Grundkurs Liberalismus. Heutige Lektion: Vor dem Überqueren der Straße auch nach rechts schauen

6. September 2005 § 10 Kommentare

Richard Herzinger schreibt uns aus dem Herzen:

Tatsächlich bereitet es mir wachsendes Unbehagen, wie die abzusehende Abwahl von Rot-Grün mit der massiven Wiederbelebung schauerlichster Versatzstücke aus dem Fundus konservativer Gesellschaftsideologie einhergeht. […] Mancher, der sich als einen Liberalen versteht, scheint dabei die grundsätzlichen Unterschiede zwischen Liberalismus und Konservatismus vergessen oder nie verstanden zu haben. Etwa, dass Liberale seit Adam Smith davon überzeugt sind, dass es gerade die freiwillige, aus Eigennutz gespeiste Interaktion von Individuen nach dem Vertragsprinzip ist, die sich als Quelle wirklich verlässlicher Werte und des gegenseitigen Vertrauens in einer Gesellschaft erweist, und nicht die Zugehörigkeit zu einem vorgefertigten Glaubenskollektiv (welcher Art auch immer). Gegenwärtig hat es bei uns leider (wieder einmal) den Anschein, dass wirtschaftliche Liberalisierung mit einer geistig-kulturellen Fluchtbewegung in vermeintlich intakte und schützende, von ihren Propagandisten heftig idealisierte Gemeinschaften bezahlt werden muss.

Zu diesem Thema werden auch wir uns demnächst – sicher nicht zum letzten Mal – äußern. Derzeit sind wir nicht sicher, ob die Freiheit in Deutschland eher von links oder eher von rechts bedroht wird. Einige unserer Bloggerkollegen wollen wir daran erinnern, daß demnächst die CDU, und nicht die Linkspartei, an der Regierung sein wird. Wohlgemerkt, wir sind sehr froh, daß es nicht umgekehrt ist. Dennoch sollten sich Liberale und Konservative nicht allzusehr als Dissidenten aufspielen, die vom linken Meinungsterror unterdrückt würden. In den nächsten vier Jahren werden sich authentische Liberale nicht selten in der Situation finden, gegen den neuen Konservatismus auch heute als links verschriene Positionen verteidigen zu müssen, etwa die Freiheit des Einzelnen, seinen Lebensentwurf auch jenseits von Familie und Kindern realisieren zu können, oder das Beharren darauf, den Kampf gegen den politischen Islam von rassistischen Ausfällen frei zu halten.

§ 10 Antworten auf Grundkurs Liberalismus. Heutige Lektion: Vor dem Überqueren der Straße auch nach rechts schauen

  • Diese Gespenster moechte ich auch mal alle sehen.

  • Marco73 sagt:

    Ich sehe das ganz ähnlich wie Richard Herzinger. Ich frage mich nur, warum ihr, wenn ihr das auch so seht, ständig Bush und Co. zu verteidigen müssen meint.

  • Niko sagt:

    Neocon = neo-konservativ. Die Neokonservativen in den USA sind – anders als es die Mehrheit der Deutschen, v.a. der „Politik-Experten“, glaubt – nicht der rechte Rand der Republicans, sondern der linke, der liberale, progressive.

    Ich gebe Ingo vollkommen recht, es ist sehr ernüchternd, wie schnell Liberale ihren Anspruch aufgeben, sobald der Angriff nicht aus dem linken, sondern dem rechten, dem vermeintlich befreundeten Lager kommt.

    Übrigens war Herzinger einer der ersten Liberalen, der vor Monaten Lobeshymnen auf Merkel sang. Darauf angesprochen, ob es nicht zu viel Voodoo sei, Merkel liberales Gedankengut zu unterstellen, kam ein rowback, gefolgt von einem Artikel, der den vorhergehenden komplett revidierte.

    Auch wenn Merkel ständig Adenauer zitiert, ist sie doch die Erbin Kohls. Und der steht bestimmt nicht im Verdacht, ein Liberaler zu sein.

  • Boche sagt:

    Ein sehr wichtiger Hinweis, den du hier gibst, Ingo!
    Tatsächlich sollten sich Liberale in Deutschland davor hüten, wegen der wahl- und später (hoffentlich) regierungsbedingten Zusammenarbeit mit den Konservativen die konservativen Angriffe gegen liberale Positionen weniger dramatisch zu finden bzw. zu übersehen.
    Leider halte ich es noch keineswegs für ausgemacht, dass die FDP dieses Mal – sollte sie in die Regierung kommen – die Opportunismen aus der Kohl-Zeit nicht wiederholt. Denn schließlich besteht das Führungs- und eventuelle Ministerpersonal doch noch aus Alt-Kadern von damals.
    Aber schauen wir mal…

  • CX sagt:

    Erstens, auch wenn da Zusammenhänge bestehen, es lohnt sich zwischen Stallgeruch und dem, was hinten rauskommt, zu unterscheiden. Es kann niemand ernsthaft erwarten, dass eine Frau Merkel die Union bis nach Niederbayern hinein ausmistet. Was wäre aber so furchtbar schlimm daran, wenn liberale Gesetzgebung mit konservativer Rhetorik verkauft wird?

    Zweitens, es ist nun einmal so, dass die Linke noch nirgendwo den wirtschaftlichen Karren aus dem Dreck gezogen hat. Reagan, Thatcher waren primär konservative Programm, erst sekundär wirtschaftsliberale. Die bundesrepublikanische Linke könnte mal zur echten Avantgarde werden, wenn sie hierzulande Milton Friedman durchsetzt, aber das ist wohl in etwa genauso wahrscheinlich wie eine Heirat zwischen Benedikt XVI und Stefan Raab.

    Drittens, die Konservativen werden da furchtbar unangenehm (genauso wie die Linken), wo sie mit politischem Ressentiment geladen auftreten (siehe Hohmann; auch Stoiber, Geißler, Blüm, etc.) In dem Zusammenhang ist es doch absolut positiv zu bewerten, dass Merkel mit Köhler und Kirchhof einigermassen ressentimentfreie konservative Positionen in der Vordergrund bringt. Größte Sorge im Falle schwarz-gelb ist das Thema Einwanderung. Nicht nur Beckstein verursacht Bauchschmerz.

    Viertens, es gibt keinen zwingenden Kausalzusammenhang zwischen christlichen Überzeugungen und illiberalen politischen Einstellungen. Eher schon ist das Gegenteil der Fall. Wenn man hierzulande in der Provinz-CDU eine Korrelation zwischen diesen Einstellungen festzustellen vermag, liegt dies eher an anderweitig verursachter politischer Verbildung der betreffenden Personen als an dem, was sie allwöchentlich von der Kanzel vernehmen. Ich habe selten so sehr die Freiheitspost abgehen sehen wie in den Predigten katholischer Studentenpfarrer auf amerikanischen Campussen (Campi???).

    Fünftens, es gibt maßgebliche Lebensbereiche, die außerhalb der politischen Identität des Individuums liegen. Schon Tocqueville hat ja beschrieben, daß für das Funktionieren der amerikanischen Gesellschaft Sitten und Gebräuche mindestens so wichtig sind wie Gesetze. Es ist wohl eine offene Frage, wie sich unsere westlichen Gesellschaften über lange Zeiten hinweg entwickeln werden, wenn „Sitten und Gebräuche“ nicht mehr christlich verwurzelt sind sondern irgendwie anders. Einen Vergleich zwischen den USA und Europa mag man als Indiz werten, dass christliche Verwurzelung gut tut.

    Sechstens, zur derzeitigen freiheitsfeindlichen und illiberalen Grundhaltung hierzulande, zur Tatsache, dass man mit antiamerikanischer Demagogie Kanzler wird und am Ende vielleicht sogar bleibt, hat ein Herr Habermas mehr beigetragen als sämtliche Päpste seit Gründung des Deutschen Reiches zusammen.

  • Marco73 sagt:

    Viertens:
    „Wenn jemand bei einem Manne liegt wie bei einer Frau, so haben sie getan, was ein Greuel ist, und sollen beide des Todes sterben“
    Eine zutiefst liberale Aussage, fürwahr!
    Fünftens:
    „Ein Vergleich zwischen den USA und Europa mag man als Inidiz werten, dass christliche Verwurzelung gut tut“
    Was genau meinst du damit? Die verschwindend niedrige Kriminalitätsrate in den US? Oder wie oder was?

  • Niko sagt:

    CX,

    (1) „Was wäre aber so furchtbar schlimm daran, wenn liberale Gesetzgebung mit konservativer Rhetorik verkauft wird?“ – es ist genau umgekehrt, konservative Gesetzgebung mit liberaler Rhetorik.

    (2) „Zweitens, es ist nun einmal so, dass die Linke noch nirgendwo den wirtschaftlichen Karren aus dem Dreck gezogen hat.“ – auch Blair nicht?

    (3) „In dem Zusammenhang ist es doch absolut positiv zu bewerten, dass Merkel mit Köhler und Kirchhof einigermassen ressentimentfreie konservative Positionen in der Vordergrund bringt.“ – Köhler wird ja mittlerweile von allen Parteien mitgetragen, und Kirchhof … ist nicht einmal CDU-Mitglied. Ich will gerne glauben, dass Merkel „ressentimentfreie“ CDUler in die erste Reihe bringt. Allein, es fehlen mir die Anhaltspunkte dafür.

    (4) „Viertens, es gibt keinen zwingenden Kausalzusammenhang zwischen christlichen Überzeugungen und illiberalen politischen Einstellungen.“ – natürlich nicht. Wer hat das behauptet?

    (5) „Einen Vergleich zwischen den USA und Europa mag man als Indiz werten, dass christliche Verwurzelung gut tut.“ – das ist aber sehr exklusiv (d.h. ausschliessend) formuliert. Die meisten Gläubigen in den USA sind nämlich weder Katholiken noch Protestanten, also kann man die Erfahrung wohl kaum auf Deutschland übertragen. Bei uns wird im übrigen sehr gerne argumentiert, „Wenn ihr wieder hoffnungsvoll sein wollt, müsst ihr glauben, also geht in die Kirche.“ Der erste Teil ist richtig, der zweite falsch. Wer jemals einen amerikanischen Gottesdienst egal welcher Kongregation mit dem in einer deutschen kath. oder evang. Kirche vergleichen konnte, weiss, was ich meine. Unsere Amtskirchen sind einfach nicht attraktiv. Das wird sich aber nicht dadurch ändern, dass mehr Menschen in die Gotteshäuser strömen. Den ersten Schritt müssen die Kirchen tun.

    (6) „hat ein Herr Habermas mehr beigetragen als sämtliche Päpste seit Gründung des Deutschen Reiches zusammen.“ – volle Zustimmung. Es fehlen mir aber noch die Schreibtischtäter bei den öffentlich-rechtlichen – die kann man nämlich nicht nach 4 Jahren abwählen …

  • Marco73 sagt:

    Niko:
    „(4)…wer hat das behauptet?“
    Ich, s.o.😉
    (6)ich bin kein Freund des Herrn Habermas, aber diese Aussage ist primitive, platte Polemik. Wie wärs mit einer Erläuterung?

  • Niko sagt:

    @Marco,

    Welche Aussage? Dass es bei den öffentlich-rechlichen Anstalten Redakteure gibt, die es als ihre Berufung verstehen, Nachrichtensendungen mit ihrer privaten Meinung zu Amerika und George W Bush zu würzen? Wie wärs mit einer Erläuterung?

  • Marco73 sagt:

    Ich meinte die Aussage, dass Habermas zur angeblichen freiheitsfeindlichen Grundhaltung in Deutschland mehr beigetragen habe als alle Päpste.

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