Frankreich hatte Glucksmann, Deutschland leider nur Nolte

9. Juni 2006 § Hinterlasse einen Kommentar

Ernst Nolte habe im Historikerstreit vor zwanzig Jahren durchaus die richtigen Akzente gesetzt, so Richard Herzinger in der Welt am Sonntag. Nur sei er der falsche Mann gewesen, da er tatsächlich apologetische und geschichtsrevisionistische Thesen vorgetragen habe.

Dessen ungeachtet traf Nolte mit seiner Forderung, den Nationalsozialismus stärker im Zusammenhang mit anderen totalitären Systemen des 20. Jahrhunderts zu betrachten, bei seinen linksliberalen Gegnern einen wunden Punkt. (…) Die Fixierung auf Auschwitz als einem unvergleichlichen Verbrechen führte paradoxerweise dazu, daß andere totalitäre Bedrohungen aus der Wahrnehmung ausgeblendet wurden.

Vernichtungsaktionen wie die des Regimes Pol Pots in Kambodscha, das Ende der 70er Jahre in wenigen Jahren mindestens eine Million Menschen ermordet hatte, erregten die deutsche Öffentlichkeit allenfalls am Rande. Die Zustände in chinesischen Umerziehungslagern waren sowenig Gegenstand öffentlicher Proteste wie die Folterung von Dissidenten in sowjetischen psychiatrischen Anstalten oder die Unterdrückung der Freiheitsbewegung in Polen unter dem Kriegsrecht des Generals Jaruzelski. (…)

(…) Wer an die maßlosen Untaten der leninistischen und stalinistischen Ära erinnerte, setzte sich leicht dem Verdacht aus, ein „Antikommunist“ zu sein – und damit auch ein Reaktionär.

Jürgen Habermas gab ein Beispiel für diesen Reflex, als er Nolte, Stürmer und anderen vorwarf, ihre angebliche Bereinigung der Nationalgeschichte diene der Befestigung einer antikommunistischen „Nato-Ideologie“. Durch die Entsorgung der deutschen Vergangenheit wollten die nationalkonservativen „Ideologieplaner“ laut Habermas Deutschland zum im Westen endgültig akzeptierten Partner im Rahmen einer verschärften Frontstellung der Nato gegen das kommunistische Lager machen.

Dieses Argument war insofern verwunderlich, als Habermas und seine Mitstreiter für sich reklamierten, die Integration Deutschlands in die „politische Kultur des Westens“ gegen den Versuch einer nationalkonservativen Restauration zu verteidigen. Die Form aber – die Nato -, in der sich der Westen gegen seine Feinde organisierte, stand bei ihnen unter dem Generalverdacht, verwerflichen aggressiven Absichten zu dienen.

Anders als in Frankreich, wo die „neuen Philosophen“ um André Glucksmann in den 70er Jahren schonungslos die totalitären Wurzeln des Marxismus offengelegt hatten, versäumte die Linke in Deutschland eine intensive Auseinandersetzung mit allen Spielarten des Antihumanismus und Antiliberalismus im 20. Jahrhundert. So wurde dieses Feld konservativen Historikern wie Ernst Nolte überlassen, die mit ihrem berechtigten Hinweis auf die Gemeinsamkeiten massenmörderischer Ideologien von links und rechts den Versuch verbanden, die deutsche Identität vom Schatten spezifisch deutscher Schuld zu befreien.

(…)

Der Kollaps des kommunistischen Systems veränderte die Debattenlage grundlegend. Die Beschäftigung mit der Unrechtsgeschichte des Kommunismus wurde nun zwingend. Es zeigte sich, daß die Einzigartigkeit des Nationalsozialismus nicht verwischt wird, wenn man ihn im Gesamtzusammenhang totalitärer Systeme und Bewegungen des vergangenen Jahrhunderts betrachtet.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Was ist das?

Du liest momentan Frankreich hatte Glucksmann, Deutschland leider nur Nolte auf By the Way ....

Meta

%d Bloggern gefällt das: