Militanz essen Liberalismus auf

19. September 2005 § 4 Kommentare

Tagesspiegel-Schöngeist Gregor Dotzauer schreibt über unsere uneuropäischen Aktivitäten:

Die Blogger von den „Freunden der offenen Gesellschaft“ (www.fdog-berlin.de) hängen einem Liberalismus an, dessen Militanz ihn gegenüber allem, was innenpolitisch nach Globalisierungskritik und außenpolitisch nach Dschihad riecht, sofort zerfrisst und seinen Stichwortgeber Sir Karl Popper im Grab rotieren lassen müsste.

Vom Satzbau einmal abgesehen (darf ein Personalpronomen Platz nehmen, wo ihm immer es paßt und es nicht zerfressen wird?): Das hat Popper wirklich nicht verdient, ihn posthum zum gütigen Opi zu verklären, dessen Liberalismus sich in Erich Fromm’scher Besinnlichkeit erschöpft hätte, auch wenn der durchaus aggressive Streiter für die offene Gesellschaft, der er war, und der gegen eine gewisse Militanz gegenüber deren Feinden überhaupt nichts einzuwenden hatte (genausowenig wie Arthur Koestler, dessen 100. Geburtstag wir neulich verschlafen haben), einem heutigen Konsens-Linksliberalen degoutant erscheint. Eigentlich geht es Dotzauer ja darum, den MERKUR abzubashen, dessen Ausscheren aus der publizistischen Pace-Gemeinde ihm schon seit geraumer Zeit so was von gegen den Strich geht, daß er immer wieder einmal darauf zurückkommt. Da nimmt er halt mit, was er am Wegesrand noch so findet. Und daß wir dem MERKUR und einigen seiner Autoren so fern nicht stehen, hat er schon ganz richtig erkannt. Dotzauer scheint ein Komplott am Werk zu sehen, denn

[d]as größte Problem für den „Merkur“ dürfte darin liegen, dass Anti-Antiamerikanismus und Anti-Antikapitalismus medial epidemisch geworden sind.

Ein paar mehr Beispiele für diese Epidemie hätten uns schon interessiert, doch es werden nur die üblichen Verdächtigen vorgeführt: außer dem MERKUR, den Freunden der offenen Gesellschaft und B-52-Joffe sind es vor allem zwei Leute, die Dotzauer auf dem Kieker hat:

Und Henryk M. Broder oder Hannes Stein propagieren einen besinnungslos proamerikanischen Anti-Antisemitismus, der das, was er bekämpft, erst züchtet.

Nun, wir gehen davon aus, daß jemand, der schreiben kann und fürs Schreiben bezahlt wird, auch meint, was er schreibt, und daß Dotzauer folglich der Meinung ist, ein Schreibverbot für Broder und Stein beende das Problem des Antisemitismus, den diese ja erst züchten, und Israel lebte fortan in Sicherheit und nimmermehr brennte irgendwo eine Synagoge, heut und immerdar. Über Dotzauers Formulierung könnten wir uns noch weitere unfreundliche Gedanken machen, doch da wir heute unseren militanzfreien Tag haben, brechen wir an dieser Stelle ab.

§ 4 Antworten auf Militanz essen Liberalismus auf

  • Das interessante daran ist, daß wir bereits einen Schritt weiter sind,
    als wir es während der Möllemann-Affäre 2002 waren: heute darf auch der
    durchschnittliche Vulgärliberale den Juden vorwerfen, sie seien Schuld
    am Haß gegen sie.

  • Marco73 sagt:

    Und wer tut das?

  • Thomas Liffert sagt:

    Nun liebe Leute, Liberalismus und die konsequente Gegnerschaft zum Antisemitismus
    sind in Deutschland nach wie vor Minderheitenmeinungen. Und diese Minderheit ist
    schlecht organisiert – ausser Blogs nix gewesen. Und was so toll daran sein soll,
    sich in inner-feullitonistischen Streitereien zu verlieren, frage ich mich sowieso.
    Dies schrieb ich so ungefähr neulich an Herrn Broder. Dieser jedoch hat keinen Bock
    auf bzw. keine Zeit für eine „neue Selbsthilfegruppe“, wie auch immer er darauf kommt,
    mir gelüste es nach solcherlei Gruppentherapie. In bezug auf die Erringung einer
    liberalen Meinungshoheit hierzulande sehe ich jedoch schwarz. Insofern ist Selbsthilfe doch ein
    passendes Stichwort für das, was ich vorschlage. Freunde der offenen Gesellschaft
    sollten irgendwie auch untereinander Freunde werden – das Eindreschen auf Antiliberale
    wächst sich aus zur Volksbeschimpfung. Aber ein anderes Volk, insbesondere andere
    Intellektuelle kann man sich nicht wählen. Die Macht der Tradition können die fettesten
    Bomben nicht zerstören. Wir können froh sein, wenn nicht die absolute Barbarei, der
    entfesselte Naturalismus in Zukunft die Macht erringen. Auch darauf würde ich jedoch nicht wetten.
    Für solche Worst-case-Fälle – aber auch rein menschlich – halte ich einen liberalen
    Zusammenhalt oder vorsichtiger: eine liberale Selbstvergewisserung – für das Wichtigere
    gegenüber dem aussichtslosen Kampf mit Nichttherapiefähigen. Ich glaube, dass der Mensch
    spätestens nach der Pubertät nicht mehr grundsätzlich änderbar ist. Schreibt doch
    mal was nettes zurück…

  • SChmidt, Walter sagt:

    „Aus dem Antisemitismus könnt‘ schon was werden, wenn sich nur die Juden seiner annähmen!“ ALEXANDER RODA-RODA

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Was ist das?

Du liest momentan Militanz essen Liberalismus auf auf By the Way ....

Meta

%d Bloggern gefällt das: