Jeffersons Rasiermesser

15. Januar 2007 § 13 Kommentare

Der demokratische Abgeordnete Keith Ellison ist nicht nur der erste Muslim im US-Kongreß – er ist auch der erste, der seinen Amtseid auf den Koran ablegt. Die WELT schreibt dazu:

Für die Zeremonie wurde eine antike zweibändige Ausgabe des Korans verwendet, die der damalige Präsident Thomas Jefferson 1815 erworben hatte. Das wertvolle Exemplar aus dem Jahr 1764 gehört zum Bestand der Kongress-Bibliothek. „Vor religiösen Unterschieden muss man keine Angst haben“ – das ist die Botschaft, die Ellison mit seinem Amtseid auf Jeffersons Koran vermitteln will.

Mit anderen Worten, die Botschaft lautet, daß jeder, der gegen den Schwur eines Kongreßabgeordneten auf den Koran Bedenken hat und diese äußert, dies nicht etwa aus Gründen sondern aus Islamophobie tut. Wenn schon unser founding father einen Koran besessen hat, dann ist die Vereinbarkeit von Koran und Verfassung ja bereits ausgemachte Sache, so die bestechende Logik.

Daß Jefferson sich sein Exemplar des Koran aber nicht aus Wertschätzung für die bewundernswerte Kultur des Islam zugelegt hat, sondern im Gegenteil, um den Feind zu studieren, zeigen Christopher Hitchens und Gudrun Eussner.

Hitchens macht, wo er schon einmal bei Jefferson ist, einen interessanten Vorschlag. Jefferson hat das neue Testament dergestalt redigiert, daß er, „gleichsam mit dem Rasiermesser“ (Hitchens), alles entfernte, was mit Mystizismus, Wunderglauben, Jungfrauengeburt, Auferstehung und dergleichen zu tun hatte. Das Ergebnis ging als „Jefferson-Bibel“ in die amerikanische Geschichte ein. Wie wäre es, fragt Hitchens, wenn wir diese Tradition aufgriffen und in der gleichen Art und Weise eine Art „Jefferson-Koran“ herstellen würden? Liberale und friedliche Muslime wie Keith Ellison müßten das doch sicher begrüßen, oder?

§ 13 Antworten auf Jeffersons Rasiermesser

  • bevanite sagt:

    interessante idee von hitchens, die auch für europa durchaus angebracht wäre. aber insgesamt erscheint mir die ganze debatte über ellison sehr konstruiert. ob er nun auf den koran oder auf die bibel schwört – who fucking cares?

  • N. Neumann sagt:

    Um es nett zu formulieren, Gudrun Eussner schießt mal wieder übers Ziel hinaus:

    Keith Ellison und der Koran

    http://blog.transatlantic-forum.org/index.php/archives/2007/1322/keith-ellison-koran/

  • Marek Möhling sagt:

    >sondern aus Islamophobie??

    Als Voltaire gegen die Pfaffen hetzte, war’s katholophob? Sind pakistanische Nationalisten hinduphob? Ist Bin Laden christophob? Oder hat etwa die arme Umma Probleme mit Diskurs & Kritik? Etwa weil von ihren 57 Staaten (*) nur anderthalb eine, hm, Demokratie sind, der Rest aber a merry assortment von Präsidialdiktaturen, Militärdiktaturen, Königreichen, Scheichtümern, Theokratien, Volksdschamahirijas oder gar Authorities ist, deren Regierungsmannschaft die Protokolle der Weisen zitiert?

    Liegt’s vielleicht am Arab Human Development Report 02/03/04, der partout nichts Nettes über Erziehung, Bildung und Wissenschaft zu vermelden hatte? Obwohl man in der Welt muslimischer Weisheit auf Basis der Protokolle als reputabler Sekundärquelle sogar dissertieren kann – oder Direktor und Imam von al-Azhar wird?

    Ob’s wohl an Herrn al-Ghazali liegt, der anno 109x dekretierte, daß fürderhin Aristoteles und Plato bah pfui seien, die islamische Welt ab sofort nach Maßgabe schariatischer Rechtmäßigkeit nur noch aus ihren spirituellen Quellen schöpfen dürfe – das Wort des Propheten, Wissen dort zu holen, wo es nun mal sei, und sei es in China, also de facto nicht mehr galt? Zudem seien die Tore des Idschtihad (und des Kalāms, s.o.) zu schließen, Nach- und Selbstdenken Einzelner also häretisch – der Weg des Sufis sei zu beschreiten. Mit den Sufis hat al-Ghazali sich vertan, die hatten nicht mehr allzuviel zu kamellen (Putsch hier, Intrige da – keine falschen Vorstellungen, die tanzten nicht nur), aber mit dem Klappe halten und Denken einstellen hatte er durchschlagenden Erfolg, Zweifler gaben stets klein bei: Saif al-Haq, Saif al-Islam, Saif ud-Daula, anyone?

    Die -n.b. muslimischen- Akademiker vom Arab Human Development Report kannten Herrn al-Ghazali sicher auch, sie leisteten sich einen bildhaften Scherz: Im Untersuchungszeitraum 2003 ließen spanische Verlage doch tatsächlich soviel Bücher übersetzen, wie die arabischsprachige Welt justement in den letzen 1000 Jahren (¡No, no! Los señoritos apologistas: Latinolandia hat durchaus eigene Verlage). Über die Zahlen mag man sich im Detail streiten – das Bild stimmt schon. Der Spiegel hat sich die Reports auch durchgelesen: er errechnete, daß in Arabiens Wunderwelt (2003: 280.000.000 Seelen) jährlich soviel Bücher gedruckt werden, wie in – NRW! Arabische Verleger protestierten – die Zahlen müßten um mindestens 100% höher angesetzt werden: also nicht NRW, sondern –π x Daumen- Polen. Hurray for Poland.

    Der Renner auf dem arabischen Buchmarkt ist übrigens -surprise!- der Koran, gefolgt von „…Dschihadi;“ Autor ein gewisser Österreicher, denn Dschihad mit dem Genitiv-I der 1. Singular, so bildet der Araber das Possesiv „…Mein Kampf“ – Jawoll! Die Auflage liegt mittlerweile irgendwo zwischen der 80sten und 90sten; arabophobe Passagen ließ man für diesen sensiblen Buchmarkt glätten, auch der Nazi hat ein Herz. Die Protokolle sind allerdings auch ein Renner, die lieben Iraner stellten die Ausgabe in Farsi sogar auf der Frankfurter Buchmesse aus – kam nicht überall gut an, war aber auch kein Fiasko: hätte nicht jemand gepetzt, wär’s nicht weiter aufgefallen.

    Es gilt also: wer die Wunderwelt des Islams nicht schätzt, sie kritisiert oder gar ablehnt, mit ihrer Einbeziehung von Glauben, Gesellschaft, Justiz und Staat (**) -was seit 1400 Jahren von muslimischer Gelehrsamkeit nicht etwa zur islamophoben Ketzerei, sondern zum edlen Vorzug des Islams erklärt wird, unserem pietistischen-personalen Quark arg überlegen- der ist -tja!- ein Phobiker.

    Hat am Ende der Mufti qua eminenter Geistesarmut Muffensausen, weswegen man unter Umgehung des Diskurses gerne Taten folgen, und Kritiker in den Knast wandern …oder den Mob mal machen lassen läßt? Sofern der Kritiker im frommen Machtbereich wohnhaft ist – Morddrohungen tun’s sonst auch, für die findet sich stets jemand – in erstaunlicher Zahl und Zuverläßigkeit: Apell einer -strafverschärfend!- alevitischen Ketzerin? wg. & gegen Kopftuch? MdB? Grün? Egal, kriegt ja Polizeischutz; in der Presse folgen dann Krokodilstränen: Es sei ja traurig, wie sich da jemand auf Kosten der Muslime politisch profilieren wolle. Yeah: Muslim spin doctors! Think pink victim. Die zweite Front stellt die Rechtsabteilung von Zentral- und Islamrat, IGD sowie Milli Görüs: da ist sogar die taz genervt. Was ins Hinterland entwischt, ist halt islamophob – die Junge Welt schreibt den Steckbrief, die Süddeutsche wringt die Hände ob soviel Arg.

    * Für Nörgler: Islamische Staaten sind die mit muslimischen Bevölkerungsmehrheiten, die dem Islam bis zu 1400 Jahren Entwicklungszeit gaben, um im 21. Jahrhundert der Geschichte zu beweisen, wie glanzvoll die Theorie in der Praxis ist. (cf. real existiert habender Sozialismus: der hat sich in nur 70 Jahren auf 4 Kontinenten beim Test der Geschichte blamiert. Islam-Sozen also schon mal 1:0)

    ** Die Ulema streiten sich, ob auch die Staatsform vorgegeben sei, das schon – aber islamisch musser sein, meint einhellig Mufti, Imam & Ajatollah.

  • bevanite sagt:

    „nur anderthalb eine, hm, Demokratie sind“

    ich will ja nicht nörgeln, aber wenn wir bosnien-herzegowina, indonesien und bangladesh alle als zumindest 1/3-demokratisch bezeichnen, sind wir insgesamt schon mal bei zweien insgesamt 😉

  • Marek Möhling sagt:

    >Think pink
    da sollte das pink per strike-tag durchgestrichen sein, ging aber fehl…

  • del- tags haben das Problem gelöst

  • Fuchur sagt:

    Gudrun Eussners Darstellung ist leider falsch. Um es nochmal zusammenzufassen: Sie behauptet, Jefferson habe seinen Koran im Rahmen des Konflikts mit den Berber-Piraten (ab ca. 1786) gekauft (also, um den Feind besser zu verstehen), und sei ihn dann 1815, als der Krieg mit Tripolis lange gewonnen war, wieder losgeworden (weil er seinen Bücherschrank ausmisten wollte).

    In Wirklichkeit hat Jefferson (wie Gurdrun Eussner übrigens sogar erwähnt) seinen Koran bereits 1765 im Rahmen seines Jura-Studiums erworben.
    Und 1815 hat er nicht seinen Bücherschrank ausgemistet, sondern bekanntlich seine GESAMTE Bibliothek an den Kongress verkauft. Dessen Bibliothek war nämlich kurz zuvor von den Engländern verbrannt worden.

  • Gudrun sagt:

    Fuchur, von Satire haste noch nicht gehört von wegen „ausmisten“, oder meinst du, ich hätte nicht gewußt, daß er seine Bibliothek verkauft hat, weil er knapp bei Kasse war?

    Was mich immer so anödet, das ist diese Humorlosigkeit. Du schreibst doch selbst, daß ich gesagt hätte, er kaufte den Koran 1765 während seines Studiums. Mann, Mann, Du unterstellst also, daß ich am Ende eines Artikels nicht mehr weiß, was ich am Anfang sagte.

    Ich wollte aussagen, daß er seinen Koran nicht mehr brauchte ab 1815, da hätte er ihn verramscht.

  • Marek Möhling sagt:

    >Think pink
    >>da sollte das pink per strike-tag durchgestrichen sein

    >>>del- tags haben das Problem gelöst

    Jetzisses vollkommen unverständlich: nur das pink sollte durchgestrichen werden. „Think pink“ ist so’n 80er Spruch, da wart ihr wohl noch nicht da – es heißt soviel wie „think out of the box“. Die Muslime denken sich aber immer inside the box, als Opfer nämlich.

    Ich probiere die del tags mal aus: Think pink victim – in der Vorschau klappt’s.

  • Marek Möhling sagt:

    In der „awaiting moderation“ Vorschau klappt’s aber schon nicht mehr.

  • Das ist inkonsistentes Verhalten von WordPress und der „Live Comment Preview“. Ich hoffe, dass das mit WP 2.1 gelöst wird.
    wenn man als Admin angemeldet ist, merkt man halt nicht so viel davono_O.

  • Fuchur sagt:

    @Gudrun
    Naja, ich zumindest hätte dir die ganze Geschichte wortwörtlich geglaubt. Was weiß ich schon von Jefferson?

    Und wenn Ingo schreibt, Jefferson habe sich den Koran gekauft „um den Feind zu verstehen“, dann hat er dich offensichtlich auch falsch verstanden, oder? Genauso wie die Leute von PI.

    Denn es deutet ja wohl alles darauf hin, dass er sich den Koran damals gekauft hat, weil er darin ein interessantes historisches/religiöses Dokument sah. Was er dann davon gehalten hat, das wissen wir nicht. (Wobei ich mir natürlich auch nicht wirklich vorstellen kann, dass er sonderlich begeistert war…)

  • Marek Möhling sagt:

    Mist, der Artikel, in dem sich sogar die taz genervt von islamischer Pressearbeit und dazugehörender Rechtsabteilung zeigt, ist der hier, oben habe ich mich vertan:

    Der Kampf für Allah, „‚Das werdet ihr büßen‘ – warum muslimische Funktionäre aggressive Pressearbeit betreiben“, Eberhard Seidel, taz, 17.2.2001

    Eberhard ist eigentlich ganz ok, was ich hier vor Feindesohr vielleicht nicht sagen sollte – andererseits hält die Bahamas ihn für einen Drahtzieher im multikulturellen Netz, damit sollte sein Ruf gerettet sein. Für einen Drahtzieher halten sie auch Claudia Dantschke. Wer aber mal bemerken konnte, wie sie ständig über die Schulter äugt, ob ein Islamist den Dolch erhebt, hält ihren Einsatz gegen grüne Nazis aber durchaus für glaubwürdig. Die Bahamesen sind etwas überspannt.

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