Wie die antike Al Qaida einmal sogar ein veritables 9/11 veranstaltete …

17. Januar 2006 § 13 Kommentare

… und später eine Verschwörungstheorie in die Welt setzte, die die Schuld daran Kaiser Nero in die Schuhe schob, der nur einen Vorwand gebraucht habe, um die friedlichen und unschuldigen Christen zu verfolgen.

Wann immer man sich daran begibt, festgefügte Überzeugungen zu überpfüfen, merkt man sehr bald, daß kein Stein auf dem anderen bleibt. Kaiser Nero – war das nicht der brutale Christenverfolger, der Rom angezündet hat? Nun, brutal war er so sehr, wie es dem damaligen Zeitgeist entsprach. (Hoffentlich läuft die so drastische wie historisch ungeschönte Fernsehserie „Rome“ bald im deutschen Fernsehen.) Darüber hinaus war er allerdings geradezu ein Sozialreformer und bei den Plebejern überaus beliebt. Darauf, daß er den großen Brand Roms im Jahre 64 ausgelöst hat, gibt es keine Hinweise. Darüber sind sich Historiker heute einig. Nicht einig sind sie sich, ob das Feuer durch Zufall, Fahrlässigkeit oder Brandstiftung ausgelöst wurde. Jedenfalls deutet für einige Nero-Biographen einiges darauf hin, daß eine Gruppe früher Christen den Brand gelegt hat, um der Hure Babylon einen vernichtenden Schlag zu versetzen. Die frühen Christen waren nämlich keineswegs friedliche Gutmenschen, die von früh bis spät der Nächstenliebe frönten und demütig der Erlösung harrten. Sondern eine apokalyptische Sekte, die einen weltumspannenden Gottesstaat auf Erden errichten wollte.

Dazu ein längerer Essay von Richard Herzinger: Opfer der Legenden: Wie der römische Kaiser Nero zum Sündenbock der Geschichte wurde

§ 13 Antworten auf Wie die antike Al Qaida einmal sogar ein veritables 9/11 veranstaltete …

  • Rayson sagt:

    Schön, dass überkommene Erzählungen auch bezweifelt werden. Aber kein Anlass, den Zweifel gleich als bewiesene Tatsache anzuerkennen. Da erwartet man doch schon ein wenig mehr. Die Bezeichnung „al-Qaida“ für die frühen Christen dürfte ebenso effekthascherisch wie unzutreffend sein.

  • Ingo Way sagt:

    Hallo Rayson, nirgendwo schreibe ich im Text von bewiesenen Tatsachen, sondern von Hinweisen, auf die Historiker gestoßen sind. Und in der kurzen Zeit zwischen Posting und Antwort hast Du bestimmt nicht den ganzen Herzinger-Text gelesen.🙂 Nichts für ungut.

  • CX sagt:

    Es faellt schon auf, dass man sich bei fdog (und anderswo) in letzter Zeit gerne am Christentum und Katholizismus reibt. Dabei bleibt der Erkenntnisgewinn oft unklar: Es gibt neben vielen anderen auch katholische Knallchargen? Die Institution Kirche ist kein Unschuldslamm? Wohl nicht gerade sensationell neue Ergebnisse knallharter Investigation (wobei mich der Vergleich von Al-Kaida mit fruehen Christen aus dem Munde von RH schon etwas verwundert).

    Interessante Frage: Zeigt sich in diesem Abarbeiten am Katholizismus vielleicht ein (seltenes) Beispiel für „liberales Ressentiment“?

  • zweifler sagt:

    Gibt es denn einen Beleg, einen dokumentierten Präzedenzfall dafür, dass eine christliche al qaida bis zum Jahre 60 irgendwo einen Massenmord an Zivilisten verübt hat? Darauf,und nicht auf die religiösen Vorstellungen als solche, käme es nämlich an. Mir scheint für eine „Kriminalgeschichte des Christentums“, wenn man sie denn schreiben will, gibt es Weiss Gott bessere Beispiele. – Vielen Welt-Lesern wird aus dem Latein-Unterricht bekannt sein, dass das negative Image Neros ein Werk von Tacitus und Sueton ist: Ein grosser Teil der Klischees mit denen Quo vadis arbeitet, ist diesen Vorlagen römischer Historiker entnommen.

  • Rayson sagt:

    @Ingo

    Die beiden letzten Sätze deines Beitrags sind aber sehr (für meinen Geschmack: zu sehr) im Indikativ gehalten…

    Dass du meine Lesegeschwindigkeit unterschätzt, ist in diesem Zusammenhang sogar irrelevant, da ich nicht Herzingers Text kritisiert habe (obwohl er das auch verdient hätte).

  • Feanor77 sagt:

    Ich fand es eine gute Idee von Ingo dass hier reinzustellen! Was das Christentum heute vom islam wirklich unterscheidet ist das Ätzbad der Aufklärung durch das es ging. Im Prinzip ist das alles! Kommt natürlich auf den Standpunkt des Betrachters an, der interessierte Beobachter wird aber mehr verbindendes zwischen islam und Christentum finden als trennendes.

    Was Richard Herzinger in seinem Essay beschrieb ist zwar nicht völlig neu aber sehr interessant. Übrigens hat der letzte heidnische Kaiser Roms Julian „Apostata“ mal von den Christen gesagt dass sie aggressiv und hasserfüllt wären, uneins in allem außer im Hass auf die sogenannten heiden. Er sagte dies im Jahre 360 u.Z. Also 300 Jahre nach Kaiser Nero. Von ihm ist das Bild eines Frühchristentums überliefert das als eine der wenigen Quellen aus dieser Zeitperiode gilt die nicht von Christen selbst stammt. Julian galt zu seiner Zeit übrigens als Philosoph und hochgelehrter Mann.

    Gruss
    Feanor

  • CX sagt:

    „Was das Christentum heute vom islam wirklich unterscheidet ist das Ätzbad der Aufklärung durch das es ging. Im Prinzip ist das alles!“

    Wirklich? Zum Beispiel gibt es zentrale Unterschiede im Gottesbegriff. Das Neue Testament führt die Anrede „Abba“ ein, in etwa „mein liebender Vater“, und rückt damit individuelle Beziehung zu Gott ins Zentrum des persönlichen Glaubens, die Bedeutung der Zugehörigkeit zu einem von Gott auserwählten Kollektiv dagegen in den Hintergrund.

    Sehr überzeugend fand ich die Darstellung aus ideengeschichtlicher Perspektive von Larry Siedentop im Kapitel „Europa, Christentum und Islam“, in seinem Buch „Demokratie in Europa“. Habe bislang nichts gefunden, was die Argumentationslinie dort (es gibt einen ideengeschichtlichen Zusammenhang zwischen christlicher Religion und unseren Vorstellungen von universellen Werten, etc., das ganze Kapitel hat 40 Seiten und läßt sich kaum in ein paar Zeilen zusammenfassen) entkräften würde.

    Sicher ist die These, dass unsere westliche Vorstellung von universellen Werten neben anderen Standbeinen wie Aufklärung, Judentum und Antike eben auch ein christliches Standbein besitzt, ein wenig unbequem. Das alleine entkräftet die These aber nicht… und sie sagt ja auch nicht, dass unsere Vorstellungen von universellen Werten zwangsläufig inkompatibel mit anderen Kulturen bzw. Religionen seien.

  • Wachtmeister sagt:

    Zu den Unterschieden Islam-Christentum nur ein Vergleich: Mohammed sagte: „Steinigt die Ehebrecherin“, Jesus sagte: „Wer ohne Sünde ist werfe den ersten Stein.“ Ich halte das für einen gravierenden Unterschied. Und wer sich etwas mit Ideengeschichte auskennt weiß, daß es ohne Christentum keine Aufklärung gegeben hätte. Lest mal Thomas von Aquin! Leider haben einige Aufklärer später so getan, als hätte es vor ihnen niemanden mit guten Ideen gegeben.

    Zu Herzingers Argumentation: Ich finde es bedenklich, wenn er Neros Leistungen wie große Infrastrukturprojekte und die Ausdehnung seines Reiches als Belege für dessen staatsmännische Größe anführt, welche die Verfolgung einer religiösen Minderheit irgendwie legitimieren soll. Man könnte Herzingers Argumentation durchaus auf Beispiele im 20. Jahrhundert übertragen… Möglichweise ist bei Herzinger in diesem Fall der Sinn fürs satirische etwas mit ihm durchgegangen?

  • Ingo Way sagt:

    @Wachtmeister

    Dein polemischer Vergleich mit totalitären Führern des 20. Jahrhunderts geht in die Irre. Denn Du setzt die Christenverfolgung durch Nero als gegeben voraus. Laut Herzingers Quellen wurden die Christen damals aber keineswegs als religiöse Minderheit verfolgt. Einzelne Christen wurden höchstens bestraft, wenn sie den Gesetzen des römischen Staates nicht gehorchten. Andernfalls hatten sie nämlich ihre Ruhe als Bürger Roms. Aber viele wollten halt unbedingt den Märtyrerstatus erhalten.

    Thomas von Aquin habe ich übrigens gelesen, und mir ist kein Aufklärer bekannt, der der Meinung gewesen wäre, es habe vor ihm keine relevanten Gedanken gegeben.

  • zweifler sagt:

    Feannor77, Julian Apostata („der Abtrünnige“) war ein römischer Kaiser, der im 4. Jahrhundert, in bereits nachkonstantinischer Zeit, das Heidentum neu beleben wollte- ein romantisches „back to the forefathers“ sozusagen. Politikern mit einer derartigen Agenda glauben Liberale nicht unbedingt, da hast du etwas missverstanden.

  • Feanor77 sagt:

    Lieber Zweifeler, Julian (von der Kirche später als „Abtrünniger“ tituliert)hat zu einer zeit gelebt als es noch immer ein sehr starke heidnische Minderheit in Rom gab. Du hast in deinem Statement vergessen darauf hinzuweisen wie die damalige christliche Mehrheit die heidnische Minderheit bekämpfte. Schliessung heidnischer Tempel, keine Schenkungen oder Erbschaften mehr an heidnische Tempel, Auschluß von Heiden aus dem Beamtenapparat des Reiches etc. Mich erinnert das schon stark an das Wirken unserer heutigen islamischen Fundamentalisten. Schon in jener Frühzeit des Christentums unterdrückten die Christen systematisch Andersgläubige! Also bitte locker bleiben. Ich habe da nichts mißverstanden und gern überlasse ich es „den Liberalen“ selbst zu entscheiden wem sie da glauben wollen und wem nicht. Julian war ganz bestimmt nicht der „typische“ Konservative und seine Ansichten waren gewiß weitaus „liberaler“ als die seiner christlichen Gegner.
    Kaiser Julian stand für ein Rom das letztendlich mit ihm unterging. Ein heidnisches Rom in dem hunderte von Religionen und Kulten unbehelligt ihren Aktivitäten nachgingen, nach den damaligen Maßstäben eine Form religiöser Demokratie. Etwas dass sich mit dem aufkommenden Christentum radikal änderte.

    Um es auf einen simplen und leicht verständlichen Punkt zu bringen. Ich als „Liberaler“ kann mich sicher eher mit dem heidnischen Rom anfreunden, mit seinen Orgien und ungezählten religionen, als mit dem Rom der Christen und ihrer allein seligmachenden „Wahrheit“!

    Als Libraler mag ich es selbst zu entscheiden was gut für mich ist.🙂

  • saul sagt:

    Immerhin wurde er dadurch populär und das nach ca 2000 Jahre sogar ein Brennprogramm nach ihm benannt werden würde, das hätte er sich sicher nicht träumen lassen.

  • zweifler sagt:

    Deine Identifkationen sind göttlich, oh Feanor 77, aber Julian der Große war, soweit bekannt, in seinem ganzen Leben nicht in Rom, die Hauptstadt wurde schon einige Jahrzehnte vorher nach Konstantinopel verlegt. Nimm es mir nicht übel, aber ich habe Klassische Archäologie studiert, hier geht es eben zu wie bei South Park. Lass solchen Sermon auf antike Monarchen, das funktioniert nie. Julian war ein Gewaltherrscher wie seine christlichen Kollegen, um Demokratie und Toleranz ging es ihnen nicht. Wenn wir uns darauf einigen könnten, dass sich keiner dieser Herrscher zur Projektionsfläche eignet, wäre ein typischer FDOG-Konsens erreicht.

    Ok, manchmal ist es reizvoll in Frage zu stellen was in einer Zeit „konservativ“ ist, und das gilt nicht nur für das 4. Jahrhundert unserer (unserer? unserer!) Zeitrechnung. Ich hinterfragte ja auch lediglich, was jemand wie Julian mit seiner speziellen Perspektive überzeugend zur Aufarbeitung eines Sachverhaltes im 1. Jahrhundert aussagen soll, zumal eine ganze Reihe relativ zeitnaher nicht-christlicher Quellen vorliegen? Tacitus hielten viele für glaubwürdig, weil er das Christentum als Religion ablehnte, aber als konservativer Römer und Historiker war er skeptisch gegenüber dem Versuch Neros den Brand einer kleinen jüdischen Sekte anzulasten. Für ein frühchristliches Terrornetzwerk nach dem Modell von Al Qaida oder auch nur einen einzigen Massenmord im 1. Jahrhundert sehe ich bis jetzt keinen Beleg. Darum ging es mir und nicht um holzschnittartige weltanschauliche Bekenntnisse. Dass es viele Verbrechen von Christen und an Christen gab, sagte ich bereits im ersten posting.

    Grundsätzlich sollte doch wohl klar sein, das derartige buchstäblich archäologische Stellvertreterkriege (-aber gegen wen denn bloss?-) ebenso unwürdig sind wie dieses ganze kleinbürgerliche konfessionelle oder antikonfessionelle Gehacke. – Zugegeben, da gebe ich C.X. Recht, gerade die Begegnung mit den USA lässt ja erfahren, dass Menschen, deren privates Weltbild uns sonderbar oder gar absurd erschienen mag, beachtliche Leistungen für die Demokratie erbracht haben (ich grüsse alle die mich mögen, besonders die Freimaurer). Wichtiger als der „Hobbykeller“ scheint mir der Fokus auf der Verletzung der Spielregeln der offenen Gesellschaft, also die konkreten „Morde“ oder „Verbrechen“, ob die Täter christliche oder sonst wie religiöse, politische oder persönliche (Kriminalität!) Motive haben.

    Es gibt so viele Felder auf denen sich Liberale aller Konfessionen und Schulen effektvoll von altdeutschen Konservativen abgrenzen könnten – von Gleichstellung über Technologie und Sozialpolitik bis zu Wehrpflicht und Zuwanderung. Vielleicht kann man da noch ein Stück zusammenarbeiten, ich würde es jedenfalls begrüßen, wenn man sich diesen Sachthemen zuwendet, statt tatsächliche Kontroversen mit symbolpolitischen Gesten über Privates einzuebnen. Vor allem aber: Für suggestive Gleichsetzungen auf der Linie Bush–Bin Laden bzw. „Al-Qaida“ sehe ich zur Zeit weder Bedarf noch Anlass, in der gegenwärtigen Situation nützt dies eher unseren Gegnern.

    Zur Aufheiterung: Bei National Review stiess ich neulich auf eine Anzeige: Joe Scarborough: Rome wasn´t burnt in a day. The Real Deal on How Politicians, Bureaucrats, and Other Washington Barbarians are Bankrupting America. HarperCollins2004; -))

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