Ein Holocaust ist ein Holocaust

8. Januar 2007 § 10 Kommentare

Auch unter denjenigen, die die Gefahr, die von einem atomar bewaffneten Iran für Israel ausgeht, klar sehen und nicht verharmlosen, gibt es etliche, die bei der Bezeichnung „Holocaust“ für das zu erwartende Szenario zurückzucken. Wird damit nicht die Ermordung der europäischen Juden durch die Deutschen relativiert, verharmlost, entschuldet? Der israelische Historiker Benny Morris, der lange als linker Antizionist galt, weil er die Vertreibung der palästinensischen Araber während der Staatsgründung Israels zum Thema seiner Forschungen machte, erklärt in einem Essay, warum der nächste Holocaust ganz anders sein wird als der letzte – und warum es dennoch keinen Grund zur Beruhigung gibt. (Übersetzung: Hannes Stein.)

Der zweite Holocaust wird nicht so sein wie der erste.

Gewiss, die Nazis haben den Massenmord industrialisiert. Trotzdem standen sie ihren Opfern Auge in Auge gegenüber, waren manchmal auf Tuchfühlung mit ihnen. Die Deutschen zusammen mit ihren Helfern aus anderen Nationen mussten die Männer, Frauen und Kinder belagern, sie aus ihren Häusern zerren, die Straßen hinunterprügeln, in nahe gelegenen Wäldern niedermähen, sie in die Viehwaggons verladen und in die Lager transportieren, wo „Arbeit macht frei“ über dem Tor stand. Sie mussten die körperlich Fitten von den Nutzlosen trennen und sie in „Duschräume“ locken und das Gas über ihnen ausschütten und dann die Leichen entfernen oder dies wenigstens überwachen und die „Duschen“ für die Nachfolger vorbereiten.

Der zweite Holocaust wird vollkommen anders sein. Eines schönen Morgens in fünf oder zehn Jahren – vielleicht während einer Krise in der Region, vielleicht aus heiterem Himmel -, einen Tag oder ein Jahr oder fünf Jahre, nachdem der Iran sich die Bombe beschafft hat, werden die Mullahs sich in Qom zu einer Geheimsitzung treffen, unter einem Porträt des stählern dreinblickenden Ajatollah Khomeini, und sie werden Präsident Ahmadinedschad, der dann in seiner zweiten oder dritten Amtszeit sein wird, ihr Placet geben. Die nötigen Befehle werden erteilt werden, und die Shihab-III oder IV-Raketen werden abheben in Richtung Tel Aviv, Beer Scheba, Haifa und Jerusalem und womöglich einiger militärischer Ziele, eingeschlossen das halbe Dutzend Militärflughäfen und der bekannten nuklearen Abschussrampen. Einige der Shihabs werden atomare Sprengköpfe tragen, vielleicht sogar Mehrfachsprengköpfe. Andere werden zur Ablenkung dienen und nur mit chemischen oder biologischen Kampfstoffen oder alten Zeitungen geladen sein, um die israelischen Antiraketen-Raketen und Heimatschutzverbände in die Irre zu führen.

(…) Israel hat ungefähr sieben Millionen Einwohner. Kein Iraner wird auch nur einen davon sehen oder berühren. Es wird völlig unpersönlich sein.

Bei etlichen der Toten wird es sich unweigerlich um Araber handeln. (…) Es ist zweifelhaft, ob eine solche Massentötung von Muslimen Ahmadinedschad und die Mullahs beeindrucken wird. Die Iraner mögen Araber nicht sehr, (…) Im Übrigen betrachtet die iranische Führung die Zerstörung Israels als göttlichen Befehl und als Vorzeichen der Wiederkehr des verborgenen Imam, und die muslimischen Kollateralschäden sind Märtyrer (schuhada) für diesen edlen Zweck.

(…) Ahmadinedschad ist gewillt, vieles aufs Spiel zu setzen – die Zukunft des Iran oder sogar des gesamten muslimischen Nahen Osten als Einsatz für die Zerstörung Israels. Zweifellos glaubt er, dass Allah den Iran irgendwie vor einer atomaren Antwort der Israelis oder einem amerikanischen Gegenschlag bewahren wird. Lässt man Allah beiseite, glaubt er womöglich, dass seine Raketen den jüdischen Staat dermaßen einäschern werden, dass sie die israelische Führung und die landgestützten Nuklearstützpunkte ausschalten und die Kommandanten der nuklear bewaffneten U-Boote demoralisieren oder verwirren, so dass Israel nicht mehr antworten kann. Und bei seiner tiefen Verachtung für den schwachbrüstigen Westen ist unwahrscheinlich, dass er die Drohung einer amerikanischen nuklearen Vergeltung ernst nimmt.

(…) Diese Anhänger eines Todeskults würden sogar das Opfer der Heimat hinnehmen, wenn das Ergebnis die Zerstörung Israels ist.

So wie dem ersten wird auch dem zweiten Holocaust ein Jahrzehnt vorangegangen sein, in dem die Herzen und Hirne auf ihn vorbereitet wurden. Verschiedene Botschaften haben verschiedene Publikumskreise erreicht, aber alle haben nur einem Ziel gedient, der Dämonisierung Israels. Muslimen auf der ganzen Welt wurde beigebracht, dass „Israel vernichtet werden“ muss. Die Leute im Westen wurden auf subtilere Art belehrt: „Israel ist ein rassistischer Unterdrückerstaat“ und „Israel ist im Zeitalter des Multikulturalismus ein überflüssiger Anachronismus“. Generationen von Muslimen und zumindest eine Generation von Leuten im Westen wurden nach solchen Glaubenssätzen erzogen.

Im Vorfeld des zweiten Holocaust (der übrigens wahrscheinlich ungefähr dieselbe Zahl von Menschenleben kosten wird wie der erste) zersplitterte die internationale Gemeinschaft, denn sie wurde von verschiedenartigem selbstsüchtigem Appetit motiviert. Russland und China hungerten nach muslimischen Märkten, Frankreich hungerte nach dem arabischen Öl – und die Vereinigten Staaten wurden von dem Debakel im Irak in einen tiefen Isolationismus getrieben. Der Iran war also frei, seiner nuklearen Bestimmung entgegenzugehen, und Israel sah sich der Bedrohung ganz allein gegenüber. Aber ein isoliertes Israel wird sich der Aufgabe so wenig gewachsen zeigen wie ein Kaninchen, das vom Scheinwerferlicht eines entgegenkommenden Autos geblendet wird.

Im vergangen Sommer versagte Israel in einem 34-tägigen Miniaturkrieg gegen eine kleine, vom Iran gestützte Guerillabewegung von libanesischen Fundamentalisten. Dieser Miniaturkrieg hat die Führung Israels gründlich demoralisiert. Seit damals haben die israelischen Minister und Generäle wie ihre Kollegen im Westen verdrießlich zugesehen, wie die Patrone der Hisbollah sich mit den Waffen des Weltuntergangs versorgt haben. Auf perverse Weise mögen die israelischen Führer sogar froh über den Druck gewesen sein, den der Westen auf sie ausübte, als er sie zur Zurückhaltung aufforderte. Sehr wahrscheinlich wollten sie den Versicherungen glauben, irgendwer – die Uno, der G 7-Gipfel – würde irgendwie die radioaktiven Kastanien aus dem Feuer holen. Manche fielen sogar auf die abwegige Vorstellung herein, eine Revolution der säkularen Mittelklasse in Teheran würde die irren Mullahs letztlich aufhalten.

(…) Also wird die israelische Führung ihre Zähne zusammenbeißen und hoffen, dass die Dinge sich irgendwie gut entwickeln. Vielleicht werden die Iraner sich ja „rational“ benehmen, wenn sie die Bombe haben?

Aber die Iraner werden von einer höheren Logik getrieben. Und sie werden ihre Raketen zünden. Und wie im ersten Holocaust wird die internationale Gemeinschaft nichts tun. Für Israel wird alles in ein paar Minuten vorbei sein. Wenn die Shihabs gefallen sind, wird die Welt Rettungsschiffe und medizinische Hilfe für die nur leicht Verbrannten schicken. Sie wird den Iran nicht nuklear auslöschen. Zu welchem Zweck denn und um welchen Preis? Eine nukleare Antwort der Amerikaner würde den Krieg der Kulturen noch schlimmer und umfassender machen. Und sie würde natürlich Israel nicht zurückbringen.

Und doch: Der zweite Holocaust wird in dem Sinne anders sein, dass Ahmadinedschad jene, die er sich so sehr tot wünscht, nicht wirklich sehen oder anfassen kann. Es wird keine Szenen wie die folgende geben, die sich in Bolechow in Polen im September 1942 zutrug (beschrieben wird sie in Daniel Mendelsohns jüngst erschienenem Buch „Die Verlorenen“): „Eine schreckliche Episode ereignete sich mit Frau Grynberg. Die Ukrainer und Deutschen, die in ihr Haus eingebrochen waren, fanden sie vor, als sie gerade gebar. Die Tränen und Bitten der Anwesenden halfen nicht, und sie wurde im Nachthemd aus ihrem Haus auf den Platz vor dem Rathaus gezerrt. Von dort wurde sie auf einen Schuttabladeplatz im Inneren des Rathauses gezogen, und um sie herum stand eine Menge von Ukrainern, die Witze machten und sie verhöhnten, während sie die Schmerzen der Geburt verfolgten, und so gebar sie ein Kind. Das Kind wurde sofort aus ihren Armen gerissen – zusammen mit seiner Nabelschnur – und in die Luft geworfen. Es wurde von der Menge zertrampelt, und man stellte sie auf die Füße, während das Blut aus ihr herausströmte und blutige Teile aus ihr heraushingen, und so stand sie ein paar Stunden lang an der Mauer des Rathauses. Danach ging sie mit all den anderen zum Bahnhof, wo sie in einen Waggon im Zug nach Belzec geladen wurde.“

Im nächsten Holocaust wird es keine solch herzzerreißenden Szenen geben, wo Täter und Opfer von Blut besudelt sind.

Aber es wird trotzdem ein Holocaust sein.

§ 10 Antworten auf Ein Holocaust ist ein Holocaust

  • Eloman sagt:

    Und wat iss mit die Palis?

  • jolly rogers sagt:

    oh, israel droht dem rest der welt? ziemlich durchgeknallt, der herr, wie mir scheint.

  • Thomas Wolff sagt:

    Himmel, verschaffen Sie sich endlich irgendwo Erleichterung.

  • 2020 sagt:

    Wenn überhaupt, so gehe ich davon aus, dass eine iranische Nuklearwaffe im Sinne einer massiven Vergeltung eingesetzt wird. Ich bezweifele, dass die Iraner über die Technologie verfügen, ihre Raketen auf 10m genau an ein gehärtetes Ziel bringen, ein Enthauptungsschlag, wäre unwahrscheinlich, Israels Reaktion aber unausweichlich. Ausserdem glaube ich nicht, dass die Iraner sich vom Wahnsinn eines Einzelnen leiten lassen, der unter allen Umständen einen nuklearen Terrorangriff führen will.

    Der Erzfeind der Iraner, die USA, haben es unternommen, einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen dessen Nachbarn zu unternehmen. Man kann dem iranischen Wunsch nach Garantien für seine Sicherheit also kaum die Legitimität absprechen, seinen ebenfalls nuklear bewaffneten Feinden etwas entgegensetzen zu wollen.

    Abgesehen davon, dass ich auch nicht glaube, dass Israel durch einen iranischen Atomangriff komplett ausgelöscht werden könnte, halte ich es für viel wahrscheinlicher, dass die iranischen Atomwaffen gegen taktische Ziele wie US-Basen und Flotten im Persischen Golf sowie Ölfelder in Saudi-Arabien eingesetzt würden – wenn überhaupt. Woraus sich die kniffelige Frage ergäbe, ob es sich die USA überhaupt erlauben könnten, nun ebenfalls im Mittleren Osten atomar loszubomben.

    Und letztlich: Unter atomarer Bedrohung leben wir nun seit Jahrzehnten. Selbst unsere Freunde bedrohen uns. Alles halb so schlimm!

  • bevanite sagt:

    mal etwas off-topic: der satz “Israel ist im Zeitalter des Multikulturalismus ein überflüssiger Anachronismus“ ist doch schon ein widerspruch in sich. hat das irgendjemand mal ernsthaft jemanden sagen hören? auf so einen unsinn dürfte doch eigentlich nicht mal der blödeste antizionist kommen.

  • Gideon Böss sagt:

    @2020

    es ist ja nicht so, als ob die iraner erst seit dem irakkrieg von der atombombe träumen, von daher ist ihre begrüdung etwas unlogisch. außerdem ist die vernichtung israels nicht der „wahsninn“ eines einzelnen, sondern fester bestandteil der iranischen politik. man denke an den al-quds tag oder lese sich durch, was die vorgänger ahmadinedschads sagten.

    es gibt auch keine gegenseitige feindschaft, der iran bedroht israel, wenn er dies nicht tun würde, gäbe es keine krise. und ihre spekulationen, wie total die auslöschung tatsächlich wäre, hat etwas, nun ja, geschmackloses an sich. einigen wir uns darauf, dass schon ein wenig ausgelöscht, ein wenig ausgelöscht zu viel ist?

    inwiefern drohen uns unsere freunde mit einem nuklearen vernichtungsschlag? wann haben blair und chirac letztmals von einer „world without sauerkraut“ geträumt?

  • Kevin sagt:

    Ich finde den Text erschreckend erhellend, da es ja immer noch viele Menschen gibt, die glauben, das machen die eh nicht. Leider vergessen diese Menschen, dass die Denke der Mullahs keineswegs rational, sondern zutiefst irrational, jenseitig geprägt ist. Für die wird sich das rechnen: Atom-Holocaust für 70 Jungfrauen, gutes Geschäft, oder?
    Was gegen die Bombe wirklich zu tun ist, kann Morris leider auch nicht wirklich beantworten. Israel wird wahrscheinlich nicht die Möglichkeiten haben, um die Mullahs zu hindern (die irakischen Anlagen in den 80ern und die damalige goepolitische Lage sind nicht vergleichbar). Europa hat kein Lust und nicht die Weitsicht, und die USA werden sich nach dem demokratischen ‚regime change‘ wohl leider für Isolationismus entscheiden…
    Ich glaube, es bleibt nur zu hoffen, dass Ahmedinedschad et al. wirklich nicht so irrational sind, wie Morris pessimistisch schreibt. Ich hoffe, hoffe…

  • thomas liffert sagt:

    Der 2020-Beitrag ist m.E. ein Schatzkästlein, offenbart sich doch hier die vermeintlich objektive Sicht der vermeintlichen deutschen Demokraten. 2020 nennt das Nuklearprogramm legitim, weil es dem Machterhalt der Mullahkratie dient. Also ist alles, was dem Machterhalt irgendeiner Verbrecherbande dient, legitim. Man muss hier „legitim“ durch „erwartbar“ ersetzen, dann wird wohl ein Schuh draus. Die Frage, ob eine Regierung legitimiert ist, ist für mich eine objktiv moralische. Objektiv deswegen, weil ich mitteilbare Masstäbe habe, an welchen gemessen die Mullahs klar ins Schubfach „illegitim“ sortiert werden müssen. Objektiv also nicht, weil ich 100% gewiss bin, meine Masstäbe seien die richtigen, auch wenn ich felsenfest davon überzeugt bin, dass jene meine Masstäbe besser sind als dieses Getue, man komme ohne kontingente Moralsyteme aus (auch wenn das aus Unangreifbarkeitsgründen zu wünschen bleibt – Kontingenz ist schon zum Kotzen).

  • Lysis sagt:

    Morris’ plea for pre-emptive genocide

    Benny Morris, ein zugegebenermaßen glänzender Historiker, aber zugleich auch ein unerträglicher Sozialdarwinist, ist einigen vielleicht noch von seinem letzten großen Interview mit der Ha’aretz bekannt, das diese unter den passenden Titel Su…

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