Hitchens über Fukuyama

8. März 2006 § 5 Kommentare

Im New York Times Magazine vom 19. Februar (leider nicht kostenlos online) verkündete der neokonservative Vordenker Francis Fukuyama seinen Abschied von den Neokonservativen und erklärte seine Ablehnung des Irakkrieges. Christopher Hitchens polemisiert im Slate Magazine gegen Fukuyama – mit Argumenten, die auch für die hiesige Debatte nützlich sind. (Übersetzung: I.W.)

Das Ende Fukuyamas

Von Christopher Hitchens

Die vergangene Woche muß für Francis Fukuyama enttäuschend gewesen sein, da sein siebenseitiger Essay im New York Times Magazine „After Neoconservatism“ wegen der anti-dänischen Ausschreitungen und der Zerstörung der Goldenen Moschee in Samarra ziemlich untergegangen ist. Wer interessierte sich da für diesen groß angekündigten Austritt aus der neokonservativen Kirche? Eigentlich schade, denn Fukuyamas Essay enthält einige interessante Punkte.

Man muß jedoch sagen, daß Fukuyama es einem schwer macht, sich auf seine Inhalte zu konzentrieren. Er bedient sich aus einem Arsenal an Phrasen und stehenden Redewendungen, die in seinem inneren Textverarbeitungsprogramm gespeichert sind, so dass er nur auf eine bestimmte Taste drücken muss, um den ganzen Satz fertig zu haben. So erfahren wir gleich im ersten Absatz, daß der Irak zu einem „Magneten“ für Dschihadisten geworden ist, etwas später, daß die Demokratisierungsrhetorik sowohl von der Linken als auch von der Rechten kritisiert wurde, daß die Neokonservativen „übers Ziel hinausgeschossen“ sind, und schließlich, daß es „kein Zufall“ sei, daß viele Neokonservative früher „Trotzkisten“ waren.

Nicht jeder wird die unironische Schönheit dieser letzten beiden Formulierungen zu würdigen wissen. Bestimmten linken Sektierern werden sie jedoch gefallen. Die Worte „Es ist kein Zufall, Genossen“ entstammen der stalinistischen Mottenkiste. (Genauso wie die Bezeichnung Andersdenkender aus den eigenen Reihen als „Trotzkisten“.) Das ist keine Überinterpretation, denn Fukuyama erklärt uns, daß das Buch, mit dem er berühmt wurde („The End of History and the Last Man“), „eine quasi marxistische Geschichtsphilosophie enthielt, die nur nicht den Kommunismus sondern die liberale Demokratie als Endziel der Geschichte sah“. Doch leider wurde seine reine marxistische Lehre alsbald von Leuten wie William Kristol und Robert Kagan verschmutzt, deren Position „im Gegensatz zu meiner leninistisch war. Sie glaubten, daß die Geschichte voluntaristisch und mit dem Einsatz von Macht vorangetrieben werden könne. In seiner bolschewistischen Version war der Leninismus eine Tragödie, und in den Vereinigten Staaten kehrt er nun als Farce zurück.“ (Man beachte, daß sogar dieser Fürsprecher eines neuen außenpolitischen Realismus nicht widerstehen kann, dieses ausgelutschte Marx-Zitat zu verwenden.)

Dafür, daß Fukuyama so sehr damit angibt, wie gut er sich mit Marxismus und Straussianismus auskennt, ist es erstaunlich flach, was er über diese Theorien schreibt. Es ist noch nicht einmal eine Parodie auf den Trotzkismus, wenn man ihm unterstellt, er habe aus dem Stalinismus vor allem die Lehre gezogen, „daß es gefährlich ist, wenn man gute Absichten übertreibt“. Und es ist weniger als eine Halbwahrheit, zu behaupten, diejenigen, die für eine Irakintervention eingetreten sind, hätten „das Fehlen von Demokratie im Nahen Osten als ‚Wurzel’ des Terrorismus ausgemacht. Sie glaubten, die USA seien klug genug und fähig, dieses Problem zu lösen, und der Irak ließe sich schnell und komplikationslos demokratisieren.“

Von jemandem, der an einer öffentlichen Debatte teilnimmt, kann man verlangen, daß er die Position seines Gegners wenigstens korrekt wiedergibt. Fukuyama versagt hier völlig. Die Phrase „Wurzeln des Terrorismus“ wurde von den Neokonservativen ironisch verwendet, um sich über diejenigen lustig zu machen, die Armut und soziale Ausgrenzung für die „Wurzeln“ des Terrorismus hielten. Es ging auch nicht darum, dass es im Nahen Osten „zu wenig Demokratie“ gab, sondern daß einer der einflussreichsten Staaten der Region eine instabile und destabilisierende Diktatur mit einem Psychopathen an der Spitze war. Es gab auch keine Illusionen über die Geschwindigkeit oder Leichtigkeit der Systemveränderung, sondern lediglich die Überzeugung, daß jedwede Veränderung eine Verbesserung gegenüber Saddam sein würde. Was den Neokonservativen seinerzeit zum Vorwurf gemacht wurde, war, daß sie Saddam sogar schon vor dem 11. September loswerden wollten. Dieser „Vorwurf“ stimmte tatsächlich, was Fukuyama natürlich weiß, und er gereicht den Neokonservativen zur Ehre.

Jeder, den wegen seiner Position zum Irakkonflikt Zweifel überkommen, sollte sich drei Fragen stellen. Erstens: Hat die Regierung von Bush senior richtig gehandelt, als sie Saddam Hussein nach seiner Vertreibung aus Kuwait an der Macht beließ? Zweitens: Haben wir aufgrund fehlgeschlagener Interventionen in der Vergangenheit und der moralischen Probleme, die das Sanktionsregime aufwarf, nicht eine besondere Verantwortung für den Irak? Drittens: Wenn es stimmte, daß eine weitere Konfrontation mit Saddam unausweichlich war, war es dann nicht besser, dass wir, und nicht er, den Zeitpunkt wählten? Fukuyama zieht solche Fragen nicht einmal in Erwägung. Stattdessen suggeriert er, daß die Fanatiker und Kopfabschneider eine Antwort auf amerikanische Fehler und Verbrechen seien, indem er den Nachkriegsirak leger als „Magnet“ für Terroristen bezeichnet.

Daher dürften ihn die Ereignisse der letzten Wochen in Verlegenheit bringen. Die überbordende islamistische Hysterie über die dänischen Karikaturen hat gezeigt, daß der Westen niemals sicher sein kann, alles zu vermeiden, was Dschihadisten erzürnen könnte. Die schiere Bösartigkeit, mit der der Schrein des 12. Imam zerstört wurde, ist Teil eines inner-muslimischen Bürgerkrieges, der schon lange begonnen hatte, bevor Al-Qaida auf den Zug aufsprang und diesen Krieg in die nichtmuslimische Welt hineintrug. Ja, wir haben die Grausamkeit und Unnachgiebigkeit der Dschihadisten im Irak tatsächlich unterschätzt. Wann und wo, ließe sich fragen, hätten wir diese Bewegungen und ihren Einfluß nicht unterschätzt? (In Nigeria zum Beispiel unterschätzen wir sie noch immer.)

Angesichts dieser globalen Bedrohung und ihrer jüngsten rapiden Ausweitung auf europäisches und amerikanisches Gebiet macht Fukuyama den Vorschlag, „das State Department, USAID, das National Endowment for Democracy und dergleichen“ finanziell besser auszustatten. Das ist das schönste „und dergleichen“, das ich je gelesen habe. Hegel trifft Karen Hughes! Wer weiß, vielleicht plant irgendein Genie in der CIA gerade, eine Neuauflage der Zeitschrift „Encounter“ zu finanzieren, die man dann an die Intellektuellen in Kaschmir, Kabul oder Kasachstan verteilen kann? An sich keine schlechte Idee, aber kein Ersatz für eine kampferfahrene Armee, die sich im Krieg gegen Schurkenstaaten wirklich auskennt. Ist tatsächlich jemand naiv genug zu glauben, wir könnten darauf in naher Zukunft verzichten?

Sowohl an meinen ehemaligen trotzkistischen Genossen als auch an meinen derzeitigen neokonservativen Verbündeten habe ich einiges zu kritisieren. Doch über erstere kann ich sagen, daß sie Hitler und Stalin kommen sahen – auch daß die scheinbaren Feinde eines Tages gemeinsame Sache machen würden – und alles taten, um die Welt zu warnen. Von den letzteren kann ich sagen (über erstere leider nicht), daß sie Milosevic, Saddam und die Taliban richtig einschätzten und wußten, daß man sie lieber früher als später bekämpfen sollte. Fukuyamas Essay verrät den geheimen Wunsch eines Akademikers, wieder in „normalen“ Zeiten zu leben, in der „die Autorität der außenpolitischen ‚Realisten’ in der Tradition Henry Kissingers wiederhergestellt“ ist. Das wird nichts werden, Francis! Kissinger ist mittlerweile scheintot, und die Erinnerung an seinen geliebten Diktatorenclub noch zu frisch, um so etwas ehrwürdiges wie eine „Tradition“ begründen zu können. Wenn man schon kein Gespür für Politik hat, dann doch bitte wenigstens eines für Geschichte. Francis Fukuyama fehlt beides.

§ 5 Antworten auf Hitchens über Fukuyama

  • Paul13 sagt:

    Brilliant!!!

  • Michael Holmes sagt:

    Sehr schön! Fukuyama hatte ja recht darauf zu insistieren, dass es nicht selten leichter ist einen Krieg zu gewinnen als eine halbwegs stabile Demokratie mit halbwegs prosperierender Wirtschaft aufzubauen. Bei all der Liebe zum Nation Building hat er aber wohl vergessen, dass manche Rogue States erstmal „abgebaut“ werden müssen, bevor man überhaupt irgendetwas sinnvolles aufbauen kann.

  • Go West! sagt:

    „Im New York Times Magazine vom 19. Februar (leider nicht kostenlos online) verkündete der neokonservative Vordenker Francis Fukuyama …“

    Der Essay ist offenbar doch kostenlos online: hier

  • Ingo Way sagt:

    Stimmt. Danke für den Hinweis!

  • Fukuyamas Götterdämmerung…

    Francis Fukuyamas Abkehr vom Neo-Konservativismus in den USA geistert schon seit ein paar Wochen durch die Weltpresse und die Blogosphäre. Im Jahr 1992 hatte der einflußreiche Politologe prophezeit, dass mit der weltweiten Durchsetzung der liberalen…

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