Der Prominente im Sack

27. Dezember 2005 § 10 Kommentare

Heute stelle zur Abwechslung einmal ich eine kleine totalitarismustheoretische Rätselfrage. Welcher berühmte und geachtete elder statesman sagte heute in einer großen deutschen Tageszeitung das Folgende über eine kürzlich erschienene Hitler-Biographie?

Dieses Buch ist ein Jammer. Natürlich kann eine überwältigende Anklage formuliert werden gegen Hitler. Er war unzweifelhaft verantwortlich für das Leiden und den Tod von Millionen. Aber dieses Buch ist grotesk, weil es einen Hitler ohne jegliche Qualitäten darstellt. Hitler war, wenn man seine Persönlichkeit betrachtet, ein Mann mit herausragenden intellektuellen Fähigkeiten. Wir haben einmal zusammen die Weltlage diskutiert während mehrerer Stunden. Hitler hatte keine Notizen, er formulierte keine Behauptungen, er stellte nur Fragen und machte auf Aspekte aufmerksam, die seiner Ansicht nach nicht ausreichend zur Sprache kamen.

§ 10 Antworten auf Der Prominente im Sack

  • jph sagt:

    Entweder begreife ich Euren Humor nicht oder Ihr habt hier Hilter mit Mao verwechselt. Und der Gesuchte stellt im Interview die moralische Verwerflichkeit Maos durchaus fest.

    Verwirrt. . .

  • Ingo Way sagt:

    Glückwunsch, JPH, Sie haben das Rätsel gelöst. Der Gesuchte heißt Henry Kissinger, und in der heutigen Ausgabe der WELT spricht er auch nicht über eine neue Hitler-Biographie, sondern über das Buch „Mao“ von Jung Chang und Jon Halliday. Das verwendete Zitat lautet also korrekt so:

    Dieses Buch ist ein Jammer. Natürlich kann eine überwältigende Anklage formuliert werden gegen Mao. Er war unzweifelhaft verantwortlich für das Leiden und den Tod von Millionen. Aber dieses Buch ist grotesk, weil es einen Mao ohne jegliche Qualitäten darstellt. Mao war, wenn man seine Persönlichkeit betrachtet, ein Mann mit herausragenden intellektuellen Fähigkeiten. Wir haben einmal zusammen die Weltlage diskutiert während mehrerer Stunden. Mao hatte keine Notizen, er formulierte keine Behauptungen, er stellte nur Fragen und machte auf Aspekte aufmerksam, die seiner Ansicht nach nicht ausreichend zur Sprache kamen.

    Was ist denn das für eine moralische Verkommenheit dieses ach so ehrwürdigen und überall herumgereichten „Realisten“, der über den „Tod von Millionen“ nicht reden will, ohne Maos „herausragende intellektuelle Fähigkeiten“ und seine „Qualitäten“ herauszustreichen. Bestimmt hat er auch Autobahnen gebaut. Ich habe „Mao“ durch „Hitler“ ersetzt, um zu verdeutlichen, wie grotesk das ist, was er da sagt. Dieser „realistische“ Zynismus eines offensichtlichen Soziopathen wie Kissinger nervt mich gewaltig, und ich kann ehrlich gesagt die Wertschätzung, die er in liberalen und konservativen bundesrepublikanischen Kreisen genießt, schwer nachvollziehen. Christopher Hitchens, übernehmen Sie!

  • Für simpelnde Kleingeister mag der Gedanke verwerflich sein, dass die großen Totalitaristen des 20ten Jahrhunderts neben ihrem Verbrechertum auch teils überragende geistige Fähigkeiten besaßen. Ich glaube kaum, dass Kissinger, den ich im Übrigen nicht sehr schätze, Mao irgendwie glorifizeiren oder entschuldigen wollte.

  • Patentizität sagt:

    Ich bin weder ein Freund Kissingers noch habe ich das geringste Problem damit, wenn totalitäre Herrscher als abgrundtief böse Personen beschrieben werden.

    Abgesehen davon, dass es sich bei Autobahnbau um keine Qualität handelt, zeugt es allerdings von naivem Moralismus und/oder analytischer Unschärfe – man könnte auch sagen: inversem Gutmenschentum – wenn man Persönlichkeiten wie Mao Qualitäten jenseits von Bösartigkeit abspricht.* Ein Mann ohne Eigenschaften oder ein reiner Sadist mag es zum Kommandanten eines Straf- oder Vernichtungslager bringen; mit Bösartigkeit allein schafft es jedoch niemand, an die Spitze eines totalitären Systems zu gelangen.**

    So günstig die jeweiligen sozialen Umweltbedingungen für seinen Aufstieg und so wahnsinnig die jeweilige Ideologie auch sein mögen, ohne ein gewisses Maß an Intelligenz funktioniert es nicht.

    *Mehr noch: es kann sogar fahrlässig sein. So wäre es gefährlich, es dabei zu belassen, z.B. Ali Chamenei einfach nur als böse Persönlichkeit zu charakterisieren.

    **Als Ausnahme könnte Kim Jong Il gelten. Seine Position ist ererbt. Der Vater war mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit intelligenter.

  • Ingo Way sagt:

    Hallo Kontraindikation alias Dr. Dean, allmählich drängt sich mir der Eindruck auf, Sie widersprechen hier aus Prinzip, weil Sie uns irgendwie doof finden. Hätte ich geschrieben: „Kissinger ist ein toller Typ, weil er Mao differenziert betrachtet“, hätten Sie mich als Verharmloser des chinesischen Totalitarismus bezeichnet. Da Ihnen als Dr. Dean schon einmal beschieden wurde, daß Sie hier unerwünscht sind, versuchen Sie’s nun also als Kontraindikation. Sind Sie etwa auch noch mit der Nervensäge EJulian identisch, über die Richard Herzinger in seinem Blog abschließendes schreibt? Stil, Argumentationslinie und die sinnfreie Erwähnung von Carl Schmitt lassen darauf schließen.

  • @Ingo Way
    Es mag Ihr liberales Herz ein klein wenig schmerzen, dass wir nicht immer einer Meinung sind, aber wenn Sie schon fragen:

    Hätte ich geschrieben: “Kissinger ist ein toller Typ, weil er Mao differenziert betrachtet”, hätten Sie mich als Verharmloser des chinesischen Totalitarismus bezeichnet.

    Nein, Ingo Way, ich hätte angemerkt, dass Sie Kissinger aus den falschen Gründen toll finden…

    Glauben Sie mir: Auch diese Anmerkung hätten Sie überlebt. Ggf. wären Sie dem Argument sogar gefolgt (Sie müssen mich ja nicht gleich mögen, auch wenn ich gelegentlich recht haben könnte).

  • @Ingo Way
    Hatte ich Sie einen Schmitt-Fan genannt oder behauptet, dass Sie in seiner geistigen Nachfolge stehen? Antwort: Nein.

  • Ingo Way sagt:

    @kontraindikation:
    Diejenigen, die Sie sehr wohl als Carl-Schmitt-Fans bezeichnen, stehen ebensowenig in dessen geistiger Nachfolge wie ich.

    Übrigens bin ich froh, meistens nicht mit Ihnen einer Meinung zu sein. Falls doch mal, bringt’s mich auch nicht um.

    Daß Sie meine Frage, ob Sie mit EJulian identisch sind, nicht beantworten, lege ich so aus, daß Sie es sind.

  • Verschwinden hier Antworten? Oder bin ich einfach zu dusslig mit der Technik? Ich hoffe doch auf Letzteres – außerdem wäre mir dies vertrauter. Also nochmal:

    @Ingo Way
    Ich bin nicht „EJulian“ und das Posting von ihm, auf das Sie hinwiesen halte ich für bis zur Idiotie überzogen. Man hat zwar eine Idee, was er sagen will, aber leider auch, dass er keine sonderlich ausgeprägte Dialogbegabung hat. Im Übrigen, auch der Hinweis sei mir gestattet, lässt sich durchaus zeigen, dass Leo Strauss von erheblicher Bedeutung für die Neokonservativen ist – und Carl Schmitt wiederum für Leo Strauss. Herr Way, ich jedenfalls sehe einen klaren Zusammenhang zwischen neokonservativer Ideologie und Carl Schmitt.

    Sie nicht?

  • cazimyr k. sagt:

    Die Einlassungen von Mr. K und die Reaktionen darauf machen mal wieder deutlich, dass in den Führungsetagen des freien Westens nicht notwendig die gleichen Maßstäbe gelten wie bei liberalistischen Gutmenschen.
    Und diejenigen, die sich darüber meinen moralisch entrüsten zu müssen, werden sich wohl damit abzufinden haben, nicht dazugehören (zum Personal besagter Etagen). Dafür können sie sich trösten, dass sie sich zu den Guten zählen dürfen.

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