Borat taugt nichts

20. November 2006 § 9 Kommentare

Gestern habe ich mir dann endlich Sacha Baron Cohens Borat angesehen. Vielleicht war ich von Woody Allens schönem und sehr lustigen Scoop, den ich am Tag zuvor gesehen hatte, noch zu verwöhnt, um Borats Komik würdigen zu können. Jedenfalls fand ich den Film ausgesprochen platt und derb; er war wesentlich näher an MTV-Jackass denn an intelligenter Polit-Satire. Dass einige Kasachen aufgrund dieses Films etwas angefressen waren, konnte ich nach den Anfangsszenen, die in Borats Heimatdorf spielten, gut nachvollziehen. Ich weiß nicht, was daran komisch sein soll, sich über anderer Leute unverschuldete Armut lustig zu machen. Auch die Szenen, in denen Baron Cohen sicherlich mit guter Absicht den Antisemitismus geißeln möchte, machen sich in ihrer Grellheit mit den Objekten des Spottes, den Antisemiten, eher gemein, als sie zu entlarven. Ich weiß, ich weiß, das ist alles mehrfach ironisch gebrochene Kritik durch Überaffirmation usw. usf. Funktioniert aber trotzdem nicht.

Was will Borat eigentlich? Die einen halten den Film für die gelungene Kritik am amerikanischen Provinzialismus. Die anderen weisen solche Kritik als antiamerikanisch zurück, verteidigen allerdings den Film selbst gegen den Vorwurf des Antiamerikanismus. Beide liegen falsch, wobei die antiamerikanische Lesart die blödere ist, da sie in dem Film Dinge zu sehen glaubt, die darin nicht gezeigt werden. In dem verlinkten Spiegel-Online-Artikel heißt es über den Auftritt Borats beim texanischen Rodeo:

Im Kostüm des angeblich kasachischen Reporters „Borat Sagdiyev“ ging er als Gast zu einem Rodeo und hatte zunächst die Sympathien auf seiner Seite. Er beglückwünschte die Amerikaner zu „Ihrem Terrorkrieg“ und verlieh der Hoffnung Ausdruck, man werde den Irak so zerstören, „dass keine Eidechse übrig bleibt“ (Jubel im Publikum).

Was passiert wirklich? Borat versichert dem Publikum, das kasachische Volk unterstütze die Amerikaner in ihrem Krieg gegen den Terror und halte den amerikanischen Soldaten im Irak die Daumen. Darauf bekommt er jubelnden Applaus. Warum auch nicht? Als Borat dann hinzufügt: „May your president drink the blood of every Iraqi man, woman, and child“, machen sich Unruhe und Irritation im Publikum breit, die, als Borat noch eins draufsetzt: „May you destroy their country so that for the next thousand years not even a single lizard will survive on their desert“, in Fassungslosigkeit und Empörung umschlagen, so daß Borat ausgebuht und davongejagt wird. Schon klar, daß das Publikum irgendwie vorgeführt werden sollte, ich sehe nur nicht, daß das gelungen ist.

Ähnlich in der vielzitierten Szene im Waffengeschäft, in der Borat laut Spiegel-Online nach „der richtigen Knarre, um Juden zu erschießen“ verlangt und der Verkäufer ihm nicht widerspricht. Abgesehen von der Kleinigkeit, daß Borat nach einer Waffe verlangt, „to defend myself against a jew“, was immer noch antisemitisch ist (Antisemiten wollen sich ja immer nur „verteidigen“), aber jedenfalls nicht mehr die direkte Mordankündigung, die man aufgrund der Filmkritiken erwarten mußte, reagiert auch der Verkäufer ganz anders, als in den Kritiken behauptet: Er weigert sich nämlich, Borat eine Waffe zu verkaufen. Was man ihm einzig vorwerfen kann, ist, Borat nicht im Brustton der Empörung aufgrund seines Antisemitismus‘ des Ladens zu verweisen, sondern so höflich mit ihm umzugehen, wie ein Händler mit potentiellen Kunden eben umgeht. Und noch einmal: Er verkauft ihm die gewünschte Waffe nicht.

Den gesamten Film über versucht Borat, alle, die ihm über den Weg laufen, als provinziell, rassistisch, homophob, antisemitisch und gewaltbereit vorzuführen. Manchmal hat er Glück, und es begegnen ihm tatsächliche Rassisten, Homophobiker und Antisemiten. Meistens aber hat er Pech, und die Leute reagieren auf ihn einfach nur höflich (fast zu höflich) oder mit der Geduld, die sie dem Ausländer zu schulden meinen, der mit den landesüblichen Gepflogenheiten nicht vertraut ist. Oder aber sie reagieren einfach nur nachvollziehbar, wie jene New Yorker Passanten und U-Bahn-Passagiere, die, wie wohl sämtliche Zuschauer auch, die sich köstlich über deren Verklemmtheit amüsieren, einfach nur nicht von einem Wildfremden ins Gesicht geküßt werden möchten. Immerhin haben sie so viel Contenance, Borat allein verbal zurückzuweisen oder mit den Händen von sich zu schieben, statt ihm eine zu scheuern. Schon allein das zeigt, daß sie den Spott nicht verdient haben, den Borat über sie ausgießt.

Sogar Stefan Raab ist lustiger als Borat. Und der ist schon nicht lustig.

(Zu Borat siehe auch Rayson auf B.L.O.G. und Christopher Hitchens.)

§ 9 Antworten auf Borat taugt nichts

  • M.M. sagt:

    Ich hab’s geahnt. Verschiedene Leute in meinem Umfeld, die den Film gesehen haben, fällten ein ähnliches Urteil. Zum Teil sind ganz einfach sprachliche Missverständnisse Ursache blöder Antworten. Amerikaner verstehen nun mal nur sehr schwer Leute, die nicht korrekt amerikanisch reden. Da geht es bei der Betonung um Nuancen. Wenn du also beispielsweise „Butter“ englisch aussprichst, also nicht mit genügend Kartoffeln im Mund „batrr“, dann verstehen die Bahnhof. Ein weiteres, eher psychologisches Problem ist die Ergänzung auf Unverständliches. Wenn jemand in einem Kaffeeshop arbeitet und tausend mal in der Woche „Coffee and Cream“ hört und du plötzlich mit Dog’n Cream kommst, dann interpretiert das Hirn halt Coffee’n Cream. Etwa so kann auch die Szene im Waffengeschäft interpretiert werden. Übrigens – wäre Borat ein Mexikaner, hätte ganz schlimme Dinge über Mexikaner gehört. Ein für alle Mal: Ja, die Leute sind voller Vorurteile.

  • bigmouth sagt:

    ich kenne ja nur die serie, aber dort sind die szenen, wo leute die abstrusesten dinge von borat ertragen und versuchen, dabei höflich zu bleiben, mit das lustigste.

    ich glaube, über humor lässt sich nicht vernünftig streiten

  • „Manche haben Humor, andere nur Ressentiment?“ Nicht ganz, Borat schlängelt sich entlang einer humoristischen Grenze, weshalb es ja so vielen schwer fällt, ein Urteil jenseits der hier gelesenen zu fällen. Auch mir. geht es so…

    Ich bin hin und hergerissen. Aber eines steht fest für mich fest: In deutscher Sprache geht der Film garnich klar…

    Edward E. Nigma – Bad Blog

  • Alex DeLarge sagt:

    Ich fand den Film zum Brüllen, bin aber zugegebenermaßen auch ein Freund des derben Humors, wobei auch die Komplexität gerne mal der Derbheit geopfert werden darf.

    Ich fand gerade die Szene in der Pension des jüdischen Ehepaares, die viele als die „antisemitischste“ rezipierten, am aufschlussreichsten über die Absichten Cohens. Der Jude kann machen, was er will, der Antisemit hasst weiter. Das Paar war nun das gastfreundlichste der Welt. Borat sah das genauso, bis ihm auffiel, dass es Juden waren.

    Was die Amerikaner betrifft, gebe ich nichtidentisches Recht, würde aber behaupten, dass der Engländer Cohen sicherlich kein großer Freund der Amerikaner sein wird und großen Spaß daran hatte ihn Muslimvernichtungsfantasien zu entlocken.

  • Ingo Way sagt:

    … Muslimvernichtungsfantasien zu entlocken.

    Was ihm allerdings nicht gelungen ist.

  • Alex DeLarge sagt:

    Ich weiß es nicht mehr genau aber hat er nicht irgendwas gewalttätiges gesagt? Der Cowboy, der meinte, Borat solle seine Popelbremse entfernen, sonst würden alle denken er sei ein Muslim…

  • Dem Cowboy musste Borat AFAIK nichts entlocken. Der hat seine Muslimvernichtungsfantasien von sich gegeben, ohne danach gefragt worden zu sein. „we should hang’em all“

  • Alex DeLarge sagt:

    Naja, dann eben der Waffenverkäufer, der ihm eine Desert Eagle empfiehlt um damit Juden abzuballern oder der Autoverkäufer, der ihm nach mehrmaligen Anfragen dann doch die Idealgeschwindigkeit nennt, wie man mit einem Hummer Zigeuner umfährt…

  • […] Ein kritischer Geist hat auch mal eine Pause verdient. Ich hab mich im Kino nicht umgesehen, die Vorabgespräche nicht mitgehört, sondern Bier getrunken und mit Freunden geplauscht. Resultat: Ich hab mir als ausgesprochen Anglo- und somit Amerikaphiler ‘Borat’ angesehen, in English of course, und konnte über die schreckliche Dummheit mancher der gezeigten Menschen lachen, war erstaunt über mir unbekannte und ungewohnte Auswüchse der religiösen Landschaft Amerikas und erfreute mich an der Komik Sascha Baron Cohens, der mich schon als Ali G über die unglaubliche Naivität einiger kluger Menschen lachen ließ. Erschrocken aber erfreut nahm ich natürlich auch die ungewohnte Derbheit des Humors zur Kenntnis. Erst nach dem Film, als ich mich im Kino umsah und Auswertungsgespräche in der S-Bahn belauschte, wurde mir klar, worum es den meisten Mitbesuchern des Cinestars am Potsdamer Platz ging. Noch klarer dann, als ich einige der Rezensionen des Films las. Zugegeben: die Einigkeit der Lacher im Kino vor allem über die Antisemitenwitze, wie ich sie sah, kamen mir schon sehr komisch vor. Ich war fast so naiv, wie die Interviewpartner Ali G’s über die ich noch gelacht hatte. Was der Film meint, wie er in einer besseren Welt geguckt werden würde und warum das nicht klappt, stellte schon vor fast einem Monat nichtidentisches beeindruckend dar. Da die Diskussion über den Film längst nicht beendet ist, bzw. für Cohen die Sache noch ein gerichtliches Nachspiel hat und der Link auf diesen Blog gehört, wie Butter aufs Brot, sei mir der Mangel an Aktualität verziehen. Zwei weitere ganz hervorragende Blogs haben, etwas zum Film gesagt, der eine mags, der andere nicht. […]

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