Religion ist eine Bücherbürste

28. November 2005 § Ein Kommentar

Weiß gar nicht, was die Leute immer gegen den Eckhard Fuhr haben. Seine gestrige Kolumne in der Mottenpest war jedenfalls fast so lustig wie Max Goldt etwa um 1997 herum:

Diese Woche war ich auf der Suche nach der Bürgerlichkeit. Ich fand sie im Monatsbrief von Manufactum. Dort wird die Bürgerlichkeit in Form einer Bücherbürste aus Schweineborsten und Ziegenhaar für 16 Euro angeboten. Mit den kräftigen Schweineborsten löst man den Staub von den Büchern, mit dem Ziegenhaar nimmt man ihn auf. Ein Bürger ist ein Mensch, der seine Bücher bürstet. Joachim Fest und Wolf Jobst Siedler besitzen sicherlich eine solche Bücherbürste. Allerdings keine von Manufactum. Die Kundschaft dieses Versandhauses des Guten und Bewährten muß man sich als durchaus postbürgerlich vorstellen. Es sind die Laptop-Nomaden unserer Tage, die sich bei Manufactum Bleistifte aus echtem Zedernholz oder eben Bücherbürsten bestellen.

Fest und Siedler haben die Bücherbürsten ihrer Urgroßväter noch in Gebrauch. Wahrscheinlich sind die Borsten handgezupft. Ich kann es mir nicht anders denken. Die beiden treiben auf ihren Traditionsschollen einsam im Meer der globalen Beliebig- und Vergeßlichkeit. Manchmal treffen sie sich zu melancholieumwölktem Gedankenaustausch. Der umtriebige Schweizer Frank A. Meyer hat aus einer solchen Begegnung der beiden deutschen Bürger ein lesenswertes Buch gemacht. Sein Titel ist zwangsläufig „Der lange Abschied vom Bürgertum“.

Soll ich mir eine Bücherbürste zulegen? Eine Abbürstung hätten meine Bücher schon nötig. Eine solche widerfährt ihnen allenfalls aus Anlaß eines Umzuges. Da ich aber zur Seßhaftigkeit neige, geschieht das viel zu selten. Und außerdem fehlt mir bislang das richtige Werkzeug. Es ist schäbig, mit billigen Synthetik-Bürsten edle Dünndruckausgaben zu traktieren, von denen ich immerhin einige besitze. Mit Schweineborsten und Ziegenhaar ließe sich dagegen ein respektvoller Umgang mit den Klassikern pflegen. Außerdem verweisen die natürlichen Materialien auf den bäuerlich-handwerklichen Urgrund der Bürgerlichkeit.

In der jungen urbanen Mittelschicht ist die Sehnsucht danach durchaus zu spüren. Man ist dort zwar vernetzt, aber nicht geerdet. Selbst die reifere Pop-Jugend kräht „Ich bin ein Bürger“ und ruft zum FDP-Wählen auf, woraus allerdings zu schließen ist, daß die Neubürger noch nicht ganz durchgereift sind. Insgesamt jedoch wächst die Nachfrage nach Schrebergärten, Großmütter-Kochbüchern und handbetriebenen Haushaltsgeräten. Auch Kircheneintritte soll es hin und wieder geben. Überhaupt die Religion. Die große Koalition scheint ja die Heimkehr ins christliche Abendland auf ihre Fahnen geschrieben zu haben.

Das neue Heft von „Literaturen“ fragt: „Wie gewaltig ist der Glaube?“. Hier kann man ein hochinteressantes Gespräch nachlesen, das Gesine Schwan, Rüdiger Safranski und Gustav Seibt über die Gretchenfrage geführt haben. Seibt vertritt die These, daß die Religion auf der Suche nach der Bürgerlichkeit so etwas Ähnliches wie die Bücherbürste sei. Die Kenntnis der Tradition und der Umgang mit ihr brächten einen ästhetischen Gewinn. Vor dem Glauben kommt der Stil. Dann wäre also alles doch wieder nur Pop-Oberfläche? Man kann überhaupt nicht mehr authentisch sein. Das ist Mist. Ich mache noch einen Versuch und bastle mir selbst eine Bücherbürste. Und zwar aus Wildschweinborsten und Hirschhaaren. Wenn das schiefgeht, bin ich eben nicht authentisch. Ich bin schon mit ganz anderen Lebenslagen fertig geworden.

§ Eine Antwort auf Religion ist eine Bücherbürste

  • Alrik sagt:

    Geht das nicht schon in die selbe Richtung ?

    http://www.taz.de/pt/.etc/nf/abo/praemien

    Das Parmesan-Set
    Käsemühle von cilio aus Edelstahl 18/10 matt, Kurbel aus Edelstahl, Reibe aus rostfreiem Edelstahl, Masse: 90 x 100 mm, spülmaschinengeignet. Für alle, die zur Pasta auf frisch geriebenen Parmesan- oder Peccorinokäse nicht verzichten möchten, ist diese praktische Käsereibe aus Edelstahl gemacht. Mit dieser Reibe können Sie auch kleinere Käsestücke ohne Gefahr für die Finger reiben. Dazu gibt’s natürlich ein Stück Bio-Parmesan aus Italien, Gewicht ca. 300g.

    Alrik, der Parmesan mit einer 60 Jahren alten Haselnußreibe zerkleinert (geht mehr durch…)

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