Simplistic and proud of it

5. Oktober 2005 § 23 Kommentare

Am Dienstagabend war es uns vergönnt, dem liberal hawk Christopher Hitchens auf einer Veranstaltung des Aspen-Instituts zu lauschen. „The right war at the right time“ war der Titel der Veranstaltung, und es ging, wie man sich denken kann, um den Irakkrieg. Daß die Veranstaltung in einer Kreuzberger Kneipe stattfand, erfreute den bekennenden Trinker Hitchens sehr: In einem solchen Umfeld blühe er auf. Dem Moderator Jeffrey Gedmin oblag es dann auch, während des Vortrags mehrfach Whisky für Hitchens holen zu gehen. Das illustre Publikum erschien zahlreich. Hannes Stein: „Wenn ein Selbstmordattentäter im Raum ist, dann ist es um die prowestliche Publizistik in Deutschland geschehen.“Der Engländer Hitchens, seit seinem 15. Lebensjahr Labour-Mitglied und überzeugter Linker, wiederholte noch einmal alle vernünftigen Argumente für den Irak-Krieg. Was er hinzuzufügen hatte, war das erfrischende Pathos der Befreiung, das er den linksliberalen Isolationisten des Westens entgegenschmetterte. Es stünde uns, so Hitchens, keineswegs frei, diesem Krieg fernzubleiben, weil er so inhuman sei. Wir befänden uns in diesem Krieg, das sei Fakt, und jeder Rückzug nütze der Gegenseite, dem neuen Faschismus. „Die Antikriegsbewegung ist in Wirklichkeit eine Prokriegsbewegung, nur unterstützt sie die andere Seite.“

Hitchens macht sich keine humanitär-grünen Illusionen über den Charakter von Kriegen: Es geht darum, den Feind zu besiegen, bevor er einen besiegt, sonst nichts. Naiv sei es allein, so zu tun, als gebe es keine Feinde, die uns – das heißt: alle Westler, alle Demokraten – töten wollen, wie die jüngsten Anschläge in Bali wieder gezeigt hätten. Dort ging es nicht gegen den westlichen Imperialismus, sondern gegen die säkulare Demokratie in Bali.

Hitchens: „Die Kriegsgegner sagen, wenn wir einen Bin Laden töten, dann kommen sofort 10.000 andere, die seinen Platz einnehmen wollen. Meine Antwort: Okay, dann müssen wir diese 10.000 eben auch töten.“ Ist das nicht ganz furchtbar zynisch und inhuman? Oder ist Hitchens nicht einfach einer der letzten Vertreter eines wohlverstandenen Eigeninteresses, das viele Multikulti-Europäer (und -Amerikaner) – aus Naivität oder aus westlichem Selbsthaß – preisgeben?

Widerspruch aus dem Publikum kam vor allem von Seiten linker Amerikaner, namentlich von einem Vertreter der Democrats abroad und einer Gewerkschafterin, die der Meinung war, die US-Truppen müßten aus dem Irak abziehen, wenn die Mehrheit der Iraker das wünsche, was im übrigen der Fall sei, was sie aus persönlichen Gesprächen mit einigen Irakern wisse. Wer solle eigentlich über einen Abzug der US-Army entscheiden, die Amerikaner oder die Iraker? Hitchens erwiderte darauf, die Iraker hätten sich per Mehrheitsentscheid bereits für die weitere Präsenz der US-Truppen ausgesprochen, indem sie auf demokratischem Wege einen Präsidenten gewählt hätten, der sich dezidiert für einen Verbleib der Amerikaner ausspricht. Im übrigen hätten die Amerikaner sehr wohl ein Wörtchen mitzureden, da es auch um eigene Interessen gehe, nicht um Öl-, wohl aber um Sicherheitsinteressen – um den Schutz der westlichen Gesellschaften vor islamischem Terror.

Ob sein Freund-Feind-Schema nicht arg vereinfachend sei, wurde gefragt. Nun, es gebe nun einmal Feinde, die mich töten wollen, so Hitchens. Für die wolle er nicht auch noch Verständnis aufbringen. „I’ve become simplistic – and proud of it.“

§ 23 Antworten auf Simplistic and proud of it

  • marcus sagt:

    Es wäre nur schön gewesen, wenn man von vorneherein
    so argumentiert hätte, als erst mal von Massenver-
    nichtungswaffen zu faseln. Und „Wer einmal lügt, dem
    glaubt man nicht“.

  • Werner sagt:

    Erfrischende Klarheit – trotz allem Whisky.

  • Daniel sagt:

    Und “Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht”.

    Dieser Satz trifft – vor allen anderen Beteiligten – auf Saddam Hussein und sein Regime zu.
    Er war es, der die Welt bereits jahrzehntelang belogen hat – und die Welt glaubte ihm mehr als der Bush-Administration.

  • marcus sagt:

    Daniel,

    das habe ich auch nicht vergessen.
    Aber ich sehe jetzt noch grössere
    Probleme den Rest der Welt zum
    handeln zu bewegen.

  • Günter sagt:

    >> Im übrigen hätten die Amerikaner sehr wohl ein Wörtchen mitzureden, da es auch um eigene Interessen gehe, nicht um Öl-, wohl aber um Sicherheitsinteressen – um den Schutz der westlichen Gesellschaften vor islamischem Terror.>>

    Hat die Präsenz der Amerikaner im Irak den die westliche Welt vor Terror geschützt? Wohl kaum!

  • Daniel sagt:

    D’accord, Marcus.
    Für die Desinformation ist mit der CIA eine „Behörde“ hauptverantwortlich, die dem regime change mit Aufbau demokratischer Strukturen und Wahlen den Ersatz Saddams durch einen anderen Diktator vorgezogen hätte.
    Ich wage zu behaupten, dass man versucht hat, der Sache der Koalition vorsätzlich zu schaden.

  • Daniel sagt:

    Günter:
    Ich kann Ihre Frage guten Gewissens mit „Ja“ beantworten. Ich werde das im Gegensatz zu Ihnen auch begründen:
    Das Sponsoring der Familien palästinensischer Selbstmordattentäter aus Saddam Husseins Privatschatulle hat aufgehört.
    Ob jetzt weniger oder mehr Familien ihre arbeitsfähigen Söhne zum Judenmord ziehen lassen, wenn Onkel Saddam keine 10.000$ mehr springen lassen kann, will ich nicht festlegen. Ich bitte Sie nur, zu bedenken: Dieses Geld war (und ist nicht mehr) ein Anreiz für potentielle Terroristen.

  • marcus sagt:

    Daniel:

    Hoffendlich hast Du nicht recht.

  • marcus sagt:

    Daniel:

    Nachtrag:

    Mit Deinem Kommentar an Günther hast Du
    selbstverständlich recht.

  • John sagt:

    Naja, angekündigt war eine Pro-Kontra-Diskussion – gehört habe
    ich nur Hitchens und nur mit den bereits bekannten Argumenten,
    die sicherlich sehr überzeugend sind, wenn man sich auf seine
    Perspektive einigt. Gerade hier hätte ich von Köppel mehr –
    bzw. überhaupt ein wenig – Gegendruck erwartet; leider kam da
    nichts?!

  • Sabine Braun sagt:

    also ehrlich, eine gewisse Realitätsferne und `ne Menge Phantasie gehören wirklich dazu, den Irakkrieg heutzutage noch als richtig und erfolgreich zu verteidigen. Was hat der Krieg gebracht? Die Welt von einem Tyrannen befreit und dafür der Anarchie in Form islamistischen Terrors Tür und Tor geöffnet. Nebenbei wird ganz wunderbar den Mullahs im Iran in die Hände gespielt. Ich war auch für diesen Krieg. Heute sage ich: Er war falsch und hat die Welt erheblich unsicherer gemacht. Außerdem glaube ich sowieso nicht an die Demokratiefähigkeit der mittelalterlichen arabischen Welt.

  • Daniel sagt:

    Glauben Sie doch was Sie wollen, Frau Braun.
    Aber widerlegen Sie die Quellen die Sie hier finden können. Zeigen sie den Zusammenhang zwischen der Lage im Irak und der Terrorbedrohung für den Westen anhand anerkannter Fakten auf!

    Was Sie glauben, kann den hunderttausenden mittelalterlichen Internetnutzern im Irak glücklicherweise am Arsch vorbei gehen.

  • Ingo Way sagt:

    P.S.: Ein weiterer Bericht von dieser Veranstaltung inclusive eines kritischen Portraits von Hitchens entstammt der Feder von Mariam Lau.

  • Sabine Braun sagt:

    Haben Sie immer so eine gepflegte Ausdrucksweise, wenn jemand nicht Ihrer Ansicht ist, Herr Daniel? Natürlich glaube ich, was ich will. Und stellen Sie sich mal vor, ich hoffe sogar sehr, dass ich mich in Bezug auf Irak irre! Aber im Moment sehe ich nur ein riesengroßes Desaster – hunderttausende Internetnutzer hin oder her.

  • Willy sagt:

    Noch schöner wär´s natürlich, wenn Hitchens den USA behilflich wäre, eine politische Strategie zu entwickeln, die ohne die massive, jahrelange Unterstützung von Gestalten wie Saddam Hussein auskommt, solange diese einem kurzfristig nützlich erscheinen. Dann brauchte man auch irgendwann auch keine Kriege mehr in aller Welt zu führen.

  • Daniel sagt:

    Frau Braun: Die gesamte arabische Welt als mittelalterlich abzuqualifizieren ist schlicht arrogant und bedarf gepfefferten Widerspruchs!

    Das Desaster findet hauptsächlich in den Medien statt, die ihre Vorhersage desselbigen einlösen wollen. Lokale irakische Medien (Azzaman z.B.) berichten von den Problemen, die im Irak wirklich von Bedeutung sind.

  • mike stein sagt:

    @willy
    als die usa die (spaeteren) taliban gegen die soffjets unterstuetzten/aufruesteten,haetten sie einen vertrag schliessen sollen, in dem diese verpflichtet werden, spaeter auch stets an der seite der usa zu stehen….so einfach kanns doch zugehen in der welt… mit ein bisschen gutem willen,oder??

  • Sabine Braun sagt:

    Lieber Herr Daniel: Ich will Ihnen nicht Ihre Illusionen rauben – und wie gesagt: Ich freue mich sehr, wenn ich mit meinem Pessimismus schief liege. Aber eins interessiert mich schon: Sie betrachten die fürchterlichen Terroranschläge, die die Menschen im Irak fast täglich erleben, offensichtlich nicht als die wirklich bedeutendes Problem (s. Ihr letzter Eintrag). Würden Sie das eigentlich auch so sehen, wenn Terror in diesem Ausmaß in Israel stattfinden würde?

  • Daniel sagt:

    33 pro Tag ist eine Zahl, die mir spontan in den Sinn kommt. Trotzdem beschäftigen sich die Irakis mit Dingen wie der Stromversorgung, sie produzieren und konsumieren, veröffentlichen Zeitungen, leben und freuen sich ihrer Existenz.
    Berücksichtigen Sie bitte, dass es vor der Befreiung des Irak üblich war, dass Menschen von Terroristen abgeschlachtet wurden. Diese Terroristen stellten im Gegensatz zu heute den Staatsapparat dar. Ich will nicht darüber spekulieren ob in den Folterkammern des Regimes täglich mehr oder weniger Menschen umgebracht wurden als heute durch die Terroristen.
    Die Gefahr, von Sadisten massakriert zu werden ist nichts Neues für die Irakis. Die irakische Gesellschaft wäre (meiner bescheidenen Meinung nach) schon längst kollabiert, wenn Saddam Husseins Herrschaft sie nicht gegen diese Gefahr „abgestumpft“ hätte.
    Es wird ihnen (und hiermit will ich ihren Seitenhieb auf Israel beantwortet wissen) so gut es geht die Stirn geboten. die Menschen weigern sich, ihren Alltag von den Terroristen bestimmen zu lassen und riskieren ihr Leben indem sie ihre Einkäufe erledigen und um Arbeit Schlange stehen..
    Diese Menschen haben zu viel durchgemacht, als dass man sie jetzt wegen einer kleinen Minderheit von perversen Mördern aufgeben könnte. Der einzige Kommentar den ich von meinem Sofa in einem Berliner Wohnzimmer abgeben darf ist, dass ich diese Menschen aufrichtig bewundere

  • Sabine Braun sagt:

    Natürlich gehen die Menschen ihren Alltagsbeschäftigungen nach, was bleibt ihnen denn anderes übrig? Aber was nützt es mir, dass mein Kind geimpft wurde, bevor es von einer Bombe zerrissen wurde, was der Internetanschluss, wenn ich keine Arme mehr habe, um den PC zu bedienen? Ohne Zweifel haben Sie recht, unter Hussein gehörte Terror auch zum Alltag, für Außenstehende – bis auf Ausnahmen – in weniger sichtbarer Form vielleicht. Aber wie kann ein Hitchens behaupten, alles läuft gut? Wie Mariam Lau heute in der WELT schreibt, fliegt er im Hubschrauber über Bagdad und stellt dabei ein normales Großstadtleben fest, wo andere nur Chaos sehen. Warum fliegt er dann? Traut er sich nicht zu Fuß durch die normale Stadt? Und was Demokratie betrifft: Wie soll das gehen, ohne Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern? Sagen Sie mir nur ein einziges islamisches Land mit einer funktionierenden Demokratie!

  • Daniel sagt:

    Sie tun so, als seien alle Menschen im Irak gleichermassen davon bedroht, durch Bomben zerrissen zu werden. Da könnten Sie auch die Verbrechensrate von Berlin-Neukölln auf ganz Deutschland anwenden. Der Terrorismus ist bereits räumlich eingrenzbar und bedroht eben nicht den gesamten Irak im gleichen Maße.

    Ich habe bei dem Vortrag von Mr. Hitchens eher etwas über die positiven Dinge gehört, die er am Boden sah (weniger über Hubschrauberflüge).

    I saw it. And nobody is going to tell me I didn’t see it!

    Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung wie Mr. Hitchens sich im Irak bewegt hat. Seine Eindrücke sind jedenfalls realistischer als unsere.

    Und was Demokratie betrifft: Es gibt Leute, die etwas tun und nicht lamentieren, z.B.: Wadi e.V.
    Diese statten uns auch noch dankenswererweise mit der Pflichtlektüre in Sachen Irak und Demokratie aus.

  • Sabine Braun sagt:

    Herr Daniel, lassen Sie uns einfach in diesem Fall „agree to disagree“. Okay?

  • Philipp sagt:

    „Dieser Satz trifft – vor allen anderen Beteiligten – auf Saddam Hussein und sein Regime zu.
    Er war es, der die Welt bereits jahrzehntelang belogen hat – und die Welt glaubte ihm mehr als der Bush-Administration.“

    Die Welt glaubte vor allem den UN Waffeninspektoren.
    Was ist denn das für eine schräge Verschwörungstheorie, die CIA hätte den Präsidenten vorsätzlich desinformiert. Der Präsident brauchte einen Grund um den Irak anzugreifen. Mit dem Versprechen einer irakischen Demokrartie hätte er wohl viel weniger Unterstützung erhalten als mit der Drohung einer irakischen Atombombe.

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