Die Grundtorheit des 20. Jahrhunderts: die Utopie

28. Dezember 2005 § 5 Kommentare

Die Grundtorheit des Jahrhunderts hat Thomas Mann den Antikommunismus genannt. Das, so läßt sich nach den einschlägigen Erfahrungen jenes 20. Jahrhunderts mit dem Kommunismus sagen, war wohl doch eher die Grundtorheit Thomas Manns. … Hatten wir kritischen Antiantikommunisten nicht in den Behauptungen jener antikommunistischen Propaganda eine Beleidigung unserer Intelligenz gesehen? Und dann stellte sich spätestens in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts heraus, daß es die Realität des Kommunismus war, die unsere Intelligenz beleidigte.

So beginnt der Artikel „Eine Grundtorheit des Jahrhunderts existiert weiter. Über Mao und den chinesischen Kommunismus“ von Siegfried Kohlhammer in der soeben erschienenen Januar-Ausgabe des MERKUR, dem Fachblatt für Utopiekritik, die ich Ihnen, liebe Leserin, eigentlich deswegen ans Herz legen wollte, weil sich darin mein Artikel „Respekt!“ über antiliberales neoreligiöses Eiferertum am Beispiel des katholischen Philosophen R. Spaemann abgedruckt findet, das nun allerdings zuförderst wegen des glänzenden Essays von Kohlhammer zu empfehlen ich nicht umhin komme. Da dieser leider nicht online verfügbar ist, finden sich alle Zitate für Sie, liebe Leserin, von mir sauber abgetippt.

Die neue Mao-Biographie von Jung Chang und Jon Halliday, die Henry Kissinger für mißlungen hält, weil er Maos intellektuelle Größe darin nicht ausreichend gewürdigt findet, kritisiert Kohlhammer aus ernsthafteren Gründen:

Chang und Halliday wollen Mao auch damit kritisieren, daß sie ihm Gleichgültigkeit gegenüber der marxistisch-leninistischen Ideologie, ja gegenüber seiner eigenen Theorie vorwerfen. … Aber in Wirklichkeit war es viel schlimmer: Mao nahm den Kommunismus … ernst; … in … der Verwirklichung seiner brutalen, mörderischen und massenmörderischen Politik, seiner Utopie … ist … die Hauptursache für die Leiden des chinesischen Volkes zu finden. Daß es Staatsmännern oder Staaten letztlich nur um ihre handfesten Interessen und ihre Macht gehe, ist Grundannahme einer aufgeklärt-realisitschen Sichtweise. Schön wär’s. Das Problem ist, daß Ideen und Ideologien wichtig sind: … „Ideology matters“. … Verwirklichung der Utopie – das war verheerender als alle Ego- und Megalomanie Maos.

Man erfährt, warum die Kritiker eines Popanz‘ namens Biologismus eigentlich Mao-Fans sein müßten:

Die 600 Millionen Bewohner Chinas bezeichnete Mao als ein weißes Blatt, auf das sich die schönsten und neuesten Dinge schreiben und malen ließen.

Und für die Singularitäts-Fetischisten, denen Alan Posener 1993 in seiner Stalin/Roosevelt-Doppelbiographie nachsagte, sie wollten lediglich Stalins Opfer aus der Diskussion verschwinden lassen, gibt es den Bodycount des Totalitarismus:

Danach ergeben sich für die Volksrepublik China (1949 bis 1987) 35,2 Millionen Opfer (wobei die Hungertoten der Jahre 1958 bis 1961 – zwischen 23 und 38 Millionen – nicht mitgerechnet sind; die UdSSR (1917 bis 1987) 61,9 Millionen … Nordkorea (1948 bis 1987) 1,66 Millionen.
Ordnet man die Ermordeten den Großen Führern des 20. Jahrhunderts zu, ergibt sich folgendes Bild: Stalin … 42,6 Millionen; Mao … 37,8 Millionen und Hitler … 20,9 Millionen. Chiang Kai-shek (1921 bis 1948) 10,2 Millionen … Japans Tojo (1941 bis 1945) 4 Millionen und Pol Pot … 2,4 Millionen.

Mao hat die basisdemokratischen Plena linker Gruppierungen vorweggenommen und obendrein den projektiven Charakter kommunistischer Gesellschaftskritik erwiesen:

Mao war schon früh bemüht, seine Säuberungen durch die Bevölkerung selbst vornehmen zu lassen, die Menschen gegeneinander aufzuhetzen in endlosen „revolutionären Treffen“, sie dort zu öffentlicher Kritik anderer und Selbstkritik zu zwingen, dazu, andere zu demütigen, zu mißhandeln, totzuschlagen. Indem sie so immer weiter voneinander entfernt wurden – zu einander feindlichen, furchtsamen und mißtrauischen Monaden noch in der eigenen Familie, paradoxerweise so das Schreckbild der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft realisierend, wie es die kommunistische Theorie malte

Wer nun immer noch nicht einsieht, daß Antikommunismus eine absolut vernünftige und humane Grundhaltung ist, und weiterhin glaubt, an seiner Utopie festhalten zu müssen, weil er, sobald die Geschichte ihm günstig ist, alles natürlich ganz anders und viel besser machen würde – nun, dem kann Kohlhammer auch nicht helfen, nur achselzuckend feststellen:

Nordkorea hatte übrigens schon 1977 erklärt, ins finale Stadium des Sozialismus eingetreten und nun Utopia zu sein. Es sieht ganz danach aus.

Habe ich schon gesagt, daß man diesen MERKUR-Artikel unbedingt lesen sollte? Dann tu ich es jetzt. Damit aber noch nicht genug. Im selben Heft findet sich nämlich auch noch ein Essay von Ralf Dahrendorf mit dem Titel „Versuchungen der Unfreiheit. Die Intellektuellen im Zeitalter der Prüfung“. (Leider ebenfalls nicht online.) Darin würdigt Dahrendorf antitotalitäre Intellektuelle wie Norberto Bobbio, Jeanne Hersch, Raymond Aron, Richard Hofstadter, Fritz Stern, Manès Sperber und John Kenneth Galbraith, die den intellektuellen Zumutungen der 68-Bewegung widerstanden haben. Auch Adorno zählt er zu ihnen, Hannah Arendt und Herbert Marcuse nicht. Dahrendorf:

So wie „1968“ in Europa verwendet wird, ist die Bedeutung des Jahres übrigens durchaus provinziell. Das große Weltereignis der Zeit war die chinesische Kulturrevolution. Staatlich veranlaßte Tötungen erreichten ihr Extrem in jeder Provinz Chinas im Jahr 1968. … Daß Europas Achtundsechziger den Namen Maos auf ihrem Schilde trugen, ist weder nachvollziehbar noch verzeihlich.

(Aber natürlich muß man in Mao auch den Intellektuellen würdigen, der aus dem Stehgreif sprechen konnte. Immerhin hat sich Henry Kissinger einmal sehr gut mit ihm unterhalten. – Genug.) Dahrendorf sieht im Islam die heutige totalitäre Herausforderung der offenen Gesellschaft. (Und er spricht vom Islam, nicht vom Islamismus.) Der Islam sei

eine Religion, für die die Vorstellung der durch keine Ordnungsinstanz zusammengehaltenen pluralistischen, in allen Mitgliedschaften auf Freiwilligkeit beruhenden, ganz und gar unsakralen Bürgergesellschaft zutiefst fremd ist.

(Daß diese Fremdheit auch für manche Vertreter der christlichen Religion gilt, findet sich in meinem Essay „Respekt!“ belegt.) Dahrendorf warnt gleichwohl davor, im Kampf gegen die Barbarei selbst barbarisch zu werden:

Es gibt extreme Beispiele für den fast unbemerkten Verlust an liberalen Grundwerten. Sogar die Folter wird nicht nur verwendet, sondern von manchen gerechtfertigt.

Wem dies jetzt wieder zu ausgewogen ist – tja, der wird es trotzdem mit Gewinn lesen. Und lesen Sie, liebe Leserin, bitte auch meinen Beitrag ab der Seite 72.

§ 5 Antworten auf Die Grundtorheit des 20. Jahrhunderts: die Utopie

  • Patentizität sagt:

    Daß es Staatsmännern oder Staaten letztlich nur um ihre handfesten Interessen und ihre Macht gehe, ist Grundannahme einer aufgeklärt-realisitschen Sichtweise. Schön wär’s.

    Dem will ich, vor allem im Hinblick auf Mao bzw. auf seine Herrschaftszeit, ausdrücklich zustimmen. Die Sichtweise eines verkürzten Macht-Realismus würde hier wenig erklären. Mao war jedenfalls nicht der Vorsitzende einer mafiösen Junta, dessen politische Idee sich weitgehend darauf beschränkte, sich und sie Seinen sozusagen auf großem Fuß sozial abzusichern.

    Zumal es bereits ein Fehler sein kann, auf das Handeln von obersten politischen Entscheidern und Staaten dieselben Prämissen in Anschlag zu bringen. So spricht einiges dafür, zwischen der Handlungs- und/oder Steuerungskapazität von Staaten nach innen und nach außen bzw. zwischen Innen- und Außenpolitik zu unterscheiden: Eine unangefochtene politische Hierarchiespitze (wie Mao, wenn auch erst allmählich, im Zuge der Niederlage Nationalchinas) die sich auf ein stabiles, undemokratisches Herrschaftssystem stützen kann, hat demnach die Möglichkeit, ihre politischen Entscheidungen anhand ideologischer Vorgaben, oder anders formuliert: gemäß einer totalitären Lehre zu fällen. Um machtgestützte Widerstände, und mehr oder weniger abweichende Interessen oder aber auch Weltanschauungen anderer, wie in der Außenpolitik strukturell vorgegeben, braucht sie sich dabei nicht zu kümmern.

    Will sagen: Mao hatte Anlass dazu, davon auszugehen, auf 600 Millionen Menschen die schönsten und neuesten Dinge hinterlassen zu können.

    Er wird sich jedoch mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht eingebildet haben, in derselben Weise auch nur mit 6 Staaten verfahren zu können. Was Mao vom größenwahnsinnigeren Hitler unterscheidet und woraus sich die differenzierte Sichtweise des Realisten Kissinger auf Mao erklärt, diesen aber nicht verklärt.

    Dass Kissinger nicht Totalitarismustheoretiker, sondern Außenpolitiker ist und in dieser Eigenschaft mit Mao geredet hat, sollte jedenfalls weder verwundern noch aufstoßen.

  • Luca sagt:

    Das Thema dieses Beitrags und auch die beiden erwähnten Artikel in der Zeitschrift klingen ja vielversprechend.
    Gibt es nicht vielleicht doch die Möglichkeit, die beiden Artikel – vielleicht halt mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung – doch online zur Verfügung zu stellen? Auf einer Website oder zum Download als PDF, oder so…?

    Luca

  • Ingo Way sagt:

    Habe ich keinen Einfluß drauf.

  • Dass Europas Achtundsechziger den Namen Maos auf ihrem Schilde trugen, ist weder nachvollziehbar noch verzeihlich.

    Wie wahr!

  • philipp sagt:

    Kurze Frage: Woher bezieht Siegfried Kohlhammer sein Wissen über die Beweggründe Maos? Ist er Chinaexperte, Maoexperte? Deren Kritik an dem Buch bezieht sich hauptsächlich auf die Methode der Autoren, die nach ihrem Urteil mit fragwürdigen oder nicht überprüfbaren Quellen den Mythos Mao zu zerstören suchen und dabei neue Mythen schaffen. Lesenswert (und leider als einzige im Internet zugänglich) ist die Rezension Andrew Nathans in der „London Review of Books“, der Chang und Halliday als Elstern charakterisiert, die alles verwurschteln was glitzert, ohne sich um die Qualität ihre Fundstücke zu scheren:
    http://www.lrb.co.uk/v27/n22/nath01_.html

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