Helden der Demographie

18. September 2006 § 5 Kommentare

Heute im Tagesspiegel: Warum Norbert Bolz mit seinem Plädoyer für die klassische Familie unrecht hat. Aber anders, als Sie denken.

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§ 5 Antworten auf Helden der Demographie

  • N. Neumann sagt:

    „Bolz fordert Verzicht (auf Selbstverwirklichung, auf Konsum) und Selbstlosigkeit statt Kosten-Nutzen-Rechnungen, dann macht er aber selber eine solche auf, indem er auf den emotionalen und gesundheitlichen Gewinn (wer Familie hat, wird seltener krank und lebt länger) des Familienlebens hinweist. In seinem Lob der Familie als Ort, wo der Tausch suspendiert, der Rollenzwang des bürgerlichen Alltags ausgesetzt ist, kommt die über Bord geworfene kritische Theorie* kaum verwandelt wieder herein. Die Familie sei „der einzige Ort, an dem man sich gehen lassen kann“. So sieht er oft auch aus.

    Einige Male zu oft fällt bei Bolz das Wort political correctness (die es verbiete, zur klassischen Familie zu stehen), wenn er auch zu richtigen Beobachtungen kommt, etwa über die umstrittenen Folgen früher Horterziehung, das Chaos von Patchworkfamilien, dem das durchaus konservative Ordnungsbedürfnis von Kindern gegenübersteht, über Kinder, die schon kleine Erwachsene sein sollen, damit die Eltern ihre Erziehungsverantwortung schleifen lassen können, die Abwertung als männlich konnotierter Eigenschaften, das kulturkritische Lamento einer alternden Gesellschaft über den angeblichen Jugendkult. Hier blitzt der essayistische Esprit auf, den man aus Bolz’ früheren Texten kennt.“

    Bolz neuer, kulturkonservativer Bias steht allerdings im völligen Widerspruch zum „Konsumistischen Manifest“, bei dem jeden Adorniten das blanke Entsetzen packen müsste.

    Dass man gesellschaftlichen Strukturwandel kaum mit guten alten Tugenden bzw. Voluntarismus, sei dieser nun eher kritisch-theoretisch oder eher kulturkonservativ geprägt**, begegnen kann, hätte Bolz von einem seiner Hauptideengeber, Niklas Luhmann, lernen können.

    Und auch der Verzicht oder zumindest der Nicht-Ausbau öffentlicher Betreuungseinrichtungen , wird die vitalen Kalküle potenzieller Eltern nicht in seinem Sinne beeinflussen. Andere westliche Länder mit traditionell mehr öffentlichen (oder auch: betrieblichen) Betreuungsmöglichkeiten haben vergleichsweise hohe Geburtenraten.

    Zusätzlich kann die nicht erst seit bzw. nicht nur von Eva Herman immer mal wieder in die Massenmedien gesetzte Behauptung, dass Mütter, die keiner Erwerbsarbeit nachgehen, keinerlei gesellschaftliche Anerkennung widerführe, ja sogar wegen ihres angeblich als nichtsnutzig beäugten Daseins mit Naserümpfen bedacht würden, zumindest als eine grobe Überzeichnung der sozialen Wirklichkeit gelten. Vatti mit durchschnittlichem Job bei einer Versicherung besitzt jedenfalls auch kein kulturelles Kapital in heroisch-rauen Mengen.

    Aber wahrscheinlich meint Norbert Bolz, dass auch der mittlere Versicherungsangstellte, der Frau und Kind gerade konsumistisch-befriedigend durchbringen kann, ohne dass sich seine Frau einen Halbtagsjob suchen muss, eben deshalb irgendwie kulturell höher kapitalisiert, d.h. von der Gesellschaft mit mehr gesellschaftlicher Anerkennung versorgt werden müsse.

    Abgesehen davon gibt es, wie bereits angedeutet, auch etliche Mütter und Ehefrauen, die gerne auf Erwerbsarbeit verzichten würden, wenn es denn die finanzielle Situation der Familie nur zuließe.

    In anderen Worten: Norbert Bolz favorisiert offenbar sozialmoralisch bedingt individuelle Entscheidungen, die viele Mütter, Väter und Kinder, sofern gemäß Bolz entschieden würde, mit familiärer Armut bezahlen müssten.

    Die Kritische Theorie wollte ökonomische Zwänge immerhin (wie auch immer) überwinden, Norbert Bolz negiert und bewahrt die Kritische Theorie, indem er so distinguiert ist, dass sie für ihn überhaupt keine Rolle spielen.

    *Der war gut! Wobei sich Bolz wahrscheinlich mit Urvater Hegel herausreden wurde.

    **Beides schließt sich bekanntermaßen nicht aus. Auch nicht auf der direkten Interaktionsebene bekannter Köpfe. Es existiert z.B. ein längeres Gespräch zwischen Adorno und Gehlen, in dem sich beide permanent wechselseitig Recht geben und – ohne dass ich es sonderlich pointieren würde – in der Ansicht bestärken, dass früher irgendwie fast alles besser war.

  • FAB. sagt:

    …die These, der deutsche Selbsthaß führe dazu, daß die Deutschen unbewußt ihren Tod als Kollektiv wünschten und sich daher nicht mehr fortpflanzten, wirken angesichts der doch zahlreich das Straßenbild prägenden jungen Familien mit kleinen Kindern nicht wie eine adäquate Beschreibung der Realität.
    Hallo? Die demographischen Tatsachen sind in ermüdender Breite dokumentiert und nachzulesen; daß dem Rezensenten morgens zufällig zwei Mütter mit Kinderwagen gleichzeitig entgegenkamen, ist wohl kaum ein ernstzunehmender Gegenbeleg. Nicht überall ist Prenzlberg – im Gegenteil.
    Die Schlußfolgerungen der letzten beiden Absätze sind nicht nachvollziehbar. Im vorletzten wird zutreffend erkannt, daß Kindermangel auch in der massiv verschlechterten gesellschaftlichen und rechtlichen Stellung der Väter eine Ursache hat, die es für Männer zu einem unverantwortlichen Abenteuer macht, sich auf Familiengründung einzulassen. So weit, so richtig. Dann wird es aber skurril, denn aus der phantasievollen Unterstellung: Womöglich (!) würden viele der Männer, die sich doch für Familie entscheiden, gerne die Rolle des Hausmannes übernehmen. zieht er den Schluß: Ausbleibender Kindersegen sollte zur Abwechslung nicht einem zuviel an weiblicher Emanzipation angerechnet werden, sondern einem zuwenig und dem Beharren auf alten Rollenteilungsmustern.
    Wie das? Zum einen sind ja nicht diejenigen das Problem, die sich doch für Familie entscheiden, sondern die, die es aus den vom Rezensenten richtig erkannten Gründen nicht tun. Zudem ist auch bei ersteren die unterstellte Gemütslage m.E. eher ein persönliches Wunschbild des Rezensenten als Realität; jedenfalls fehlt jeglicher Beleg dafür, daß dies in zahlenmäßig relevantem Ausmaß zutreffen könnte. Zudem, so erkennt er auch selbst, übernehmen Frauen diese Rolle eher ungern – und scheinen sich auch solche Partner nicht zu wünschen. Ja, soll man denn dann beide Teile umerziehen, damit sie einen Rollentausch vornehmen, den beide sich von alleine nicht wünschen?
    Die Rückkehr zu einer erträglichen Rechtssicherheit für Väter und die Beseitigung der massiven Fehlanreize im Renten- und Sozialrecht dürfte jedenfalls sehr viel eher einen positiven Einfluß haben als der Vorstoß zum totalen Rollentausch.

  • N. Neumann sagt:

    IW: die These, der deutsche Selbsthaß führe dazu, daß die Deutschen unbewußt ihren Tod als Kollektiv wünschten und sich daher nicht mehr fortpflanzten, wirken angesichts der doch zahlreich das Straßenbild prägenden jungen Familien mit kleinen Kindern nicht wie eine adäquate Beschreibung der Realität.

    FAB: Hallo? Die demographischen Tatsachen sind in ermüdender Breite dokumentiert und nachzulesen; daß dem Rezensenten morgens zufällig zwei Mütter mit Kinderwagen gleichzeitig entgegenkamen, ist wohl kaum ein ernstzunehmender Gegenbeleg.

    Na gut, meistens sind es Familien mit einem Kind, und nicht mit mehreren, deshalb liegt statistisch betrachtet die durchschnittliche Kinderzahl pro Deutschfrau bei 1,3(?) unter der Gesamt-Reproduktionsrate von 2,1.

    Allerdings kann es auch so als evident gelten, dass nur ein verschwindend geringer Bruchteil unter den Fertilitätsmuffeln eigentlich ein Bahamas-Abo haben müsste.

  • FAB. sagt:

    Um die (diskutable, aber nicht wirklich überprüfbare) Selbsthaßthese ging es mir nicht, nur um das anscheinend auch gemeinte Abstreiten der nackten (äußeren) Tatsachen – jede Generation um ein Drittel kleiner als die vorige.

  • Ingo Way sagt:

    @FAB

    In der Demographiedebatte werden gern Untergangsszenarien an die Wand gemalt, von denen bei genauerer Prüfung ebensowenig übrig bleibt, wie vom Waldsterben in den achtziger Jahren. Am 23. August berichtete Spiegel Online über „Die Mär von den aussterbenden Deutschen„:

    Experten warnen vor Panikmache durch einen zu laxen Umgang mit demografischen Daten – denn einiges von dem, was berichtet wird, stimmt so nicht.

    So sehen es etwa viele wegen entsprechender Meldungen als wissenschaftliche Tatsache an, dass die Deutschen im Jahr 2300 kurz vorm Aussterben stehen werden. Dabei sei schon eine Voraussage für die nächsten 50 Jahre, die einfach die aktuellen Kennziffern ohne mögliche Änderungen umsetze, „eine gewagte Aussage“, sagt Christian Schmitt vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).

    Unbestritten ist, dass Deutschland eine niedrige Geburtenrate hat.
    Doch bei der Berichterstattung werden unterschiedliche Begriffe vermischt: 2004 etwa erreichte die absolute Geburtenzahl mit 705.622 Neugeborenen den niedrigsten Stand seit Kriegsende. Daraus wurde später die Aussage, dass die zusammengefasste Geburtenziffer – die durchschnittliche Zahl an Kindern, die eine Frau in ihrem Leben bekommt – so niedrig sei wie noch nie seit 1945. Das aber ist falsch: 2004 bekam eine deutsche Frau im Schnitt 1,36 Kinder. Während beinahe der gesamten 90er Jahre war der Wert niedriger, etwa 1994 mit 1,24, oder bestenfalls genauso hoch. Und auch 1985 lag die Kennziffer im damaligen Bundesgebiet nur bei 1,28.

    (…)

    Richtig ist, dass die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau in Deutschland seit etwa 30 Jahren niedrig ist – aber stabil niedrig.
    „Da tut sich nicht so viel, wie immer getan wird“, erklärt DIW-Experte Schmitt. Bei der anderen Kennziffer gehe zwar die Kinderzahl tendenziell zurück, „aber auch das ist nicht so dramatisch wie behauptet“.

    Zudem sei die Zahl kinderloser Akademikerinnen nicht so hoch wie behauptet.
    Auf Grundlage des Mikrozensus wurde etwa berichtet, 40 Prozent der Akademikerinnen blieben kinderlos. Doch die Erhebung fragt nach im Haushalt lebenden Kindern – eine Mutter von drei Kindern, die nicht mehr in ihrem Haushalt leben, gilt so als kinderlose Frau. Eine Statistik des DIW kam denn auch zu anderen Ergebnissen: „Wenn man alle verschiedenen Gruppen von Akademikerinnen zusammen nimmt, kommt man auf etwa 25 Prozent Kinderlose„, sagt Schmitt.

    Auch der Demografie-Experte Gerd Bosbach sieht in der niedrigen Geburtenrate in Deutschland keinen Anlass zur Beunruhigung. Die seit 30 Jahren konstant niedrige Durchschnittzahl von etwa 1,4 Kindern pro Frau bedeute nicht, „dass wir ein kinderloses, entvölkertes Land sein werden“, so der Statistik-Professor. Auch für die Sozialsysteme führten wachsende Zahlen an Rentnern und eine schrumpfende junge Generation nicht automatisch zum Kollaps. Problematischer für die Sozialkassen sei die hohe Arbeitslosigkeit.

    Die Behauptung, daß Frauen immer weniger Kinder bekommen ist also falsch, die Geburtenrate pro Frau liegt seit 30 Jahren konstant bei ca. 1,4. Da die 1,4 Kinder pro Frau zur Bevölkerungsreproduktion nicht ausreichen, nehmen die Deutschen stetig ab. Das ist nach Meinung des DIW aber unproblematisch. (Die Bevölkerungszahl D’lands ist in den letzten 30 Jahren auch nicht um 30% geschrumpft.) Die Zahl der kinderlosen Akademiker ist nur ca. halb so hoch, wie vom Statistischen Bundesamt dargestellt.

    Also: locker bleiben.

    Und selbstverständlich soll man niemanden zu irgendetwas umerziehen. Gerade das nervt mich ja an diesen ganzen Demographie- und Kinderlosigkeitsdebatten. Ich halte auch keinen zwingenden Rollentausch für wünschenswert. Paare, die die klassische familiäre Arbeitsteilung bevorzugen, wie Bolzens das tun, sollen das tun, und das geht niemanden etwas an, schon gar nicht den Staat. Ich wollte lediglich auf den Umstand aufmerksam machen, daß viele Männer heute die Rolle des Alleinversorgers für Frau und Kinder nicht mehr spielen wollen, u.a. um mehr Zeit für ihre Kinder zu haben und auch, weil eine gleichermaßen berufstätige Frau interessanter ist als ein reines Hausmuttchen. Der Hinweis darauf, daß Frauen sich erwerbslose Hausmänner in der Regel nicht als Partner wünschen, soll doch gerade die Verlogenheit der feministischen These unterstreichen, ein kompletter Rollentausch sei auf gesamtgesellschaftlicher Ebene machbar und wünschenswert. (Im Privaten mag er sogar bisweilen glücklich gelingen. Auch das würde Dritte einen feuchten Kehricht angehen.)

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