Wir sind anders: Für den Mut, als Weichei zu gelten

23. Dezember 2005 § Hinterlasse einen Kommentar

Jan Philipp Reemtsma rät im taz-Interview mit Jan Feddersen dazu, in der Folterdebatte einmal tief durchzuatmen:

Ein Vater, der das Versteck seines entführten Sohnes herausfinden will, darf den Entführer quälen. Aber ein Hoheitsträger, ein Polizist, ein Soldat, darf dieses nicht tun. Und diese Unterscheidung wird in der öffentlichen Diskussion nicht zureichend gemacht.

Wenn wir eine Kasuistik des im Zweifelsfall Erlaubten entwerfen, führen wir über den Ausnahmefall die neue Regel ein. Winfried Brugger, Alan Dershowitz, Jeffrey Gedmin in der Welt – sie alle argumentieren ähnlich und bedenken nicht konsequent, was solche Vorschläge bedeuten würden. Wenn es solche Gesetze gibt, dann müssten sie besagen, welche Methoden man anwendet. Wie weit geht man denn eigentlich? Alle, die das befürworten, sagen ja nicht: Alles muss erlaubt sein. Sondern dass es da selbstverständlich Grenzen geben muss. Also müssen diese Grenzen definiert werden.

Und schließlich bekämen wir eine öffentliche Diskussion über Foltermethoden. Darf man Schlafentzug machen? Darf man Leuten Knochen brechen? Darf man sie unter Strom setzen? Darf man Zigaretten auf ihnen ausdrücken? Was darf man eigentlich? Überlegen Sie, was das bedeuten würde. Es würde eine Barbarisierung der Öffentlichkeit bedeuten.

(…) alle, die für eine Lockerung des Folterverbots sprechen (…) glauben, es gelte immer nur in Fällen, wo keine Zweifel sind, dass derjenige wirklich jener ist, der verantwortlich ist dafür, dass irgendwo „die Bombe tickt“. Aber bei allem, was nicht grundsätzlich verboten ist, kann man sich auch irren. Die Legalisierung der Folter würde bedeuten, dass irgendwann irgendein Unschuldiger gefoltert wird. Das würde bedeuten, dass jeder damit rechnen muss, dass es wieder möglich ist, der Folter unterworfen zu werden. Das ist in Europa seit dem 18. Jahrhundert nicht mehr der Fall – außer in Diktaturen.

Aber es geht nicht nur darum, am Leben zu bleiben, sondern die zivilisatorischen Werte zu erhalten, die die anderen angreifen. John McCain, republikanischer Senator in den USA und jüngst erfolgreich gegen die Bush-Administration mit seinem Gesetz gegen die Folter, sagte: We are different. Darum geht es. Wir sind anders. Darum wollen wir uns nicht so verhalten wie die anderen.

Nehmen wir mal an, man hat einen vor sich, der selber so schmerzresistent ist, dass man mit ihm anstellen kann, was man will. Soll man dann sein Kind nehmen und foltern? Das ist ja vielleicht auch nur ein Leben – ein weiteres gegenüber tausenden? Keiner von denen, die diese Szenarien entwerfen, würde sagen: Ja, das würde ich befürworten. Das nicht – aber warum eigentlich nicht? Wenn es nur um die Rechnung Leben gegen Leben geht: Warum denn nicht? Ein bisschen scheinen jene, die dies so meinen, die Nerven zu verlieren. Diejenigen, die sagen, wir müssen jetzt über irgendwelche Extremfälle reden, die so übrigens ja noch nie eingetreten sind, die machen sich nicht klar, was sie eigentlich damit anrichten. Sie wollen nicht als sentimentale Weichlinge, als bleeding hearts, gelten.

Zu den Fragen, die auch Reemtsma offen läßt, vgl. Ulrich Specks Kosmoblog.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Was ist das?

Du liest momentan Wir sind anders: Für den Mut, als Weichei zu gelten auf By the Way ....

Meta

%d Bloggern gefällt das: