Liberale Falken

5. September 2005 § 8 Kommentare

Vor einiger Zeit erschien bei uns die deutsche Übersetzung eines Essays von Paul Berman: „Ein Drink unter Freunden …“ Das Buch „A Matter of Principle. Humanitarian Arguments for War in Iraq“, herausgegeben von Thomas Cushman, aus dem dieser Essay stammt, wird in der heutigen Ausgabe des TAGESSPIEGEL von mir rezensiert, unter dem Titel „Ein moralischer Krieg?“

P.S.: Clemens Wergin schreibt dazu:

Es ist sehr schwer, angesichts der enormen Kosten des Kriegs an Menschenleben, zerstörter Infrastruktur, Folgen für den Aufbau der irakischen Gesellschaft und angesichts der Terrorkampagne, die jeden Tag dutzende Menschenleben fordert, den Irakkrieg im Nachhinein zu rechtfertigen. Gleichzeitig finde ich aber, dass es auf der Seite derjenigen, die von Anfang an gegen den Krieg waren, daran mangelt, die Kosten ihrer Politik zu erwähnen. Die hätten etwa darin bestanden, dass sich die UN mit ihren 16 Irakresolutionen endgültig lächerlich gemacht hätte, dass man sich davon verabschiedet hätte, einen besonders aggressives Regime regional einzudämmen. Und dass man 25 Millionen unterdrückten Irakern hätte sagen müssen: Ist uns egal, wenn noch weitere 600 000 von euch draufgehen, Saddam Hussein muss an der Macht bleiben, weil der Begriff der staatlichen Souveränität im Völkerrecht alle mal wichtiger ist als ihr.

§ 8 Antworten auf Liberale Falken

  • fedchan sagt:

    >> Es ist sehr schwer, angesichts der enormen Kosten des Kriegs an Menschenleben, zerstörter Infrastruktur, Folgen für den Aufbau der >> irakischen Gesellschaft und angesichts der Terrorkampagne, die jeden Tag dutzende Menschenleben fordert, den Irakkrieg im Nach- >> hinein zu rechtfertigen.

    Thomas Jefferson hat mal gesagt, der Baum der Freiheit müsse von Zeit zu Zeit mit Blut gegossen werden. Das ist keine Floskel sondern tödlicher Ernst, denn zu viele Menschen hassen die Freiheit, weil sie den Blick des Menschen auf die beinahe-Unerträglichkeit unseres Seins freigibt. Sie würden lieber sterben, als die furchtbare und erbarmungslose Bürde der Verantwortung zu tragen. Doch ist ein Leben, das sich dieser Herausforderung, die uns an die Grenzen unserer Leistungs- und Leidensfähigkeit führt, reines Vegetieren.

    Der Irak-Krieg ist eine Investition in die Zukunft. Jede Nation auf dem Weg zur Freiheit durchschreitet Täler voller Gräber und Tränen, und das geschundene und von der Diktator mental gequälte irakische Volk zahlt heute einen bitteren Preis für seine vage Perspektive.

    Doch was wird das irakische Mädchen sagen, das in 20 Jahren ganz selbstverständlich an der Sorbonne Literatur studiert? Wie wird der junge Mann, der heute in Bagdad geboren wurde, in 30 Jahren die Invasion bewerten, nachdem er bei einem international tätigen Irakischen Konzern eine Stelle als Systemingenieur gefunden hat und jetzt eine Familie gründen kann? Was ist davon zu halten, dass in 15 Jahren Nobelpreisträger aus dem Irak kommen? Wie bewertet die Linke, dass in zwei Jahrzehnten ein oberster Gerichtshof des Irak Rechtsgeschichte schreibt bei der Vereinbarkeit des Islam mit den Anforderungen der modernen Zeit an eine Rechtsordnung?
    Ich habe die Befürchtung, dass der Westen nicht das Durchhaltevermögen besitzt, stur und hartnäckig durchzuhalten gegen die fanatischen Apokalyptiker, die von der Welt wie sie heute ist überfordert sind. Ist der Irak-Krieg gerechtfertig? Wenn das Experiment funktioniert, wird sich die Frage nicht mehr stellen. Und der Westen hatte keine Wahl – das Experiment musste unternommen werden: mit jedem Tag, an dem die Zivilgesellschaft einen großen Bogen um Arabien macht, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Terroristen Vernichtung bringen, die sich unserem Fassungsvermögen entzieht. Ich habe ein bisschen die Sorge, dass wir zu spät gekommen sind.

  • fedchan sagt:

    1. Absatz 3. Satz : Leben…, nicht stellt,…

  • tezla sagt:

    Und ich wette mir dir, dass das irakische Mädchen, das in 20 Jahren an der Sorbonne studieren wird ganz bestimmt aus einer korrupten Oberschicht kommen wird, wie wir es aus anderen Ländern der Dritten Welt kennen. Es ist aber witzig, dass du davon sprichst, dass das irakische Mädchen ausgerechnet im Ausland studieren wird und nicht im Irak selber. Gegenwärtig geht der Trend –der US-Invasion sei dank- ja dahin, die Rechte der Frauen einzuschränken. Mit Saddam Hussein wurde nämlich auch ein Regime gestürzt, dass sich beispielhaft für die Gleichstellung der Frau bemühte.
    Und die irakische Rechtsprechung hatte sich bislang nicht um die „Vereinbarkeit des Islam mit den Anforderungen der modernen Zeit“ gekümmert, denn der Irak war –bislang- ein laizistischer Staat mit strikter Trennung von Staat und Religion! Und JETZT erst kommen die Mullahs und greifen im Irak nach der Macht!

  • fedchan sagt:

    Wenn weder Männer noch Frauen irgendwelche Rechte haben, dann sind Frauen und Männer in der Tat gleichgestellt. Jetzt beginnt sich überhaupt erst eine Rechtskultur zu entwickeln, die soetwas wie subjektive Rechte dem Staat gegenüber kennt. Da sieht es jetzt so aus, dass Frauen weniger Rechte als Männer haben. Mal ganz abgesehen davon, dass weniger Rechte besser sind als keine Rechte, und dass erst ein Prozess initiiert wird, der lange dauern wird und für die gesamte islamische Welt (inklusive Türkei) ein ungelöstes Problem ist, bleibt noch zu bemerken, dass die Emanzipationsbestrebungen des ach so fortlichen Regimes von Saddam Hussein offensichtlich allenfalls nette Fassade waren.

    Dass Frauen auch im Irak studieren werden, ist eine banale Tatsache. Genau das ist ja heute schon der Fall, soweit ich mal gelesen habe (sorry, kann das jetzt nicht nachweisen) sogar mehr Frauen als Männer. Dass sich das Privileg, im Ausland studieren zu dürfen, nur auf die korrupte Oberschicht beschränken wird – tja, da haben wir wohl unterschiedliche Erwartungen. Im Zweifel ist eine Gesellschaft mit kritischer Presse – da erleben wir gerade einen Aufbruch im Irak – in stärkerem Umfang in der Lage, Korruption zu bekämpfen.

    Dass „die Mullahs“ im Irak nach der Macht „greifen“ ist so nicht richtig. Geistliche werden im demokratischeren Irak sicherlich mehr Einfluss haben als unter Saddam, mögen die Quietisten unter ihnen das auch mit gemischten Gefühlen sehen. Aber zur Entwicklung einer islamischen, halbwegs demokratischen Zivilgesellschaft ist eben erforderlich, dass sich an der Rechtsbildung auch die Geistlichen beteiligen, in den Prozess eingebunden werden. Das ist eine Form der Regierung, die in islamisch geprägten Ländern legitimer erscheint als eine angeblich laizistische. Die Trennung von Staat und Kirche ist im übrigen nicht der Punkt: Viel interessanter ist die Trennung zwischen Staat und Gesellschaft, bei der der Bürger dem Staat gegenüber subjektive Rechte hat. Und diese Trennung – ihre Abwesenheit ist Kennzeichnungen eines totalitären Staates – hat es im alten Irak nicht gegeben, im neuen Irak gibt es sie.

    Aber gut, insgesamt klingt das natürlich sehr überzeugend: Weil Saddam für die Emanzipation war, wäre es besser gewesen, er hätte weiterregiert. Wollen wir ihn aus dem Gefängnis entlassen und wieder zum Staatschef machen?

  • tezla sagt:

    Nun gut, es war ein wenig polemisch, was ich da geschrieben habe, aber im Grunde rücke ich von dem nicht ab. Auch ich halte Saddam für einen furchtbaren Tyrannen, was aber nicht bedeutet dass sein Regime dem Irak nur Unheil und Unterdrückung gabracht hat. Und wenn du ja richtigerweise sagst dass im Irak mehr Frauen studieren als Männer, kann man das wohl kaum auf die amerikanische Besatzung zurückführen, handelt es sich doch vielmehr um eine Errungenschaft des alten Regimes.

    Nun, mit dieser Argumentation der Rechte des Einzelnen, die gegenüber dem Staat verteidigt werden müssen, habe ich gerechnet. Natürlich gab es unter Saddam keine freien Wahlen, doch die Menschen waren deshalb doch kein Freiwild oder hatten einem sklavenartigen Status.
    Viel wichtiger ist meines Erachtens dass doch erst einmal Rechte und öffentliche Güter vom Staat garantiert und bereitgestellt werden, wie z.B. gute Bildungschancen, eine gute medizinische Versorgung, ein gutes soziales Netz und eine gute Infrastruktur.
    Ich meine statt jetzt einfach tabula rasa zu machen und den Irak völlig umzukrempeln hätte man doch fortschrittliche und sozialistische Ansätze erhalten können. Doch das ist mit den Amerikanern natürlich nicht zu machen. Seit 50 Jahren, seit Nasser und Mossadeq, bekämpfen sie im Nahen Osten alles, was fortschrittlich, laizistisch und sozialistisch ist. Bezeichnenderweise ist ihr engster Verbündeter in der Region zugleich eines der gesellschaftlich rückständigsten Länder –nämlich Saudi-Arabien!
    Die Mullahs greifen vielleicht noch nicht (direkt) zur Macht, doch Macht haben sie, allen voran Ayatollah Ali Al-Sistani, dessen Wort hat innerhalb der Schiiten Gemeinschaft Gewicht. Seine Partei ist stärkste Kraft im Parlament. Die Mullah-isierung des Irak ist in vollem Gange!

    Und wenn für dich die Trennung von Staat und Gesellschaft so wichtig ist, kannst du meines Erachtens auf die Laizität nicht verzichten. Ich denke dass es keine effektive Trennung von beidem geben kann ohne Laizität, bedeutet sie doch nichts anderes als dass der Staat in Fragen des Glaubens –und somit auch in Fragen der Gesinnung des Einzelnen- strikte Neutralität bewahrt.

    Dass eine „Freie Presse“ gut dafür geeignet ist Korruption zu bekämpfen, halte ich für eine Mär. Zunächst einmal müsste definiert werden was eine freie Presse überhaupt ist. Natürlich werden in liberalen Demokratien den Medien die Nachrichten nicht von einem Propagandaministerium oder ähnlichem vorgegeben (auch wenn viel zu oft Pressemitteilungen der Regierung oder grosser Konzerne wortwörtlich übernommen werden). Doch zu behaupten sie seien unabhängig wäre naiv. Aber ich werde hier nicht ins Detail gehen. Allerdings wirst du nicht bestreiten können, dass es bei uns –trotz freier Presse- enorm viel Korruption gibt. Nur dass das was wir zu sehen bekommen oft nur die Spitze des Eisberges ist. Natürlich bereichern sich hier keine Potentaten auf schamlose Weise. Es ist zugegebenermassen alles gleichmässiger verteilt.

    Aber diese Fragen sind ja im Moment nicht die drängensten im Irak. Die Sicherheit ist das grösste Problem. Und da zeigt es sich immer mehr dass die Amerikanischen Besatzer keinen Frieden schaffen können sondern vielmehr das grösste Hindernis für die Befriedung des Iraks darstellen!

  • fedchan sagt:

    >> Nun gut, es war ein wenig polemisch, was ich da geschrieben habe

    Na, dann können wir uns ja ruhig und unaufgeregt auf den Dissens einigen.

  • tezla sagt:

    Eine Bemerkung nur noch zum Thema Pressefreiheit: Für mich ist das Thema ja Beispielhaft dafür dass ein Recht zu haben eine Sache ist, dieses Recht aber auch effektiv auszuüben eine ganz andere ist: Die Presse muss sich nämlich die Mittel geben, wirklich „frei“ zu sein. D.h. mehr zu tun als nur Agenturmeldungen und Pressemitteilungen abzudrucken, d.h. auch so sehr finanziell abgesichert und risikobereit zu sein dass man die möglichen Prozesskosten in Kauf nehmen kann wenn mal ein „Heisses Eisen“ angepackt wird.
    Auch ist viel zu wenig bekannt dass die Haupteinnahmequelle von Zeitung nicht der Verkauf sondern das Anzeigengeschäft ist. Wenn man aber als Werbebanner fungiert wird man darauf achten seine Werbekunden nicht zu verschrecken und auf deren Ansichten und Wünsche Rücksicht nehmen. Ebenso ist viel zu sehr bekannt dass der Regierungsapparat eine der Hauptquellen von Nachrichten sind, sei es durch Pressekonferenzen, Interviews oder auch gezielt gestreute Gerüchte. Das bedeutet für die Presse dass sie auf eine gewisse –aber auch ungesunde- Nähe zu den Mächtigen gezwungen ist!

  • LaFayette sagt:

    Bayern München spielt
    heute 13.01.2006 in Teheran.Rumenigge und
    vor allem Hoeness ist es
    damit gelungen, die Aufmerksamkeit der
    gesamten politischen Klasse(Evo Morales ist
    erster Indiopräsident Boliviens und ErstLiga-Fussballer;Machmud,Präsident
    des Irans, ist
    Master of Marshall Arts) und Fussballfachwelt auf sich
    zu ziehen.
    Zur Einstimmung und aus aktuellem Anlass:
    Evo Morales figuriert mit Machmud auf der Präsidentenphototopwebseite des Irans mit Machmud ex aequo.Ref.:(( Offizieller Iranwebsite) zurzeit noch als „Chatami“ verlinkt; parallel ausserdem ein Link zu „Khamenei“; sowie einige
    Armeetyrolienbilder auf einem weiteren Parallel-Link )

    Wenn es zum Krieg kommt? Wer gewinnt am Persischen Golf? Meine Antwort:
    Habt Ihr das blutverschmierte GI Gesicht mit Fliegen drauf gesehen? Auf dem Feld der Ehre gefallen. Seine „remains“ beim Gegner als Fussball durch die Strassen gekickt. Da wusste ich, dass es mit der Kameradschaft in der US Armee nicht weit her sein kann(Ref.:Mujahedin Website Bilder aus derselben
    Region).

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