Vive la République!

5. Dezember 2005 § 3 Kommentare

Es geht also doch: ein Fehlurteil ein Fehlurteil und einen Justizskandal einen Justizskandal zu nennen, wenn jemand offenkundig zu Unrecht des sexuellen Mißbrauchs an Kindern angeklagt wurde und mehrere Jahre in Untersuchungshaft sitzen mußte. Allerdings anscheinend nur in Frankreich. Die Angeklagten entsprechender Prozesse in Deutschland – im Wormser Prozeß und im sogenannten Montessori-Prozeß – wurden zwar alle wegen erwiesener Unschuld freigesprochen, und es wurde offenbar, daß die Anklage allein auf Wahnvorstellungen und Verschwörungstheorien beruhte – dennoch blieb an den Angeklagten die soziale Stigmatisierung haften, viele sind bis heute von ihren Kindern getrennt und diese von ihren Eltern, die Gerichtsgutachter sind weiterhin in Amt und Würden und die Mitarbeiterinnen fragwürdiger „Kinderschutzorganisationen“ arbeiten weiter wie gehabt. Eine Entschuldigung oder Wiedergutmachung hat es nicht gegeben. (Dazu ein erschütternder Bericht von Gisela Friedrichsen aus dem SPIEGEL.)
Über das französische Beispiel, daß es auch anders geht, schreibt die Berliner Zeitung:

PARIS. Von Franck Lavier hatten die Franzosen ein klares Bild. Im Kinderschänder-Prozess von Outreau hatten Staatsanwaltschaft, Zeugen und Sachverständige ihn als verschlossen und brutal beschrieben, die Medien berichteten jedes Detail aus dem Gerichtssaal, im Juli vergangenen Jahres wurde der junge Mann verurteilt – zusammen mit neun anderen Angeklagten, von denen vier geständig waren. Am Donnerstagabend aber endete das Berufungsverfahren, das der 27-Jährige und fünf weitere Verurteilte angestrengt hatten, und seither haben viele bei ihm Abbitte zu leisten. Denn das Urteil lautete Freispruch für alle sechs. Generalstaatsanwalt Yves Bot bat bei den zu Unrecht Beschuldigten ausdrücklich um Entschuldigung. Was bislang als einer der größten Kinderschänderskandale der französischen Justizgeschichte gehandelt wurde, entpuppt sich nun als Justizskandal, als „Justizkatastrophe“, wie Frankreichs Justizminister Pascal Clement formuliert.

Nein, er könne nicht verzeihen, was ihm angetan worden sei, sagte Lavier nach dem Freispruch. Es werde schwer werden, den Kindern in die Augen zu schauen, die ihm weggenommen wurden, und dann allmählich so etwas wie ein normales Familienleben aufzubauen. Wie es dazu kommen konnte, dass sechs Unschuldige bis zu drei Jahre lang in U-Haft gesessen haben, soll nun ein Untersuchungsverfahren aufklären. Angeklagte werden zu Anklägern.

Und wieder gibt es Dutzende von Beschuldigten. Da ist der am Anfang seiner Laufbahn stehende Untersuchungsrichter Fabrice Burgaud, der den Fall seines Lebens vor sich zu haben glaubte, und von dem die Angeklagte Karine Duchochois sagte: „Burgaud kann nicht zuhören, er sucht Schuldige, nicht Unschuldige.“ Da sind die Fürsorgerinnen und Pädagogen, die für das Gericht aufbereiteten und beflissen ergänzten, was sie aus Kindermund vernommen hatten. Da ist der Psychologe Michel Emirzé, der 14 der als Kinderschänder Verdächtigten Charakterzüge attestierte, „wie sie bei zu sexuellem Missbrauch neigenden Menschen häufig anzutreffen“ seien.

Einer der Anwälte verglich das Gutachten mit einer Expertise, in der dem Besitzer einer Videokamera attestiert werde, dass er ein mit Vorliebe zur Herstellung von Kinderpornografie eingesetztes Gerät besitze. Der Sachverständige selbst räumte mittlerweile ein, er sei Dinge gefragt worden, die seinen Auftrag und seine Kompetenzen überschritten hätten.

Aber auch die Richter der ersten Instanz werden sich peinliche Fragen gefallen lassen müssen. Nach welchen Kriterien haben sie die sieben Angeklagten ausgewählt, die sie im Juli 2004 freisprachen? Eine Freispruchlotterie mit sieben Gewinnern sei im Gerichtssaal von Saint-Omer veranstaltet worden, hat der Strafverteidiger Hubert Delarue erklärt.

„Für die Rechtsprechung ist es nie zu spät zu zeigen, dass sie Recht spricht“, hat der Pariser Generalstaatsanwalt Bot gesagt. Zumindest in einem Fall stimmt das nicht. François Mourmans, der stets seine Unschuld beteuerte, nahm sich in der Untersuchungshaft das Leben.

(Dank an K.R. für den Hinweis.)

§ 3 Antworten auf Vive la République!

  • Thomas Liffert sagt:

    Und da spricht man von „aufgeklärten Zeiten – moderne tempes“…
    Das ist moderne Hexenjagd. Irgendetwas stimmt ganz und gar nicht in den bürgerlichen Gesellschaften, denn wo Hexenjagden möglich sind da ist prinzipiell alles möglich – Kaisersaschern lässt grüssen.

  • Barral sagt:

    Guter Standpunkt, gutes Thema; der Fundort des Textes der Gisela F. ist aber etwas dubios…

  • Ingo Way sagt:

    @Barral:

    Der Text ist aus dem SPIEGEL, dort aber nicht mehr online.

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