Gleichbehandlung

25. Oktober 2005 § 2 Kommentare

Hamburger Abendblatt, 22. Oktober 2005:

Frauengefängnis ohne Mauern und Gitter

Keine Mauern, keine Gitter, kein Stacheldraht. Von außen sieht das einstöckige Gebäude aus wie ein ganz normaler Klinkerbau in Glasmoor (Norderstedt). Und doch ziehen am Montag elf Frauen nicht ganz freiwillig ein. Das Haus ist Hamburgs erstes Frauengefängnis nur für den offenen Vollzug. 46 Einzelhaftplätze bietet die neue Einrichtung, davon 27 in der offenen Abteilung. Für die anderen 19 Plätze gibt es eine intensive sozialtherapeutische Betreuung.

Zwei Hafträume sind als sogenannte Mutter-Kind-Zellen hergerichtet. Sie sind mit Kinderbettchen, Spielzeug und Kuscheltieren ausgestattet, die Wände in hellem gelb gestrichen. Inhaftierte Mütter müssen daher nicht von ihren Kindern getrennt werden. Justizsenator Roger Kusch (CDU) stellte das Frauenhaus als einen „weiteren Baustein unseres Konzepts für einen modernen und leistungsfähigen Strafvollzug in Hamburg“ vor. „Für die Renovierung des Hauses haben wir nur 150 000 Euro ausgegeben. Das liegt daran, daß die Mitarbeiter der Anstaltsbetriebe mit Hand angelegt haben“, sagt Wolfgang Schuchardt, Leiter der Haftanstalt Glasmoor.

In Hamburg gibt es mit den neuen Zellen nun insgesamt 205 Gefängnisplätze für Frauen. Die überbelegte Haftanstalt Hahnöfersand wird durch das neue Frauengefängnis Glasmoor entlastet. Auch waren offener und geschlossener Vollzug in Hahnöfersand nicht getrennt, was nach Meinung von Justizsenator Kusch keine ideale Lösung gewesen sei. In Glasmoor dürfen sich die Frauen tagsüber auf dem Gelände frei bewegen und arbeiten, etwa im Garten, der Küche oder der Reinigung. Wer eine Stelle in der Stadt hat, darf hierfür das Gefängnis verlassen. Sozialarbeiter helfen den Frauen, sich auf das Leben außerhalb der Haftanstalt vorzubereiten. Nur nachts werden die Frauen eingeschlossen. Bis Mai saßen in den Einzelzellen, die nun weibliche Gefangene beziehen, Männer ihre Haftstrafen ab. Die sind nun in einem Nebenhaus in Schlafsälen mit bis zu sechs Betten untergebracht.

Die männlichen Häftlinge wissen das Privileg, den Vertreterinnen des (dann auf einmal doch wieder) schwachen Geschlechts den Platz überlassen zu dürfen, bestimmt zu schätzen, schließlich ist man Gentleman, wer wird da murren, und wir wollen es mit der Gleichberechtigung ja auch mal nicht übertreiben, nicht wahr, hihi. Ein eklatanter Mangel des neuen Frauengefängnisses ist mir aber aufgefallen: Wo bleibt die Cocktailbar, in der die Häftlinginnen allabendlich alte „Sex and the City“-Folgen auf Großbildleinwand gucken können? Die männlichen Strafgefangenen könnten dort ja kellnern, da es ihnen in ihren Sechserbaracken sicher langweilig wird. Aber ob die auch einen gescheiten Caipirinha mixen können?

§ 2 Antworten auf Gleichbehandlung

  • Hypatia sagt:

    Sind die Männer auch im offenen Vollzug und sollen sich auf ein Leben nach der Haft vorbereiten? Haben sie vielleicht auch Kinder zu versorgen? Oder sind sie vielleicht Schwerverbrecher, die eine lebenslange Haft absitzen? Wieviele komfortable Männergefängnisplätze gibt es und wieviele komfortable Frauengefängnisplätze? Wie ist das Verhältnis gefangener Frauen zu gefangenen Männern, wenn möglich aufgeschlüsselt nach Schwere des Verbrechens und Länge der Haftstrafe. Fragen über Fragen, die der Text nicht beantwortet.
    Bevor man sich über mangelnde Gleichberechtigung beschwert, sollte man sich genauer informieren, man kann sich nämlich eine gefühlte Ungleichbehandlung auch einreden. Der gezeigte Text macht dazu zu wenig Aussagen.

  • Ingo Way sagt:

    Für vergleichbare Vergehen werden Männer nachweislich härter bestraft als Frauen. Eine Studie aus den USA:

    http://www.ojp.usdoj.gov/bjs/pub/ascii/spmurex.txt

    Hierzulande ist es sicherlich nicht diametral anders. Ich werde dazu mal recherchieren.😉

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