satan“ gesprochen wird. […]

In der Tat: Mit der Regelung, dass kein Priester, kein Papst, kein Imam, kein Rabbi, kein Inquisitor und kein Guru das Recht haben soll, festzulegen, wie die Gesetze aussehen sollen, nach denen eine Gesellschaft lebt, wie die Kunst beschaffen sein soll, an der Menschen Vergnügen haben, wie das Wissen beschaffen sein soll, das an den Schulen gelehrt wird, sagt die säkulare Gesellschaft, dass es ihre Bürger sind, die die Gesetze machen und sich untereinander darüber einigen, welchen Wertorientierungen diese folgen. […] Dass der Sinn von außerhalb kommt und festgelegt ist, ist die Ansicht der Religiösen, nicht unsere. Unsere Ansicht nennt der gegenwärtige Papst „Diktatur des Relativismus“, und er sagt klipp und klar, dass die Ansicht, Religion sei Privatsache und ihre mögliche öffentliche Rolle definiere sich aus dem Umstand, dass sie eine Privatsache sei, eine Aggression gegen die Religion sei. Und der verstorbene Papst nannte als bekennender Feind einer offenen, säkularen Gesellschaft, diese Ansicht die „Sünde wider den Heiligen Geist, die nicht vergeben werden kann“. Darin lag für ihn – eine stimmige theologische Auslegung – der Sinn der Geschichte vom Sündenfall: „Darauf beziehen sich die Worte des Buches Genesis: ,Ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse‘, d. h., ihr werdet selbst entscheiden, was gut und was böse ist.“ Der Stolz einer säkularen Gesellschaft besteht in der Tat darin, in dieser Art von Sünde zu leben.

§ 10 Antworten auf “Respekt erhält man für Respekt.”

  • Seid Ihr gar nicht stutzig geworden, daß der Artikel im Monde diplomatique, im „Diplo“ veröffentlicht wurde? Kennt Ihr dieses miese Blättchen der ATTAC France, der Gegner israels und kritiklosen Freunde der Palästinenser und des Tariq Ramadan nicht?

    Der kann in seinem Artikel sonstwas sagen – wo er veröffentlicht, das sagt alles!

  • Ingo sagt:

    Ich teile ja Ihre Einschätzung dieses Blättchens. Weiß auch nicht, warum Reemtsma darin veröffentlicht. Aber ein guter Text bleibt eben ein guter Text. (Und der Stammklientel der Zeitung hat er darin einige Kuckuckseier gelegt.)

  • Cicero sagt:

    Muss ich Jan Philipp Reemtsma respektieren? Nein, es gibt keinen Grund: Er kann nicht argumentieren und er hat auch keinen Respekt vor der Überzeugung anderer. Er kann nicht argumentieren: Er hält die Suche nach Wahrheit für eine Privatsache. Weshalb veröffentlicht er dann seine private Meinung? Er wirft die philosophische Tradition der Menschheit bei der Suche nach der Wahrheit über den Haufen. Er setzt Religiosität mit Fanatismus gleich. Er glaubt, dass sich der Mensch selbst Sinn geben könnte und ähnelt dadurch dem ollen Münchhausen, der sich am eigenen Schopfe aus dem Sumpf ziehen wollte. Nietzsche war da ehrlicher, er gab wenigstens zu, dass ohne einen Gott alles sinnlos sei.
    Reemtsma meint, für die säkulare Gesellschaft zu sprechen? Also für mich spricht er nicht, und wenn es so wäre, müsste man sagen: Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde.
    Und ich bin NICHT katholisch!

  • Doro Müller sagt:

    Kann Cicero hier nur aus vollem Herzen zustimmen. Und ich bin konfessionslos🙂

  • soulflymoses sagt:

    Bin selbst auch nicht katholisch und kann mit dem Papsthype entsprechend wenig anfangen, aber sehe Reemtsmas Beitrag ähnlich kritisch wie cicero. Gleichwohl stimme ich als gläubiger evangelischer Chrsit mit R. darin überein, dass der säkulare Staat bei weitem jeglicher Theokratie vorzusziehen ist, die in Wirklichkeit immer eine Klerokratie sein muss.

  • Ingo sagt:

    Reemtsma behauptet nicht, daß keine Wahrheit existiert, sondern er bestreitet, daß es einen privilegierten Wahrheitszugang jenseits der Vernunft und intersubjektiver Nachvollziehbarkeit gibt. Nach Popper können wir die Wahrheit ohnehin niemals kennen; allenfalls können wir uns ihr asymptotisch nähern, indem wir Irrtümer ausräumen. Wer glaubt, etwa durch Offenbarung, im Besitz der absoluten Wahrheit zu sein, steht vor der Wahl, die anderen entweder mit Gewalt zum Bekenntnis zu zwingen oder aber zu versuchen, sie mit Argumenten zu überzeugen. In einer säkularen Gesellschaft muß er es dann aber auch akzeptieren, wenn die Mehrheit seine Argumente nicht für überzeugend hält. Mit anderen Worten, er muß akzeptieren, daß Religion Privatsache ist. Nichts anderes fordert Reemtsma. Die Suche nach Wahrheit geht in einer idealerweise freien Diskussion natürlich weiter. Daß Reemtsma die Suche nach Wahrheit für Privatsache hält, ist eine Unterstellung, die der Text nicht hergibt. Es soll auch niemandem seine Religion weggenommen werden. Reemtsma fordert von religiösen Menschen nichts anderes als zu akzeptieren, daß sie nicht die gesamtgesellschaftliche Deutungshoheit innehaben, weder in ontologischen noch in ethischen Fragen. Eigentlich eine liberale Selbstverständlichkeit. Insofern kann ich die gereizte Reaktion auf den Artikel nicht ganz nachvollziehen.

  • c.f.b sagt:

    Man kann die Geschichte der USA, aber auch anderer westlicher Gesellschaften, vermutlich nicht verstehen, wenn man nicht begreift, warum es gerade „viele, vor allem Religiöse“ waren, die den „säkularen Staat“ entwarfen und energisch verteidigen. Die Suggestion „die Religiö-sen“ seien per se, zeitlos und ontologisch Gegner des säkularen Staates, würde ich zurückwei-sen, denn sie ist uns tatsächlich unnütz, wenn es darum geht, global Demokratie auszubreiten.

    Reemtsma ist ein achtbarer Demokrat und als unermüdlicher Förderer politischer Emanzipati-on zu schätzen, umso mehr wenn man den Artikel insgesamt liest. Was aber würde für Libera-le und neocons über den „säkularen Staat“ (Verfassung, Gesetze, Menschenrechte) hinaus die Rede von der „säkularen Gesellschaft“ als ein normatives Konzept (nicht nur als analytische Kategorie) bringen? „there is no such thing as society“ sagt Maggie Thatcher misstrauisch. Ob Individuen im Privatleben oder in „der Gesellschaft“ religiös aktiv sind, gut handeln oder „sich das Leben schwer machen“, ist politisch uninteressant, solange nicht die Freiheitsrechte anderer gefährdet werden. „Westler“ sind keineswegs antiklerikal aus Passion, sondern behar-ren auf der Formel „(streng!) Säkularer Staat –Offene Gesellschaft“. Dabei kann es bleiben.

  • Marco73 sagt:

    Hier kann ich mich Ingo weitgehend anschließen.
    Zudem muss man denke ich noch deutlich darauf hinweisen, dass Religionen eben nicht nur ontologische, sondern auch ethische Aussagen machen und dass diese bei eigentlich allen real existierenden Religionen außer vielleicht dem Buddhismus partiell intolerant und illiberal sind. Die so genannten „Werte“ laufen in der Praxis oft auf nichts anderes hinaus, zB wenn es um Homosexualität o.ä. geht.

  • Lesenswerter Artikel, aber der Autor hat eine ziemlich foucauldianische Vorstellung von der Permanenz der Sprache. Reemtsma scheint das Wort „Gott“ für ein Paßwort zu einer Art Diskurshintertür zu halten, die dem der es nennt, „privilegierten Zugang“ zur Wahrheit verschafft (bzw. wenigstens zur Deutungshoheit). Ganz wie in der Anekdote von Anselm von Canterbury erbt das Wort „Gott“ die Eigenschaften des damit Bezeichneten, obwohl doch jede Verwendung Wahrheit ausdrücken kann oder auch nicht, je nachdem was einer damit sagen will.

    Da kann man bloss hoffen dass Remtsma auf seiner Suche nach dem Sinn sich nicht doch noch eines Tages seine Religiösität entdeckt, er würde sein Kreuz wohl für einen privilegierten Zugang zur Eigentlichkeit halten.

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