Antisemitische Antisemitismusforscher

19. März 2006 § Ein Kommentar

Micha Brumlik beschreibt, wie der Leiter des Evangelischen Studienwerks Villigst, Klaus Holz, versucht, Rufmord an dem Politologen Lars Rensmann zu begehen:

(…) seit den Gaskammern von Treblinka und Birkenau steht jeder, dessen Meinungen als antisemitisch bezeichnet werden, unter dem nicht ganz unbegründeten Generalverdacht, den Tod von Juden mindestens billigend in Kauf zu nehmen. Das hat dazu geführt, dass der Vorwurf des Antisemitismus als eine der schlimmsten Beleidigungen gilt, die man sich jenseits des gewiss nicht kleinen rechten Milieus zufügen kann. Anders ist nicht zu erklären, warum derzeit respektable Institutionen und Personen ihr Ansehen damit ruinieren, an einem ausgewiesenen Antisemitismusforscher, dem Politologen Lars Rensmann, der an der Universität Potsdam lehrt und forscht, einen strategisch geplanten Rufmord zu verüben. An diesem Unternehmen ist nicht nur der Antisemitismusforscher Klaus Holz, der Kulturwissenschaftler Matthias Lorenz, das Evangelische Studienwerk Villigst, sondern vor allem eben auch die unverzichtbare Internetrezensionszeitschrift der Berliner Humboldt-Universität mit dem sperrigen Namen HSozKult beteiligt. (…)

Am 25. Januar dieses Jahres publizierte HSozkult eine Rezension zum Buch „Die Gegenwart des Antisemitismus. Islamische, demokratische und antizionistische Judenfeindschaft“ von Klaus Holz, derzeit Studienleiter im Evangelischen Studienwerk. Die Rezension entstammt der Feder des Kulturwissenschaftlers Matthias Lorenz (…) Seine überaus wohlwollende Besprechung besteht vor allem aus der Kritik eines ganz anderen Buches, einer präzisen, vorzüglichen Studie, die der Potsdamer Politologe Lars Rensmann unter dem Titel „Demokratie und Judenbild“ 2004 publiziert hat.

Dort hat Rensmann als Beleg für die Virulenz antisemitischer Wahrnehmungsmuster auf der Linken eine vor mehr als drei Jahren in der Zeitschrift Jungle World erschienene Kritik von Klaus Holz, Enzo Traverso und Elfriede Müller an der „antideutschen“ Solidarität mit dem Staat Israel zitiert und den Autoren eine möglicherweise antisemitische Wahrnehmungsstruktur unterstellt. (Dieses unglaubliche Dokument findet sich hier; I.W.) Rensmann begründete das mit dem Umstand, dass Holz unter anderem in der Jungle World nicht nur ganz ungebrochen von Israels „Staatsterrorismus“ schreibt, sondern zugleich die Auffassung vertritt, dass der palästinensische Terror als Reaktion auf diesen „Staatsterrorismus“ zu erklären sei. Gegen diese Kritik Rensmanns bringt Lorenz schwerstes Geschütz in Stellung: „Rensmann gebärdet sich in seiner Dissertation wie ein ,Goldhagen der Antisemitismusforschung‘ “ – als ob Goldhagens Annahme eines „eliminatorischen Antisemitismus“, wissenschaftlich gewiss bestreitbar, nun nicht nur korrekturbedürftig, sondern geradezu unmoralisch sei.

(…) Wenige Tage später publizierte HSozKult nun eine weitere Rezension zu Rensmanns Buch, was nach dem tendenziösen Beitrag von Lorenz nur angemessen gewesen wäre. Allein: Der neue Rezensent kann auch beim allerbesten Willen nicht als objektiv gelten, handelt es sich doch um niemand anderen als den von Rensmann kritisierten Klaus Holz selbst, was jeder professionellen Ethik des Rezensionswesens ins Gesicht schlägt. Damit jedoch kein Ende: Holz veröffentlicht seine Polemik auch noch auf der hauseigenen Website des Evangelischen Studienwerks unter der Rubrik „Schriftenreihe“. Ein Fall für den Vorstand des Studienwerks, der darauf achten sollte, dass sein Ruf nicht, wie schon in den Siebziger- und Achtzigerjahren, durch den politischen Aktivismus seiner Studienleiter in ein schiefes Licht gerät.

(…) Tatsächlich handelt es sich bei den Einlassungen von Lorenz, Holz und anderen um ein weiteres, letztes Gefecht einer unbelehrbaren Linken, die der Auffassung ist, dass der Staat Israel sich den Terrorismus letztlich selbst zuzuschreiben hat. Dieser Auffassung hat sich eigenartigerweise auch die liberale Zeit angeschlossen, als sie es Holz erlaubte, in einem Beitrag mitzuteilen, dass sich der islamistische Hass zumal von Palästinensern gegen Israel von allen Formen des historisch bekannten Antisemitismus dadurch unterscheide, dass es diesmal nicht nur um paranoide Wahnideen, sondern um reales Verhalten von Juden gehe. Als ob es nicht wirklich jüdische Wucherer, mörderische jüdische Bolschewiki sowie raffgierige jüdische Hausherren im Frankfurter Westend gegeben hätte.

Sowenig diese Umstände Judenhass erklären und rechtfertigen können, so wenig ist die israelische Besatzungspolitik für den genozidalen Hass auf den israelischen Staat verantwortlich zu machen. Das aber ist letztlich die These von Klaus Holz – und zwar seit mehreren Jahren. (…)

(…) Tatsächlich habe ich Anfang der Achtzigerjahre zu Protokoll gegeben, mich angesichts der von Scharon verantworteten Massaker in Sabra und Schatila an Babi Jar erinnert zu fühlen. Würde mir jemand deshalb Antisemitismus vorhalten – ich würde schlucken und erst einmal nachdenken, anstatt mich – wie Holz und Co – auf einen ebenso lächerlichen wie rufmörderischen Kriegspfad zu begeben. (…)

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