Aufklärung sieht anders aus

13. Oktober 2005 § Ein Kommentar

Clemens Wergin ist aus dem Urlaub zurück und hat sich die Diskussionveranstaltung der Heinrich-Böll-Stiftung mit Esther Schapira, Roman Paul (Produzent von „Paradise Now“) und Thomas Krüger (Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung), auf die wir neulich hingeweisen hatten, angehört. Hier seine Eindrücke:

Am heftigsten waren die Angriffe allerdings auf den Präsidenten der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), die den Film an die Schulen bringt und ein Filmheft dazu verfasst hat, das nicht nur eine sehr einseitige und in der Druckversion auch grob fehlerhafte Auswahl historischer Fakten präsentiert, sondern auch dem Film argumentativ nichts entgegensetzt. […] Erst einmal hat sich Krüger auf zwei gelinde gesagt dürftige Verteidigungslinien zurückgezogen. Einmal gab er zwar Mängel in der Begleitbroschüre zu, meinte aber, die würden durch andere Publikationen der bpb aufgewogen. […]

Mein zentraler Kritikpunkt in der Debatte war, dass die Broschüre der Bundeszentrale der Rechtfertigungsstrategie der Attentäter im Film, nichts entgegensetzt, weder an moralischen Argumenten noch an historischen Fakten. Zwar wird die Rechtfertigung der Attentäter im Film mehrfach gebrochen, ihre Perspektive bleibt aber das einzige Interpretationsmuster des Konflikts, das der Film anbietet. (Die Einwände Suhas etwa sind nicht grundlegender, sondern taktischer Natur.)

Said, einer der Attentäter, bedient sich aus dem klassischen Argumentenrepertoir terroristischer Bewegungen, die stets behaupten, der Gegner lasse ihnen keine andere Wahl, sie hätten alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft, um ihre Unterdrückung zu beenden. Der linke amerikanische Philosoph Michael Walzer schreibt, dass diese Behauptung von Terroristen eigentlich noch nie gestimmt habe. Ihr Terror sei nicht das letzte Mittel der Schwachen, sondern „das erste Mittel von Militanten, die von Anfang an glauben, dass der Feind getötet werden muss, und die weder willens noch fähig sind, ihr eigenes Volk für irgendeine andere Art der Politik zu organisieren“. Das trifft vielleicht nicht auf Said selbst zu, aber auf die Ideologen hinter ihm, die ihn indoktriniert haben und ihn losschicken. […]

Nur gibt die Broschüre der bpb deutschen Schülern weder Informationen an die Hand (die Vorschläge von Camp David und Taba werden schlicht unterschlagen) noch moralische Argumente, um diese Debatte zu führen. Am treffendsten hat dieses Manko Elif Kayi aufgespießt von der „Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus“. Diese Organisation ist wahrscheinlich die einzige in Deutschland, die sich darum bemüht, antisemitische und antiisraelische Klischees von muslimischen Jugendlichen zu hinterfragen und mit ihnen zusammen aufzulösen. Er sagte an jenem Abend: „Im Film und in der Broschüre findet sich nichts, dass uns in dieser Arbeit helfen würde“.

Am Ende der Veranstaltung machte Krüger dann noch in Kultur- und Werterelativismus und meinte, man könne Moral den Schülern nicht vorgeben, außerdem sei diese flexibel und müsse immer wieder neu verhandelt werden. Zwar hatte niemand verlangt, die Schüler moralisch zu indoktrinieren. Andererseits fragt man sich aber, wozu es eigentlich gut sein soll, einen Film über Selbstmordattentäter an deutsche Schulen zu bringen, wenn die gravierenden moralischen Fragen, die sich an dieses Phänomen stellen, nicht einmal ansatzweise im Begleitheft thematisiert werden.

§ Eine Antwort auf Aufklärung sieht anders aus

  • Gudrun sagt:

    So sieht Aufklärung aus:

    „Es gibt (in dem Film) sehr gelungene, fast komische Szenen: Ein Attentäter liest, die Waffe in der einen Hand, den Text in der anderen, seine Abschiedserklärung vor, das übliche pathetische Wortgeklingel. Als er fertig ist, merkt der Kameramann, daß die Kamera einen Aussetzer hatte. ‚Das müssen wir noch einmal machen.‘ Der angehende Attentäter stellt sich wieder in Pose und rattert den Text noch einmal runter. Das Pathos ist weg, die Peinlichkeit bleibt …“

    Muß man den Film „Paradise Now“ an der Kinokasse boykottieren? CONTRA, von Henryk M. Broder, Jüdische Allgemeine Nr. 41-42/05, 14. Oktober 2005, S. 7

    Das PRO schrieb Ralf Schroeder: Pädagogisch gefährlich. Lesenswert sind beide Beiträge.

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