Who said it? – Sondernummer

30. Mai 2006 § 17 Kommentare

Das folgende Zitat stammt nicht von Stéphane Courtois:

Für beide totalitären Formen aber sind die gleichen Typen anfällig. Man beurteilt die autoritätsgebundenen Charaktere überhaupt falsch, wenn man sie von einer bestimmten politisch-ökonomischen Ideologie her konstruierte, die wohlbekannten Schwankungen der Millionen von Wähler vor 1933 zwischen der nationalsozialistischen und kommunistischen Partei sind auch sozialpsychologisch kein Zufall.


(Dank an C.B. für den Zitatfund.)

§ 17 Antworten auf Who said it? – Sondernummer

  • […] Auch um einer Pointe willen sollte man nicht historische Prozesse so zurechtbiegen, dass sie einem ins Konzept passen: Die “… wohlbekannten Schwankungen der Millionen von Wähler vor 1933 zwischen der nationalsozialistischen und kommunistischen Partei …“, gab es nur in einem geringem Umfang. Das Auf und Ab der Kommunisten korreliert negativ mit dem der SPD, dass der Nazis mit dem der bürgerlichen Parteien. Der Abscheu darf die Analyse nicht trüben, denn wer verkennt, dass sich unterschiedliche Totalitarismen aus verschiedenen Quellen speisen und mit gänzlich anderen Verlockungen ihre Anhänger rekrutieren, dürfte bei deren Bekämpfung erhebliche Misserfolge erleiden, wenn nicht scheitern. […]

  • Ingo Way sagt:

    Die vulgärantitotalitäre Zurechtbiegung stammt allerdings – denn es handelt sich, deutlich kenntlich gemacht, um ein Zitat – von einem gemeinhin als nicht übertrieben vulgär geltenden Starphilosophen. Und DAS war die Pointe.

  • Ella sagt:

    Die Totalitarismen haben eine gemeinsame Struktur, und zwar:

    Es werden realen Problemen falsche Erklärungen gegeben, statt des Auswegs sucht man den Schuldigen. Es wird ein phantastisches Weltbild aufgebaut, das immer eine messianische Gemeinschaft und eine überflüssige Gruppe beinhaltet. Die alleinerlösende Theorie begründet die Notwendigkeit, die überflüssige Gruppe zu vernichten und die ganze Menschheit der Macht der messianischen Gemeinschaft zu unterwerfen. Und es kommt bald Paradies auf Erden.

    In dem nazistischen Bild hieß die messianische Gemeinschaft „Arier“ und die überflüssige – „Juden“. In dem kommunistischen war die messianische Gemeinschaft „Proletariat“ und die überflüssige „Kapitalisten“.

    Andere Unterschiede gibt es nicht.

  • Mark Mallokent sagt:

    Klingt nach Adorno. Jedenfalls Frankfurter Schule.

  • Liebe Kollegen vom Transatlantic Forum,

    Wieso werft ihr uns Vulgärantitotalitarismus vor obwohl wir tatsächlich nur ein Zitat posten ohne uns detailliert dazu zu äußern? Wenn ihr die Sache differenziert betrachten wollt ist da ja gar nichts gegen einzuwenden, und vieleicht habt ihr ja auch recht, aber dann belegt doch bitte auch eure Aussagen oder gebt wenigstens Quellen an.
    Ihr wisst, dass diese Fragen umstritten sind. Götz Alys oder David Schoenbaums Untersuchungen zum Thema sprechen eher für die These des gesuchten Autors des Zitates als für eure.
    Aber natürlich ist dies eine lohnenswerte Diskussion und auch wir sind keine Experten.
    Wir sollten übrigens nicht vergessen, dass selbst die sogenannten bürgerlichen Parteien damals stark staatsinterventionistische Sozialprogramme hatten. (siehe etwa Habermann, „Der Wohlfahrtsstaat“) Der Nationalsozialismus konnte auf zwei Wellen reiten: Nationalismus UND Sozialismus.

  • N. Neumann sagt:

    „Götz Alys oder David Schoenbaums Untersuchungen zum Thema sprechen eher für die These des gesuchten Autors des Zitates“

    1. Das Zitat bezieht sich offensichtlich nicht auf die Zeit nach der Machtergreifung.

    2. Auf dem Hintergrund von „Hitlers Volksstaat“: Um in der Zeit der Konsolidierungsphase der nationalsozialistischen Herrschaft direkt oder indirekt von Enteignungen bzw. von großangelegtem, staatlich gefördertem und geduldetem Raub am Eigentum von deutschen Juden zu profitieren, bedurfte es auf Seiten der großen und kleinen Profiteure weder einer sozialistischen noch einer nationalistischen Gesinnung.

    Die staatliche Raub- und Umverteilungspraxis der Nazis beförderte zwar mittel- und unmittelbar die Loyalität gegenüber denselben, letztere war jedoch zumindest nicht notwendigerweise Voraussetzung dafür, um sich – im Großen – ein Unternehmen, dass sich im Besitz einer jüdischen Familie befunden hatte, unter den Nagel zu reißen, oder sich – im Kleinen – bereitwillig aus dem Fundus einer „aufgelösten“ Wohnung zu bedienen. Unpolitische negative Eigenschaften wie Gier, Opportunismus oder Mitnahmementalität reichten hierfür vollkommen aus.

    (Für die nationalsozialistische Wirtschaftspraxis gilt: Massiver Staatsinterventionismus ja, aber Antastung von Privateigentum, sofern es als arisch bzw. deutsch galt, nein*. Was sie signifikant von der im realexistierenden Sozialismus unterscheidet. Zumal die Raubkriegspraxis der Nazis, im Unterschied zur brutalen Ausbeutung von Arbeitskräften, kein Pendant im roten Totalitarismus hat.)

    Lange Rede, kurzer Sinn: Alys Untersuchungen sprechen noch nichtmal eher für die doch etwas zu schwurbelige These des gesuchten Autors. Auch dann nicht, wenn durch Alys Untersuchungen in der Tat auf die sozialistischen Elemente des NS trefflich herausgearbeitet werden.

    *Banalerweise, neben Verweisen auf Kapitalisten innerhalb der Harzburger Front, Dreh- und Angelpunkt linksradikaler Agitation, der NS sei „typisch kapitalistisch“ gewesen.

  • Mark Mallokent sagt:

    Ist das Zitat denn nun von Adorno oder habe ich
    mich geirrt?

  • bevanite sagt:

    „Andere Unterschiede gibt es nicht. “

    das kann man so auch nicht sagen. es gab noch ein paar unterschiede mehr: die soziale basis des kommunismus war das industrieproletariat, die des nationalsozialismus vor allem das kleinbürgertum u. später auch industrielle. die wirtschaftspolitik der kpdsu (und ihrer vasallen in osteuropa) war zentralistisch, planwirtschaftlich, während im nationalsozialismus privatwirtschaftliche strukturen (begünstigung d. rüstungsindustrie) herrschten. auch wandten sich die nationalsozialisten gegen materialistische, rationalistische ideen des 19. jahrhunderts, der kommunismus hingegen baute sich sein ideologiegerüst auf eine eben solche (marxismus).

  • @Neumann

    zu 2: Es spielt keine Rolle ob es dazu dieser Ideologien bedurft hätte. Fakt ist, dass sie von der Idee eines nationalen Sozialismus getrieben wurden und nur dieser nationale Sozialismus einen solch radikalen Antisemitismus hervorbrachte. Ausnahmen gab es natürlich, (von Göring wird ja vermutet, dass er die Ideologie nur vorschützte und eigentlich nur Macht- und Profitgeil war.)
    Der Raubimperialismus hatte zwar die Enthumanisierung der Enteigneten zur Vorraussetzung, die Raubgier erklärt jedoch den eliminatorischen Antisemitismus nicht. Hier sollten wir Aly nicht mehr folgen.
    Der NS hat übrigens nicht nur sozialistische Elemente, er war explizit sozialistisch.

    @bevanite
    Nach dem Krieg sollte eine radikale Planwirtschaft eingerichtet werden. Hitler war sogar neidisch auf Stalin, weil dieser bereits weiter gehen konnte.
    Frau Greifer hat schon den zentralen Punkt genannt. Sicher gibt es auch eine Menge Unterschiede im Detail.

  • Ingo Way sagt:

    @Mark Mallokent:

    100 Punkte!

  • marriex sagt:

    Ergänzung zu N. Neumann:

    Aly hebt in seinem Buch durchaus hervor, dass die Wirtschaftspolitik der Nazis dem Ziel diente, Bevölkerungsschichten einzubetten, die sie nicht gewählt hatten, etwa der sozialistisch orientierten Arbeiterschaft.

  • egal sagt:

    ich habs glaube ich schon mal hier reingepostet:
    der fundamentale unterschied liegt v.a. in der ideangeschichte. kommunismus entsprang der aufklärung, ns der gegenaufklärung; kommunismus will eine friedliche, freie gesellschaft. ns den ewigen kampf um überleben. auch die feindbestimmung ist eine andere: der ewige jude muss im ns vom planeten erde verschwinden (vernichtet), der kapitalist soll enteignet werden. man könnte die liste der ideengeschichtlichen unterschiede noch weit fortsetzen.

  • N. Neumann sagt:

    „Es spielt keine Rolle ob es dazu dieser Ideologien bedurft hätte.“

    Wenn, so wie du meinst, Alys Untersuchungen eher für die These des gesuchten Autors sprechen, dann müssten sie doch auf Seiten der willigen Profiteure, und zwar durchgehend, eine motivationale Rolle gespielt haben, oder?

    „Fakt ist, dass sie von der Idee eines nationalen Sozialismus getrieben wurden“

    Sofern du hier die Profiteure und nicht die Expropriateure meinst, handelt es sich hierbei um eine kühne These. Es gab zwar ganz sicher etliche große und kleine Profiteure der Nazis, die nicht erst mit materiellem Zuckerbrot von denselben überzeugt werden mussten bzw. zuvörderst deshalb aus geraubtem Eigentum deutscher Juden profitiert haben, weil sie überzeugte Parteigenossen waren. Um zu profitieren, war dies jedoch keine conditio sine qua non.

    „(von Göring wird ja vermutet, dass er die Ideologie nur vorschützte und eigentlich nur Macht- und Profitgeil war.)“

    Göring war verglichen mit anderen Obernazis sicher besonders macht- und profitgeil, deshalb war er allerdings definitiv kein Opportunist. Nicht zuletzt auf dem Hintergrund seines Auftretens während der Nürnberger Prozesse kann diese Vermutung als absurd gelten.

    „Der Raubimperialismus hatte zwar die Enthumanisierung der Enteigneten zur Vorraussetzung, die Raubgier erklärt jedoch den eliminatorischen Antisemitismus nicht.“

    Wer behauptet, dass Raubgier eliminatorischen Antisemitismus erklären würde?

    „Hier sollten wir Aly nicht mehr folgen.“

    Götz Aly beansprucht in bzw. mit „Hitlers Volksstaat“ nicht, eliminatorischen Antisemitismus zu erklären.

    Zusätzlich kann ich bislang nicht erkennen, worin du genau Götz Aly folgst.

    „Der NS hat übrigens nicht nur sozialistische Elemente, er war explizit sozialistisch.

    Ich habe nicht behauptet, dass der sozialistische Anspruch, den der NS im Namen trägt in keiner Weise eingelöst worden wäre. Er war allerdings mehr als Nationalismus + eliminatorischer Antisemitismus + taktisch verhinderter Sowjetkommunismus.

    Wenn sich Hitler und Goebbels aus dem Baukasten kommunistischer Theorie und Praxis bedient haben, dann von dessen Propagandamethodik. Wobei die NS-Propaganda wiederum mehr war als kommunistische Propagandatechnik aufgefüllt mit Nationalismus und Antisemitismus.

    Ein signifikantes Unterscheidungsmerkmal des braunen und des roten Totalitarismus besteht z.B. darin, dass die Nazis, anders als die Sowjets, bis weit in den Krieg hinein auch auf unpolitische Unterhaltung setzten, um die Volksgenossenschaft bei Laune zu halten und zumal wachsende Sorgen zu zerstreuen. Vom einem reinen politischen Blickwinkel aus betrachtet, waren die Sowjets in diesem Aspekt totalitärer als die Nazis.

  • @egal.

    Klingt gut. Vielleicht werde ich doch noch Kommunist. Wo gibts oder gabs den schön aufgeklärten, humanen, friedlichen und so weiter Kommunismus? Gibts da auch schon Billigflüge hin?

  • @Neumann.

    Ich denke, dass Aly grundlegende wirtschaftliche Dynamiken des NS erklärt, sein Buch also wichtig ist. Es erklärt allerdings nicht den Antisemitismus selbst. Ich weiss nicht, warum es neuerdings eine kühne Behauptung ist, dass die Nazis und ein großer Teil der damaligen Deutschen rabiate Antisemiten waren und dieser Antisemitismus Auschwitz ermöglichte (natürlich kamen technische Notwendigekeiten hinzu).
    Ich halte es für eine zweitrangige Frage wer genau in welcher Form vom NS profitiert hat. Ein Arbeiter und Unternehmer der sich auf Kosten der ermordeten Juden bereichert hat, hat ohne Zweifel große Schuld auf sich geladen. Die Hauptschuldigen aber sind immer noch die antisemitischen Überzeugungstäter und ihrer Unterstützer.

    (Von Göring habe ich nicht genug Ahnung. Ich habe nur oft dieses Gerücht gehört. )

  • N. Neumann sagt:

    „Ich denke, dass Aly grundlegende wirtschaftliche Dynamiken des NS erklärt, sein Buch also wichtig ist.“

    Dann dürfte es im Rahmen eines Vergleichs mit der Wirtschaft der Sowjetunion vor und während des Kriegs nicht weiter schwer fallen, neben Übereinstimmungen auch Unterschiede zu erkennen, die über Details hinausgehen.

    „Es erklärt allerdings nicht den Antisemitismus selbst.“

    Sollte jede wissenschaftliche Veröffentlichung über den NS den Antisemitismus erklären?

    (Götz Aly hat übrigens zum Thema veröffentlicht.)

    „Ich weiss nicht, warum es neuerdings eine kühne Behauptung ist, dass die Nazis und ein großer Teil der damaligen Deutschen rabiate Antisemiten waren und dieser Antisemitismus Auschwitz ermöglichte“

    Das hast du weiter oben so nicht behauptet, und mein Bezug war ein anderer.

    „Ich halte es für eine zweitrangige Frage wer genau in welcher Form vom NS profitiert hat.“

    Demnach müsste es sich bei „Hitlers Volksstaat“ nicht um ein, so wie du sagst, wichtiges, sondern doch um ein über weite Strecken zweitrangiges Buch handeln.

    Ich denke nicht, dass dem so ist; auch deshalb nicht, weil die wirtschaftlichen Dynamiken des NS die Loyalität innerhalb der Bevölkerung zum Regime und dessen antisemitischer Ideologie verstetigt und teilweise erst geschaffen haben.

    So kann es in diesem Zusammenhang als evident gelten, dass zumindest einige derjenigen unter den direkten Profiteuren aus geraubtem jüdischen Eigentum, die zuvor noch frei von antisemitischen Obsessionen waren, die Frage nach der Herkunft ihres neuen Besitzes nicht einfach verdrängten, sondern zwecks Selbstrechtfertigung auf den Antisemitismus der Nazis, der Hand, die sie fütterte, zurückgriffen.

    So ergeben die letzten freien Reichstagswahlen 1932, zieht man die Stimmen von NSDAP und DNVP zusammen, zumindest keine dezidiert antisemitische Bevölkerungsmehrheit, erst recht nicht, wenn man den größten Teil der rund 20% Nichtwähler zu den (mehrheitlich gegenüber Juden wohl gleichgültigen) Nicht-Antisemiten* dazu rechnet. Im Zuge der Konsolidierungs- bzw. nicht zuletzt auch ökonomischen Erfolgsphase des Nazi-Staats ist jedoch davon auszugehen, dass der Antisemitismus innerhalb der Bevölkerung noch zugenommen hat.

    *Damit sei nicht gesagt, dass es unter den Nichtwählern oder aber auch denjenigen des katholischen Zentrums – die antisemitische Tradition innerhalb des Katholizismus war damals noch deutlich lebendiger – überhaupt keine Antisemiten gegeben hätte.

  • chuck sagt:

    das genannte zitat stammt von twa, und zwar aus dem text „was bedeutet aufarbeitung der vergangenheit“, welchen ansonsten ja so viele zu kennen vorgeben. selbstverständlich war der nationalsozialismus eine explizit antikapitalistsche ideologie und praxis. andererseits: es gibt schon einflussreiche texte aus der kt, welche in der tat ohne fussnoten auskommen. dass diese oder jene „typen“ bzw. verhältnisse „sozialpsychologisch“ so „sind“, hätte man dan gerne empirisch besser belegt gesehen….

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