Interdisziplinäre Literaturwissenschaft

4. Oktober 2005 § 13 Kommentare

Wie mißt man eigentlich literarische Bedeutung? Es ist mir während meines langen Germanistikstudiums nicht gelungen, diese Frage befriedigend zu klären, so daß ich mich irgendwann auf die Position zurückgezogen habe I can tell it when I see it. Ein Leser des Statler & Waldorf-Blogs hat jetzt allerdings eine recht überzeugende ökonomische Definition literarischer Bedeutung vorgelegt:

Literarische Bedeutung ist das Produkt aus der Anzahl der erreichten Leser und dem (emotionalen) Eindruck, den das Gelesene auf den einzelnen Leser macht.

Also:
Ein Autor wie Konsalik, der millionenfach gelesen wurde aber bei kaum einem Leser einen bleibenden Eindruck hinterlässt hat eine eher geringe Bedeutung.
Ein praktisch unbekannter Dichter, dessen Gedichte in Mini-Auflage erscheinen, dessen kleine Fangemeinde von den Gedichten tief bewegt wird, hat ebenfalls eine geringe Bedeutung.
Die Bibel, die einerseits milliardenfach gelesen wurde und andererseits bei vielen Lesern einen tiefen Eindruck hinterlassen hat, hat eine hohe literarische Bedeutung.

Der Wermutstropfen: Mit eben dieser Definition spricht er Harry Potter literarische Bedeutung zu:

Potter würde ich so einordnen, dass die Wirkung auf seine Leser zumindest nicht ganz gering ist (wenn man einmal gesehen hat, mit welcher Inbrunst manche jungen Leser dem erscheinen des neuen Bandes entgegenfiebern, der kann kaum bezweifeln, dass da ein Eindruck erzielt wurde). Außerdem wurde hier etwas literarisch neues geschaffen – ein Genremix aus klassischem Internatsroman, Bildungsroman (die klassischen Jugendbuchhelden wie Hanni und Nanni haben – anders als Potter – keine Entwicklung), Fantasy und Kriminalroman.
Multipliziert man diese nicht ganz geringe Wirkung auf den einzelnen Leser mit der irrsinnigen Auflage, dann kommt man (nach meiner obigen Formel) auf eine sehr beachtliche literarische Bedeutung.

Sei’s drum, ich bleibe dabei, Harry Potter nicht zu lesen, aus dem gleichen Grund, aus dem ich auch „Per Anhalter durch die Galaxis“ und „Herr der Ringe“ nie gelesen, „Star Wars“ und „Rocky Horror Picture Show“ nie gesehen habe: Diese ganzen Kult-Maschen kommen mir einfach zu käsefüßig rüber.

§ 13 Antworten auf Interdisziplinäre Literaturwissenschaft

  • Gregor sagt:

    Zum Glück gibt es die Leserschaftsmasse, die ein Werk zum Kult macht, damit man dieses Werk meiden kann.

    Gottseidank gibt es die Bestsellerlisten, die uns Menschen mit Niveau einen Hinweis auf die Lektüre des Pöbels geben. So müssen wir solches nicht lesen oder gar die Bücher selbst bewerten. Wir lassen uns nicht durch die Masse lenken, wir Individualisten steuern dagegen😉

  • Marco73 sagt:

    Ingo Alter, du bist ja echt bekloppt. So`n richtiger Bildungsbürger und Thomas Mann-Anbeter, wa? Hast du wenigstens die Schriften des Marquis de Sade gelesen?😉

  • Ingo Way sagt:

    Genau das ist der Grund, warum ich dieses ganze Kult-Gewichse nicht ausstehen kann: weil die Fans so verbissen und aggressiv reagieren, wenn man ihr Ding nicht mitmacht und – o Graus, wie elitär! – womöglich sogar Thomas Mann den Vorzug gibt.

  • Marco73 sagt:

    Ich, aggressiv? Bewahre!!
    Du redest hier doch in übelster Vulgärsprache („Gewichse“)!
    Übrigens muss man ja im Zweifelsfall auch nicht alles todernst nehmen😉

  • Ingo Way sagt:

    Galt schon für meinen Beitrag. Der ist schließlich unter „just for fun“ abgelegt.
    Der Unterschied: Ich bin hier zu Hause, Sie haben bereits die gelbe Karte. :-p

  • Marco73 sagt:

    Na, dann zeig mir doch die Rote! Übrigens kannst DU mich gerne weiterhin siezen!:-)

  • Sabine Braun sagt:

    Manchmal hat die Masse es Volkes bzw. der Völker aber eben auch recht: Die Geschichte von Harry Potter ist – mit einem Wort – genial!! – Und wer es nicht gelesen hat, kann doch gar nicht mitreden. Frau Rowling bringt Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit einer brillanten und spannenden Erzählung zum Lesen und ist nebenbei noch die beliebteste Englischlehrerin der Welt. Das ist doch was, oder?😉

  • Es mag ja hoffnungslos altmodisch sein, aber ich meine
    gleichwohl, daß man ein Buch erst lesen und dann
    kritisieren sollte.

  • Ingo Way sagt:

    @ Mark Mallokent:

    Wo und wann habe ich denn ein ungelesenes Buch kritisiert?

  • Sabine Braun sagt:

    Wenn man es bedauert, dass es Definitionen gibt, die sogar Harry Potter als „literarisch bedeutend“ bewerten, dann, lieber Herr Way, ist das natürlich eine Form der Kritik. Und diese steht, wie ich finde, nur dem zu, der die Geschichte gelesen hat. Die Tatsache, dass die Bücher viele Menschen in ihren Bann ziehen und nicht nur einen kleinen Kreis Auserwählter faszinieren oder dass einem die Vermarktungsstrategien auf die Nerven gehen, kann jedenfalls nicht allein Kriterium für ein negatives Urteil sein.

  • „Der Wermutstropfen: Mit eben dieser Definition spricht er Harry Potter literarische Bedeutung zu“.
    Hier.

  • Ingo Way sagt:

    Die Lehre, die ich daraus ziehe: sich nie mit der Kirche der Harry-Potter-Gläubigen anzulegen, die verstehen keinen Spaß und können es nicht verknusen, wenn man das Zeug ganz einfach nicht lesen will.

  • Justus sagt:

    Jetzt mal so als eine Frage: Warum wollen Sie denn Douglas Adams nicht lesen? Gerade das erste Buch ist einfach absolut genial aus meiner Sicht.

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