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23. Oktober 2005 § 6 Kommentare

Bekanntlich waren einige von uns eine ganze Zeit lang der linken Zeitschrift Bahamas eng verbunden. Die Redakteure und Autoren der Bahamas waren diejenigen, die, aus der Linken selbst heraus, den linken Antisemitismus und Antizionismus, den Haß auf Amerika und den Liberalismus, die Islamismusapologie, den westlichen Selbsthaß und die ganzen anderen Scheußlichkeiten angegriffen haben und sich dafür von ebendieser Linken allen nur erdenklichen Schmähungen ausgesetzt sahen. Genau dafür haben wir die Bahamas geliebt, doch irgendwann kam der Punkt, da wir die ganze mitgeschleppte Kapitalismus- und Entfremdungskritik, gelinde gesagt, nicht mehr recht überzeugend fanden. Da mußte man sich dann eben trennen. So weit, so gut, nicht weiter dramatisch.

In einem kürzlich veröffentlichten Aufruf zu einer „antideutschen Konferenz“ überraschte uns die Bahamas indes mit erstaunlicher Anhänglichkeit. Über mehrere Seiten arbeiten die Autoren sich an der liberalen Wende ihrer ehemaligen Mitstreiter ab, unterziehen deren proisraelische Haltung einer kritischen Würdigung, warnen aber dennoch vor den notwendigen unangenehmen Implikationen, die der Liberalismus mit sich bringe, und bekräftigen die Notwendigkeit kommunistischer Kritik. Inhaltlich liegen wir mit diesem Text natürlich völlig über Kreuz.[1] Uns hat dennoch der relativ moderate Ton und sachliche Stil angenehm überrascht. Wer die Bahamas kennt, weiß nämlich, in welchem Ton sie ehemaligen Weggefährten oft hinterherschreibt. Das war hier nicht der Fall, das wußten wir zu schätzen, und so haben wir uns auf eine faire Auseinandersetzung zwischen erzogenen Menschen eingerichtet.

Kurz darauf mußten wir allerdings erfahren, was ein einzelner (ehemaliger?) Bahamas-Redakteur von sich gibt, wenn er in einer semi-öffentlichen Mailingliste Klartext redet.[2] Das klingt dann so:

[…] Den neuen Liberalen sind „Israel“ wie „Antisemitismus“ nur Vorzeichen der gesellschaftlichen Einrichtung im Unwahren. Ich finde dies die unheimlichste und befremdlichste Form von Auseinandersetzung mit dem Vernichtungsinteresse, weil es zugleich seine Existenz aufrechterhält, ohne seine Konsequenz denken zu wollen. Aber das gehört zum liberalen Gestus dazu, daß man die kritische Erkenntnis scheut, wo sie der Ideologie widersprechen könnte. Darin entspricht der neue Liberalismus enttäuschter Kommunisten jedem anderen derzeitigen Angebot auf dem ideologischen Markt, gerade in seiner exlinken Variante, die ausgerechnet dann auf den Antikommunismus verfällt, wo eigentlich im Vordergrund stünde, eine globale faschistische Bedrohung abzuwehren. Es besteht allerdings ein fundamentaler Unterschied zwischen der zionistischen Negation – daß Israel notwendig ist, weil eine Welt ohne Antisemitismus nicht realistisch erscheint – und der liberalen Negation, die Israel als Judenstaat toll findet, weil sie sich eine Welt ohne Antisemitismus nicht vorstellen *will*.

Voraussetzung jeder Israel-Solidarität ist hingegen, weder die zionistische Negation – die Ewigkeit des Antisemitismus – anzuerkennen, noch den Verlockungen von Realpolitik zu erliegen, wie es die neuen Liberalen tun, deren Antikommunismus, wie er sich gegen Bahamas äußert, für die Verweigung [sic] des Antisemitismus selbst sorgt. Israel-Solidarität muß hingegen die Ambivalenz auszuhalten [sic], auf der einen Seite die Wahrheit der zionistischen Negation als historische anzuerkennen und auf der anderen Seite immer wieder deren Unaushaltbarkeit in jedem Wortsinne zu betonen.

Die neuen Liberalen zeichnen sich […] für mich in erster Linie dadurch aus, daß sie genau diese Ambivalenz nicht auszuhalten in der Lage sind. Statt dessen verharren sie in regressiver Identifikation – Israel ist für viele von denen so was wie für andere früher Nicaragua, darin sind sie nach wie vor ganz blöd links […] Indifferenz und Begriffslosigkeit zeichnete ihre politische Haltung nun schon immer aus. Sie waren schon als Kommunisten keine sicheren Parteigänger Israels und sind es als Liberale noch weniger. [3]

In der Zeit vor dem von diesem Autor noch heute betrauerten Fall der Mauer (als wäre diese tatsächlich ein Schutzwall gegen die „globale faschistische Bedrohung“ gewesen und der arabisch-islamische Antisemitismus nicht gerade aus den Gebieten dahinter mit finanzieller, militärischer und ideologischer Munition ausgestattet worden) hätte es objektiv antikommunistisch und proimperialistisch geheißen, und ein realer und nicht imaginierter Genosse Politkommissar mit realer und nicht imaginierter Deutungsmacht hätte für die entsprechenden ernsthaften Konsequenzen gesorgt. Dem heutigen antideutschen Kommunisten bleiben nur mehr dialektische Nebelbomben und eine Einschüchterungsrhetorik, die allenfalls noch das sittlich ungefestigte Antifa-Fußvolk beeindruckt.

Man fragt sich, in was für einer Position der Autor sich eigentlich wähnt, daß er so eilfertig Haltungsnoten bezüglich korrekter Israelsolidarität verteilt, als ginge es darum, eifersüchtig den einmal errungenen ersten Platz zu verteidigen, und als hätten ausgerechnet Kommunisten zu dekretieren, was die „Voraussetzung jeder Israel-Solidarität“ zu sein hat. (Wir haben übrigens noch keinen Israeli getroffen, der diese Voraussetzungen erfüllen würde. Aber den antideutschen Kommunisten interessieren eben reale Israelis ungefähr so sehr wie einen typischen Unimarxisten die reale Arbeiterklasse.) Möglich, daß wir der Bahamas unrecht tun und die Meinung dieses Autors nicht den Konsens der Bahamas-Redaktion widerspiegelt. Es mutet allerdings schon sehr befremdlich an, wenn im Kongreßaufruf den „Vertreter(n) jüdischer Organisationen“ vorgeworfen wird, sie antichambrierten beim Außenminister, um sich bei der Staatsmacht anzubiedern.

Mehrerlei Faschismus

Schon seit Jahren spielen die Antideutschen sich als die letzten Menschen auf, die die Singularität von Auschwitz wirklich ernst nähmen – obwohl sie doch offensichtlich keine Ahnung haben, wovon sie reden, wenn sie uns unseren Antikommunismus zum Vorwurf machen, während es doch vielmehr darum gehe, „eine globale faschistische Bedrohung abzuwenden“. Auch wir reden manchmal aus Gewohnheit von Faschismus, wenn eigentlich Nationalsozialismus oder Islamismus das Thema sind. Wir wissen, daß es ungenau ist. Wer aber auf der unbedingten Unterscheidung von Kommunismus und Faschismus besteht, der blamiert sich, wenn er im selben Satz Faschismus, Nationalsozialismus und Islamismus in einen Topf wirft. Kann denen nicht mal einer erklären, daß der Nationalsozialismus mit dem Stalinismus mehr Gemeinsamkeiten als mit dem italienischen Faschismus hat; daß ein Mao einem Mussolini, ein Lenin einem Franco an Grausamkeit gleichkommt und ihn bezüglich der Opferzahlen weit übertrifft und daß ein Ché einem Pinochet durchaus das Wasser reichen kann? Wenn schon unterscheiden, dann richtig. Die heutige Bedrohung ist sicher keine traditionell faschistische. In Israel bombt nicht nur die Hamas, sondern auch die marxistisch-antiimperialistische PFLP. Und ein Saddam Hussein hatte neben der rassistisch-völkischen Variante des nationalen Sozialismus die DDR und Ceauşescus Rumänien als Vorbilder. Das aber will jeder Linke immer wieder hören: Kommunismus und Faschismus sind nicht nur völlig unvergleichbar, sondern sie sind natürlich auch die größten Gegensätze, als hätte zwischen beiden nicht höchste Einigkeit in der Ablehnung der liberalen Demokratie bestanden, die auch die Bahamas über kurz oder lang abschaffen will. Oder haben wir da etwas falsch verstanden?

Last Exit Marcuse

Eine Zeitlang schien es so, als würde die Bahamas erfreulich undogmatisch und öffnete sich der Diskussion mit einer demokratischen Öffentlichkeit. Das war ihre beste Zeit. Sie zitierten voller Zustimmung aus Texten und Reden so unterschiedlicher Autoren wie Paul Berman, Paul Wolfowitz, Jeffrey Gedmin, Buruma/Margalit, Ayaan Hirsi Ali und haben sich an deren fehlender kommunistischer Utopie nicht im geringsten gestört. Jahrelang haben sie zu ihren antideutschen Konferenzen – am Kneipentisch herablassend so genannte – Bürger eingeladen, also astreine Demokraten, die jedem kommunistischen Gedanken abhold sind, und diese sind ihren Einladungen auch gefolgt – etwa Benny Morris, Beate Klarsfeld, Hannes Stein, Eldad Beck, Michel Lang, Jeremiah Riemer und andere. Hätten sie das wohl auch getan, wenn sie gewußt hätten, daß sie von ihren Gastgebern insgeheim für „keine sicheren Parteigänger Israels“ gehalten werden, die sich eine Welt ohne Antisemitismus nicht vorstellen *wollen*, und mit ihrem Antikommunismus eigentlich schon Vorbereiter der „globalen faschistischen Bedrohung“ sind? Zumindest müßte die Bahamas erklären, warum diese Vorwürfe auf diese Leute nicht zutreffen, wohl aber auf jene, die deren Argumente schließlich überzeugender fanden als das, was so in der Bahamas steht.

Nachdem diese Intellektuellen so herzlich umworben wurden, ist nun auf einmal, da die Gegenliebe ausblieb, alles was sie schreiben „banal“ und ideologisch. Uns nervt gehörig die Arroganz, mit der man mit Liberalen zwar Bündnisse zu schließen und auch durchaus zuzugestehen bereit ist, daß sie gelegentlich einmal etwas Kluges schreiben, sie insgeheim aber doch für dumm und/oder korrupt zu halten, weil sie die „unhintergehbare Einsicht von Horkheimer, Adorno, Marcuse, Löwenthal und allen, die für die ‚Kritische Theorie’ stehen, daß der Liberalismus sich selbst sein ärgster Feind ist, daß seine emanzipativen Seiten von innen her bedroht sind und daß das, was ihn vermeintlich ‚von außen’ bedroht, im Sinne nicht eines Kausal- sondern eines Konstitutionszusammenhangs sein eigenes Produkt ist“, nicht teilen.

Ausgesprochen fremd und vermodert mutet uns mittlerweile eine (übrigens sehr deutsche) philosophische Tradition an, die ihre Erkenntnisse als „unhintergehbar“ ausgibt und sie damit von vornherein der kritische Prüfung zu entziehen sucht. Sie wollen sich nicht vorstellen, daß jemand die „unhintergehbare(n) Einsicht(en)“ der kritischen Theorie nicht etwa nicht verstanden [4] oder „verleugne(t)“, sondern sie gelesen und geprüft hat und zu anderen Schlußfolgerungen gelangt ist. Das Gerede von der negativen Dialektik des Liberalismus ist damit um nichts aufklärerischer als das Geraune poststrukturalistischer Mandarine über Dispositive der Macht, Essentialismen und Sowiesozentrismen. Man möchte der Bahamas wirklich gerne die von Jean Améry schon 1967 den negativen Dialektikern vorgeschlagene „Banalitätskur“ anraten.

Die Denkfigur von der negativen Dialektik des Liberalismus – dieser schlage mit Notwendigkeit in Barbarei um – klingt nicht nur wie die Dimitroff-These für Reiche, sondern führt zu offenkundigen intellektuellen Verrenkungen: Wenn der liberale Kapitalismus mit historischer Notwendigkeit in den Totalitarismus umschlägt, falls Kommunisten ihm nicht noch in den Arm fallen, dann werden die USA und Großbritannien auf einmal zu „zurückgebliebenen Gemeinwesen“, weil in ihnen die Entwicklung hin zum Faschismus noch nicht so weit fortgeschritten ist wie in Kerneuropa. „Inhaltlich zu argumentieren hat hier wenig Sinn. Denn alles Ausgesagte ist weder Erschlossenen noch Exemplifiziertes, bleibt vielmehr im Bereich der rein spekulativen Behauptung.“ (Jean Améry: Jargon der Dialektik)

Links um!

Eine inhaltliche Auseinandersetzung mit unseren Positionen findet überhaupt nicht statt. Wer der Ansicht ist, eine begründete Gesellschaftskritik nicht formulieren zu können, ohne sich die Banner „antideutsch“ und „kommunistisch“ anzuheften, möge uns doch bitte nicht mit formalen Spitzfindigkeiten kommen, wie der, daß jeder -ismus verkehrt ist (außer natürlich dem „recht verstandenen“ Kommunismus [5]). Es gebe, zumal in Deutschland, fiese Liberale; da in Deutschland der authentische Liberalismus keine Tradition hat, soll man noch stoßen, was ohnehin auf schwachen Beinen steht. (Als gäben wir uns irgendwelchen Illusionen über den Zustand des politisch organisierten Liberalismus hin.) Und vor allem: man weiß hinterher, daß die Abweichler „nun schon immer“ politisch unzuverlässig waren.

Hermann L. Gremliza hat in Konkret schon vor Jahren Detlef zum Winkel und Matthias Küntzel vorgeworfen, diese benutzten die Kritik am linken Antisemitismus als „ethisch erstklassige Begründung“ [6] für den Abschied von der Linken, (der in Wirklichkeit natürlich aus Karrieregründen vollzogen ward). Gremliza verriet nicht – da der Grund nach eigenem Dafürhalten doch einwandfrei war –, welchen Einwand er denn dann noch hatte. Auch die Bahamas kann nicht so recht sagen, welchem Einwand die Hinwendung zum Liberalismus denn nicht standhielte. Auf unserer Homepage finden sich mittlerweile genügend Hinweise auf seriöse Studien, die die linke These „Kapitalismus schafft Elend“ ziemlich alt aussehen lassen.[7] Bleiben noch das marode englische Gesundheitssystem und inhumane Tendenzen des amerikanischen Strafrechts. Da wir uns zu letzterem bisher noch nicht geäußert, geschweige denn es schöngeredet haben, stellt sich schon die Frage, warum die Bahamas das jetzt uns aufs Brot schmiert. Hätte vor zwei Jahren ein Artikel über amerikanische „Three Strikes – You’re Out“-Gesetze in der Jungle World gestanden, hätte sich die Bahamas – vielleicht nicht zu unrecht – über die finsteren Motive solcher USA-Kritik zu diesem Zeitpunkt ereifert. Jetzt reden sie selbst daher wie nur irgendein ATTACie. So entsteht der Eindruck, in der Bahamas-Redaktion herrsche seit dem Auftreten der liberalen Renegaten Erleichterung darüber, jeden Schwarzen Peter, der ihnen in den letzten Jahren von der Linken zugeschoben wurde, endlich einmal weiterreichen zu können: die Vorwürfe des Zynismus, der Anbiederung an die USA als Ersatzvaterland, der Versöhnung mit Deutschland, der Identitätspolitik, des instrumentellen Verhältnisses zu Israel, des Willens zum „Mitmachen“ usf.

Auf Einwände wird mit Diskurshopping reagiert: Geht man auf die Punkte dieses Textes, die nichts mit Israel zu tun haben, ein, kommt der Vorwurf, man rede gar nicht von Israel und vom drohenden globalen Faschismus, worum es aber gehen müsse. Sorry, im Text war die Rede von den Zahnlücken englischer Mindestlohnempfänger, und wer sich dazu äußert, redet in dem Moment natürlich genausowenig von Israel wie die Bahamas, die dieses Faß aufgemacht hat.

Vollmundig wurde einst verkündet „Es geht um Israel“, und heute geht es der Bahamas vor allem um die Schärfung des eigenen linken Profils gegen die liberale Versuchung – offenbar die süßeste, seit es die Bahamas gibt. Diese Linkswende ist so deutlich, daß noch der dämlichste pc-Linke in seiner X-berger Volxküche sie mitbekommt. Einer dieser linken Spleens ist die Denunziation von Realpolitik als „Wille zum Mitmachen“. Ausschlaggebend ist nicht mehr, was jemand gegen Antisemitismus konkret unternimmt, sondern ob er bereit ist, an der Utopie einer perfekten Welt (in der es dann auch keinen Antisemitismus mehr gibt) festzuhalten. Noch jeder realsozialistische Parteifunktionär hätte zu wissen geglaubt, daß nur der Kommunismus den Antisemitismus aus der Welt schaffen könne – und gleichzeitig munter an antizionistischen Traktaten weitergeschrieben.

Wenn es ihnen wirklich um Israel ginge, wäre der seit Ewigkeiten angekündigte endgültige Bruch mit einer Linken, der die Bahamas immer noch angehört und aus der sich ihr Publikum fast ausschließlich rekrutiert, angebrachter als das Abarbeiten an Liberalen, die noch am ehesten unverdächtig sind, mit der antiwestlichen Barbarei zu paktieren. Daß auch sie sich in einer krassen Minderheitenposition befinden, wissen auch wir und unsere „neue[n] Freunde“ nur zu gut.

Nimm mir meine Utopie nicht weg!

Die eigentliche Bruchlinie zwischen der Bahamas und uns ist jedoch das Verhältnis zur Utopie. Dem Horkheimerschen Satz Die sogenannte freie Welt an ihrem eigenen Begriff zu messen, kritisch zu ihr sich zu verhalten und dennoch zu ihren Ideen zu stehen, sie gegen Faschismus Hitlerscher, Stalinscher oder anderer Varianz zu verteidigen, ist Recht und Pflicht jedes Denkenden. Trotz dem verhängnisvollen Potential, trotz allem Unrecht im Inneren wie im Äußeren, bildet sie im Augenblick noch eine Insel, räumlich und zeitlich, deren Ende im Ozean der Gewaltherrschaft auch das Ende der Kultur bezeichnen würde, der die kritische Theorie noch zugehört kann heute nur gerecht werden, wer von der Utopie endgültig abstand nimmt. Jeder utopischen Forderung, die das Bestehende, das Falsche Ganze, das Gesellschaftliche Unwahre oder wie man’s nennt, vollständig transzendieren will, möchte irgendwann auch zur Tat schreiten – und dann wird eben jene Barbarei exekutiert, die der Bahamas zufolge dem Liberalismus selbst entspringt. (Eine These, die wie geradewegs aus Schriften der „konservativen Revolution“ der zwanziger Jahre abgemalt wirkt.)

Nationalsozialismus, Stalinismus und Islamismus sind keine legitimen Kinder des Liberalismus, sondern Folgen der utopischen Sehnsucht nach Transzendenz. Die Bahamas hat die immer wiederholte Behauptung, daß der Liberalismus in Antiliberalismus umschlägt, nie und nirgends ausgeführt. Statt dessen nutzt sie die suggestive Kraft eines semantischen Tricks. Der Liberalismus ist in einem sehr banalen Sinne und nur in diesem Sinne selbstverständlich die Voraussetzung des Antiliberalismus: Man kann nichts hassen, was es nicht gibt. Ohne Amerikanische Revolution kein Antiamerikanismus. Ohne Kommunismus kein Antikommunismus. Ohne das neuzeitliche Individuum keine antiindividualistischen Ideologien (sondern vorindividuelle Kollektive). Jede andere Form der Kausalerklärung ist falsch. Und diese in jeder Stellungnahme der letzten Jahre auftauchende Figur ist nichts weiter als eine besonders ausgeklügelte Form des Antiliberalismus. Wir fragen uns, warum dies nicht wenigstens offen eingestanden wird. Wer davon überzeugt ist, daß der Westen Faschismus, Nationalsozialismus und Islamismus („im Sinne nicht eines Kausal- sondern eines Konstitutionszusammenhangs“, was immer das heißen mag) hervorbringt, der sollte dann auch ein konsequenter und ehrlicher Feind des Westens sein. Wir jedenfalls unterstützen zwar des öfteren Dinge, die sicher auch Schattenseiten haben, aber ganz sicher nichts, von dem wir glauben, daß es irgendwie in Antisemitismus umschlägt, ihn fördert, hervortreibt, ermöglicht oder konstituiert.

Die Bahamas, und die antideutsche Linke insgesamt, hat wahrhaftig genügend Leichen im Keller, so daß die Aufarbeitung der eigenen Geschichte allemal gebotener scheint, als alten und neuen Liberalen ihre Defizite aufzuzeigen: etwa der offen eingestandene Antidemokratismus; die Apologie so netter Herren wie Milosevic oder Mugabe [8]; der antiwestliche Radikalpazifismus im Falle Ruandas [9] oder Osttimors; die Wissenschaftsfeindlichkeit ihrer philosophischen Ergüsse [10]; nicht zuletzt die Verharmlosung des stalinistischen Terrors [11], nicht nur aus Furcht, andernfalls den Ernst Noltes in die Hände zu spielen, sondern durchaus aus Überzeugung. Dazu zählt auch die Unsitte, alles außerhalb des antideutschen Schrebergartens als Ideologie zu deklarieren. Es gäbe also genügend Anlässe, die radikale Kritik an der Linken, die die Bahamas geleistet hat (was ihr bleibendes Verdienst ist), nicht ausgerechnet vor der eigenen Haustür enden zu lassen, sondern sie zu ihrem logischen Ende weiterzuführen, auch wenn es wehtut und einen nicht geringen Teil der eigenen Lebensleistung infragestellt. Das aber geschieht nicht, stattdessen kommt nur die linke Biertischweisheit, daß Liberale kleine Kinder fressen. Das ist das letzte Wort der angeblich so prowestlichen Antideutschen? Na dann …

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[1] Mit einer relativ klugen Kritik kam uns die Gruppe Smartline zuvor: http://www.smartline-fanzine.de/affirmativeturnrevisited.htm. Etwa: „Wenn die Bahamas nun etwa die Zahnlücken englischer MindestlohnempfängerInnen und den repressiven Charakter des US-amerikanischen Justizsystems als Argumente anführt, beeindruckt uns das wenig. Zwar vertreten wir in der Tat die These, dass der Liberalismus in diesen beiden Ländern so verwurzelt und ausgeprägt ist, wie nirgends sonst, doch hat niemand behauptet, in diesen Ländern läge nichts im Argen. Was uns vom Kommunismus der Antideutschen scheidet, ist, dass wir nicht daran glauben, dass es eine Zeit ohne Missstände geben wird, dass wir existierende Missstände nicht als Argument zur Abschaffung aller bestehenden Verhältnisse herbeiziehen. Stattdessen genügen wir uns damit, die Probleme als solche anzugehen, die „falsche Totalität“ lassen wir dabei in Ruhe, weil wir nicht an eine solche glauben.“
[2] Wir hatten zunächst Bedenken, ob wir diese Zitate veröffentlichen sollen. Eine Mailingliste ist aber keine private Korrespondenz, und dieser Text wurde daher von vielen Leuten gelesen. Und da wir aus dem Verteiler geworfen wurden, können wir nur unser eigenes Medium für eine Gegendarstellung nutzen.
[3] Sinngemäß, wenn auch etwas vornehmer formuliert, sagt Gerhard Scheit in der neuen Bahamas (Nr. 48) das gleiche. Scheits Versuch, Jean Améry der liberalen Lesart zu entwinden, ist übrigens eine glanzvolle Demonstration der Kunst, mittels dialektischem Jargon aus der Wirklichkeit genau das herauszumelken, was man vorher in sie hineingedacht hat. Bedauerlich, daß Améry sich seinen posthumen Herausgeber nicht aussuchen konnte.
[4] „Wie in der Theologie ließen sich unendlich viele Worte über den Mystizismus des Kapitals verlieren – allerdings sollte klar sein, worin derartige, wie Marx sich ausdrückt, ‚gallertenartige’ Bestimmungen des ‚produktiven Grundes’, von Adorno im übrigen das Nicht-Identische genannt, sich von jeder Seinsphilosophie unterscheidet“, schreibt Manfred Dahlmann in der Bahamas 47/2005. Wenn bei Adorno das Nichtidentische tatsächlich ein Name für den ‚produktiven Grund’, also den Wert, ist (bzw. für dessen ‚gallertenartige’ Bestimmungen, das ist von der Satzlogik her nicht so ganz klar), ja, dann haben wir den Adorno anscheinend wirklich nicht verstanden. Aber das mögen die Fachleute entscheiden.
[5] Die realen Ostblockstaaten abzulehnen, aber an einem reinen Begriff von Kommunismus festzuhalten, ist in der Geschichte der westdeutschen Linken auch nichts so wahnsinnig Neues und Avantgardistisches.
[6] KONKRET 10/97, S. 35
[7] Ohnehin ist eingestandenermaßen nicht die absolute Armut Motor der Bahamas’schen Gesellschaftskritik, sondern „die jämmerlichen Verhältnisse, unter denen die Menschen auch in der liberalsten bürgerlichen Republik ihr Dasein fristen müssen“. Dieser, nun ja, ästhetische Einwand hört sich an wie der Weltschmerz des Romantikers, dem man’s nicht recht machen kann – m.a.W.: der den Kanal nicht voll bekommt.
[8] Bahamas 32/2000
[9] Damals lehnte die Bahamas noch jede, aber wirkliche jede westliche Militärintervention ab.
[10] Etwa: „Ein kurzer Blick ins politische Tagesgeschäft reicht zudem aus zu erkennen, daß jedes empirische Datum logisch konsistent und mit je gleichem Recht für jede x-beliebige Parteinahme fruchtbar gemacht werden kann.“ (Bahamas 47/2005, S. 58-59), eine etwas anspruchsvollere Formulierung der Bauernregel „Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast.“ Permanent wird auf einen „Positivismus“ eingedroschen, den kein Mensch vertritt und in dieser Form auch nie vertreten hat.
[11] „Für den Hungertod des Kulakenkindes sind ebenso wie der sowjetische Staat auch dessen Eltern, die von der privaten Scholle und der bereicherungsträchtigen Verfügung über deren Früchte nicht lassen konnten, verantwortlich. Schließlich ging es damals um die Alternativen Privatbesitz oder Kollektivierung.“ (Bahamas 25/1998, S. 21)

§ 6 Antworten auf Flaschenpost returned to sender

  • Der Text von Dr. Gescheit in der neuen Bahamas beweist, dass es gar nicht dieser E-Mail bedurft hätte. Wer wissen will, was die Bahamas über uns denkt, der sollte sich das Ende von „Der neue Behemoth“ genauer anschauen. Der Text ist nicht nur unglaublich dumm, sondern ebenso unverschämt, wie die von Ingo besprochene Mail. Dort wird die derzeitige Menschheit in drei sauber getrennte Lager eingeteilt.

    Lager 1: Prowestliche Rätekommunisten (siehe auch: „die Eingeweihten“, „Philosophenkönige“, „intransigent verneinende Messianisten“ etc.): Bahamas, Adorno, Horkheimer und jetzt auch Hannah Arendt. Sie bekommen die Dahlmann-Tapferkeitsmedaille!
    Lager 2: Christlich-Konservative Amerikaner, Juden, Auschwitzüberlebende: Sie sind OK, obwohl sie das Geheimnnis des Wertes nicht geschaut haben. Denn sie sind die einzigen, die mit Lager 1 gegen den neuen Faschismus kämpfen. In einer absolut verzweifelten Weltlage finden sie allein in der Religion die Kraft, dem Ansturm der Antiwestler entgegenzutreten.
    Lager 3: Islamisten, Nationalsozialisten, Sozialdemokraten und vor allem: amerikanische und europäische Linksliberale und Atheisten, die nicht anders können als mit dem Faschismus im Bund zu sein.
    Scheit betont mehrmals, dass es sonst nichts mehr gibt.
    Wir sind schwer beeindruckt: Die Bahamas überholt uns rechts und links gleichzeitig. Wie gewitzt!
    Ich persönlich komme zwar als Christ und Amerikaner diesmal noch ungeschoren davon. Ich solidarisiere mich aber gerne mit meinen deutschen und atheistischen Mitstreitern. Sie haben es nicht verdient, von linksradikalen XXX, die den rechten Rand der Neokonservativen nur schätzen, weil man auch dort gegen linksliberale Atheisten, Zweifler, Relativisten und Weicheier hetzt, als unfreiwillige Helfer des islamischen Terrors gebrandmarkt zu werden.
    (Es ist Schade: der Artikel von Justus Wertmüller im gleichen Heft ist zwar ziemlich blödsinnig, aber freundlich, fair, diskutabel. Er fordert sogar endlich die Solidarität mit Taiwan. Dass er aber diesen Text von Scheit ins Heft genommen hat, nehm ich ihm übel.)

  • Ella sagt:

    „keine sicheren Parteigänger Israels“ gehalten werden, die sich eine Welt ohne Antisemitismus nicht vorstellen *wollen*

    Warum, um drei Teufels Willen, sollen wir uns die Welt so vorstellen, wie sie NICHT ist? Und den Kommunismus wieder so, wie er nicht ist und nie gewesen ist? Ein gewisser Herr Engels hat einmal geschrieben, daß nur die Praxis Kriterium der Wahrheit sein soll. Oder?..

  • Ingo Way sagt:

    Och, der Artikel von Justus ist doch ziemlich gut. Er spricht genau das Problem an, um das es geht, nämlich den westlichen Selbsthaß:

    Es scheint aber der Süden als das erfolgsversprechendere Modell die Schlacht um die Zukunft des Irak zu gewinnen. Nicht weil er an Waffen oder Ideen den USA überlegen wäre, sondern weil seine zur Überwindung von Freiheit und democracy drängenden Meinungsführer und Machthaber ihre Dependancen im linken Hollywood genauso haben wie in der täglichen radikalen Zeitung und weil beider Multilateralismus zusammengenommen eine axis of weasels ergibt, die in der UN und der EU und allmählich wohl auch im Hause Springer die Meinungsführerschaft für sich beanspruchen darf. […] Daß der Weg der Menschen, der im Irak derzeit von den verbündeten Armeen begangen wird, zunehmend auch von den Befürwortern des Krieges für aussichtslos gehalten wird, hat seinen Grund nicht im arabischen oder islamischen Wesen und auch nicht in der scheinbaren Unbesiegbarkeit der Terrorbanden. Stünden zusätzlich zu den Truppen der Koalition der Willigen weitere 300.000 Soldaten, Techniker und Fachleute aus Europa im Irak, und stünde den Islamisten weltweit anstelle des interessierten Mißverständnisses europäischen Appeasements und kulturrelativistischer Doktrin eine geschlossene antifaschistische Front entgegen, wäre binnen kurzer Zeit Schluß mit sunnitischem Terror und schiitischem Klerikalfaschismus im Irak, hätte der Iran längst sein Atomprogramm aufgegeben und Syrien seine Grenzen zum Irak fest geschlossen.

    Wie dieser bedrohlichen Situation abgeholfen werden soll, weiß er allerdings genausowenig wie wir.

  • Patentizität sagt:

    Sorry, aber du hast eine der schwächsten Passagen zitiert. Was Wertmüller hier schreibt, ist
    eine Kombination aus naivem Voluntarismus und kühnen Schuldzuweisungen:

    I. Die Demokratisierung des Irak wurde/wird nicht genug gewollt.

    II. Schuld an der Misere ist dementsprechend der westliche Gesamtunwillige.

    (Und nicht etwa auch kontraproduktiver Zweckoptimismus bzw. vermeidbare Fehler bei der
    Planung und Durchführung des Unternehmens. So lassen sich dann die vielfältigen Probleme im
    Irak auf westlichen Personalmangel reduzieren.)

    Insofern entpuppt sich Wertmüller hier kaum als etwas Anderes als ein inverser Friedensheuli, Sorte veritabler Gutmensch (kein JW-Leser):

    1. Der Frieden im Irak (und damit auch eine Entwicklung hin zur Demokratie) wurde/wird nicht genug gewollt.

    2. Schuld daran ist dementsprechend der westliche Gesamtunwillige, vorzugsweise bestehend
    aus „die da oben“ in Politik, Wirtschaft oder aber auch Medien, die den Frieden nicht erhalten und damit Demokratisierung von vornherein blockieren.

    (Sämtliche Manifestationen des sogenannten irakischen Widerstands interessieren dann
    allenfalls insoweit, als die Regierung Bush am Anfang der Kausalkette dieses Irak-Kriegs
    steht. Wertmüller interessieren sie nur insoweit, als sie ja nur da sind, weil Alteuropa
    nicht im Irak ist.)

    Und auch darauf, dass obsessive westliche Amerikahasser wie Phillip Mausshardt oder selbstdie Jungs von 10-Euro-für-den-irakischen-Widerstand (im Umfeld jeder deutschen Hardcore-Moschee dürfte jedenfalls das 10-fache an Spenden eingetrieben werden), wie widerwärtig sie auch sein mögen, realiter nichts zur prekären Lage der Koalition im Irak beigetragen haben, kommt Wertmüller anscheinend nicht.

    Für ihn zählt letztlich allein der Unwille des falschen westlichen Bewusstseins, der der
    willigen Koalition qua nachwirkender Abwesenheit den Dolchstoß versetzt hat.

  • Lysis sagt:

    Der Heidegger des Werts nobilitiert die christliche Rechte

    Dass Gerhard Scheit einen ordentlichen Lattenschuss hat, wusste ich schon lange. In der neuen BAHAMAS toppt er mit seinem Plädoyer für eine Rechristianisierung des Westens jedoch alles bisher Dagewesene. Die Religion sei einfach die bessere Wahl als…

  • Partisan* sagt:

    @ Lysis

    Wer den Lattenschuß hat, du oder Scheit, dass lass mal bitte andere entscheiden. Sonst wäre es ja bald usus, dass der Patient die Diagnose macht und nicht der Doktor! Peeeeee*

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