André Glucksmann: Hass

12. Dezember 2005 § 6 Kommentare

In der heutigen Ausgabe des Tagesspiegel erscheint meine Rezension des letzten Buches von André Glucksmann „Hass. Die Rückkehr einer elementaren Gewalt“:

Wer hasst, ist selbst dran schuld
André Glucksmann findet die Ursache des Hasses in jenen, die sich diesem elementaren Gefühl hingeben

Von Ingo Way

Für den französischen Philosophen André Glucksmann ist das Phänomen des Hasses, wie er sich im islamischen Terrorismus, aber auch in den Krawallen in Frankreich zeigte, keine bloße Metapher für sozial unerwünschtes Verhalten. Er lässt sich auch nicht mit soziologischen oder kulturellen Erklärungen bannen, sondern ist eine psychologische und anthropologische Tatsache, eine Grundeigenschaft der menschlichen Spezies, die im Prinzip jederzeit mobilisiert werden kann. In seinem jüngsten Buch „Hass. Die Rückkehr einer elementaren Gewalt“ führt er aus, dass der Grund für den Hass nicht beim Objekt des Hasses zu suchen ist, sondern im Hassenden selbst liegt. Der Hass speise sich aus Minderwertigkeitskomplexen und dem Gefühl, die Welt sei einem etwas schuldig geblieben.

Der Hass gehöre zwar zur conditio humana, dennoch verstehe er sich nicht von selbst: „Sich dem Bösen genüsslich zu überlassen, ist das Ergebnis einer systematischen Selbsterziehung.“ Anhand eines weiträumigen Exkurses in die Welt der griechischen Tragödie, insbesondere Senecas „Medea“, beschreibt Glucksmann die drei Stufen dieser Selbsterziehung zum Hass über Selbstmitleid (dolor), Ausbruch (furor) und Verbrechen (nefas). Um den Hass in sich gären zu lassen, inszeniere sich der Hassende zum Opfer und entwickele Verschwörungstheorien, die sein Leiden erklären sollen, als Vorwand, um „zurück“zuschlagen. Jeder Kneipenschläger betont schließlich seine Friedfertigkeit, solange ihn niemand aus Versehen schräg ansieht.

Glucksmann gehört zu Frankreichs antitotalitären Philosophen, die seinerzeit unter dem Schock von Solschenizyns „Archipel Gulag“ eine Abkehr von utopischen und apokalyptischen Heilslehren forderten. Selbst Sohn jüdischer Opfer des Naziregimes, bekämpfte Glucksmann (nach seiner maoistischen Phase) die Diktaturen des Ostblocks und solidarisierte sich mit den dortigen Dissidenten. Heute wendet er sich ebenso entschlossen gegen den „grünen Faschismus“, wie er den islamistischen Totalitarismus nennt, der den Hass auf den Westen am deutlichsten verkörpert.

Dieser Hass, so Glucksmann, ist nihilistisch – wenn Nihilismus bedeutet, die Existenz des Bösen nicht anzuerkennen. Fast bedrohlicher noch als der aktive Nihilismus der Terroristen ist für Glucksmann allerdings der passive Nihilismus, der heute in Europa verbreitet sei und demzufolge dort, wo Böses geschieht, doch im Grunde gute Absichten oder nachvollziehbare Motive im Hintergrund stünden und daher alles entschuldigt werden müsse. Der passive Nihilismus lasse das Böse geschehen, indem er es wegerklärt, wegkulturalisiert, wegsoziologisiert, wegpsychologisiert. Zugrunde liege dem eine Haltung der Infantilität: Man tut so, als lebe man in einer guten Welt, in der man unschuldiges Kind bleiben könne. Wenn es Probleme gibt, wird der Papa USA es schon richten – den man hinterher für seine Verfehlungen verflucht. Glucksmann gibt diese Haltung in einem Bonmot wieder: „Das einzig Böse, das es gibt, besteht darin, dass die Amerikaner an das Böse glauben.“

Glucksmann fragt sich, woher dieser westliche Selbsthass eigentlich rührt, der nicht erst mit Jean Genets Jubel über die Morde bei den Olympischen Spielen 1972 anfing und mit dem heutigen Verständnis für die Selbstmordattentäter der Hamas noch nicht zu Ende ist. Als mögliche Erklärung bietet er den Narzissmus der Amerikaner und Europäer an, der darin liege, sich selbst als die Quelle allen Übels in der Welt zu betrachten. Eine subtile Form des Eurozentrismus: Nichts geschieht ohne unser Zutun.

Eine weitaus beunruhigendere Erklärung lautet, dass der islamische Judenhass in der europäischen Öffentlichkeit – mal mehr, mal weniger insgeheim – geteilt wird. Europas heutiger Antisemitismus enthalte zwar noch Elemente des traditionellen, sei aber mittlerweile selbst eine Form des Selbsthasses. Zum einen erinnere Israel die Europäer (fälschlicherweise) an ihre koloniale Vergangenheit. Außerdem – und das ist für Glucksmann das Entscheidende – speise sich dieser sekundäre Antisemitismus nach Auschwitz daraus, dass die Juden die Welt daran erinnern, dass es so etwas wie ein „Weltgewissen“ nicht gibt: Die Menschheit hat Auschwitz geschehen lassen und lässt Ähnliches wieder geschehen, in Ruanda, im Sudan. „Die Juden nach 1945 stehen dafür, dass das Unmögliche möglich ist. Allein ihre Präsenz legt den Verdacht nahe, dass das Weltgewissen überhaupt nicht existiert.“

Dem Juden, dem Amerikaner, der Frau werde abverlangt, gottgleich gut sein. Wenn sie dagegen bloß menschlich sind, würden sie zum radikal Bösen erklärt und als solches gehasst. Als dritte Form des antiwestlichen Hasses, neben dem Antisemitismus und dem Antiamerikanismus, nennt Glucksmann den Hass auf das Weibliche. Die Frau verkörpere wie die Glitzerwelt des Westens das Versprechen von Glück, Lust und Freiheit und solle deswegen unsichtbar gemacht werden.

Der Philosoph Peter Bieri äußerte während einer Podiumsdiskussion mit Glucksmann in Berlin das gleichsam nominalistische Bedenken, von „dem Bösen“ und „dem Hass“ zu reden, verwandle diese Dinge sprachlich in metaphysische Entitäten, was ein rationales Verstehen verhindere. Glucksmann wies diese Deutung zurück. Unter „dem Hass“ wolle er keine platonische Idee oder aristotelische Substanz verstanden wissen, sondern ein Muster, dass sich durch die Geschichte ziehe, eine Strategie, die alle hassenden Individuen verfolgten. Sämtliche Erscheinungsformen des Hasses hätten etwas Gemeinsames wie der Unwille zu Verhandlungen und Kompromissen, eine Alles-oder-Nichts-Haltung (Medea will ihre Kinder entweder behalten oder sie töten, dazwischen gibt es nichts) und die Überzeugung, das eigene Leid, der eigene Schmerz sei der allergrößte und es brauche somit auf nichts und niemanden mehr Rücksicht genommen zu werden. Was den Hass auszeichne, sei außerdem die Unterordnung des rationalen Eigeninteresses unter die reine Freude an der Zerstörung, was extremem Selbsthass gleichkomme: Die randalierenden Jugendlichen in den Banlieues steckten ihre eigenen Autos, Schulen und Kindergärten in Brand.

Bieri beharrte demgegenüber auf seiner These, jeglicher Hass habe legitime Gründe wie Armut oder Demütigung, bedenklich sei lediglich die Eskalation. Wie eine solche Deutung Phänomene wie den Antisemitismus, den 11. September oder den Massenmord von Häretikern innerhalb des Islam in den Griff bekommen soll, verriet Bieri nicht. Das an Sartre geschulte Freiheitspathos und die antitotalitäre Moral eines Glucksmann scheinen einem so schillernden wie irrationalem Phänomen wie dem Hass da doch wesentlich näher zu rücken.

– André Glucksmann: Hass. Die Rückkehr einer elementaren Gewalt. Nagel und Kimche Verlag, München 2005. 284 Seiten, 19,90 Euro.

§ 6 Antworten auf André Glucksmann: Hass

  • Boche sagt:

    Danke für den interessanten Auszug und den Lesehinweis! Glucksmanns Thesen klingen sehr nachvollziehbar.

  • RH sagt:

    Es sind gewohnt kluge und faszinierende Gedanken, die André Glucksmann zum Komplex des westlichen Selbsthasses entfaltet. Umso weniger kann mich seine Definition des Hasses als einer Art vorgängigen anthropologischen Tatsache überzeugen. Na gut, Hass hat es überall und zu allen Zeiten gegeben, das ist eine Banalität. Die Schlußfolgerung aber daraus: der Hass ist der Hass, weil er der Hass ist – inwiefern hilft uns eine solche Tautologie weiter, aktuelle politische Herausforderungen zu begreifen? Was Glucksmann doch einfach sagen will, ist: Der Hass wird von einer bestimmten Richtung verharmlost, wenn er aus einer bestimmten Richtung kommt. Das ist eine gut begründbare ideologiekritische Beobachtung. Wozu sie mit einer substantialistischen Definition aus dem Fundus der konservativen Kulturanthropologie (Grüß dich, Arnold Gehlen!) absichern? Wenn der Hass grundlos existiert und sich grundlos austobt, warum dann noch nach Gründen dafür suchen, daß er sich gerade gegen Israel. Amerika, das Weibliche etc. so heftig überschlägt? Um dieses Phänomen zu erklären, muß Glucksmann selbst zwischen Hass und Hass differenzieren, innere Bewusstseinsprozesse ausdeuten, also psychologisieren, historisieren etc. Das macht er toll, aber es paßt nicht mit seiner kategorischen Hass=Hass=Hass=(ad infinitum)-Prämisse zusammen.

  • Christian sagt:

    „Der passive Nihilismus lasse das Böse geschehen, indem er es wegerklärt, wegkulturalisiert, wegsoziologisiert, wegpsychologisiert. Zugrunde liege dem eine Haltung der Infantilität: Man tut so, als lebe man in einer guten Welt, in der man unschuldiges Kind bleiben könne. Wenn es Probleme gibt, wird der Papa USA es schon richten – den man hinterher für seine Verfehlungen verflucht. Glucksmann gibt diese Haltung in einem Bonmot wieder: „Das einzig Böse, das es gibt, besteht darin, dass die Amerikaner an das Böse glauben.““

    Ich schlage vor, für den Frieden zu stricken und den Mond anzuheulen…

    „jeglicher Hass habe legitime Gründe wie Armut oder Demütigung“:
    „Legitime Gründe“ impliziert doch, dass der Gehasste für die Situation des Hassenden verantwortlich sei. Ansonsten ist der Hassende zumindest ein schäbiger Mensch oder ein Verbrecher sobald er irgendwie aktiv wird. Bieris These besagt m.M.n., dass das Opfer wohl immer seinen Anteil an Schuld hat.

    Wer die Geschichte des 3. Reiches kennt, kennt das Gegenbeispiel für das Zitat. Wäre das Ganze nicht eskaliert, dann wäre nach Bieri der fanatische Antisemitismus ganz OK.

    Das Zitat klingt zwar oberflächlich betrachtet gut, rechtfertigt aber jegliches Verbrechen. Hier sind wir wieder beim Nihilismus:-(

  • Thomas Liffert sagt:

    Ich gebe RH recht. Die Suche nach dem schicksalhaft Bösen im Menschen
    an sich leugnet Freiheit und Verantwortung. Da der Mensch frei ist, ist er auch frei zum Bösen und eben weil er frei ist auch verantwortlich für sein Verhalten gegenüber seinen freien Gedanken.
    M.E. sollte man nicht den Hass verdammen. Spielt einem jemand übel mit, so ist man berechtigt, diesen jemand nicht zu mögen und in schweren Fällen auch zu hassen. Nein, es sollte, wie RH sagt, um eine bestimmte Form des Hasses gehen, vielleicht so etwas wie Kollektivhass, wo dem Hassenden persönlich unbekannte Menschen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einem Kollektiv gehasst werden, d.h. eben gehasst werden, ohne einem übel mitgespielt zu haben. Man könnte es auch Hass aus niederen Beweggründen
    nennen. Und dieser besondere Hass ist ein Denken, für dessen Eindämmung jeder Verantwortlich ist – ich sage „jeder“, weil jeder
    fähig ist aus niederen Beweggründen zu hassen (und wohl die Wenigsten noch nie aus niederen BG gehasst haben). Aber nicht jeder lässt diese Gedanken Macht über sein weiteres Denken und Handeln gewinnen.
    Die aber, welche sich ihrem Hass aus niederen Beweggründen ergeben oder die niederen Beweggründe gar als die eigentlich edlen hinstellen, haben versagt und müssen zur Verantwortung gezogen werden.

  • mike stein sagt:

    medea,antigone,die schutzflehenden,troia,religionskriege(montaigne) und die anderen exempel…glucksmann zeigt sehr interessant auf,wie regelmaessig der weg aus der spirale von dolor-furor-nefas (schmerz,rasende wut,vernichtungswille) ueber die anerkennung des nicht-goettlichen, des endlichen (sterblichen) aller menschen fuehrt.DIES ist DER weg der zivilisierung der leidenschaften.und was er sagen will und sagt ist einfach:wenn wir leute diesen weg rueckwaerts gehen sehen,MUESSEN wir diesen die stirn bieten und sie aufhalten(und damit auch deren hass ohne zoegern ZUR KENNTNIS nehmen.)DAS ist unsere pflicht.
    aus diesem grund sind die wegschauer, die biedermaenner (siehe m.frisch – uebrigens auch ein aktueller lesetip – ),die ‚verstaendnisvollen ursachensucher‘ usw. fast gefaehrlicher als die hasser/terroristen…,weil sie die wahl zwischen
    conditio humana(wir sind alle nur menschen) und den sendungsbeseelten (ihr liebt das leben -wir lieben den tod/viva la muerte)nicht sehen (wollen)mit der konsequenz, dass sie den hassern in vielem recht geben(und deswegen ist dies brandgefaehrlich, und diesem muss ‚man’ebenfalls so gut ‚man’kann die stirn bieten).

  • Idetrorce sagt:

    very interesting, but I don’t agree with you
    Idetrorce

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