Joschka, ein verkappter Neocon?

9. Mai 2006 § Hinterlasse einen Kommentar

Im gestrigen Tagesspiegel erschien meine Rezension des letzten Buches von Paul Berman „Idealisten an der Macht. Die Passion des Joschka Fischer“, aus Platzgründen geringfügig gekürzt. Hier die Manuskriptfassung:

„I am not convinced“, schleuderte Joschka Fischer auf der NATO-Sicherheitskonferenz im Februar 2003 dem amerikanischen Verteidigungsminister Donald Rumsfeld entgegen, der daran erinnert hatte, dass der geplante Krieg gegen den Irak auch ein Krieg gegen eine totalitäre Diktatur wäre und somit auch für Befürworter humanitärer Interventionen zustimmungsfähig sein müsste. Der linksliberale Historiker Paul Berman hatte den Irakkrieg aus eben solchen Gründen befürwortet, und seinem Buch „Idealisten an der Macht“ merkt man die Enttäuschung über seinen Freund Joschka Fischer an. Warum hat Fischer eine humanitäre Intervention im Irak nicht gutgeheißen?

Um diese Frage zu klären, schlägt Berman einen historischen Bogen zum Jahr 1969, in welchem Fischer den PLO-Kongress in Algier besucht hatte, auf dem die Auslöschung Israels gefordert worden war. In der sogenannten Fischer-Affäre des Jahres 2001 war dies einer der Vorwürfe, die gegen den deutschen Außenminister erhoben wurden, nachdem Fotos aufgetaucht waren, die den Straßenkämpfer Fischer beim Verprügeln eines Polizisten zeigten.

Die These Bermans lautet, Fischer sei keineswegs der machtbewusste Windhund, als der er von Kritikern oft gesehen wird, sondern seit jeher von Überzeugungen geleitet, die sein Leben lang ziemlich konstant blieben. Damit sei er repräsentativ für seine Generation der 68er, jedenfalls für den libertären, nichtstalinistischen Teil davon. Bermans Buch ist ein einziges Plädoyer für die freiheitlichen und anarchistischen Impulse von 68, die er gegen die maoistischen und terroristischen Verirrungen, gegen das K-Gruppen-Unwesen und den antizionistischen Antisemitismus verteidigt. In der Fischer-Affäre von 2001 waren die inkriminierenden Fotos durch Bettina Röhl lanciert worden, und Berman sieht darin den Ausdruck eines Tribunals der nachfolgenden Generation gegen ihre 68er-Eltern (in diesem Falle gegen Ulrike Meinhof), von denen sie sich vernachlässigt fühlte. Röhl, so Berman, agierte wie eine Figur aus einem Roman von Michel Houllebecq.

Die Abkehr des „libertären“ Teils der 68er vom Kult der Gewalt und der Revolution sei durch zwei schockierende Ereignisse bewirkt worden: Entebbe und Kambodscha. Deutsche Terroristen der Revolutionären Zellen hatten gemeinsam mit Mitgliedern der Volksfront für die Befreiung Palästinas (PFLP) ein Flugzeug der Air France nach Entebbe in Uganda entführt und die jüdischen Passagiere zur Exekution „selektiert“. Entebbe stand für Antisemitismus, das Kambodscha der Roten Khmer für Völkermord. Jenen Teil der Linken, der danach so weitermachte wie bisher, scheut sich Berman nicht, als faktisch nazistische Bewegung zu bezeichnen. Ein anderer Teil der Linken wandelte sich unter diesem Schock allerdings zu liberalen Antitotalitaristen, ähnlich wie die Neuen Philosophen in Frankreich im Gefolge André Glucksmanns (einem häufigen Gast in Fischers Frankfurter WG), wenngleich weit weniger entschieden und weit mehr alten linken Denkmustern verhaftet. Zu diesen habe auch Joschka Fischer gehört, nicht zuletzt wegen des Einflusses, den Daniel Cohn-Bendit auf ihn ausgeübt habe.

Glucksmann entwickelte schon seit 1978, seit seinem Engagement für die vietnamesischen Boat People, die Idee des humanitären Interventionismus. Anders als Bernard Kouchner, ein weiterer 68er, der mit seiner Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ humanitäre Hilfe leistete, merkte Glucksmann rasch, dass es zur Verhinderung humanitärer Katastrophen oft robuster militärischer Mittel bedarf. Die demokratische Linke in Deutschland folgte diesem Gedanken erst 1991, nach der irakischen Invasion in Kuwait. Cohn-Bendit war damals einer der Fürsprecher einer amerikanischen Intervention. Mit den Balkankriegen im Verlauf der neunziger Jahre stellte sich immer mehr die Frage, wer und mit welchen Mitteln Massaker und Vertreibungen verhindern könne. Auf die außenpolitischen Realisten vom Schlage Kissingers war diesbezüglich kein Verlass. Die Realisten waren strikt gegen eine westliche Intervention auf dem Balkan, unter anderem, weil sie das Verhältnis zu Russland nicht belasten wollten (worin sie sich mit der radikalen Linken trafen). Den NATO-Einsatz trieben schließlich die von Berman so genannten „Idealisten“ an, alte 68er, die zum liberalen Antitotalitarismus bekehrt worden waren. In Frankreich waren das Intellektuelle, in Deutschland vor allem Politiker wie Cohn-Bendit und sehr viel später Fischer.

Den Afghanistan-Krieg befürworteten die deutschen Grünen dagegen nur halbherzig, den gegen den Irak gar nicht. Laut Berman deswegen, weil sie die Bedeutung des islamischen bzw. panarabischen Totalitarismus nicht begriffen. Hier wäre Fischer prädestiniert gewesen, seiner Partei die Gründe darzulegen, doch das tat er nicht. Warum?

Am Beispiel zweier „68er“ aus der islamischen Welt, nämlich Azar Nafisi, der Autorin von „Lolita lesen in Teheran“, und Kanan Makiya, dem Autor von „Republic of Fear“, zeigt Berman die Leerstelle im Denken europäischer Linker. Nafisi wie Makiya kennen nämlich den iranischen bzw. irakischen Totalitarismus entweder aus eigener Erfahrung (Nafisi) oder aufgrund familiären Hintergrunds und eingehender Beschäftigung mit der Ideologie des Baathismus und seiner Wurzeln in den totalitären Ideologien Europas (Makiya). Makiyas Buch über den Irak erschien bereits 1989, wurde aber von der europäischen Öffentlichkeit, zu deren Selbstverständnis der Schutz der Menschenrechte eigentlich zählt, beharrlich ignoriert. (Eine deutsche Übersetzung liegt bis heute nicht vor.) Der europäische Totalitarismus wurde in die islamische Welt exportiert und lebt dort bis heute als Islamismus fort; er hat weniger mit dem Islam zu tun als mit rechter wie linker Kulturkritik und Zivilisationsmüdigkeit, so die These von Bermans letztem Buch „Terror und Liberalismus“. Diesen Zusammenhang habe die im Falle Jugoslawiens noch interventionistische Linke nicht begriffen, entweder aus Unkenntnis oder aus falscher Rücksichtnahme auf arabische Befindlichkeiten. Fischer, so Berman, sei dieser Zusammenhang aber sehr wohl bewusst, was sich verschiedenen seiner Äußerungen entnehmen lasse. Ob Fischers Ablehnung des Irakkrieges letztlich auf Opportunismus gegenüber den Wählern, Direktiven aus dem Kanzleramt oder tatsächlichen persönlichen Bedenken beruht, diese Frage bleibt letztlich offen.

Um die Person Fischer geht es in Bermans Buch ohnehin nur vordergründig. Es geht um das Versagen der demokratischen Linken vor dem neuen antiwestlichen Totalitarismus. Berman zeigt sich als ein bisweilen sentimentaler Historiker seiner eigenen Generation, der viel Interessantes zu erzählen weiß, bisweilen aber arg ins Plaudern gerät und bei dem man sich manchmal fragt, ob die eigene Involviertheit ihm nicht den Blick trübt. Sind die Verdienste, die Berman den 68ern zuschreibt, wirklich diesen zuzurechen, oder war 68 nicht eher Symptom statt treibende Kraft gesellschaftlicher Umbrüche?

Ebenso vermisst man bei Berman eine nüchterne Auswertung des Kosovokrieges und seiner Folgen, eine kritische Auseinandesetzung mit der Kriegsschuldfrage, der Propaganda und der Rolle der UCK, die von Seiten der deutschen Kosovokriegsbefürworter übrigens auch noch aussteht. Man ging hinterher zur Tagesordnung über, als sei nichts geschehen. Der Kosovokrieg fand nur zwei Jahre vor 9/11 statt, wirkt aber bereits wie aus einer vergangenen Epoche. Berman bezeichnet den Kosovokrieg als „Krieg der 68er“. Und ob das für oder gegen die Kosovointervention spricht, hängt auch davon ab, wie man die 68er beurteilt. Das Urteil Bermans über die „Idealisten“ wirkt zumindest seinerseits sehr idealisiert. Auch die Ernsthaftigkeit von Joschka Fischers Engagement für Israel wird bisweilen bestritten.

Was das Buch aber sehr lesenswert macht, ist neben seinem unbestreitbaren Unterhaltungswert (der durch eine offenbar rasch hingeschusterte Übersetzung leicht beeinträchtigt wird), der amerikanische Blick von außen auf deutsche Debatten sowie der erfrischende, weil hierzulande ungewöhnliche völlig ressentimentfreie Linksliberalismus des Autors.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Was ist das?

Du liest momentan Joschka, ein verkappter Neocon? auf By the Way ....

Meta

%d Bloggern gefällt das: