Antipostfaschistischer Sex

26. Januar 2006 § 8 Kommentare

Erschienen im Tagesspiegel vom 23.01.2006:

Die sexuelle Revolution der 68er knüpft lustpolitisch ans Dritte Reich an, schreibt Dagmar Herzog

Von Ingo Way

Seit Klaus Theweleits „Männerphantasien“ glaubt das intellektuelle juste milieu der Bundesrepublik, das Dritte Reich habe sich vor allem durch seinen sexualrepressiven Charakter ausgezeichnet, mit der Freizügigkeit der Weimarer Republik aufgeräumt und den Deutschen jenen „Körperpanzer“ (Wilhelm Reich) und „soldatischen Körper“ aufgezwungen, der – unfähig zu Lust und Hingabe – seine Frustration schließlich im Massenmord entladen habe. Diese deutsche Verklemmtheit sei noch in den späten 60er Jahren spürbar gewesen, bis die Studentenrevolte endlich gegen die alten Tabus aufbegehrte und dem Hedonismus wieder zu seinem Recht verhalf.

Die Historikerin Dagmar Herzog, die am Graduate Center der City University of New York lehrt, zeichnet in ihrer jüngst auf Deutsch erschienenen Studie „Die Politisierung der Lust. Sexualität in der deutschen Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts“ ein anderes Bild: Ihre These lautet, dass der Sexualkonservatismus der 50er Jahre keine Fortführung, sondern eine Gegenreaktion auf die sexuelle Libertinage des Dritten Reiches gewesen ist. Der Nationalsozialismus habe die (heterosexuellen, nichtjüdischen) Deutschen geradezu zu sexuellem Vergnügen angespornt – und dieses habe keineswegs allein bevölkerungspolitischen Zwecken gedient, sondern sei durchaus Selbstzweck gewesen. In der NS-Propaganda wimmelte es von polemischen Darstellungen bürgerlicher, spießiger Enge und Prüderie. Dem wurde die arisch-germanische „Natürlichkeit“ entgegengestellt, die Elemente aus der Lebensreform- und FKK-Bewegung in sich aufnahm. Dies sei, so Herzog, keineswegs ein Bruch mit der sexuellen Liberalisierung gewesen, die bereits mit dem Ende des Ersten Weltkrieges eingesetzt hatte, sondern deren konsequente Fortführung. Die Nationalsozialisten bemühten sich sogar, diese zu radikalisieren. So soll es 1934 eine Anweisung an alle BDM-Führerinnen gegeben haben, die ihnen anvertrauten Mädchen zum vorehelichen Geschlechtsverkehr zu animieren.

Freilich sollten die neuen Freiheiten nur für junge, gesunde Heterosexuelle gelten. Geradezu unheimlich ist der Fall des Psychotherapeuten Johannes H. Schultz, der 1920 das Autogene Training entwickelt hatte. Er verfasste nach 1933 zahlreiche Eheratgeber, in denen er gegen sexuelle Schuldgefühle anschrieb, das sexuelle Vergnügen beider Partner propagierte und dem Mann Ratschläge gab, wie er durch Stimulation der Klitoris die Lust der Frau steigern könne. Seine Erziehungsratgeber plädieren geradezu für sanfte, partnerschaftliche, ja, antiautoritäre Kindererziehung, ganz im Widerspruch zum Ideal des „soldatischen Mannes“ (Theweleit). Gleichzeitig entwickelte Schultz eine spezielle „Psychotherapie“ gegen Homosexualität, an deren Ende der (unfreiwillige) Patient im Beisein von Schultz Geschlechtsverkehr mit einer Prostituierten ausüben musste. Gelang ihm dies nicht, wurde er in ein Konzentrationslager eingewiesen. Die unerwünschten Seiten der Sexualität – die als dekadent und ,entartet’ galten – wurden wiederum als ,jüdisch’ klassifiziert.

Die Gegenbewegung gegen die sexuelle Liberalisierung wurde nicht von den Nationalsozialisten initialisiert, sondern bereits während der Weimarer Republik vor allem von den christlichen Kirchen. Auffallend ist folgerichtig die massive antikirchliche Propaganda schon in den frühen Jahren des Dritten Reiches. Vor allem in der NS-Zeitschrift „Das Schwarze Korps“ goss man kübelweise Spott über die „klerikalen ,Moral’eiferer“ aus, die den rassereinen Germanen ihr Vergnügen verderben wollten.

Die christlichen Kirchen verfolgten in dieser Zeit ein doppeltes Spiel. Viele Kirchenvertreter hatten sich im Nationalsozialismus zunächst einen Verbündeten im Kampf gegen Sittenverfall und Libertinage erhofft, wandten sich jedoch schon bald enttäuscht ab, weil ihnen das Neuheidentum der Nazis, ihr Körperkult, ihre Antibürgerlichkeit, die laxe Haltung zur Ehescheidung seit 1938 mehr als suspekt waren. Doch dies brachte die Kirchen und die meisten Christen nicht zu einer grundsätzlich oppositionellen Haltung. Über die tatsächliche und vermeintliche sexuelle Libertinage entrüstete man sich; gegen den Antisemitismus, die Nürnberger Gesetze, die zunehmende Entrechtung der Juden, die Deportation bis hin zur Vernichtung erhoben die wenigsten ernsthafte Einwände.

Das hinderte die Kirchen nicht daran, sich nach dem Krieg als die konsequentesten Nazigegner darzustellen und mit dem Verweis auf die Sittenlockerung des Dritten Reiches, die zu Auschwitz geführt habe, ihre eigenen Moralvorstellungen unangreifbar zu machen, etwa in Fragen wie Ehescheidung, Abtreibung oder Homosexualität. Herzog interpretiert die Prüderie der 50er Jahre als eine Art Übersprungshandlung angesichts der Verbrechen der Nazizeit: Man verschob Fragen von Ethik und Moral auf den privaten, sexuellen Bereich, um sich mit der eigenen Schuld am Völkermord nicht auseinander setzen zu müssen.

Die Jugendrevolte der späten 60er Jahre richtete sich denn auch gegen die bedrückende sexuelle Enge in der Bundesrepublik, die – laut Herzog fälschlicherweise – als Erbe des Dritten Reiches gedeutet wurde. Das Aufbegehren gegen unbefriedigende Lebensverhältnisse konnte dergestalt als verspäteter antinationalsozialistischer Widerstandskampf dargestellt werden. Dabei war die 68er-Revolte, so Herzog, weniger antifaschistisch denn „antipostfaschistisch“. In diesem Klima entstand der Mythos vom durchgängig sexualfeindlichen Nationalsozialismus, der nun in den WG-Betten nachholend bekämpft wurde.

 
 
 
 
 

Wie sehr das Sexualverhalten in Deutschland mindestens bis in die 70er Jahre mit Verhaltensdispositionen aus der Zeit des Dritten Reichs verwoben blieb, das ist die beklemmendste Erkenntnis aus Dagmar Herzogs historischem Bogen. Das stärkste und erkenntnisfördernste Kapitel ist dabei dasjenige über das Dritte Reich. Leider ist es Herzogs Anspruch, mit ihrer Geschichte der Sexualität in Deutschland das gesamte Jahrhundert abzudecken, und so ziehen sich die Kapitel über die „neue Innerlichkeit“ der 70er Jahre, die Sexualpolitik der DDR und die Veränderungen im Sexualverhalten der Deutschen seit der Wiedervereinigung dahin, ohne neue Erkenntnisse zu liefern. Was stört, sind außerdem die trotz allem seltsam unkritische Haltung gegenüber den 68ern und den neuen sozialen Bewegungen der 70er Jahre sowie ihre beinahe begeisterte Darstellung der Sexual- und Familienpolitik der DDR, die sie geradezu als feministisches Musterländle darstellt, wobei fast völlig aus dem Blickfeld gerät, dass es sich bei ihr um eine Diktatur gehandelt hat. Hier trübt eine Voreingenommenheit den wissenschaftlichen Blick. Die erste Hälfte von Dagmar Herzogs Buch bleibt aber unbedingt lesenswert.

– Dagmar Herzog: Die Politisierung der Lust. Sexualität in der deutschen Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts. Siedler Verlag, München 2005. 431 Seiten, 24,90 Euro.

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§ 8 Antworten auf Antipostfaschistischer Sex

  • Interessante These. Aber selbst wenn sie zutrifft: es ändert nichts am Wesen, der Intention wie den Ergebnissen des Nationalsozialismus. Typisch ist, dass die Nazis sich nahezu jeder beliebigen Strömung bedient haben, um sie ihrer menschenfeindlichen Ideologie einzuverleiben. (Die DieFokussierung auf „junge gesunde“ Heteros – unter Ausschluß jeder anderen Sexualneigung und -sitte – spricht denn auch Bände: mit irgendeiner Art tatsächlicher Freiheit, gar sexueller, kann eine solche Einschränkung nichts zu tun haben.

    Entsprechende Propaganda zielte einfach darauf ab, auch sexuell libertine „Lebensreformer“ usw. dem Sog des rassistischen Vernichtungswillens einzuverleiben.

    Außerdem gab es keine einheitliche Haltung „der Nazis“ gegenüber der Sexualität und (nicht zu verwechseln) der Körperlichkeit. Der Körperkult („zäh wie Lederrr, flink wie die Winntt-Hunde, harrrrrrttt wie Krrrrupppstahl“) zog sich zwar quer durch die Nazi-Ideologie, die Körperdarstellung der offiziellen NS-Kunst mit ihren zahlreichen Akten und Halbakten und in der NS-Propaganda ist in aller Regel auffällig un-erotisch.
    Elemente aus der Lebensreform- und FKK-Bewegung nahmem unterschiedliche Nazis unterschiedlich in ihre Agenda auf.
    Es gab ausgesprochen „prüde“ Naziführer mit einem hochgradig verklemmten Verhältnis zum Sex – Hitler persönlich ist das beste Beispiel. Dann gab es die „Heuchler“, die wie Hermann Göring und Joseph Goebbels, privat ein „unmoralisches“ Sexleben hatten, nach außen aber die traditionell bürgerliche Sexualmoral hochhielten. Wichtig in der „Kampfzeit“ vor 1933 war die Polemik der SA gegen die bürgerlich-verklemmte, miefig-spießige Moral – wozu die Homosexualität des SA-Reichsführers Ernst Röhm sicher einiges beitrug. Nach der Ermordung Röhms und vieler seiner Freunde und Anhänger und der Entmachtung der SA 1934 gab sich die NS-Propaganda betont konservativ und von da ab (!) extrem homosexuellenfeindlich. Es gab aber auch führende Nazi mit sexuell aufgeladenen „Menschenzüchtungsphantasien“, vor allem in der SS (SS-Reichsführer Heinrich Himmler war zwar eher „verklemmt“, aber solchen Phantasien zumindest nicht abgeneigt) – die sich in der SS (und auch in der HJ incl. BDM) weit verbreiteten.
    MM

    Die im Artikel angesprochenen Darstellungen im SS-Blatt „Das schwarze Korps“ ordne ich in diesen Zusammenhang ein.

    Von einer „bruchlosen“ Fortsetzung der sich liberalisierenden Sexual- und Körpermoral der Zeit der Weimarer Republik in der Nazizeit kann meiner Ansicht nach nicht die Rede sein.

  • Christian Wagner sagt:

    Die arisch-germanische „Natürlichkeit“ stelle ich mir ungefähr so lebendig vor wie ich einen Porno für den Ausdruck von Spontaneität halte. Ich bezweifle, dass man die Reichsche Theorie über den Körperpanzer so nonchalant wegwischen kann: Schließlich sagen die Aufforderung zu vorehelichem Geschlechtsverkehr und die Eingemeindung von FKK-Kultur noch lange nichts über die Fähigkeit zu Hingabe und Lust aus.

  • @ Christian Wagner: dem stimme ich völlig zu!
    Zu den „68ern“ – zumindest Ingo Ways Verknappung der Thesen Herzogs auf die Behauptung, die „68er“ hätten mit ihren Ambitionen bezüglich „sexueller Revolution“ an Traditionen des „Dritten Reiches“ „angeknüpft“, verdreht die Tatsachen auf reisserische Weise.
    Man kann den „68ern“ ja Einiges nachsagen, was auch und gerade im Widerspruch zu deren propagierten Absichten und halbgar gescheiterten Träumereien steht. Eine ihrer wesentlichen Triebfedern war dynamisches Unbehagen an kleinbürgerlicher Doppelmoral der damals noch straff obrigkeitsstaatlich orientierten Mehrheit in der BRD. Das ging direkt gegen die (nach der Kapitulation freilich auf „zivil“ runtergeduckten, aber nach wie vor inhärent präsent gewesenen) Werte der Nazigeneration, die in zunehmenden Widerspruch zur – dadurch lange Zeit „ungelebten“, unausgeschöpften (weil anfangs nur zwangsverordneten) – Demokratie und ihren kategorischen Freiheitsversprechen gerieten. Von einem damaligen „Anknüpfen“ der sog. „68er“ an auch nur halbwegs konkret nationalsozialistische Tendenzen kann aber keine Rede sein.

  • Ingo Way sagt:

    Herzogs These ist ja nicht – und das hoffte ich in meiner Rezension auch deutlich gemacht zu haben -, daß die 68er „mit ihren Ambitionen bezüglich ’sexueller Revolution‘ an Traditionen des ‚Dritten Reiches‘ ‚angeknüpft'“ haben (das steht nämlich weder im Buch noch in der Rezension – erst lesen, dann kritisieren), sondern daß Prüderie und Sexualtabus fälschlich als Traditionen des Dritten Reichs gedeutet wurden, obwohl sie in ihrer damaligen Form genuine Produkte der fünfziger Jahre waren.

    Die Kritik an den 68ern besteht darin, sich im befreiten Sex zu nachträglichen antifaschistischen Widerstandskämpfern stilisiert zu haben. Keineswegs soll damit der damals bitter notwendige Kampf um sexuelle Liberalisierung delegitimiert werden. (Ich bin bestimmt der letzte, der etwas gegen’s Vögeln hat.) Doch da haben die seinerzeit als spießig und „bürgerlich“ diffamierten Kolle und Uhse wahrscheinlich größere Verdienste als die 68er mit ihrer verkrampften Politisierung der Sexualität. Das Private war auch damals schon privat.

  • thomas hannibal sagt:

    seltsame deutsche debatte.
    wären die nazis richtig liebenswürdig gewesen, wenn sie, wie von den einen erwartet, sexuell liberal, oder nett, wenn sie, wie von anderen gewünscht, sexuell restriktiv gewesen wären? immer wieder eigenartig, zu hören, wie deutsche leute sich über die nazis beschweren, weil sie bekämpft hätten, was die deutschen leute gut finden.
    wären die nazis eine tolle sache gewesen (, was sie ja für vieleviele waren), wenn sie freie homosexualität propagiert hätten, oder goebbels sich damit durchgesetzt hätte, die expressionisten zu den germanischen staatskünstlern zu machen, wie er es vorgehabt hatte, und deren reproduzierte bilder hinterher die deutschen stuben schmückten? himmler und sein führer waren verklemmt? besser, die wären nicht verklemmt gewesen? der röhm war ein liberaler sympath mit seiner homosexuellen libertinage? in meiner kindheit gab es ja so röhm-legenden, die dem kinde schwer erklärlich waren, aber den eindruck hinterliessen, es ginge immer darum, von den verschiedenen nazi-gangs die irgendwann mal unterlegenen des braunen gang-krieges zu besseren zu erklären, die recht eigentlich ganz anders gewesen wären. aber jedes alte kind sollte doch wissen, dass die erwachsenen sich damals selber meinten, immer als gewesenes mitglied der einen oder anderen braunen gang. eine sogenannte bürgerliche moral hatten die jedenfalls nicht im sinn, und eine ganze generation, die sich in der welt derartig ausgetobt hatte, war sexuell gewiss nicht sonderlich privatisierend zurückhaltend gewesen, solange es ging. die „dem sog des rassistischen vernichtungswillen einverleibten sexuell libertinen lebensreformer“ hatten sich ganz gerne einverleiben lassen, damit sie sich libertin austoben konnten, denn die herrenrasse hat schliesslich jedes recht zur libertinage. in der sa-„kampfzeit“ stand eine „polemik gegen die bürgerlich-verklemmte, miefig-spiessige moral“? da sehen wir, wie progressiv der deutsche ist . ( und der schwule sa-röhm war. ) mit öffentlichem zwangssex sind wir heute noch beschäftigt, als wiedergänger antibürgerlicher sogenannter liberaler sexueller „kulturen“, die in der weimarer republik den nazis die jugendkultigen formen geliefert hatten, mitsamt personal.
    – gemeine frage: warum erinnert mich der feminismus so oft an den bund deutscher mädchen, und unser deutsches öko-outfit in den siebzigern und achtzigern an papis kurzhosige hj? warum kleiden wir uns antibürgerlich und gerne schlecht, wie kein italiener?

  • @ Ingo Way: stimmt, dass die 68-er an die Nazis angeknüpft hätten, stand nicht in Ihren Rezension. Hier habe ich überinterpretiert. Allerdings habe ich so meine Probleme damit, die Politisierung der Sexualiät von Staates wegen zwecks Erhöhung der Zufriedenheit der „Volksgenossen“ und der Zucht möglichst zahlreichen erbgesunden Nachwuchses bei den Nazi in einen Sinnzusammenhang mit der immerhin emanzipatorisch und anti-autoritär (bis manchmal anachistischen) Politisierung der Sexualität durch einige 68er zu stellen. Außerdem wehrten sie sich m. E. gegen eine „deutsche Verklemmtheit“, die die restriktiven 50er Jahre sowie das 12-jährige Reich prädatierte und deren Wurzeln weit ins 19. Jahrhundert zurückgingen. (Was zumindest die Reich.-Leser unter den 68ern auch wußten.)
    Die Neigung, sich nachträglich als „antifaschistische Widerstandskämpfer“ sehen zu wollen, zog sich (nicht nur) bei den 68er wie noch in der „Sponti“ und Alternativ-Szene der 70er und 80er Jahre durch und durch. Das wirkt aus heutiger Sicht zwar grotesk, aber damals war es m. E. wohl eine psychologische Notwendigkeit.

  • thomas hannibal sagt:

    @martin marheinecke: was ist das, „deutsche verklemmtheit“?

    wieso war himmler, wie Sie schreiben, „sexuell aufgeladenen“ züchtungsphantasien nicht abgeneigt, obwohl er doch eher verklemmt war? soll ich jetzt gut finden, dass der verklemmte sexuelle phantasien hatte? soll der mir leid tun für verklemmtheit?
    wieso sind völkermassenmörder eigentlich verklemmt? ich mein, unverklemmter geht`s doch gar nicht, oder? die enthemmung des herrenvolks war doch das ziel.
    kürzlich hörte ich, dass die nazis in österreich beim ersehnten anschluss von jungen leuten, die unter dem katholischen austrofaschismus gelitten hatten, durchaus als antiautoritär und emanzipativ empfunden wurden. sie haben dann ja auch gemeinsam mit den deutschen volksgenossen ihre massenvergewaltigungsphantasien grossherzig ausgelebt. natürlich muss man dazu „bürgerliche“ regelmechanismen, auch von sexualität und ihren privaten charakter, aufheben. sonst funktioniert das nicht. man muss überhaupt gelungene kultur aufheben und deren nicht so libertinen repräsentanten morden, damit die volksbefriedigung klappt, durch die der einzelne teilhabe am herrischen volkskörper erhält.
    zuletzt: ja, es war eine „psychologische notwendigkeit“ der sponti-und altenativszene der siebziger-, achtzigerjahre den antifaschistischen widerstandskämpfer zu geben. davon weiss ich allerdings etwas! seitdem fühlt sich überhaupt jeder im recht und für nicht verantwortlich. seitdem gibt es überhaupt keinen mehr, dessen familie in den nazijahren nur schon gelebt hätte. irgendwie waren die alle gar nicht da. beim beliebten feministischen trümmerfrauenmythos ist keine rede mehr davon, dass er seinen anfang in der libidinösen verpflichtung unserer deutsche mütter hitler gegenüber gehabt hatte. ist natürlich super, wenn bei dieser allgemeinen volksentsschuldung sexuell auch wieder was abfällt. obendrein dürfen wir auch noch in sexueller hinsicht unermüdlich im antibürgerlichen widerstand sein.

  • Go West! sagt:

    Zur Ergänzung eine Rezension von Sven Reichardt, Universität Konstanz.

    Sein Fazit: „Dass allein Erbe und Erinnerung an den Nationalsozialismus den wechselhaften Verlauf der deutschen Sexualpolitik bestimmte, mag man aufgrund ähnlicher Diskursverläufe und Entwicklungen in anderen westeuropäischen Gesellschaften, die dieses Erbe nicht zu vergegenwärtigen hatten, letztlich bezweifeln.“
    http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2006-2-038

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