Liberaler Philosoph Ramin Jahanbegloo in Teheran verhaftet

15. Mai 2006 § Hinterlasse einen Kommentar

Jörg Lau in der ZEIT:

In Teheran ist ein führender Intellektueller verhaftet worden. Als man noch Hoffnungen auf eine Reform des Regimes hegte, wäre dies eine Schlagzeile gewesen. Heute droht die Abstumpfung der Weltöffentlichkeit durch Überforderung: Wir haben – Atomstreit, Antisemitismus, Ölpreis – schon genug andere Sorgen durch Iran.

Das iranische Regime, muss man befürchten, rechnet mit diesem Effekt und nutzt die Gunst der Stunde, um die wenigen verbliebenen freien Köpfe im Lande zu entmutigen. Seit dem 27. April befindet sich der 46-jährige Philosoph Ramin Jahanbegloo im berüchtigten Evin-Gefängnis der iranischen Hauptstadt. Er wollte zu einem Kongress nach Brüssel ausreisen, als er am Teheraner Flughafen verhaftet wurde. Bisher ist unklar, was ihm zur Last gelegt wird. Er ist der erste Oppositionelle, der seit Ahmadineschads Machtübernahme eingesperrt wurde.

Ramin Jahanbegloo ist selbst für langjährige Freunde eine erstaunliche Figur. In den letzten Jahren hatte er es geschafft, die erste Garde der westlichen Intellektuellen nach Teheran zu bringen: Richard Rorty, Michael Walzer, Jürgen Habermas, Michael Ignatieff und Timothy Garton Ash sprachen auf seine Einladung hin vor Tausenden von Studenten. Sie kamen voller Bewunderung für die Unbeugsamkeit und Debattierlust der iranischen Zivilgesellschaft zurück.

Jahanbegloos Verhaftung könnte der Beginn einer neuen Repressionswelle gegen die lebendige iranische Szene sein, die er mit Büchern, Vorträgen und Essays in dürftiger Zeit gefüttert hat. Jahanbegloo hatte an der Sorbonne studiert, in Harvard geforscht und in Toronto gelehrt, bevor er 2001 in seine Geburtsstadt Teheran zurückkehrte. Seine Bücher über Hegel, Schopenhauer, Machiavelli, vor allem aber seine Interviews mit dem Vordenker des liberalen Pluralismus Isaiah Berlin, haben ihn über Iran hinaus berühmt gemacht.

Jahanbegloo meidet direkte politische Einlassungen. Der geistige Wiederaufbau des Landes – nach den ideologischen Verwüstungen, die das Schah-Regime und die islamische Revolution hinterlassen haben ‒ ist seine Sache. Er ruft die junge Generation auf, »sich von der intellektuellen Erpressung frei zu machen, dass wir für oder gegen den Westen zu sein haben«. Nach dem Karikaturenstreit verurteilte er die »Dämonisierung des Anderen« auf beiden Seiten. Den Ausfällen des iranischen Präsidenten gegen Israel setzte er in El País trocken seine Überzeugung entgegen, es sei »unsere Pflicht, das Unfassliche zu bezeugen, das wir mit dem Namen Auschwitz bezeichnen«.

Ramin Jahanbegloo tritt mitten in den dräuenden Kulturkämpfen unserer Tage für eine intellektuelle Verantwortung ein, die nicht vor kulturellen, religiösen und politischen Grenzen halt macht. Es ist an der Zeit, ihm zu beweisen, dass er damit nicht allein steht.

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